Von Friederike Freund

Rob stand vor der Cessna 150 und wartete auf seinen Flugschüler. Der Mittsechziger hatte seine Flugausbildung bei der Royal Australian Air Force absolviert und als Major den Dienst in der Luftwaffe beendet. Dann war er zwanzig Jahre als Verkehrspilot für Qantas geflogen, jetzt leitete er eine kleine Flugschule im australischen Outback.

Hier, wo winzige Ortschaften hunderte von Kilometern voneinander entfernt lagen, war das Flugzeug die beste Transportmöglichkeit und eine Flugschule eine sichere Einkommensquelle.

Während seiner Militärzeit und später bei Qantas hatte Rob einen guten Blick für seine Mitmenschen entwickelt. Meist lag er mit seiner Meinung richtig.

Jetzt sah er einen jungen Mann auf sich zukommen, kaum dem Teenageralter entwachsen. Die schlaksige Gestalt, die verwuschelten Haare und das bleiche Gesicht mit den blauen Augen passten für Rob eher zu einem Nerd als zu jemandem, der ein Flugzeug führen wollte. Seinem Gang fehlte der Schwung, die hängenden Schultern verrieten Lustlosigkeit. Das kann ja was werden, dachte Rob.

„G’day Mate!“, grüßte er. „Ich bin Rob, dein Fluglehrer.“ Der Schlaksige legte Rob eine schlappe, feuchte Hand in seine, die Rob unangenehm an einen toten Fisch erinnerte. Fast war er versucht, seine Hand hinten an der Hose abzuwischen, unterließ es aber. „Ich bin Ben“, murmelte eine kieksige Stimme, die eben erst den Stimmbruch hinter sich zu haben schien. Rob verdrehte innerlich die Augen. Was sollte er mit diesem Würstchen anfangen?

„Ist das deine erste Flugstunde?“ wollte Rob wissen. „Nee, ich bin schon…“ Ben überlegte „…so zehnmal oder so geflogen. Immer mit anderen Fluglehrern.“

Rob sah ihm in die Augen. Kein Leuchten. Nichts von der Begeisterung, die er bei angehenden Piloten so oft gesehen hatte. „Na, dann steig mal ein“, murmelte er, schwang sich auf der linken Seite in das Cockpit und beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie Ben sich unbeholfen in den Sitz zwängte. 

Als beide angeschnallt in der Kabine saßen und nur noch die Kopfhörer mit den Mikrofonen aufzusetzen waren, drehte sich Rob zu Ben. 

„Hör‘ zu, Junge. Fliegen lernen muss man wollen. Da oben gibt es weder Netz noch doppelten Boden. Jede deiner Entscheidungen zieht eine Konsequenz nach sich – die guten wie die schlechten. Beide bringen dich auf den Erdboden zurück – die guten lebendig mit einer intakten Maschine, die schlechten tot als Teil eines Schrotthaufens. Das muss dir klar sein“.

Ben schluckte. „So hat mir das noch keiner gesagt“.

Beide setzten Kopfhörer und Mikrofone auf und Rob startete den Motor. Während er die Instrumente prüfte und die Einstellungen vornahm, ließ er Ben erklären, welche Funktion sie hatten und was sie anzeigten. Ganz so doof wie er aussieht, ist er zum Glück nicht, dachte Rob und schmunzelte. Wird schon werden…

„Victor Hotel X-Ray Golf Alpha 395, erbitte Starterlaubnis” sagte Rob in sein Mikro. Über seinen Kopfhörer konnte Ben die Stimme in dem kleinen Tower mithören. „Wo soll’s denn hingehen, Rob?“, fragte eine Männerstimme.

