Von Franziska Hielscher

 

Peter stieg auf das Fahrrad, das er sich am Bahnhof geliehen hatte, ließ es den Bordstein hinunter rollen und war überrascht über die Heftigkeit des Stoßes, der durch seinen Körper ging. Unterschätzt!  Langsam trat er in die Pedalen, Kopfsteinpflaster, wie früher. Das Rad holperte die Straße entlang. Rechts und links Fachwerk, altes Gebälk, kleine dunkle Fenster. Sicher müsste er den Kopf einziehen, wenn er durch eine der Haustüren träte.

 

Das Vorderlicht beleuchtete kaum einen Meter. Straßenlaternen gaben trotz ihrer gusseisern verschnörkelten Pracht nur einen matten Schein von sich. Peter strengte seine Augenmuskeln an. Es nützte nichts.

 

„Immer geradeaus fährst du vom Bahnhof aus,  bis zu dem Brunnen mit dem pinkelnden Knaben, da herum und dann an der Apotheke rechts abbiegen – im Schaufenster klebt ein kleiner Mohr! – in die schmale Straße mit den breiten Pflastersteinen.  Noch fünfzig Meter und du stehst vorm „Alten Fritz““, hatte Johann ihm erklärt. „Das ist der Ort, an dem damals alles begann, du wirst dich erinnern,  und da steh ich an der Theke und warte auf dich. Morgen gegen 21 Uhr!“ Johann hatte ihm auf die Schulter gehauen, sich weggedreht und war in seinem grünen wehenden Mantel davongeeilt.

 

Der dickbäuchige kleine Amor pinkelte nicht, die Schaufenster der Apotheke waren von innen über und über mit einer weiß beschichteten Folie zugeklebt. Nur der Mohr prangte noch oben rechts direkt neben dem Eingang. Auch die Fensterläden des „Alten Fritz“ waren geschlossen. Peter lehnte das Fahrrad an die Hauswand mit ihrem groben Putz und rüttelte an der Tür. Er drückte sogar auf den abgenutzten Klingelknopf, den er auf der Mauer des Türrahmens fand.

 

Obwohl er mehrfach drückte – nach jedem Male mit noch einem höheren Krafteinsatz, bis er schließlich draufschlug und schrie „Johann, mach auf! Johann, wo bist du?“ – , hörte er  weder ein Läuten noch reagierte jemand.

 

Peter schaute sich nach allen Seiten um. Vielleicht versteckte sich Johann hinter einem Mauervorsprung und würde gleich hervorschießen und sich kaputtlachen. Gestern erst hatte der alte Knabe auf seine Schulter gehauen und heute ließ er ihn hier stehen. „Freitag, 14. November 1972, 19 Uhr, Celle, Alter Fritz – Johann“ stand in seinem Kalender. Er hatte es sich genau aufgeschrieben mit dem schwarzen Kugelschreiber von Antje. Schließlich hatte es Johann ja so wichtig gehabt. „Da hat alles angefangen“, hatte er wieder und wieder gebrummt.

 

Von Hannover war er hierher gefahren mit dem Zug, mitten im Feierabendverkehr. An jedem noch so winzigen Bahnhof hatten sie gehalten. Peter hatte im Gang stehen müssen, die Leute kamen von der Arbeit und saßen dicht an dicht auf ihren abgeschabten Plätzen in den Abteilen, müde in der abgestandenen Luft. Kaum dass er es endlich geschafft hatte, das schwere Zugfenster einen winzigen Spalt herunterzuzerren, hatte einer gerufen: „Es zieht wie Hechtsuppe! Machen Sie bloß wieder zu!“ 

 

