Von Irmi Feldman

Spanien, 1938

Die Nachricht, die Hernán, der Gärtner aus dem Kloster in Alcalá de Henares, gerade atemlos überbracht hatte, war niederschmetternd. Keiner der Widerstandskämpfer wagte es, David einen Blick zuzuwerfen. Seit mehr als einem Jahr lebten sie in dem unwegsamen Gebiet rund um Palancares hoch oben in den Bergen von Guadalajara und kämpften auf der Seite der Internationalen Brigade gegen Francos Machtübernahme. Sie waren an Grausamkeiten gewöhnt. Und doch konnten sie nicht glauben, was Hernán gerade atemlos berichtet hatte. 

Die Klostervorsteherin, Madre Soria, war nicht die ehrwürdige Äbtissin, wie alle Welt annahm, sondern eine Menschenhändlerin, die Waisenkinder aus dem Kloster an reiche Männer verkaufte. Familienzusammenführung war die offizielle Erklärung. Man habe einen Onkel oder Großvater der Kinder gefunden, der sich bereiterklärte, das Waisenkind bei sich aufzunehmen. 

Nun auch Isabel, Davids 13-jährige Tochter. Erst gestern habe ein zwielichtiger Kerl namens Juan sie mit seinem Fiat vom Kloster abgeholt, um sie nach Sitges zu ihrem „Onkel“, einem Conde, zu bringen, wie Hernán von der Köchin erfahren hatte.

David Amaya Burgos bereute nun, dass er Isabel nach der Hinrichtung ihrer Mutter durch Francos Putschisten, ins Waisenhaus der Madre Soria hat bringen lassen. Er selbst war schwer verletzt gewesen und musste untertauchen. Man hatte ihm versichert, dass Madre Soria, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs in ihrem Kloster ein Waisenhaus betrieb, gut für seine Tochter sorgen werde.

Davids erster Impuls war, ins Kloster zu stürmen und Madre Soria zur Rede zu stellen und wenn nötig, die Adresse des Condes aus ihr herauszuprügeln. Seine Freunde mussten ihn mit Gewalt davon abhalten. Stattdessen würde Hernán David in den Klostergarten schmuggeln, wo Madre Soria jede Nacht allein betete. 

Hinter einem Busch versteckt, wartete David nun schon seit Stunden. Endlich vernahm er Schritte. Im Mondlicht sah er, wie sich eine kleine Gestalt der steinernen Bank näherte. Sogleich fing Madre Soria an zu beten, nicht ahnend, dass sie einen Zuhörer hatte.

„Herr, verzeih mir meine Sünden“, betete sie. „Die Kinder. Ach, die Kinder. Was hab ich nur getan? Herr, vergib mir. Aber, was hätte ich tun sollen? Die Kinder müssen essen. Herr, dies ist ein armes Kloster. Und der Conde unterstützt uns. Es sind schlimme Zeiten.“

David hielt es nicht mehr aus hinter seinem Busch.

„So schlimm, dass Sie die Kinder an Männer verkaufen müssen?“, presste David zwischen den Zähnen hervor, seine Wut kaum verbergend.

Madre Soria schnappte nach Luft.

„Wer sind Sie?“, fragte sie atemlos. „Wie kommen Sie hier herein?“

„Ich bin Isabels Vater“, zischte David. „Isabel, die Sie gestern nach Sitges geschickt haben. Ich will die Adresse haben. Wer ist dieser Conde?“

„Isabels Vater?“, flüsterte Madre Soria. „Ich dachte, Sie sind tot?“

„Die Adresse!“, forderte David.

Madre Soria schüttelte den Kopf. Nie würde sie ihm die Adresse geben. Der Conde sei gefährlich. Er habe Freunde an allerhöchster Stelle.

Erst als David drohte, diesen Skandal an die Öffentlichkeit zu zerren und sie und ihr Kloster zu zerstören, gab Madre Soria den Namen heraus: Conde de Penumbra, Ronda de la Novia 42, Sitges.

