Von Angelika Brox
Martin fährt durch die dunkelste Nacht, die er jemals erlebt hat. Die Mutter aller dunklen Nächte. Gierig verschluckt der Asphalt das Licht der Scheinwerfer. Bäume säumen die Landstraße wie standhafte Wächter, reglos, stumm und, wenn er ehrlich ist, verdammt unheimlich.
Hört dieser Wald denn niemals auf?
Zum gefühlt hundertsten Mal greift er nach seinem Handy, tippt darauf herum und wirft es zurück auf den Beifahrersitz. Immer noch kein Empfang. Wenn er wenigstens ein funktionierendes Navi hätte! Aber sein Oldtimer stammt aus dem letzten Jahrtausend und bietet nur ein CD-Laufwerk mit einem klobigen Farbbildschirm. Laut dem völlig veralteten Kartenmaterial auf den CDs gibt es die Straße, die er befährt, überhaupt nicht.
Er rutscht auf dem Sitz hin und her. Sein Rücken schmerzt. Eigentlich ist so ein Porsche nichts mehr für seine alten Knochen. Beim Einsteigen melden sich Knie und Hüften, beim Hinausklettern muss er sich unauffällig am Türrahmen hochziehen.
Aber er wollte sich noch mal jung fühlen, deshalb hat er sich den Carrera gegönnt. Seinen Traum aus längst vergangenen Autoquartett-Tagen. Wann, wenn nicht jetzt? Schließlich ist schon mehr als die Hälfte seines Lebens vorbei – ein Gedanke, den er lieber schnell wieder verdrängt.
„Mann, Mann, Mann“, brummelt er in seinen Fünftagebart. Früher hatte sein Körper Kraft im Überfluss, dafür war sein Bankkonto schwach auf der Brust. Heute ist es umgekehrt.
Er schnaubt und gibt Gas. Der Sechszylinder-Boxermotor hinter ihm bedankt sich mit einem tiefen, heiseren Fauchen.
Herrje, was ist das?
Mit aller Macht tritt Martin auf die Bremse. Die Reifen schreien auf. Gerade noch rechtzeitig kommt er zum Stehen, direkt vor einer schlanken Frau in einem schwarzen Umhang, der ihr bis auf die Füße reicht. Ihr langes Haar weht im Wind.
Erschrocken hievt Martin sich aus dem Wagen.
„Oh, mein Gott!“, ruft er.
Die Frau hebt eine Hand, die in einem schwarzen Spitzenhandschuh steckt, und fixiert ihn.
Obwohl sich ihre Lippen nicht bewegen, hallt eine samtige Stimme in Martins Kopf: Du führst einen Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Kehre um!
Automatisch blickt Martin zurück auf den Weg, den er gekommen ist. Als er sich wieder nach vorn dreht, ist die Lady in Black verschwunden.
Nicht weit voraus entdeckt er zwischen den Bäumen einen Lichtschein, der sich durch die Finsternis kämpft. Endlich! Ein Hoffnungsschimmer!
Erleichtert lässt sich Martin ins Auto plumpsen und fährt darauf zu.
Am Rande einer Lichtung steht ein ehemals herrschaftliches Gebäude. Seine besten Tage hat es offensichtlich hinter sich. Putz blättert von der Fassade wie tote Haut. Aus einigen Fenstern dringt gelbes Licht. Über dem Portal steht mit weißer Farbe gepinselt: HOTEL K. LIFORNJA.
Seltsamer Name. – Egal. Auf einmal hat Martin das Gefühl, keinen Meter mehr fahren zu können.
Beherzt tritt er näher und lässt den eisernen Ring mit dem Löwenkopf auf die schwere Holztür knallen.
Innen nähern sich schlurfende Schritte. Aus dem hinteren Bereich erklingt Musik.
Eine hagere Gestalt im schwarzen Anzug, die jedem Leichenbestatter Konkurrenz machen könnte, öffnet die Tür einen Spalt breit und streckt den kahlen, kantigen Kopf heraus.