Peter trat von einem Fuß auf den andern, wickelte den Parka fest um sich. Er sah sich um, auch im direkt angrenzenden Nebenhaus brannte kein Licht.  Selbst gegenüber schien niemand zu Hause zu sein. Er ging ein paar Schritte die Straße entlang. Endlich, oben im Dachgeschoss eines zweistöckigen Hauses, dessen Fachwerk in einem faden Gelbton einfach überstrichen worden war, flackerte es blau. Auf sein wiederholtes Klingeln nichts. Der hatte wohl seinen Fernseher zu laut gestellt, der Depp. Peter hatte genug. Wie konnte er sich bloß an einem Freitagabend bei solcher Novemberkälte an diesen verlassenen Ort locken lassen? So ein Dödel, der Johann. Das würde er ihm sauber zurückgeben, das würde der nicht noch einmal mit ihm machen! Aber vielleicht war auch etwas dazwischengekommen und Johann konnte gar nichts dafür? Er musste eine Telefonzelle finden. Aber warum hatte sein alter Freund  ihn überhaupt hierher bestellt, hier war doch schon seit Monaten kein Betrieb mehr?

 

Peter drehte sein Rad in die Gegenrichtung und machte sich auf den Weg zurück zum Bahnhof. Es hatte keinen Sinn, noch länger zu bleiben. Unwirtlich. Das war das richtige Wort für diese Stadt.  Klar, vor Jahren, wann wusste er nicht mehr, war  er schon mal hier gewesen. Damals hatte er es nett gefunden, die alten Häuschen, das Fachwerk, das Pflaster. In der Schulzeit? Es fiel ihm nicht ein. Da, eine Telefonzelle. Lange ließ er es läuten, aber Johann ging nicht ran.

 

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Antje ließ ihre langen Beine baumeln. Wie sie diese hohen Barhocker hasste. Man konnte nicht richtig auf ihnen sitzen, anlehnen war nicht und wohin mit den Beinen wusste sie auch nicht.  Wo blieb er bloß, der Johann. Er hatte es so dringend gehabt sie zu treffen. Sie hatte keine Ahnung, was er wollte. Irgendwas mit einer Geschichte, die vor Jahren genau an diesem Abend begonnen habe. Unbedingt müsse er sie ihr erzählen. Nee, Peter solle sie nicht mitbringen, er dürfe das nicht hören, auf keinen Fall. Sie werde dann schon verstehen. Ihr war nicht wohl gewesen bei der Sache. Sie hatte überlegt, ob sie es Peter trotzdem sagen sollte. Auf keinen Fall wollte sie ihn hintergehen. Das konnte Johann doch nicht im Ernst von ihr verlangen. Aber dann hatte Peter  angerufen und gesagt, er müsse etwas Wichtiges in Celle erledigen, er käme heute später. So war sie dann doch gekommen. Wo blieb er nur, der Johann? So ein altes Großmaul! Einen erst herlocken mit undurchsichtigen Reden und dann nicht kommen. Einfach ‚Nein‘-Sagen, das hätte sie tun sollen!

 

*

 

„Warum hast du mir das denn nicht erzählt von Johann?“ „Dasselbe könnte ich dich auch fragen!“ Als Peter gegen 23 Uhr ihre gemeinsame Altbauwohnung betrat, lag Antje noch vor dem Fernseher. Sie kochten einen Pott Tee, kuschelten sie sich im Wohnzimmer unter die Sofadecke und erzählten sich ihre Geschichten von Johann. „Er hat so ein Geheimnis draus gemacht“, versuchte sich Peter zu rechtfertigen. „Genau. Mir gegenüber auch. Ich dachte, ich müsse ihm gegenüber loyal sein, ich wusste nicht….“ „Na, egal“, räumte Peter die Sache vom Tisch. „Trotzdem möchte ich echt wissen, was in den eigentlich gefahren ist. Ans Telefon ist er nicht gegangen und ich bin ja sogar noch extra zu ihm in die Papenburger und habe Sturm geklingelt.  Aber der Idiot hat nicht aufgemacht. Wie oft hab ich heute nur wegen ihm vor verschlossenen Türen gestanden! Elender Kerl!“.  Sie schimpften und rätselten noch eine Weile und schliefen dann eng umschlungen auf dem Sofa ein.

