Von Franck Sezelli
Tobias stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür. Erst beim zweiten Versuch gaben Rost und Dreck sie mit einem unangenehm schabenden Geräusch frei. Sie öffnete sich einen Spalt, durch den der junge Mann schlüpfen konnte.
Schon als kleiner Junge hatte ihn das Gelände hinter dem Zaun brennend interessiert. Trotz seiner Neugier hatte er es aber nie gewagt, durch eines der Löcher der Absperrung in das verbotene Terrain einzudringen. Es gab ältere Schüler, die das getan hatten und hinter vorgehaltener Hand von geheimen Abenteuern berichteten. Seltsamerweise aber war das Verbot der Eltern so klar und strikt wie kein anderes, sodass ein Übertreten für ihn nie in Frage kam.
Heute aber, mit seinen 23 Jahren, zog es ihn hierhin. Es war vielleicht die letzte Gelegenheit. Hier sollten bald Neubauten entstehen.
Jetzt hielt sich Tobias nicht lange im Erdgeschoss auf, sondern strebte die schmutzige Treppe hinauf in den ersten Stock. Durch die offenstehenden, zum Teil auch kaputten Türen schaute er in schon lange verlassene Schlafräume, in die das fahle Sonnenlicht durch zerstörte Fensterscheiben eindrang. Metallene Doppelstockbetten säumten die von Graffiti und ungelenken Zeichnungen verschmierten Wände. In den meisten Betten fehlten die Matratzen.
Ganz am Ende des Ganges entdeckte Tobias in der Ecke eines Zimmers ein fast gemütlich aussehendes Matratzenlager. Ob sich hier ein Pärchen vor Jahren ein heimliches romantisches Liebesnest eingerichtet hatte? Abgebrannte Kerzen, einige leere Weinflaschen und in den Wandputz eingeritzte Herzen mit den Buchstaben S und F deuteten darauf hin. Im selben Raum klebte an der Wand neben der oberen Etage eines der Betten ein Schwarz-Weiß-Foto. Ein ausnehmend hübsches, lachendes Gesicht einer jungen Frau mit klaren Augen und langem, wahrscheinlich blonden Haar strahlte den Betrachter an. Daneben war mit schwarzer Tusche in schwungvollen Buchstaben Катюша zu lesen. Katjuscha entzifferte Tobias, der in der Schule noch ein paar Jahre Russisch gelernt hatte, den Namen der Liebsten des Soldaten, der vor langer Zeit in diesem Bett gelegen hatte. Welche Umstände mögen dazu geführt haben, dass er dieses Foto nicht mitgenommen hatte, grübelte Tobias.
Als nächstes besuchte er ein repräsentativer aussehendes Gebäude im Zentrum des Geländes. Hier stand die Tür offen, genauer die linke von zwei Flügeltüren. In der Halle, die Tobias betrat, begrüßte ein Wandbild mit Lenin und einer Gruppe von fröhlichen Kindern, Frauen und Männern den Besucher. Darüber stand in großen Lettern Слава СССР! Das Gebäude war offenbar das Kulturhaus oder auch die Kommandatur der Kaserne der Sowjetarmee gewesen, die am Beginn der 90er Jahre verlassen wurde. Tobias besichtigte noch die Räume, die links von der Eingangshalle abgingen und stellte fest, dass hier die Schule untergebracht gewesen sein musste. Im Kasernengelände lebten neben den Soldaten auch die Familien der Offiziere und Zivilangestellten. Auf besondere Weise berührt war Tobias, als er auf einer der Wandtafeln eine naive Kreidezeichnung von Väterchen Frost entdeckte mit den Worten С новым годом (Frohes neues Jahr).
Als nächstes wandte sich der neugierige Besucher einem etwas abseits stehendem einstöckigen, langgstreckten Haus zu. Im Eingangsflur wurde klar, dass es sich hier um ein Sanitärgebäude handeln musste. Die Wände waren mit hellblauen Fliesen gekachelt. Eigentlich doch nicht gekachelt, sie waren es gewesen. Nur noch Reste der Kacheln klebten an den Wänden, die meisten waren verschwunden, zertrümmerte Teile lagen auf dem Fußboden.
Durch eine große, noch einigermaßen intakte Glastür gelangte Tobias in eine große Halle, deren Mitte ein gekacheltes Becken beherrschte. Selbstverständlich enthielt das ehemalige Schwimmbecken kein Wasser. Auch hier waren die Kacheln an den Beckenwänden und am Grund zum großen Teil abgefallen oder zerstört. Trotzdem konnte sich Tobias hier lebhaftes Bade- und Schwimmvergnügen vorstellen.
Plötzlich bemerkte er, dass er offenbar nicht allein hier war. Er hörte eine Männer- und eine Frauenstimme.
»Meinst du so?«
»Ja, gut! Kannst du die Beine etwas weiter auseinander nehmen?«
»Sehr schön! Nimm die Hände dort weg und zeig mir ein bisschen mehr Brust!«
»So? Gefällt es dir so? – Oder soll ich mich umdrehen?«
»Nein, nein! Warte, ich bin noch nicht so weit …«
Was ist denn da los?, fragte sich der unangemeldete Entdecker. Auf der anderen Seite des trockenen Beckens gab es in der Wand einige Nischen und Durchbrüche. Leise schlich sich Tobias dorthin und erkannte, dass es von dort zu Dusch- und Umkleideräumen ging. Er spähte um eine Ecke und blickte in einen Duschraum. Unter einem der rostig-fleckigen Duschköpfe posierte eine nackte Blondine mit langen Haaren. Auf dem Boden zwei Meter vor ihr hockte ein graumelierter Fünfziger in sportlicher Kleidung mit einer großen Fotokamera und gab Anweisungen.