„Flugstunde mit dem jungen Ben. Wir fliegen den Stuart Highway entlang und kommen dann zurück nach Coober Pedy.“

„Okay, VHX GA 395, Starterlaubnis erteilt. Wir haben heute Wind aus Südost, etwas böig. Schnallt euch gut an.“ Die Männerstimme lachte. „Ich hab‘ gleich Feierabend. Daisy hat die Spätschicht. Over and out.“

Rob lenkte die Cessna zum Anfang der Startbahn. Der Motor röhrte zuverlässig, der Start begann mit behutsamem, aber zügigem Schubaufbau bis zur vollen Leistung. Ben beobachtete die Instrumente. Bei Erreichen der Rotationsgeschwindigkeit sagte er „Rotate“, und Rob hob die Nase der Cessna sanft an. Das hat er schon ganz gut gemacht, dachte Rob, laut sagte er: „Wenn wir über dem Highway sind, übernimmst du das Steuer, klar?“ Ben nickte. „Du musst mit mir reden, Kopfnicken kann ich nicht hören“, raunzte Rob. „Verstanden“, flüsterte Ben, dann noch einmal deutlicher „Verstanden!“

Ben blickte aus dem Fenster. Der kleine Flugplatz von Coober Pedy inmitten des orange-beigen Untergrundes erinnerte ihn an das Kreuz, das seine Mutter immer am Hals trug. Ein langer schwarzer Balken, der von einem hellen Holz durchschnitten wurde. „Ach Mum“, murmelte Ben. Er war bereits in seine Gedankenwelt abgedriftet. Ohne dass er es wusste, hatte Rob ihn richtig eingeschätzt: Ben wollte nicht fliegen lernen. Er wollte weg aus dem Busch, nach Sydney, um dort an das Sydney Conservatorium of Music zu gehen. Eine der ältesten Musikhochschulen Australiens. Er hatte bereits die Zusage, dort Creative Sound Production zu studieren. Doch dann wurde sein herrischer Vater krank. Konnte die Ranch nicht mehr allein betreiben. Von hier führte er Touristen ins Outback, so machte er sein Geld. Ein Flugzeug durfte sein Vater auch nicht mehr führen. Zwar hatte seine Mutter ebenfalls eine Fluglizenz, doch laut Bens Vater gehörten Frauen an den Herd, nicht in die Luft. Bens ältere Brüder waren bereits ausgezogen –, weit weg vom Vater. „Du hörst jetzt auf mit diesem Musik-Firlefanz! „Creative Sound Production“ – Ha, Krach nenne ich das!“ hatte der Vater getobt. Und dabei wohl einen Schlaganfall erlitten. Genau wusste es keiner, denn er war nicht zum Arzt gegangen.

Während Ben seinen Gedanken nachhing, fiel ihm auf, dass sich die Nase des Flugzeugs leicht senkte und Rob neben ihm ungewöhnlich ruhig war. Ein Blick nach links zeigte ihm, dass der Pilot zusammengesunken über dem Steuerknüppel hing. Sein Magen verkrampfte sich.

„Rob!“, schrie Ben auf, „Was ist los mit dir?“

„Du – über-nimmst. Mayday…“ war alles, was Ben hörte.

In Bens Ohren rauschte es. Was sollte er nun tun? Bei seinen Flugstunden hatte er nicht wirklich aufgepasst und das meiste seinen Fluglehrern überlassen. Er spürte ein vertrautes Ziehen im Darm. Hoffentlich bekam er jetzt nicht auch noch Durchfall.

Er hörte Robs Stimme in seinem Kopf: „Hier oben haben Entscheidungen Konsequenzen“ – und „runter kommst du immer, entweder heil oder als Teil des Wracks“.

Tränen stiegen ihm in die Augen. Noch nie hatte sich Ben so hilflos gefühlt. Hätte ich doch besser aufgepasst, dachte er. Dann stieg Trotz in ihm auf, er wischte sich über die Augen. Noch fliegen wir ja, mal sehen, vielleicht kriege ich es hin.

Mit zittrigen Fingern griff er nach dem Funkgerät. „VHX GA 395, ich rufe Coober Pedy Controll – Hilfe! Ich brauche Hilfe!” Doch dann fiel ihm das international anerkannte Notsignal ein. „Mayday, Mayday!” Nichts passierte. Ben prüfte ängstlich, ob er die richtige Frequenz eingestellt hatte. Ja, sie stimmte. Er versuchte es noch einmal. „VHX GA 395, ich rufe Coober Pedy Controll – Mayday, Mayday, Mayday!”

Plötzlich rauschte es im Kopfhörer. Eine weibliche Stimme meldete sich. „VHX GA 395, hier ist Daisy, Coober Pedy Control. Ihr habt einen Notfall?” Es hörte sich an, als ob die Stimme den Mund voller Kuchen hatte.

