Von Ines Kruse-Kahn

Was wolltest du eigentlich hier? Du wolltest etwas holen, aber was? Susanne stand mit

hilflos hängenden Armen mitten im Wohnzimmer und versuchte sich zu erinnern. Ja, richtig, es war die Gießkanne, die sie holen und mit Wasser füllen wollte, um die

Zimmerpflanzen zu gießen. Na bitte, geht doch … – wenigstens dieses Mal. Bei anderen

Gelegenheiten hatte sie ihre Vorhaben abbrechen müssen, weil ihr einfach nicht mehr

einfiel, was sie hatte tun wollen.

 

Ganz ähnlich erging es Susanne neuerdings, wenn sie ihrem Mann Reinhold oder ihrer

Freundin Monika etwas erzählen wollte: Ganz plötzlich fehlte ihr ein Wort, oder der Name

eines langjährigen Bekannten fiel ihr beim besten Willen nicht mehr ein. Erinnere dich,

erinnere dich!  So ermahnte sie sich dann selbst – und manchmal klappte es.

 

Kürzlich hatte sie gelesen, dass große Hitze starken Einfluss auf das Gehirn hätte. Seit Wochen war es jetzt schon unerträglich heiß, teilweise mehr als 40°C! Kein Wunder also, dass eine Frau in ihrem fortgeschrittenen Alter geistigen Schaden nahm, oder? Andererseits hatte Susanne schon vor einigen Monaten – also lange vor Beginn des Sommers – eines Tages ihr Handy im Kühlschrank wiedergefunden. Auch dafür gab es natürlich eine ganz logische Erklärung: Sie hatte irgendetwas in den Kühlschrank bringen wollen und dabei ihr Handy in der anderen Hand gehalten. Weil sie aber in der Kühlung zuerst hatte Platz schaffen müssen, hatte sie die zweite Hand gebraucht, das Handy kurzerhand abgelegt und dann vergessen. Reinhold und sie hatten herzlich über den Vorfall gelacht, aber früher wäre dir so etwas nicht passiert hämmerte es in ihrem Kopf.

 

Neulich, als Susanne von ihrem Zahnarzt in Berlin auf dem Heimweg wie immer über die A9 gefahren war, hatte sie doch glatt die heimatliche Ausfahrt verpasst, worauf sie einen

langen Umweg über die Dörfer nach Hause  hatte zurücklegen müssen. Je länger Susanne darüber nachdachte, desto mehr solcher „Ausfälle“ drängten sich in ihr Gedächtnis. Hatte sie nicht erst vorgestern sogar vergessen, den Hund zu füttern, bis dieser lautstark sein Essen eingefordert hatte? Wenn sie sich nicht völlig irrte, hatte sie diesmal Reinhold

erstmals etwas besorgt angesehen.

 

Ansonsten schien zum Glück aus der Familie noch niemand etwas bemerkt zu haben, was allerdings nicht verwunderlich war, denn Susanne war meistens allein. Das kann auch schon ein Grund sein, dachte sie. Die Kinder waren längst erwachsen und gingen ihrer eigenen Wege. Sie kamen selten zu Besuch, der Weg war einfach zu weit und bei den augenblicklichen Benzinpreisen…

 

Reinhold hatte schon seit langer Zeit das Interesse an seiner Frau verloren. Er lebte nur noch für seine Firma, obwohl er längst das Rentenalter erreicht und das Geschäft offiziell an den Sohn übergeben hatte. Wenn er zu Hause war, saß er am Computer (Susanne wusste meistens nicht, was er dort eigentlich tat) und anschließend vor dem Fernseher, der täglich spätestens um 21.00 Uhr eingeschaltet wurde. Mit Erschrecken hatte Susanne festgestellt, dass sie nicht einmal wusste, ob sie sich etwas anderes wünschen würde.

 

Wer also hätte bemerken sollen, was mit dir los ist?

 

Des öfteren hatte Susanne schon überlegt, sich einem Arzt anzuvertrauen, aber wozu? Du kennst doch die Diagnose und, wenn du die erst einmal schwarz auf weiß hast, beginnt der freie Fall.

 

Bei ihrer Mutter hatte es damals auch ganz harmlos angefangen und Susanne fand keinen Trost darin, dass es dann noch sieben Jahre gedauert hatte, bis Mutti ihre Enkelin für ihre Tochter hielt und ihr seit 10 Jahren verstorbener Ehemann, Susannes Vater, wieder putzmunter am Leben seiner Frau teilnahm. Weitere zwei Jahre waren danach vergangen,

bis Susannes Mutter in völliger Umnachtung gestorben war. Nein, so wollte sie selbst nicht enden.

 

Auf der anderen Seite war es natürlich auch möglich, dass sie sich irrte und die ganze Sache nur ihrer Angst vor dem Alter entsprang. Susanne beschloss, sich nicht einfach hängen zu lassen, wie ihre Mutter es getan hatte. Dazu brauchte sie erst einmal Klarheit. Sie würde jetzt auf der Stelle einen Termin bei ihrem Hausarzt vereinbaren, wenn ihr nur sein Name einfiele und wo, um Himmels Willen, hatte sie das Telefon hingelegt? Erinnere Dich, erinnere Dich…

 

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