„Sie haben reserviert?“
„Nein“, gesteht Martin. „Aber ich bin am Ende meiner Kräfte. Sie sind meine Rettung. Ich zahle jeden Preis.“
Der Mann zieht eine Augenbraue hoch, öffnet die Tür ganz und bittet ihn mit einer steifen Geste hinein.
„Willkommen im Hotel K. Lifornja!“
Er schlurft voraus zur verwaisten Rezeption. Über seinen schwarz polierten Schuhen trägt er weiße Gamaschen mit kleinen Knöpfen an der Seite. Unwillkürlich muss Martin an Dagobert Duck denken. Er unterdrückt ein Grinsen.
Der skurrile Butler nimmt einen altmodischen, schweren Schlüssel vom Brett.
„Haben Sie Gepäck?“
„Nein. Ich hatte anders geplant.“
„Selbstverständlich. Ich führe Sie zu Ihrem Zimmer.“
Neugierig folgt Martin dem Butler durch die Halle. Sie betreten einen Saal mit verblichenen Vorhängen und staubigen Kronleuchtern. Es riecht nach Altem und Vergessenem. Aus versteckten Lautsprechern schallt ein Song, der Martin bekannt vorkommt: „Let’s do the Time Warp again!“
Ein weißhaariges Paar hüpft im Takt, schwingt die Hüften, wirft, so gut es geht, die Beine nach links und rechts, lässt die Arme kreisen und reckt sie begeistert in die Höhe.
„Let’s do the Time Warp again!“
Martin bleibt stehen und wippt mit dem Fuß. Jetzt fällt es ihm ein: Der Tanz ist aus der Rocky Horror Picture Show. Er lacht.
Am anderen Ende des Raumes steht plötzlich die Lady von der Landstraße. Diesmal trägt sie ein langes Kleid aus schwarzer Seide. Ein Schleier bedeckt ihr Haar. Wieder flüstert es samtig in seinem Kopf: Erliege nicht falschen Vorstellungen! Würdige das, was ist!
Gerade will er auf sie zugehen, da tippt ihm jemand von hinten auf die Schulter.
Martin fährt herum und blickt in das Gesicht eines jungen Mannes, umrahmt von dichten, dunklen Locken. Schwarzer Kajalstift betont die Augen, die Lippen sind rubinrot geschminkt. Merkwürdigerweise trägt er einen grünen OP-Kittel.
„Willkommen im Hotel K. Lifornja!“, sagt er. Der Rubinmund verzieht sich zu einem schiefen Lächeln. „Ich bin Dr. Lifornja.“
„Martin Adler“, stellt Martin sich vor und streckt seine Hand aus.
Dr. Lifornja ergreift sie – und ohne Vorwarnung zieht er Martin mit sich in Richtung einer steinernen Treppe, die in den Keller führt. Martin möchte seine Hand zurück, doch Dr. Lifornjas Griff ist eisern. Martin bleibt nichts anderes übrig, als hinter dem Doktor herzustolpern.
Besorgt blickt er zurück. Das alte Paar tanzt unbeeindruckt weiter. Die Lady steht stumm im Türrahmen, hebt eine behandschuhte Hand und sendet eine Botschaft in seine Gedanken: Versuche, an das Gute zu glauben und ein Licht zu sein!
Genau das fällt Martin gerade extrem schwer. Sie steigen hinab in einen schummrig beleuchteten Kellergang, von dem vier Metalltüren abgehen.
Dr. Lifornja stößt die erste Tür auf, schiebt Martin hindurch und knipst das Licht an.
Flackernd erwachen Neonröhren zum Leben und beleuchten etwas, auf dessen Anblick Martin gern verzichtet hätte: einen strahlend weißen OP-Saal. In der Mitte steht eine gepolsterte Liege, darüber hängen schwenkbare Lampen. An den Wänden reihen sich Edelstahltische mit bedrohlich blitzenden Instrumenten und High-Tech-Geräten. Es riecht scharf, beißend und süßlich zugleich.
Endlich lässt der Doktor Martins Hand los.
„Na, beeindruckt?“
Martin schluckt trocken und nickt.
„Jetzt möchte ich gerne auf mein Zimmer gehen“, krächzt er und räuspert sich.