“Ja, ich glaube, Rob ist ohnmächtig oder so.“ Panik schwang in seiner Stimme. „Ich kann doch noch gar nicht fliegen, ich will hier raus!“

„Na, noch bist du ja oben. Wir kriegen euch schon wieder heil hier nach unten“, sagte die Stimme und klang fast vergnügt. „Ich alarmiere den Doc!“

Ben atmete tief durch. Wenn Daisy so ruhig blieb, durfte er jetzt nicht die Nerven verlieren. 

„VHX GA 395 – kannst du den Stuart Highway unter dir sehen?“

„Ja.“

„Gut. Bleib über dem Highway und gib mir deinen aktuellen Kurs.“

Ben las den Kompass ab.

„Okay, stelle Kurs 248 ein und drehe nach rechts, dann fliegst du direkt auf den Flugplatz zu.“ Ihre ruhige Stimme gab Ben Kraft.

Zu Bens Überraschung tat das Flugzeug, was er eingegeben hatte. Er konnte erkennen, dass sie sich wieder auf dem Weg zum Flugplatz befanden.

“VHX GA 395 an Coober Pedy Controll – Äh, wie lande ich dann? Hab‘ das noch nie allein gemacht!“

Daisy lachte. Es war klar, dass ihre gute Laune Ben beruhigen sollte. „Kein Problem! Auf welcher Höhe bist du jetzt?“ Ben gab ihr die Höhe durch. „Kannst du schon den Flugplatz sehen?“ Ben starrte angespannt aus dem Fenster. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er betete, dass Rob aufwachen und ihm die Landung abnehmen möge.

„Jetzt sehe ich den Flugplatz!“ Ben schrie fast. 

„Sehr gut, Ich sehe dich auch schon. Gib mir noch einmal deine Höhe durch.“

Ben tat wie geheißen.  

„Okay, und jetzt fahre die Landeklappen aus. Drück‘ die Nase noch ein wenig nach vorn und nimm Schub weg. So, als ob du Auto fährst. Du kannst doch Autofahren?“

Ben nickte. Jetzt war er vollkommen konzentriert. Seine Hände umklammerten schweißnass den Steuerknüppel, seine Zunge schaute zwischen den Lippen hervor. „Du bist noch knapp zwei Kilometer vor der Landebahn. Drossle den Motor, du bist ein wenig zu schnell. Deine Sinkrate ist gut. Klappen jetzt ganz ausfahren, geh‘ weiter mit der Nase runter, gleich hast du es geschafft!“

Ben spürte den Ruck, mit dem die Räder aufsetzten und ohne nachzudenken trat er mit aller Kraft in die Bremsen. 

„Nein!“ bellte Daisy, „Nicht so heftig, sonst schleuderst du von der Landebahn!“ 

Gerade noch rechtzeitig ließ Ben die Bremsen los und das Flugzeug rollte aus.

Der heftige Ruck schleuderte Rob mit dem Kopf voran gegen das Armaturenbrett. Er erwachte mit einem leisen Schmerzensschrei, blinzelte benommen und sog prüfend die Luft durch die Nase. 

„Hast du dir in die Hose gemacht?“

Ben hob trotzig das Kinn. „Und wenn? Immerhin hab‘ ich uns heil ´runtergebracht. Lieber mit voller Hose leben, als mit sauberer Hose tot!“

Rob grinste. „Ist schon gut, Kleiner. Ich bin stolz auf dich!“

Auch Ben fühlte Stolz auf seine Leistung. Und er wusste jetzt, dass er nach Sydney auf das Konservatorium gehen würde. Nach diesem Erlebnis machte ihm die Wut seines Vaters, vor der er so lange gezittert hatte, keine Angst mehr.

Als sie ausstiegen, sah er Daisy vom Tower über das Rollfeld rennen. 

„Du hast’s geschafft!“, jubelte sie, und warf ihre Arme um Ben. Sie hielt inne. Dann stutzte sie. „Oh, hattest du ein Missgeschick?“

Ben wurde rot. „Kann ich mich hier irgendwo umziehen? Dann lade ich euch auf einen Drink ein!“ 

 

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