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, verschwand David. Madre Soria blieb zurück. Verloren. Beschämt. Gebrochen. Die Schuld zermalmte sie wie ein Mahlstein. Sie war ein Monster. Ein Monster. Nicht besser als der Conde oder die anderen Männer.

 

Sitges

Juan Campos erkannte sich selbst nicht mehr. Warum nur hatte er Isabel beim Conde abgeliefert und war nach einer halben Stunde zurückgekommen, um sie wieder mitzunehmen? Hat sogar die 5000 Pesetas Bezahlung wieder zurückgegeben. War er denn von allen guten Geistern verlassen? Er war doch sonst nicht so zimperlich. Seit wann hatte er Skrupel? Seit wann störte ihn das Leid anderer? Es war Krieg. Jeder musste sehen, wo er blieb. Und doch war er zurückgekehrt. Warum? Weil er Isabels gebrochenen Blick beim Abschied nicht ertragen konnte. Weil er sich sehr wohl vorstellen konnte, was der Conde mit ihr anstellen würde. Weil dieser Gedanke unerträglich war. Er selbst hatte keine Kinder; doch eine Nichte, ja, eine Nichte, die hatte er.

Deshalb war er zurückgekommen und hat Isabel wieder mitgenommen, obwohl der Conde ihn gewarnt hat, dass ihn das nichts anginge. Dass er sich nicht einmischen soll. Dazu war es nun zu spät. Sonderbar war, dass die alte Frau, die beim Conde arbeitete, nicht geschrien hat, als er in der offenen Küchentür erschienen war. Im Gegenteil, sie hat ihm stumm den Weg gezeigt, wo er Isabel finden würde. Und wo er sie auch fand. Im Schlafzimmer des Condes. Warum nur hat die alte Frau ihm geholfen?

 

Juan dachte an die Worte, die sie ihm beim Abschied zugeflüstert hat: Möge Gott Sie beschützen! Sogar umarmt hat sie ihn. Erst als er und Isabel das Grundstück des Condes verlassen hatten, wurde Juan das Ausmaß der Situation klar. Er hat sich in die Angelegenheiten eines mächtigen Mannes eingemischt. Eines Mannes mit Freunden an allerhöchster Stelle. Der Schweiß brach ihm aus. Mit zittrigen Fingern zog er sein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich das Gesicht ab. Ein Zettel flatterte heraus.

Es war eine Adresse in Barcelona. Hat die alte Frau ihm die Adresse in die Jacke gesteckt? Wollte sie ihnen helfen? Juan war klar, dass Isabel und er sich verstecken mussten, denn der Conde würde Isabel nicht so leicht aufgeben. Da Juan nicht wusste, was sonst zu tun war, beschloss er, zu dieser Adresse zu fahren. Unterwegs konnte Isabel sich kaum beruhigen. „Gracias! Gracias, Señor!“, rief sie immer wieder. Zwischendurch lachte und weinte sie. Vor Erleichterung. Vor Freude. Vor Glück.   

 

Schon beim ersten Klopfen wurde die Tür geöffnet. Carlos, wie der Mann sich vorstellte, zog sie sofort ins Innere des Hauses und verriegelte die Tür. Sie staunten nicht schlecht, als er ihnen von dem weitverzweigten Netz erzählte, das Flüchtlinge über die Pyrenäen nach Südfrankreich weiterreichte. Es war das Red Roja, das Rote Netz. Carlos und seine geheime Organisation würden ihnen helfen zu entkommen.

Das Rote Netz war wie ein gut geschmiertes Getriebe. Noch in derselben Nacht wurde Juans Fiat in seine Einzelteile zerlegt und weggeschafft. Aus Isabel wurde Isaac Arenal, dem Sohn von Juan, der jetzt Pedro Arenal hieß, wie ihre neuen Reisepapiere besagten. Gemäß diesen Papieren war Pedro ein Maurer, der mit seinem Gesellen Isaac durch die Lande zog und Arbeit suchte. Schon am nächsten Morgen ging es los. Man reichte sie weiter; von Dorf zu Dorf. Von Stadt zu Stadt. Mal zu Fuß, mal im Bus, mal versteckt im Heuwagen oder im Lastwagen.

