Von Raina Bodyk

Der durchdringende, heulende Ton zwängte sich durch alle Fenster und Türen. Menschen stürzten aus den Häusern, ließen fallen, was sie in den Händen hielten, rannten, als ginge es um ihr Leben, stiegen in ihre Autos. Alle in eine Richtung: zur Zeche. In Windeseile sammelten sie sich vor dem Förderschacht. Niemand sprach. Erschütterung in aller Augen, Angst und Verzweiflung spiegelten sich in den Mienen. Was war geschehen und wie schlimm war es? Würden sie ihre Angehörigen wiedersehen? Es war Donnerstag, der 24. Oktober 1963, 20:03 Uhr.

*

Karl seufzte erleichtert. Noch eine Stunde, dann war seine Schicht beendet. Das Wochenende lag vor ihm. Er freute sich schon darauf, seine Frau Hilde und die beiden Kleinen mit einem Zoobesuch zu überraschen. 

Plötzlich rannten Kumpel an ihm vorbei und schrien ihm zu: „Hau ab! Beeil dich!“
Da hörte er schon ein starkes Rauschen in der Ferne.
„Das Wasser kommt!“
Karl sprang zu den andern in die Untertagebahn, aber nach hundert Metern war Schluss.
„Tja, das war’s. Kurzschluss.“
Weiter ging es zu Fuß, sie liefen, so schnell sie konnten. Das Wasser flutete das Bergwerk schneller und schneller. Es riss Wagen, Schlägel, Hauen, Brecheisen mit – und hilflos schreiende, strampelnde, um ihr Leben schwimmende Kameraden. 

„Zum ‚Alten Mann‘! (1) Unsere einzige Chance.“
Die einundzwanzig Männer kletterten über herabgefallene Gesteinsbrocken, wateten durch Schlamm, bis sie in einen größeren Hohlraum gelangten, der über dem Wasserspiegel lag. Völlig erschöpft ließen sie sich einfach fallen. Der Pegel stieg weiter. Damit mussten sie die Hoffnung, noch einen Weg nach draußen zu finden, aufgeben. 

Der Lehrhauer mit seinen fünfzehn Jahren weinte vor Angst. „Was passiert hier?“

Steiger Martin erklärte es ihm: „Fritz, bleib ganz ruhig, uns wird schon nichts geschehen. Der Klärteich (2) muss gebrochen sein, seine fast 500.000 Kubikmeter Wasser fluten die Stollen. Daher auch der ganze Schlamm.“

Schluchzend fragte der Junge: „Müssen wir jetzt sterben?“

Karl, der immer einen Spruch auf Lager hatte, tröstete ihn: „Wir werfen doch jetzt nicht die Flinte ins Korn! Natürlich werden wir gerettet werden! Was glaubst du, was oben los ist? Rettungsmannschaften, Feuerwehr, Krankenwagen und Spezialisten aus der ganzen Gegend sind dabei, uns rauszuholen. Du hörst jetzt auf zu weinen. Auf der Stelle! Und wehe, noch einer fängt damit an, dann kündige ich! Könnt euch drauf verlassen!“

Ein zittriges Lachen belohnte seinen kleinen Scherz.

Das Schlimmste war die totale Finsternis, als die Grubenlampen am zweiten Tag ihren Geist aufgaben. Die Wände der Bruchhöhle schienen sich immer enger um sie zu schließen. Meist schwiegen die Männer und überließen sich ihren Gedanken von Angst, Hoffnung, Verzweiflung. Viele kämpften gegen das Aufgeben und ihre Panik.

Glücklicherweise hatten sie etwas Wasser, das aus dem Felsen kam, zum Trinken. So saßen oder lagen sie vor Kälte und Nässe zitternd jetzt schon seit Tagen. Wie viele, wussten sie nicht. Sie merkten nur, dass sie immer schwächer wurden, ständig Hunger hatten. Wie lange würde der Sauerstoff noch reichen?

 

„Mir knurrt der Magen ganz laut, hört ihr das nicht? Wenn ich hier rauskomme, esse ich erst mal drei Schnitzel am Stück. Und dann ein kühles Bier, mmh – oder mehr!“, tönte Karl.

