Von Ursula Kollasch
Arthur saß in der letzten Reihe der Friedhofskapelle von St. Marien und starrte auf seine Schuhe, die er nicht geputzt hatte. Auf dem linken klebte ein vertrockneter Klumpen Gras. Vielleicht von dem Rasen, den Schorsch gemäht hatte, bevor er einfach umgekippt war. Herzstillstand. Mit siebenundfünfzig. Eine verdammte Woche war das her.
Er ignorierte den empörten Blick seiner älteren Sitznachbarin und nahm einen Schluck aus dem Flachmann. Der Schnaps schmeckte nach billigem Anis und kaltem Rauch, aber er brannte die Tränen weg. Vorn sprach der Pfarrer. Seine Bariton-Stimme stieg und fiel in feierlichen Wellen, doch Arthur hörte kaum zu. Irgendetwas über Vergänglichkeit. Über die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Über Gottes Wege und seine Herrlichkeit. Arthur spülte die Worte des Pfarrers mit weiterem Anisschnaps hinunter und fragte sich, wer sich diesen Unsinn eigentlich ausgedacht hatte.
„ … So nehmen wir Abschied von einem Menschen, der viele Spuren hinterlassen hat.“
Arthur wog den Flachmann in seiner Hand. Fast leer.
„Und bevor wir zum Grab gehen, möchte nun ein guter Freund von Schorsch einige persönliche Worte sagen.“
Stille.
Arthur dachte, der Pfarrer meine jemand anderen.
Dann drehten sich die ersten Köpfe um.
Arthur blinzelte.
Noch mehr Köpfe.
Oh.
Scheiße.
Die Rede. Unbehagen stieg in ihm auf, er begann zu schwitzen, versuchte, den engen Hemdkragen zu lockern. Auf Bitten der Witwe hatte er tatsächlich etwas verfasst, das wohl als Rede durchging. Zwei Seiten lang. Sogar in ordentlichem Deutsch, soweit er das beurteilen konnte. Solche Dinge lagen ihm nicht, aber er mochte Petra und hatte es ihr nicht abschlagen können. Gestern Abend hatte er die Rede sorgfältig gefaltet auf den Küchentisch gelegt, damit er sie auf keinen Fall vergaß. Dort lag sie noch immer.
Der Pfarrer lächelte ihn erwartungsvoll an. Petra nickte ihm aus der ersten Reihe zu.
Arthur erhob sich langsam. Dabei schwankte er. Sein Kopf war leer.
Der schwarze Anzug, den er sich von Cousin Andy geliehen hatte, spannte über dem Bauch, die Ärmel endeten deutlich zu früh. Der Anisschnaps, den er sich zu Hause, dann im Bus und auch hier reingepfiffen hatte, meldete sich mit einem feurigen Gruß, ihm entfuhr ein leises Rülpsen. Die alte Dame neben ihm schüttelte missbilligend den Kopf. „Na, das kann ja was werden“, zischte sie ihrem Mann zu.
Arthur setzte sich in Bewegung und quetschte sich an ihren kräftigen Beinen vorbei. Der Mittelgang schwankte ihm entgegen. Grelles Wintersonnenlicht fiel durch das Altarfenster und stach ihm in die Augen. Links und rechts dunkle Reihen von Anzügen und Mänteln. Verweinte Gesichter, starre Gesichter. Gesichter, die ihn beobachteten.
Vorn am Altar stand der Pfarrer, sein Lächeln war verschwunden. Er sah jetzt aus, als hätte er sich an einer Hostie verschluckt. Oder plötzlich Zweifel an seiner Berufswahl.
Arthur stolperte beinahe über die Stufen zum hölzernen Pult. Als sein Ärmel am Mikrofonständer hängen blieb, schoss ein markerschütterndes Fieeeep durch die Kirche.
Er griff ins Sakko, ertastete den Flachmann, die Kippen, das Feuerzeug.
