Von Ursula Kollasch

Vom Parkplatz gegenüber beobachtete Tom den heruntergekommenen Plattenbau. Durch sein Fernglas hielt er zwei Fenster im vierten Stock im Blick. Hinter verblichenen Gardinen regte sich nichts. Ein verschlüsselter Hinweis im Forum Oblivion hatte Tom nach Görlitz geführt. Die exakten Koordinaten hatte er von einem User namens Shady98 erhalten – allerdings erst nach Wochen zähen Vertrauensaufbaus. Die letzte Nachricht war kurz gewesen: „Die Wohnung steht offiziell leer. Niemand weiß warum.“
In der Szene galten solche unberührten Orte als die Heiligen Grale: Keine Graffiti, kein Vandalismus; nur die reine Ästhetik des Verfalls.

Tom hatte eine Eigenschaft, die ihm bei seinem Hobby zugutekam: Unauffälligkeit. Er war von durchschnittlicher Statur und hatte ein Gesicht wie viele andere. Im dunklen Hoodie, Jeans und Sneakern ging er in der Menge unter – ein Vorteil, wenn man regelmäßig verbotene Orte betrat. Nur seine hellblauen Augen passten nicht ins Bild. Sie waren zu aufmerksam für jemanden, der sonst kaum auffiel. Geschärft durch sein Architekturstudium musterten sie Fassaden und Räume, suchten nach verborgenen Strukturen, nach Spuren früheren Lebens. Nach Geschichten und Geheimnissen, die Gebäude bewahrten.
Seit fünf Jahren fotografierte Tom Lost Places, doch diese Wohnung am Stadtrand von Görlitz war laut Shady98 etwas Besonderes: eine Zeitkapsel. Sie lag in einem Hochhaus aus den 1970ern, in dem manche Wohnungen leer standen, andere noch bewohnt waren.
Wenig später schlüpfte er in den Block, am Fahrstuhl hing ein Defekt-Zettel. Er stieg die Treppen hinauf durch ein mit Schmierereien übersätes Treppenhaus. Müll lag in den Ecken. Weil es übel roch, atmete er flach durch den Mund. Im vierten Stock trat er in den Gang. Zigarettenrauch und Frittierfett hingen in der Luft. Trostloser Alltag, der durch Türritzen kroch. Irgendwo plärrte ein Fernseher. Vor Wohnung 7 vergewisserte er sich, dass er allein war, dann schob er mit geübten Fingern Spanner und Pick ins Schloss. Das alte Standardmodell leistete kaum Widerstand. Ein dumpfes, metallisches Klicken. Die Tür öffnete sich.
Tom trat ein, zog sie lautlos hinter sich zu. Drinnen war alles anders. Er stand in einem dämmerigen Flur und atmete tief ein. Es roch muffig, wie Kleidung, die jahrelang auf einem Dachboden gelegen hatte. Doch Tom liebte den Geruch von „totem“ Staub, trocken wie Kalk.
Er schaute sich um. Eine gemusterte Tapete, deren Farben vom Alter weichgezeichnet waren. Ein Garderobenschrank aus dunklem Furnier. Grauer Vinylboden. Der weinrote Läufer schluckte jedes Geräusch. An einem Wandhaken hing ein brauner Herrenmantel aus schwerem Wollstoff. Darunter standen schwarze Lederschuhe, die Spitzen exakt zur Tür gerichtet.
