Von Friedericke Freund
Auf dem Waldweg schluckten die hohen Bäume das Licht und schienen sich drohend über Susi zu schließen. Die 67-jährige war aus Norddeutschland in den Hohenzollern-Kreis gereist, um in Ruhe nachzudenken.
Sollte sie Jerry helfen? Und wie? Was könnte sie schon mit ihrer kleinen Rente ausrichten? Gedankenverloren folgte sie dem Pfad im Wald, der sich immer höher wand. Auf einem verwitterten Wegweiser stand: „Zur Ruine“. Susi wurde neugierig. Das feste Schuhwerk und der Wanderstab waren ihr hier sehr nützlich.
Eine Viertelstunde später tauchte die Burgruine auf. Hohe Mauerreste ragten zwischen den Bäumen empor. Moos und Flechten überzogen die gewaltigen Steine. Als sie durch das einstige Burgtor trat, geschah Seltsames: Die Ruine war verschwunden. Stattdessen stand sie in einem intakten Burghof. Vor ihr erhob sich stolz der Wohnturm. Rechts davon fügten sich Stallungen und Vorratshäuser an.
Das Herz schlug ihr bis in den Hals. Das konnte nicht sein! Susi spürte Gewicht und unangenehmen Druck an ihren Handgelenken und blickte an sich herunter – ihre Hände und Füße steckten in eisernen Fesseln, die durch eine Kette verbunden waren! Sie sah zerschlissene wollene Hosen, die behaarte Beine nur knapp bedeckten. Anstelle der geputzten Wanderschuhe waren ihre Füße mit ledernen Lappen umwickelt. Sie trug ein grobleinenes Hemd und einen Umhang aus schwerer Wolle. Ihr Kopf war unbedeckt, lange Haare wehten in ihr Gesicht und verfingen sich in einem stoppeligen Bart.
Sie stieß einen Schrei aus. Ihre Stimme klang nicht wie die Stimme einer übergewichtigen Rentnerin, sondern tief, guttural, heiser. Eine Männerstimme, deren Besitzer zu viel schrie, trank und raufte.
Was war hier los? Wo war sie, und, vor allen Dingen, wer war sie?
Auf ihren Schrei hin öffnete sich die hoch gelegene Tür des Wohnturms und ein Mann trat hervor.
„Da ist Er ja“, hörte sie eine ölige Stimme. „Hubert, der fahrende Ritter, der sich jedem verdingt, der eine Fehde hat“. Der edel gekleidete Mann schritt langsam die Treppe herunter und stellte sich direkt vor Susi-Hubert. „Ihr dachtet, Ihr könntet ungesühnt Curt den Kühnen vernichten, der das Landvolk mit Abgaben überzog?“ Sein Mund lächelte, doch seine dunklen Augen blickten kalt. „Ich sorge dafür, dass Ihr das für den kurzen Rest Eures miserablen Lebens bereuen werdet!“
Der Feingekleidete wandte sich um und winkte herrisch einem Bediensteten. „In das Loch mit ihm! Er erhält weder Wasser noch Nahrung!“
Susi wurden die Knie weich, doch der Teil von ihr, der Hubert war, hielt stand. Zwei Männer kamen und zerrten ihn zu einer offenen Falltür neben dem Wohnturm. Schleiften ihn eine steinerne Treppe hinab, dann weiter durch einen dunklen Gang. Am Ende wartete eine Tür. Die Männer stießen sie auf, dahinter gähnte eine dunkle Öffnung. Die Schergen lösten Huberts Ketten und stießen ihn in das Loch. Er fiel. Hubert landete auf den Füßen, fing den Aufprall mit gebeugten Knien auf und rollte sich über die Schultern ab. Da ihn die Männer von oben beobachteten, stöhnte er auf und blieb liegen, als hätte er sich verletzt. Er hörte die beiden lachen. „Der wird’s nicht lange machen“, höhnte einer. Dann fiel die schwere Eichentür ins Schloss. Augenblicklich herrschte Dunkelheit.
