Von Helga Rougui

 

Morgens um sieben ging es los. Der Vater mit zwei Koffern vorweg, die Mutter folgte mit einem Koffer und einer Tüte (Butterbrote für den Zug), danach Beate mit einer Tüte (Butterbrote) in der einen und der kleinen Schwester an der anderen Hand. Die Mahnung “Lass Mareile ja nicht los” stand der Älteren ständig vor Augen, und sie umklammerte fest die kleine Hand.

Also zunächst zur Straßenbahn, die zum Hauptbahnhof fuhr, wo der Liegewagen im Zug Richtung Milano bestiegen wurde. Die Familie richtete sich häuslich ein im reservierten Abteil, erstes Aufatmen und “Käse oder Wurst” für die Nerven. Man war gespannt auf die zwei Mitreisenden, die das Sechserabteil komplettieren würden, meistens waren sie nett. Nach München wurden die Sitzplätze zu Liegen umfunktioniert, die Alpen und die Nacht verschmolzen zu unruhigem Schlaf, und am frühen Morgen wachte man auf und war in Italien. Wenn dann die Sonne aufging, wußte man – man war dem grauen Deutschland für vier Wochen goldene Sommerferien entkommen.

 

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Beate erinnert sich gut an diese bis ins letzte durchgeplanten, durchdachten Reisen.

Der Vater saß Stunden über dem Auslandskursbuch, erstellte eine Liste der Städte und ihrer Sehenswürdigkeiten, die zu absolvieren waren, und gegen Ende der Ferienzeit wurden auch widerwillig drei Tage Strand und Schwimmen im Meer für den weiblichen Teil der Familie eingeplant.

Die Mutter bereitete alles vor für die Imbisse auf den Hotelzimmern und die Handwäsche der leichten Perlonkleider, die damals gerade in Mode kamen, fast nichts wogen und im Handumdrehn trockneten.

Und die Töchter? Freuten sich auf Topolino-Hefte, deren Texte sie nicht verstanden, und hölzerne Strandsandalen mit hohen Absätzen – in den Sommerferien spielten die kleinen Mädchen “große Dame”. Und flirteten, als sie älter wurden, mit den feurigen, dunkeläugigen Italienern.

 

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Ach Gott, diese Italiener. Lügner, große Gesten und nichts dahinter, allesamt Verbrecher. Zumindest Giorgio.

Beate hatte wieder mal Liebeskummer, und das zu Anfang der Semesterferien. Nach dem Abitur war sie ausgezogen und lebte in einer WG mit ihrer besten Freundin Thekla und zwei weiteren Studienkollegen. Die waren jetzt in Kolumbien unterwegs, und Thekla wollte mit ihrem Freund eine Wanderung durch Südtirol machen. Ihr halbherziges “Komm doch mit” überhörte Beate lieber, das Angebot zeugte zwar von echter Seelengröße, aber der stete Anblick eines frisch verliebten Pärchens wäre nicht die richtige Ablenkung für sie.

Sie würde ja gern auch verreisen, ein bißchen Gespartes war da, aber wohin? Da war kein Vater mehr, der alles organisierte, jedenfalls nicht für sie. Strenggenommen hatte man sie auch gar nicht gefragt, ob sie mit der Familie nach Istanbul fahren wolle, und sie hätte auch gar nicht ja gesagt.

Und jetzt? Die ganzen Ferien in D.? Allein?

 

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Allein kann man überall sein, denkt Beate trotzig, als sie das kleine Reisebüro betritt. Wo solls denn hingehen, wird sie gefragt, und sie überlegt blitzschnell, geflogen ist sie noch nie, also buche ich einen Flug. Wohin, ist die erneute Frage, und da der Flug schon mutig genug ist, soll das Ziel wenigstens bekannt sein. Nach einer halben Stunde verläßt sie den Laden mit einem Flugticket nach Neapel und zurück.

 

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Du trittst hinaus in die flirrende Hitze. Neapel, bzw. Aeroporto internazionale di Napoli. Die Sonne brennt, ist vertraut, das kennst du von früher. Du nimmst den Bus bis zur Stazione centrale di Napoli, an der Piazza Garibaldi umgibt dich die Stadt wie ein ungezähmtes Tier, nicht gebändigt durch Planung und Organisation. Du siehst, wie sich eine Schlange Mitreisender zielstrebig nach links bewegt, du setzt dich in Bewegung und folgst den Leuten, ohne zu wissen, wohin es geht.

Alles besser als stehenbleiben.

 

Die Circumvesuviana durchquert Landschaften, da sind Olivenbäume, Äcker, sie hält in kleinen Orten, da sind kalkweiße Häuser, rote Dächer, Pinien und Zypressen – und plötzlich liegt es vor dir, das sonnenglitzernde Mittelmeer, unendlich weit, unendlich blau, was für Farben, ein Wunder.

Die Bimmelbahn spuckt dich aus, Endstation, du bist in Sorrent.

 

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Ein kleines Hotel in der schmalen Hauptstraße, dem Zimmer gegenüber eine offene Terrassentür, eine Familie, Vater, Mutter, vier Kinder, fröhlich und lautstark, beim abendlichen Spaghettimahl, du überlegst einen Moment, ob sie sich extra für die Touristin so typisch italienisch inszeniert haben, Unsinn, sie sind typisch italienisch, du bist in Italien, Mann.

Das Frühstück am Morgen guckst du dir ab von den Italienern in der Bar – ein kleines Gebäck aus der Vitrine, einen Cappuccino am Tresen, du schaust herablassend auf die deutsche Familie, die viermal kontinentales Frühstück an einem Tisch verzehrt.

Dann machst du einen ersten Spaziergang, du suchst den Strand. Aber da ist kein Strand, du fragst dich durch und sitzt nach einer Weile in einem Bus und hoffst, dass du nichts missverstanden hast. Nach einer Weile kommen dir Zweifel, der Bus verlässt die Stadt, fährt eine staubige Landstraße entlang, schraubt sich weiter und weiter die Anhöhen hinauf, dir scheint, du entfernst dich immer mehr vom Meer, das du von weitem, von oben hin und wieder aufblitzen siehst. Italiener steigen zu, steigen aus, du wartest darauf, dass irgendwer mit einer Ziege oder mit Hühnern einsteigt, so ländlich ist die Gegend inzwischen, da plötzlich öffnet sich die Tür und vier junge Frauen steigen ein, Sonnenhüte, Sonnenbrillen, Badetaschen, ein Sonnenschirm, sie sprechen lautstark englisch, und als sie oben auf dem Hügel aussteigen, schnappst du dir dein Bündel und auch du steigst aus.

Einen Holzsteg geht es lang, immer entlang der Felsen, langsam geht es hinunter eine ganze Weile, und da endlich nach einem langen Abstieg, bei dem deine Laune immer besser wird, liegt er vor dir, der Strand, felsig, steinig, kiesig, doch das Wasser ist glasklar und köstlich und die Sonne wärmt und du fühlst dich endlich angekommen in dir selber, in deinen Ferien, in deiner Freiheit.

 

Wie eine Kugel im Flippergerät – erst lange hin und her und dann doch im Ziel.

Jackpot.