Anton stichelte: „Hast du dich nicht immer beklagt, dass deine Frau nur vegetarisch kocht und dir der Salat aus den Ohren rauskommt?! Nix Schnitzel!“

„Mag ja sein, aber wenn das hier vorbei ist, werde ich Bedingungen stellen! Fleisch oder das Haushaltsgeld wird gekürzt.“

„Armer Karl! Gib zu, deine Frau hat bei euch die Hosen an.“

Der plusterte sich auf wie Graf Koks und zog eine empörte Grimasse. Alle lachten und vergaßen für einen Moment ihr Elend.

Immer wieder klopften und schrien sie. Aber keine Reaktion. Hielten die oben sie bereits für tot? 

„He Fritz, scheiß gefälligst weiter hinten.“

„Da liegt ja schon ein Haufen neben dem anderen.“

„Mach schon! Sonst stinkt es nicht nur, sondern wir liegen auch alle im eigenen Dreck.“

In diesen Tagen starben zehn der Kumpel durch herabfallendes Gestein aus dem Deckengewölbe. Am Anfang war es hart, aber mit der Zeit wurden sie abgebrühter und sagten: „Der hat es wenigstens hinter sich.“ Klang da leiser Neid mit?

Nach jedem Steinbruch war die erste Frage: „Alle da?“ Jedes Mal antworteten weniger Stimmen. Jeder fragte sich schockiert, ob er nächste sein würde.

Bei jedem neuen Knacken hielten sie den Atem an. Bewegte sich der Berg wieder? Sie lauschten angespannt. Dann, wenn nichts passierte, atmeten alle gleichzeitig wieder ein. Niemand gab die Hoffnung auf oder tat wenigstens so. Jeder riss sich mit ganzer Kraft zusammen, um die anderen nicht zu entmutigen. 

Sie sprachen meist über Alltägliches. Über Fußball, ihre Familien, den geplanten Urlaub, ein neues Fahrrad. Wer keine besonderen Erlebnisse zu berichten hatte, erfand welche. Ihre einzige Möglichkeit, für einen kurzen Moment ihre Lage zu vergessen.

Karl lästerte: „Stellt euch vor, meine Frau will im Sommer mit uns zelten fahren! Ausgerechnet sie, die Bequemlichkeit und Ruhe so liebt!“

Fritz meinte „Das ist doch toll. Ich mache das immer mit meinen Freunden. Da geht nachts so richtig die Post ab! Alle feiern zusammen bei lecker Bierchen.“

„Genau, ein Albtraum für meine Hilde! Sie hat mich doch sogar aus dem Schlafzimmer ausgesperrt, weil ich angeblich tierisch laut schnarche.“

„Na, das wird ja ein herrlicher Urlaub werden!“

„Deswegen habe ich auch schon überlegt, dass es hier unten gar nicht so übel ist“, grinste Karl und freute sich, dass die anderen ihn aufzogen.

Dann begannen die ersten durchzudrehen. Martin dachte, er sei in seinem geliebten Garten: „Schaut mal, die herrlichen Äpfel! Ich pflücke uns ein paar.“ Er streckte sich nach den ‚Zweigen‘, murmelte unsinniges Zeug und zerrte Steine aus der Decke. Fritz riss sich mit einem irren Lachen die Kleider vom Leib. Ein anderer wollte in dem Wasser baden, in dem die Leichen schwammen.

Steiger Martin spürte, dass es zu Ende ging. Bald wären sie alle in einer solchen Verfassung. Niemand würde sie retten.

Niedergedrückt und so schrecklich allein fingen sie an zu beten, selbst die Nichtgläubigen. Gott wurde ihre letzte Hoffnung.

*

Die Menschen harrten weiter vor der Zeche aus, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Nach acht Tagen konnten noch völlig unerwartet drei Bergleute, die sich in eine Luftblase gerettet hatten, geborgen werden. Niemand der Verantwortlichen hatte noch damit gerechnet.

Antons Frau schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte hoffnungsvoll: „Oh, mein Gott! Jetzt finden sie bestimmt auch noch die letzten Vermissten. Die Kinder können doch nicht ohne ihren Vater aufwachsen.“

Ihr Nachbar legte behutsam den Arm um sie, musste ihr aber sagen: „Hilde, so unendlich leid mir das tut, die Suche wird nicht weiter fortgesetzt. Die Hüttenleitung ist sich absolut sicher, dass es nicht die geringste Chance gibt, noch jemanden lebend zu bergen. Die Geräte für die Bohrungen werden schon abgebaut.“

„Sie müssen es doch wenigstens versuchen.“

„Die Leute hier haben alles gegeben, mehr geht nicht!“

„Aber …“

 

Die Trauerfeierlichkeiten wurden für Montag, den 4. November, vorbereitet. Eine Liste der vierzig Toten wurde ausgehängt, Gedenkreden vorbereitet, die Bergkapelle würde spielen.