*** 

David, Isabels Vater, brauchte drei Tage für die Reise von Alcalá de Henares bis nach Sitges. Der Hass auf den Conde trieb ihn vorwärts. Mehr als einmal begegnete er Truppen Francos, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig vor ihnen verstecken. Erschöpft und hungrig stand er nun vor der Villa des Condes und wartete. Es war Nacht. Obwohl er nicht einschlafen wollte, tat er es doch und hätte am nächsten Morgen fast die alte Frau verpasst, die mit einem Korb aus dem Tor heraustrat. David beschloss ihr zu folgen.

Doch die alte Frau ging nicht auf den Markt, um einzukaufen, sondern machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Wald. Mit großem Abstand folgte ihr David. Er hatte Angst, dass sie um Hilfe rufen würde, wenn sie ihn entdeckte. Die Frau sammelte Kräuter. Prüfte viele, zupfte Bestimmte. In den frühen Nachmittagsstunden kehrte sie in die Stadt zurück. Dieses Mal ging sie auf den Marktplatz, wo sie sich auf eine schattige Bank beim Brunnen setzte. Um sie herum herrschte geschäftiges Treiben. David setzte sich neben sie.

„Señora“, begann er. „Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich bin Ihnen gefolgt.“

Die alte Frau nickte, als hätte sie das gewusst.

„Ich suche meine Tochter Isabel. Ist sie in der Villa des Condes?“, fuhr David fort.

„Nicht mehr!“, sagte die Frau.

„Nicht mehr?“, echote David. „Wo ist sie?“

Die alte Frau erzählte, wie ein Mann sie vor vier Tagen in die Villa gebracht habe, sie aber gleich darauf wieder abgeholt habe. Auch von dem Red Roja berichtete sie. David hatte davon gehört, wusste aber nicht viel darüber. Sein Herz schlug höher bei dem Gedanken, dass Isabel dem Conde entkommen war.

„Bitte helfen Sie mir, meine Tochter zu finden“, flehte David.

Die alte Frau gab ihm Carlos‘ Adresse in Barcelona. Dort werde man ihm weiterhelfen. Bevor er ging, drehte David sich noch einmal herum.  

„Wie können Sie nur für dieses Monster arbeiten?“

„Der Conde hat meine Enkelin auf dem Gewissen“, sagte die alte Frau mit tonloser Stimme. „Susana hat sich ertränkt. Vor fünf Monaten. Weil sie die Schande nicht ertragen konnte.“

Also habe sie sich auf nach Sitges gemacht, um das Schicksal des Condes zu besiegeln. Es war ihr Glück, dass er gerade eine Köchin suchte.

Sie wisse viel über Kräuter. Mischungen aus bestimmten Kräutern. Auswirkungen auf den Körper. Man glaube gar nicht, was kleine Dosen von einem Kräutersud über einen gewissen Zeitraum gegeben, bewirken. Auch auf die Manneskraft. Sie lachte leise. Heute Abend werde sie dem Conde die letzte Paella zubereiten. Mit besonderen Zutaten. Er habe es verdient. Der Conde.

David nickte. Er verstand.

Während David sich auf nach Barcelona machte, um im Red Roja nach seiner Tochter zu suchen, servierte die alte Frau dem Conde de Penumbra sein letztes Abendessen, wünschte ihm einen guten Appetit, eine gute Nacht und verschwand. Man sah sie nie wieder. 

Der Conde war allein, wie seit Tagen schon. Die mächtigen Freunde, auf die er sich immer berufen hatte, waren ausgeblieben. Keiner wollte mit sowas in Verbindung gebracht werden. Nicht mit sowas.

Man fand den Conde drei Wochen später. Es war ein Mittwoch, derselbe Tag, an dem Isabel mit ihrem Vater vereint wurde. Hoch oben in den Pyrenäen, abseits jeder Wanderroute, in einer einsamen Bucht des Leré-Sees, warteten Juan und Isabel in einer Hütte auf David. 

V1; 9932z