„Aber, aber, mein Lieber“, säuselt der Doktor, „Sie haben ja das Beste noch gar nicht gesehen.“
Resigniert folgt Martin ihm in den nächsten Raum. Sein Herz klopft wie ein kaputter Motor kurz vorm Kolbenfresser, als auch hier das Licht aufflackert.
Sechs gläserne Särge sind nebeneinander aufgebaut. In jedem liegt ein Mensch. Junge Männer und Frauen. Sehr jung. Sehr schön. Von blinkenden Apparaturen, die an den Kopfenden stehen, führen Schläuche und Kabel in die Särge hinein.
Dr. Lifornja lächelt. „Keine Sorge, es geht ihnen gut. Sie schlafen … bis reiche alte Menschen ihr Bewusstsein in einen jungen, gesunden Körper transplantieren lassen wollen. So wie das tanzende Pärchen oben. Die beiden haben morgen ihren Termin.“
Martin verliert den Boden unter den Füßen. Hat er vorhin tatsächlich verkündet, er würde jeden Preis zahlen? Wie blöd war das denn? Jetzt ist er in die Fänge von Dr. Frankenstein geraten!
Der Doktor tritt einen Schritt näher.
„Es wundert mich, dass Sie in Ihrem Alter bereits eine Transplantation wünschen. Oder sind Sie krank?“
In nackter Todesangst greift Martin nach diesem Strohhalm.
„Genau,“, keucht er, „ich habe Diabetes. Ich muss jetzt sofort auf mein Zimmer und mir eine Insulinspritze setzen, sonst kippe ich um.“
Dr. Lifornjas Augen verengen sich misstrauisch, dann nickt er.
„Natürlich, gehen Sie nur. Ich habe hier unten noch zu tun.“
„Ich finde den Weg allein!“
Martin zwingt sich, die ersten Schritte durch den Flur langsam zu gehen. Kaum ist er außer Sichtweite, stürmt er die Kellertreppe hinauf und rennt zur Haustür.
Drückt die Klinke hinunter.
Abgeschlossen!
Neben ihm taucht wie aus dem Nichts der Butler auf und bleckt die Zähne.
„Sie dürfen auschecken, so oft Sie wollen, aber Sie können das Hotel niemals verlassen.“
Kichernd schlurft er zu seinem Platz an der Rezeption.
Mit hektischen Blicken sucht Martin nach einem Fluchtweg. Da bemerkt er eine Bewegung an der Balustrade im ersten Stock. Dort oben steht die Frau in Schwarz. In ihrer Hand blitzt ein Messingschlüssel auf.
Martin zögert keine Sekunde. Mit riesigen Sätzen jagt er durch die Halle und hastet die ausgetretene Holztreppe empor.
Überraschend mutiert der klapprige Butler zum Sprinter. Schon hat er die Treppe erreicht.
Die Lady wirft Martin den Schlüssel zu. Er versucht ihn zu fangen – hat ihn fast erwischt, doch im letzten Moment rutscht er ihm aus den zitternden Fingern und landet auf der Stufe vor ihm.
Als er ihn aufheben will, langt eine knochige Hand zwischen seinen Füßen hindurch. Blindlings tritt Martin nach hinten aus und trifft auf Widerstand. Polternd stürzt der Butler die Stufen hinab und bleibt regungslos liegen.
Martin schnappt sich den Schlüssel und rennt zur Haustür.
Fummelt den Schlüssel ins Schloss.
Dreht ihn nach rechts.
Drückt die Klinke runter.
Vergebens.
Der Butler rappelt sich hoch.
Panisch dreht Martin den Schlüssel ein zweites Mal herum … rüttelt an der Klinke … die Tür fliegt auf.
„Danke!“, ruft er über die Schulter zurück, springt in seinen Carrera und braust davon, als wäre der Teufel hinter ihm her.
Erst als das Hotel im Rückspiegel verschwindet, beruhigt sich sein Herzschlag allmählich.
In seinem Kopf flüstert eine samtige Stimme: Fülle dein Herz mit Leben, das ist der Weg!
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