 

Als Johann in den folgenden Wochen spurlos verschwunden blieb und auch die Nachforschungen, die die beiden anstellten, im Sande verliefen, kamen sie abends am Küchentisch regelmäßig ins Grübeln. Es war als wäre Johann jetzt ein ständiger Gast in ihrem Leben.  Wenn sie ihn früher alle paar Wochen mal in einer Vorlesung, einer Kneipe oder in einer Wohnung getroffen hatten, war er ihnen ein vertrauter Kommilitone, ein alter Freund gewesen. Aber niemals Gesprächsgegenstand, niemals einer, der ihre Emotionen berührte und schon gar nicht jemand, der sie derart ratlos zurückließ.  „Wie ein alter Schrank aus der Kindheit, der immer an der derselben Stelle steht, man weiß, da ist er, aber sehen tut man ihn nicht“, hatte Antje es einmal ausgedrückt. Nun aber saßen sie abends da und fragten sich, wer Johann eigentlich wirklich war.

 

Eines Nachts – etwa sechs Wochen, nachdem Johann verschwunden war – fiel Peter, als er sich in der Küche noch etwas zu trinken holte, ein, dass er wirklich schon einmal im „Alten Fritz“ in Celle gewesen war. Es musste während der Schulzeit gewesen sein,  auf einer Fahrt ins Schullandheim, damals, ein Jahr vor dem Abi. Er hatte doch gewusst, dass er die Stadt kannte! Sie hatten mit dem Bus einen Ausflug nach Celle gemacht und er war zusammen mit ein paar Freunden im Alten Fritz gelandet. Sie hatten sich abgeseilt von der Klasse. Der alte Kaminski würde spucken, hatten sie gelacht, wenn er merkte, dass sie seinen Ausführungen zur Geschichte des Celler Schlosses nicht wie die anderen lauschten. Klar war Johann auch dabei gewesen, sein Banknachbar und Fußballkumpel. Von der Parallelklasse hatte sich ein Grüppchen Mädchen eingefunden, darunter Antje. Sie hatte am Ende zwischen ihnen beiden gesessen. Er musste sie morgen früh gleich darauf ansprechen. Hatten sie damals schon geflirtet? Nö, eigentlich nicht. Johann hatte sich an diesem Abend jedenfalls sternhagelvoll getrunken und Antje und er hatten ihn unterhaken müssen, um ihn zurück zum Bus zu schleifen. Viel zu spät waren sie gekommen, Kaminski und die anderen waren auf 180. Der Lehrer hatte ihnen angedroht,  mit dem Direktor zu besprechen, ob sie wirklich nächstes Jahr das „Reifezeugnis“ bekommen sollten. Voll übertrieben.  Johann aber ließen sie noch nicht mal allein mit dem Zug nach Hause fahren, nein, sein Alter musste ihn am nächsten Morgen im Schullandheim abholen. War das peinlich! Ewig lange her. Trotzdem war es ihm immer seltsam vorgekommen, dass keiner von ihnen Johann auf diese alte Geschichte ansprechen durfte. Wenn es doch mal einer versuchte, dann sprang der auf und verließ von einer Sekunde zur anderen den Raum. Wunder Punkt offenbar. Vielleicht hatte er es ja auch deshalb vergessen, weggeschoben. Und Antje? Sie wusste es noch, stellte sich heraus. „Warum hast du denn nichts gesagt? Da reden wir Abend für Abend über Johann und du…..?!“ „Ich hatte es erst auch vergessen. Aber dann…. War mir halt peinlich. Schließlich ist er doch unser Freund geworden. Damals bei dem Wirt hat Johann ständig versucht, den Arm um mich zu legen, und ich hab ihn weggeschubst. Bis er mir dann aufgelauert hat, draußen im Gang und ich ihm eine gescheuert habe. Sein Blick! Wie ein verletztes Tier irgendwie. Ich weiß nicht, ich wollte einfach nicht, dass die alte Geschichte uns heute noch verfolgt“.

 

Washington D.C., September 19 th, 1978

Hallo Antje, hi Peter –

viele Grüße aus dem fernen Washington. Es ist lange her. Ob die Adresse noch stimmt, ob ihr überhaupt noch da wohnt?

Ich hoffe, es hat geklappt und mein Plan ist aufgegangen. Nichts für ungut. Oder doch.

Johann