Kein Zettel.
Auch nicht in den Hosentaschen.
Shit, liegt ja zu Hause, fiel ihm wieder ein. Er war komplett unvorbereitet. Nackt.
„Ja“, begann Arthur. Seine Stimme dröhnte viel zu laut durch das Kirchenschiff.
„Schorsch is tot. Das is … echt bescheuert.“
In der ersten Reihe schnappte Onkel Erich hörbar nach Luft.
Stille. Arthur räusperte sich.
„Schorsch war keiner, der große Reden geschwungen hat. Eher ein Mann der kleinen Gaunereien. Der zotigen Witze, lustigen Ideen und Ausreden.“ Der Alkohol warf die Hemmschwellen in seinem Gehirn um, als wären sie Dominosteine. „Wenn ich mich hier so umschaue, …“ Er bewegte schwankend den Kopf von links nach rechts. „dann sehe ich genau die Menschen, die er zu Lebzeiten öfter in den Wahnsinn getrieben hat.“
Ein kollektives Frösteln ging durch die Bankreihen. Vereinzeltes Tuscheln.
Arthur nickte zur zweiten Reihe. „Günni – weißte noch, wie Schorsch dich erwischt hat, dass du heimlich die Unterwäsche deiner Frau trägst? Damit das nich’ rauskommt, hast du uns in der Kneipe immer einen ausgegeben. Jahrelang!“ Günni bekam einen roten Kopf und zog ihn ein wie eine Schildkröte. Seine Frau starrte Arthur an, als wäre er der Leibhaftige, dann ihren Mann. Günni verharrte reglos, als fürchtete er, jede Bewegung würde seine Lage nur verschlimmern.
„Jetzt isses raus, Alter“, fuhr Arthur fort. „Musst mir keinen mehr ausgeben.“ Er ließ seinen Blick weiterwandern, kniff etwas die Augen.
„Hannes! Brauchst gar nich’ so betroffen zu kucken“, lallte er dann. „Eure Gasleitung, wegen der du Schorsch, den Heizungsbauer deines Vertrauens, gefragt hattest. Die Tausend Euro für die Leckortung und die verbauten Ersatzteile in deinem Keller? Da gab’s nie ein Leck.“ Arthur lachte in sich hinein. „Schorsch hat die Rechnung gefälscht, der Tintenstrahldrucker hat sie ausgespuckt. Sogar mit bunten Diagrammen. Er sagte, bei dir reichen drei Pfeile und das Wort ‘Messprotokoll’, dann zahlst du alles. Er hat Petra ‘ne Kette geschenkt und den Rest der Kohle ham wir in Amsterdam beim Poker verzockt. Innerhalb von drei Stunden.“
Ein paar Jüngere im Hintergrund, Neffen von Schorsch, unterdrückten ein prustendes Lachen. Arthur bekam es mit und reckte den Hals. „Und an die Jungs in der letzten Reihe: Das WLAN hat bei Familienfesten nur nich’ funktioniert, weil Schorsch jedes Mal den Router im Gefrierfach versteckt hat, sobald ihr reinkamt. Er sagte immer: Die sollen mit Oma und Opa reden, wenn wir zusammenkommen.“
Arthur wollte gerade die nächste Anekdote anstimmen – die Sache mit dem Laubbläser von Bernie, in den Schorsch mal eine Socke steckte – als sein Blick auf das Foto neben der Urne fiel. Schorsch lächelte darauf. Es war das schiefe, unperfekte Lächeln, aufgenommen bei ihrem letzten Campingausflug, als das Zelt nachts im Platzregen zusammenfiel und sie pitschnass im Auto geschlafen hatten.