Hubert richtete sich auf und rieb sich die schmerzenden Füße. Es roch erdig, gemischt mit Fäulnis. Er tastete um sich. Die Wände waren feucht. Den Boden bedeckte eine Schicht aus Schmutz und Moder. Unter seinen Fingern gab manches weich nach, anderes war hart und kantig. Plötzlich erstarrte er. Etwas Rundes – ein Schädel. Knochen. Schon andere waren in diesem Loch umgekommen.
Hubert fragte sich, wie lange er in dem Kerker überleben konnte, bevor Hunger und Durst ihn überwältigen würden.
Als er das Geräusch hörte, konnte er nicht sagen, wieviel Zeit verstrichen war.
Oben war die Tür geöffnet worden. Ein Licht warf einen milden Schein in das Loch. „Ritter Hubert, seid Ihr dort unten?“ Eine weibliche Stimme flüsterte. Hubert war nicht sicher, ob dies ein Streich des Feingekleideten war und schwieg. „Herr Ritter, bitte vertraut mir, ich will Euch retten“, wisperte die Stimme. „Ich bin Gerda, die Tochter des Bauern, den Ihr einst vor den Häschern Curts bewahrt habt. Ich werde Euch Wasser und Nahrung bringen, und mit Gottes Hilfe wird es gelingen, Euch zu befreien.“
Das Mädchen ließ einen Korb an einem Seil hinab. Darin fand er einen Krug Wasser, einen kleinen Laib Brot, ein Stück Käse sowie eine Talgkerze. Daneben lagen Feuerstein und Stahl. Damit konnte er ein Licht machen. „Ich danke Euch, gute Maid“, sagte er leise.
„Ich muss jetzt gehen“, flüsterte Gerda. „Aber ich komme wieder“. Dann schloss sich die Tür und die Schwärze kehrte zurück.
Nun, da er wusste, dass er hier eine Helferin hatte, stieg seine Hoffnung. Er war nicht nur als kühner Kämpfer, sondern auch wegen seines Einfallsreichtums bekannt. Er wollte all sein Wissen und Können einsetzen, um aus diesem Loch zu entkommen.
Hubert tastete umher, fand den Totenschädel. Er legte Stahl und Stein darauf, schlug einen Funken und entzündete die Kerze. Jetzt konnte er sich umsehen.
Narren! dachte Hubert. Ihr werdet es bereuen, mir die Hände freigegeben zu haben.
Er untersuchte den Raum gründlich. Eine der Wände war deutlich feuchter als die übrigen. Wie tief unter der Burg mochte er sich befinden? Jede ordentliche Burg besaß einen Brunnen innerhalb ihrer Mauern. Vielleicht stammte die Feuchtigkeit von dort. Aus einem Brunnen kann man entkommen, dachte er.
Er untersuchte das Skelett. Die Knochen waren noch nicht mürbe. Hubert betrachtete die gebrochenen Beine. Damit war kein Entkommen möglich gewesen.
Er legte die langen Oberschenkelknochen und die Oberarmknochen zur Seite, daraus ließen sich Werkzeuge herstellen. Er betastete die feuchte Wand und markierte die feuchtesten Stellen mit den Finger- und Zehenknöchelchen, die er in die Spalten steckte, um sie auch im Dunklen zu finden. Dann löschte er das Licht. Er musste sparsam mit seinen Mitteln sein.
Gerda kam wieder, brachte ihm erneut Nahrung, Wasser und Kerzen. Er fragte sie nach der Burg aus: Wer war der Burgherr? Wo war der Brunnen, wo dessen Schacht?
Die junge Frau nannte ihm Hartmut den Herzlosen als Burgherrn, und Huberts Mut sank. Hartmut war kein einfacher Gegner. „Er ist gerade zu einem Besuch seiner weiter entfernten Ländereien aufgebrochen“, sagte Gerda. „Wie nah der Brunnenschacht Eurem Verlies ist, kann ich nicht sagen“, fuhr sie fort. „Aber auf halber Höhe des Schachtes gibt es einen Gang, um in Falle einer Belagerung entkommen zu können. Er mündet in ein Gestrüpp am Fuße der Burg.“
Jetzt war Hubert sich sicher: Die Flucht würde gelingen.