Tom betrat das Wohnzimmer. Wie der Flur war es im Stil der Achtziger eingerichtet und penibel aufgeräumt. Normalerweise herrschte an solchen Orten das Chaos der Vergänglichkeit. Hier aber hatte man das Gefühl, der Bewohner sei nur kurz Zigaretten holen gegangen. Die tiefstehende Nachmittagssonne brach sich in den Gardinen und ließ goldene Staubfäden durch den Raum treiben. Eine braune Polstergarnitur stand um einen Couchtisch. Darauf lagen ein leerer, sorgfältig gereinigter Aschenbecher, die Sächsische Zeitung vom 12. Februar 1988 und eine Fernsehzeitung aus derselben Woche. Auf ihrer Titelseite grüßte die DDR ihre Olympioniken in Calgary. Toms Blick blieb am Datum hängen. Unwillkürlich suchte er nach dem Fernseher, doch da war keiner. War das der Zeitpunkt gewesen, an dem das Leben diese Wohnung verlassen hatte? Weshalb war hier alles erhalten geblieben? Tom trat an die Schrankwand. Zwischen Büchern standen gerahmte Fotos. Auf einem war ein schlaksiger junger Mann Anfang zwanzig zu sehen, in dunkelblauer Blousonjacke und kariertem Hemd. Kein Schnappschuss, sondern ein Bild, für das er sich offenbar bewusst hatte fotografieren lassen. Er saß leicht verkrampft vor der Kamera, als wäre ihm die eigene Pose fremd, und sein Lächeln erreichte die Augen nicht. Auf einem zweiten Bild hatte er den Arm um eine zierliche Frau mittleren Alters gelegt. Hier wirkte er gelöster. Mutter und Sohn, dachte Tom. Er holte die Kamera aus dem Rucksack und blickte durch den Sucher. Das Klicken des Auslösers schien in der Stille zu laut. Ein Regal tiefer fiel ihm ein aufgeschlagener Notizblock auf. Mit verblasster Tinte hatte jemand geschrieben: „Liebe Mutti, danke für alles. Bitte mach dir keine Sorgen. Ich melde mich, wenn …“ Weiter ging es nicht. Der Füller lag quer über dem vergilbten Papier, als wäre der Schreiber in genau diesem Moment aufgesprungen und fortgegangen. Tom ließ den Blick auf dem abgebrochenen Satz ruhen, dann hob er die Kamera. Das Klicken blieb zwischen den Möbeln stehen. Es juckte ihm in den Fingern, Block und Füller einzustecken, doch der Kodex war eindeutig: nichts mitnehmen, nur dokumentieren.
Er machte weitere Aufnahmen: vom Schlafzimmer, der Küchenzeile, dem winzigen Bad. Dort stand eine Zahnbürste im Becher, hingen über einer braunen Badematte gefaltete Handtücher. In der Ecke über der Dusche waren Schimmelflecken zu erkennen. Dann kehrte er in den Flur zurück und fotografierte den einsamen Mantel. Irgendetwas brachte Tom dazu, ihn vom Haken zu nehmen und hineinzuschlüpfen. Der Mantel war schwer und roch nach alter Tapete. Tom betrachtete sich im Flurspiegel. Ihm blickte ein Geist aus einer anderen Zeit entgegen. Mit seinem Smartphone nahm er ein Selfie auf. Plötzlich hielt er inne. Draußen auf dem Flur erklang das Klackern von Absätzen. Die Schritte näherten sich. Verharrten direkt vor der Haustür, hinter der er stand. Shit! Tom steckte das Handy weg, spürte ein kaltes Ziehen in der Magengrube. War er beim Betreten der Wohnung – oder beim Knacken des Schlosses – beobachtet worden? Wenn man ihn jetzt erwischte, war sein Ruf in der Szene ruiniert, drohte eine Anzeige!
Er riss sich den Mantel von den Schultern, warf ihn über den Haken, griff den Rucksack und zwängte sich in den Flurschrank. Dessen Tür zog er bis auf einen schmalen Spalt zu. Gerade noch rechtzeitig, denn im nächsten Moment wurde die Wohnung aufgeschlossen.