So schnell er konnte, zog sich Tobias wieder zurück. Er musste erst einmal tief ausatmen. Die wenigen Sekunden, in denen er die unerwartete Szene erblickt hatte, hatten ihn zutiefst beeindruckt. Das Bild der jungen Frau, sie mochte in seinem Alter sein, die sich völlig ungeniert vor dem Fotografen präsentierte, hatte sich in seine Netzhaut eingebrannt. Wie sie mit erhobenen Armen unter dieser – trockenen – Dusche stand, dem Fotografen den Rücken zugewandt und dabei den Oberkörper in halber Drehung rückwärts verführerisch lächelnd über die Schulter schaute … Tobias meinte, eine schönere Frau nie zuvor gesehen zu haben.
Vorsichtig blickte er noch einmal um die Ecke auf die ihn faszinierende Szene. Als das Fotomodell auf einmal in seine Richtung schaute, durchfuhr Tobias ein Schreck und zugleich eine Erkenntnis. Ihm kam die Frau bekannt vor. Er drehte um und verließ so leise wie möglich die ehemalige Schwimmhalle. Woher nur kannte er diese schöne Frau?
In Gedanken versunken, durchstreifte er weiter das Kasernengelände, hatte aber keine Lust mehr, in eines der Häuser mit den schiefhängenden Türen und zerborstenen Fensterscheiben hineinzugehen. Er hatte genug gesehen. Hier hatten Soldaten weit weg von ihrer Heimat ihren Pflichtdienst versehen. Für andere war es für Jahrzehnte Heimat geworden, sie hatten hier ihren Alltag verbracht, haben gearbeitet, die Kinder sind in den Kindergarten oder in die Schule gegangen. Und dann war auf einmal Schluss und sie mussten das Land verlassen. Selbst für die Familien, die hier doch relativ isoliert gelebt hatten, war das sicher schwer, stand ihnen doch ein ungewisser Neuanfang bevor.
Viel hatte Tobias damals nicht mitbekommen, er war noch Schüler gewesen, in der fünften oder sechten Klasse. Da interessierten ihn andere Dinge. Seitdem war das Gelände gesperrt und verfiel. Dass es hier aber auch ihm verborgenes Leben gab, hatte er heute gelernt. Ein Hinweis war das kleine Liebesnest, das er entdeckt hatte, das andere das Fotos-Shooting, dessen heimlicher Zeuge er geworden war.
Dabei hatte er sich schon manchmal gefragt, wieso manche Aktbilder, die er im Internet gesehen hatte, in Ruinen oder verlassenen Fabriken aufgenommen worden waren. Klar, er hatte es heute gespürt, der Gegensatz von natürlicher Schönheit in zerstörtem Ambiente konnte faszinierend sein.
Der Besucher verließ das Gelände am Haupteingang, genauer durch ein Schlupfloch im Maschendrahtzaun neben diesem. Auf den Innenseiten der Tore der verlassenen Kaserne las er: Никогда больше войны! Nie wieder Krieg!
Am nächsten Morgen stutzte er, als ihm an der Bushaltestelle eine Blondine grüßend zulächelte. Das war doch das Aktmodell, erkannte er. Schüchtern nickte er zurück und ging fragend auf die junge Frau zu. Bevor er etwas sagen konnte, sprach sie ihn an: »Ich habe dich gestern gesehen – in der Russenkaserne.«
Damit hatte Tobias nicht gerechnet und wurde rot. »Entschuldigung! Ich …«
Weiter kam er nicht. »Du konntest doch nicht wissen, dass wir dort bei einem Shooting waren.« Sie duzte Tobias der Einfachheit halber. Es kam ihr so natürlicher vor, zumal sie offenbar in ähnlichem Alter waren.
»Du nimmst es mir nicht übel, dass ich gestern gewissermaßen ein Voyeur war?«
»Aber nicht doch! Hauptsache, dir hat gefallen, was du gesehen hast.«
Tobias wurde wieder rot. »Sehr, sehr sogar! Du arbeitest als Model?«
»Nein, ich mache das nur gelegentlich als Hobby. Das könntest du ja auch machen, vielleicht sogar zusammen mit mir. Der Fotograf, den du gestern gesehen hast, betreibt mit seinem Mann im Stadtzentrum das Fotoatelier Licht und Bild. Sie sind auch international sehr bekannt für Akt- und erotische Fotografie.
Ich bin Modedesignerin. Übrigens heiße ich Katja. Du bist mir schon früher aufgefallen mit deinen kurzen schwarzen Haaren und dem lässigen Drie-Tage-Bart. Du wohnst doch dort hinten am Park.«
»Oh! Das habe ich gar nicht gemerkt.« Es wurde Tobias immer peinlicher, ihn durchfuhren ungekannte, seltsame Gefühle.
»Dass du am Park wohnst?«, fragte provozierend lächelnd Katja.
Flirtet sie mit mir?, fragte sich der schüchterne junge Mann. »Nein, dass ich dir aufgefallen war. Entschuldige bitte, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Ich heiße Tobias und arbeite als Ingenieur in der großen Metallbude am anderen Ende der Buslinie.«
Der Bus war von weitem zu sehen. Tobias nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte schnell: »Können wir unser Gespräch nach der Arbeit dort drüben im Café fortsetzen?«
So verabredeten die beiden noch einen Zeitpunkt, bevor Tobias in den Bus einsteigen musste. Katja benutzte eine andere Linie.
Jetzt ist das Paar schon über zwanzig Jahre verheiratet. Noch heute sieht Tobias die Entdeckung des zurückgelassenen Fotos von Katjuscha, als er eines Tages das gesperrte Gelände der Russenkaserne erkundete, als einen Fingerzeig auf seine Katja an.
V2 9667 Z.