Hilde und die anderen Arbeiterfrauen konnten es nicht fassen. „Warum geben sie auf? Unsere Männer sitzen hungernd und frierend da unten. Sie warten doch!“

Auch die Kumpel konnten sich damit nicht abfinden. Unter ihnen verbreitete sich die Vermutung, dass sich ein Teil der Vermissten in den ‚Alten Mann‘ gerettet haben könnte. 

„Dann müssen wir uns beeilen. Jede Sekunde könnte ein Steinschlag die Höhle zuschütten.“ 

Zwei Tage vor der geplanten Trauerfeier erklärten die Bergleute der Hüttenleitung, dass sie dort suchen wollten. 

Die Direktoren steckten in der Zwickmühle. „Wir müssen zustimmen, es gibt schon viel zu viel Gerede. Aber es gibt keine Wunder! Irgendwann müssen die Menschen begreifen, dass es vorbei ist.“

Am nächsten Tag begannen die Suchbohrungen.

*

„Hey, seid mal still! Ich glaube, ich höre was!“ Bohrgeräusche! Ein Moment Totenstille, Unglauben. Dann brach Hektik aus. 

„Schnell, wir müssen uns bemerkbar machen, bevor sie wieder verschwinden.“ Sie tasteten in der Dunkelheit die Decke ab. Tatsächlich, sie fühlten ein Stück Rohr. Wie konnten sie sich bemerkbar machen? Martin fiel sein Taschenmesser ein, das in seinem Stiefel steckte. Mit steifen Armen zog er es hervor. Unter den ungeduldigen Blicken der andern klopfte er so heftig wie möglich auf das Metallrohr.

Von oben Stille. 

„Haben die uns nicht gehört? Hallo, wir sind hier unten, wir leben noch!“, schrie Fritz. 

Über Tage fielen sich die Männer fassungslos in die Arme. 

Dann endlich hörten die Eingeschlossenen deren Antwort durch erneutes Klopfen.

Die Retter schleusten durch ein schmale Rohr Tee, Nahrung in Tüten, aufblasbare Kissen. Dazu eine Taschenlampe. Endlich Licht! Die Eingeschlossenen schauten sich an. Mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht stellten sie fest: „Was sind wir doch für Jammergestalten geworden!“ Erst jetzt sahen sie die vielen Verletzungen, sahen die Toten neben sich. Tiefe Trauer mischte sich in die Freude.

Sie träumten davon, was sie als erstes tun würden. Karl wusste es genau: „Ich setz mich ganz gemütlich in meinen Sessel, trink ein Bierchen oder zwei und lass mich von meiner Frau ganz lange massieren.“

„Du bist ja sooo bescheiden!“, lachten die andern.

*

Es dauerte weitere fünf Tage, die Totgesagten zu bergen. Wegen des lockeren Gesteins musste jede Erschütterung vermieden werden.

Nach vierzehn Tagen erblickten sie endlich wieder das Tageslicht. 

Die Erschütterung der Zechenleitung über dieses Wunder war fast mit Händen zu greifen. Das hätten sie nie für möglich gehalten. Wie lange hatten diese tapferen Männer dem Tod getrotzt!

Trotz der Trauer um die neunundzwanzig im Berg gebliebenen Kumpel war der Jubel unbeschreiblich.

„Danke, Gott!“ Überwältigt nahmen die total Erschöpften ihre Angehörigen in die Arme.

 

  1. Stillgelegter Teil eines Stollens. 
  2. Künstliche, stehende Gewässer über den unterirdischen Eisenerzminen, die das Erz waschen.

Anmerkung: Die Geschichte bezieht sich auf die Rettung der letzten Bergmänner beim „Wunder von Lengede“. Von insgesamt129 Bergarbeitern überlebten 79 und 29 ertranken oder wurden zerquetscht.

 

10.005 Z, V 1