Tom beobachtete, wie eine kleine, gebeugte Frau eintrat. Sie trug das weiße Haar im Knoten, Rock und Strickjacke, Oma-Pumps und in der Hand eine Stofftasche. Diese stellte sie in der angrenzenden Küchenzeile ab, kehrte in den Flur zurück und blieb vor der Garderobe stehen, nur wenige Schritte von Tom entfernt. Selbst sein Atem schien zu laut. Sein Herz hämmerte so fest gegen die Rippen, als müsste es das morsche Holz des Schranks zum Vibrieren bringen. Doch als die Alte anfing zu sprechen, wich seine Angst einer beklemmenden Faszination. „Ich hab‘ dir deinen Lieblingskuchen mitgebracht, Steffen.“ Ihre Stimme klang brüchig, aber warm vor Zuneigung. „Mit Zitronenguss.“
Er presste den Rücken gegen die Schrankwand, verharrte reglos, während sie die Lederschuhe um Zentimeter nach links rückte, bis sie wieder perfekt parallel standen. „Sie haben gesagt, dass du nicht zurückkehrst. Aber ich weiß es besser.“ Mit langsamen Bewegungen strich sie den Mantelkragen glatt und zupfte eine Falte aus dem Ärmel.
„Sie verstehen nicht, dass ein Sohn seine Mutter nicht einfach verlässt.“ Tom schluckte, mit einem Mal kam ihm jeder Atemzug wie eine Grenzüberschreitung vor. Er hatte gerade den Mantel des Sohnes getragen, der für die Frau anscheinend eine Art Reliquie war. Hatte sogar ein Selfie darin gemacht. Er fühlte sich plötzlich wie ein Voyeur. Hier war er kein Entdecker, sondern ungewollt ein Parasit, der sich an der konservierten Trauer einer Mutter nährte.
„Du wirst wiederkommen, das weiß ich. Denn -“
Die alte Dame hielt inne. Blickte auf den Boden. Tom presste die Lippen zusammen, als er sah, was sie sah: Erdkrümel auf dem Vinyl, die aus den Profilen seiner Schuhsohlen gefallen waren. Sie stieß einen Seufzer aus. „Du hast dir wieder nicht die Füße abgetreten.“ Dann lachte sie voller Nachsicht, ein trockenes, trauriges Geräusch. Sie holte einen Lappen, kniete sich ächzend hin. Tom beobachtete, wie sie Krümel für Krümel wegwischte. Er sah die Mühe in ihren Bewegungen, das Zittern ihrer Hände, während sie seine Spuren, ihn, aus dem Flur löschte, als wäre er eine falsche Erinnerung. „Der Mietvertrag läuft weiter“, sagte sie in Richtung Wohnzimmer. „Das hab‘ ich geklärt … Nächste Woche bringe ich dir eine neue Topfpflanze mit. Musst du dann aber auch gießen, ja?“ Sie blickte ins Leere, mit seltsam starrem Blick und einem eingefrorenen Lächeln. Tom empfand Mitleid. Weil sie diesen Kampf gegen die traurige Wahrheit wohl immer wieder aufs Neue führte. Jede Staubflocke oder Spinnwebe war für sie ein Feind, der die Rückkehr ihres Sohnes unmöglich machte.
Schließlich nahm sie ihren Stoffbeutel mit dem Kuchen und verließ die Wohnung. Zog die Tür ins Schloss. Ihre Schritte entfernten sich. Stille. Tom wartete noch einen Moment, unfähig sich zu bewegen. Er spürte, wie sich die kalte Faust in seinem zusammengeballten Magen wieder entspannte.
Bevor er endlich aus dem Schrank kletterte, schlüpfte er aus den Sneakern, trug sie hinaus und zog sie erst im Flur an. Dann verließ er rasch das Gebäude.
Während der Heimfahrt dachte Tom immer wieder an den unvollendeten Satz.

Ich melde mich, wenn …

Es musste in den letzten Jahren der DDR gewesen sein. Was danach geschehen war, wusste niemand. War Steffen fortgegangen? Vielleicht hatte ihn etwas daran gehindert, sich zu melden oder zurückzukehren. Vielleicht lag die Wahrheit in einer vergessenen Akte.
Für die alte Frau aber war die Welt an diesem Tag stehen geblieben. Wahrscheinlich führte sie in Görlitz ein gewöhnliches Leben. Doch in Wohnung 7 war noch immer Februar 1988.