Plötzlich zog sich Arthurs Magen zusammen, Säure stieg in seiner Speiseröhre auf. Nicht wegen des Schnapses. Das Foto verschwamm vor seinen Augen. Die peinlichen Enthüllungen – sie waren nur ein verzweifelter Schutzschild gewesen. Eine Rüstung aus Zoten und Witzen, um nicht laut schreien zu müssen. Jetzt fiel sie ab, der trunkene Übermut war verpufft. In der Kirche war es totenstill.
„Er …“ Arthur schluckte schwer, klammerte sich mit beiden Händen ans Pult. Der Alkohol löste jetzt nicht mehr seine Zunge, sondern den Damm zu seinem tiefen Schmerz.
„Schorsch hat bei Hannes nix repariert, das stimmt. War ‘ne miese Nummer. Wusste er selber.“ Arthur blinzelte, eine Träne tropfte aufs Pult. „Aber als die Kohle futsch war, hat er ‘n paar Wochenenden schwarzgearbeitet und heimlich Nachtschichten im Hafen geschoben. Nur um Petra den Herd zu kaufen, den sie sich so gewünscht hat. Damit sie nicht merkt, wie pleite er war. Er konnte es einfach nich’ ertragen, wenn Petra traurig oder enttäuscht war.“
Arthur schaute nicht mehr auf die Trauergäste. Er starrte nur auf die Urne mit der Asche seines besten Freundes.
„Schorsch war ein Chaot. Ein Gauner. Aber er hatte das größte, weichste Herz von uns allen … Ich hab keine Ahnung, wie man eine Trauerrede hält“, flüsterte er und seine Stimme zitterte so heftig, dass das Mikrofon das Geräusch aufnahm. „Ich weiß nur … ich weiß überhaupt nich’, wie es weitergehen soll. Wer ruft mich jetzt um drei Uhr morgens an, weil er ‘nen genialen Einfall hat? Wer holt mich ab, wenn mein Auto im Graben steht, ohne Fragen zu stellen? Vierzig Jahre waren wir wie Brüder, ich bin verdammt noch mal …“ Arthur brach ab und rang nach Luft. Ein Schluchzen entfuhr seiner Kehle. Er weinte jetzt, vor der ganzen Gemeinde. Es war ihm egal. Seine Schultern zuckten in dem zu engen Anzug. Es gab nur noch diesen riesigen, schwarzen Abgrund in seiner Brust.
„Es tut mir leid“, brachte er leise in Petras Richtung heraus, ohne sie anzusehen. Dann drehte er sich um und stolperte, blind vor Tränen, die Stufen hinab. Er wollte nur noch hinaus, in die Kälte, weg von den Blicken. Als er die schwere Kirchentür aufdrückte, sog er die eisige Friedhofsluft ein, bis die Lunge schmerzte. Der kalte Nordostwind fühlte sich gut an, als würde er seine Gedanken ersticken. Nach drei Schritten blieb er stehen und zog seine Zigaretten hervor. Steckte sich eine an, inhalierte mehrmals tief und blies den Rauch langsam wieder aus. Da spürte er eine Hand an seinem Arm, ließ die Kippe fallen. Er drehte sich um und erwartete den Zorn der Familie. Es war Petra. Ihre Augen waren rotgeweint, aber sie sah ihn mit solcher Wärme an. Sie sagte kein Wort, trat einfach einen Schritt vor und schlang die Arme um Arthurs bebende Schultern. Sie hielten sich gegenseitig fest, die beiden Menschen, die Schorsch am meisten geliebt und am meisten verloren hatten.
„Danke, Arthur“, flüsterte sie, während sie ihn drückte. „Danke, dass du ihn für uns noch mal zurückgeholt hast. Für mich. Genauso, wie er war.“
Sie ließ ihn los, wischte sich über die Augen. „Beim Leichenschmaus trinkst du aber erst mal Kaffee oder Wasser, ja?“ Sie schaffte ein tapferes Lächeln und knuffte Arthur leicht gegen die Brust. „Und sach mal, das mit Günni und der Wäsche … is’ das echt wahr?“
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