Von Sabine Rickert
An der Decke sehe ich die kleinen Striche und Dellen, die deine Jonglierübungen mit den Diabolos und Keulen hinterlassen haben. Die billigen Ikea-Plastiklampen liegen auf dem Schrank. Sie verursachten keinen Schaden, wenn sie zerplatzten, weil ein Diabolo dagegen flog. Ich brachte immer gleich fünf Lampen mit; dein Verschleiß war hoch.
Das Üben hat sich gelohnt: Du balancierst mittlerweile drei Stück auf einer Schnur. Wirfst sie in die Luft und fängst sie wieder auf, wie ein Profi. Ebenso die Keulen, und dazu lässt du eine durchsichtige Kontaktkugel über deine Arme und Oberkörper laufen. Die Letztere hat mich immer besonders fasziniert.
Draußen üben war keine Option, das Material hätte Schaden genommen auf dem harten Boden. Somit hatten die Wände, vor allem die Decke und die Lampe, das Nachsehen. Wir hatten erst vor, dein Zimmer mit Kellerlampen, die mit einem Gitter geschützt sind, auszustatten, sogenannte Feuchtraumlampen, bruchsicher.
Jetzt hast du das Nest verlassen. Du bist kein Bamoccione, und ich keine italienische Mama, das steht fest. Deine natürliche Nestflucht hat dich nach der Ausbildung eine Wohnung suchen lassen. Ich stehe hier in diesem Empty-Nest und warte auf das Syndrom.
Unser Haus ist nicht völlig kinderfrei; deine Schwester ist im Abitur. Es sind im Moment zwar alle Optionen offen, aber womöglich macht sie ein soziales Jahr, eine Ausbildung oder ein Studium. Sie würde gerne hier wohnen bleiben, hat sie uns versichert.
Doch ein Zimmer ist wieder frei. Wer bekommt diesen Rückzugsort, das Ehepausenresort, den Himmel auf Erden, auf den wir vierundzwanzig Jahre gewartet haben? Mit diesen glänzenden Aussichten wird bei mir kein Syndrom aufkommen.
Deine Sachen hast du zum größten Teil mitgenommen, nur die Erinnerungsstücke aus Kindertagen sind im Kleiderschrank gelagert.
Die Quartette, Gebasteltes aus der Grundschule und leider die ganze Kiste mit dem Jongliermaterial. Etwas Wehmut kommt auf.
Jetzt erst einmal an den Smart-TV denken, der hier hereinkommen wird, zusammen mit einem Lesesessel, einem kleinen Tischchen … Den Laptop habe ich auf den leergeräumten Schreibtisch platziert. Sieht etwas verloren aus. Trotzdem habe ich damit schon einmal mein Revier markiert.
Wie streiche ich die Decke? Habe ich überhaupt vor die Dellen und Striche zu übermalen? Mal schauen.
Ich höre meinen Mann schnaufend die Treppe heraufstapfen. Er trägt seinen dicken Prozessor herein.
„Machst du gerade sauber ?“, fragt er erstaunt.
„Nein, ich überlege, wie ich mir das Zimmer einrichte. Welche Akzente ich hier reinbringe.“
„Wieso du? Ich dachte, es ist klar, dass das mein neues Arbeitszimmer wird.“
„Hast du Homeoffice in naher Zukunft?“, frage ich erstaunt.
„Nein, aber …“
„Ich wünsche mir ein Fernsehzimmer mit eigener Fernbedienung, über die nur ich bestimme. Außerdem einen Rückzugsort zum Schreiben und Lesen“, erkläre ich ihm.
„Ich ebenfalls“, sagt er empört.
„Wie, du liest? Wieso ist mir das nicht aufgefallen? Haben wir uns auseinandergelebt?“, scherze ich.
„Nein, aber ich würde mich gerne zurückziehen mit einem Smart-TV, wo nicht über Monate Grey´s Anatomy läuft.“
Ich gebe zu, diese Serie hat viele Staffeln. Man sieht förmlich, wie die Schauspieler altern. Unser Filmgeschmack driftet auseinander. Wir sind uns nur bei Star Trek einig.