Er hatte von der Maid auch einen alten, rostigen Dolch erhalten. Mit diesem konnte er wesentlich rascher den Mörtel in den Fugen lockern als mit einem Knochen. Die Feuchte machte es ihm leicht. Wie lange er brauchte, den ersten Stein zu lösen, wusste er nicht. Endlich war er draußen. Hubert spürte klamme Kälte auf sich zukriechen. Es brauchte noch drei weitere Steine, bis Hubert er seinen Kopf durch das entstandene Loch stecken konnte. Es war dunkel, wohl Nacht. Hubert blickte nach oben und erkannte Sterne und die Mondsichel über sich. Unter ihm befand sich der Wasserspiegel. Das war bedenklich: sollte das Wasser steigen, konnte es durch das Loch in seine Zelle fließen und ihn ertränken. Er musste hier schnellstens raus. Auch, weil jeden Tag Hartmut der Herzlose zurückkehren konnte.
Gegenüber, etwas oberhalb seiner Zelle, erkannte er die dunkle Öffnung, die den Weg in die Freiheit wies. Er musste über den Brunnenschacht auf die andere Seite gelangen. Als Gerda ihm auf seinen Wunsch Holzscheite und Stricke brachte, fragte er: „Wie kann ich mich für Eure Hilfe erkenntlich zeigen?“
„Versprecht mir, dass Ihr dasselbe für mich tun werdet, wenn ich mich einmal in Not befinde.“ Hubert versprach es.
Kurz darauf gelang es ihm, den Brunnenschacht zu überqueren und in den niedrigen Gang zu kriechen. Das Hindurchkommen war ein mühseliges Unterfangen, denn an manchen Stellen versperrten Wurzeln fast vollständig den Pfad. Doch mit dem Dolch, manchmal sogar mit seinen Zähnen, bahnte sich Hubert den Weg. Endlich konnte er den Ausgang sehen. Er kroch ins Freie, das Licht blendete – und …
… Susi lag vor dem Burgtor auf dem Waldboden. „Um Himmels willen! Was war das? Ein Traum?“ Verwirrt setzte sie sich auf, prüfte ihren Körper. Kein Schmerz, keine Verletzung. Nur ihr Puls raste. Sie dachte an das Verlies, den Mann. An Gerda. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, sie zog die Stirn in Falten. Dann öffnete sie ihren Rucksack und zog einen Brief hervor. Er stammte von ihrem Brieffreund Jerry – dem Mann, dessentwegen sie überhaupt hierhergereist war. Er saß in den USA im Gefängnis. Seit über zehn Jahren standen sie miteinander in Briefkontakt. Sie hatte ihn damals in einer Reportage über US-Gefängnisse gesehen. Er war ihr auf seltsame Art vertraut gewesen und so hatte sie ihn angeschrieben. Vor einigen Wochen hatte er sie gebeten, für seine bevorstehende Bewährungsanhörung einen Anwalt zu finden und, soweit es ihr möglich war, die Kosten mitzutragen. Erstmals bestand die Aussicht, dass er nächstes Jahr nach dreißig Jahren freikommen könnte. Susi hatte gezögert. Schließlich war Jerry wegen Mordes verurteilt worden. Doch je mehr sie über die Umstände erfahren hatte, desto schwerer war es ihr gefallen, ihn nur auf seine Tat zu reduzieren. Dann war da noch jene rätselhafte Passage in dem Brief gewesen, in der Jerry ihr von einem immer wiederkehrenden Traum erzählt hatte. Ein Frauenkopf war ihm erschienen, die blonden Haare in einem Kranz um den Kopf gewunden, der sagte: „Ich bin es, Gerda. Es ist Zeit, Hubert an die Erfüllung seines Versprechend zu erinnern“.
Susi hatte es als unwichtig abgetan. Erst jetzt verstand sie.
Sie eilte zurück zum Hotel. Kaum in ihrem Zimmer, klappte sie den Laptop auf und begann, nach Bewährungsanwälten in Texas zu suchen.
9900 Z/V1