„Du kannst Herr über die Fernbedienung im Wohnzimmer werden, das Herrchen warst du ja schon die ganze Zeit. Sind das nicht tolle Aussichten?“
„Das ist kein Smart-TV, ich hasse es, Netflix auf den Computer zu gucken. Außerdem stören meine Filme unten das Allgemeinwohl.“
Das stimmt, ich bin empfindlich, vertrage keinen Horror, wenig Aufregung und nur leichte Spannung. Aber ich wäre dann ja oben, somit irrelevant. „Wie klären wir das Zimmerproblem? Wir könnten uns wochenweise abwechseln“, schlage ich vor.
„Nein, ich beanspruche alles oder nichts. Wir lösen es auf die alte Art: Ein Wettkampf wird entscheiden, wer dieses Paradies hier bekommt“, sagt er herausfordernd. Er grinst und knips mit dem rechten Auge. Sein Charme wickelte mich mal wieder ein.
„Gut, ich bin dabei, Sonntag nach dem Familienessen. Wir spielen DOG im Team, jeder mit einem Kind.“
Ich setze mein Kampfgesicht auf und zeige mit dem Zeige- und Mittelfinger in Richtung meiner Augen und dann zu seinen. Ich bin entschlossen, zu gewinnen.
Sein Grinsen wird breiter. Er stellt seinen Prozessor neben meinen Laptop auf den Schreibtisch. Das ist seine Kampfansage!
Sonntag nach dem Essen, die Kinder sind längst eingeweiht und veräppelten uns schon bei den Vorbereitungen. Es ist für sie ein großer Spaß. Mama und Papa im Wettkampf um das freigewordene Zimmer. Ich glaube, sie haben heimlich gewettet.
DOG ist so ähnlich, wie Mensch ärgere dich nicht, abgeändert durch Funktionskarten, die jeder Spieler vorher bekommt. Die sind der Ersatz für den Würfel. Man spielt in Teams oder einzeln, je nachdem ändern sich die Bedingungen etwas. Ich spiele mit dem Sohn gegen meinen Mann und die Tochter. Wir haben einen guten Start und erzielen in den ersten Runden schon fast einen Homerun. Wie bei Mensch ärgere dich nicht, müssen vier Spielsteine in das Ziel, um zu gewinnen. Danach wird dem Teamkollegen geholfen, seine Figuren in das Ziel zu bringen. Vor jeder Runde tauscht man mit seinem Partner eine für ihn nützliche Karte aus. Soweit zum Spiel!
Zwischendurch gibt es eine kleine Kaffeepause, die Partie zieht sich schon mal lange hin. Bei Cappuccino und Keksen eröffnet uns die Tochter, dass sie an ihrer Lieblingsuni in Leipzig angenommen worden ist und sich für das Wintersemester gerne anmelden würde.
Das ist eine große Überraschung, wir freuen uns für sie. Diese Option hatte sie uns verheimlicht, sie hatte Angst zu scheitern.
Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten, und ich sehe meinem Mann an, wie er so eben die gleichen Gedanken hegt wie ich.
In drei bis vier Monaten wird ein zweites Zimmer frei, denn für Leipzig braucht sie eine Studentenbude, das ist zu weit weg.
Dieser Raum liegt im Erdgeschoss, mit einem großen Smart-TV und Ausgang zum Garten. Wir hatten es erst frisch gestrichen, ich bräuchte nur meinen Fernsehsessel reinschieben, fertig. Es ist das schönste Zimmer im Haus.
Wir spielen weiter. Mein Sohn und ich haben schon einen großen Vorsprung. Aber freut mich das jetzt, anhand der Neuigkeiten? Wir torpedieren unsere Kinder.
„Mama, was ist das denn, du hättest den Papa da wegkicken können. Wieso bist du so gelaufen? Jetzt ist er gleich drin.“
„Pech, da habe ich gepennt.“
Mein Mann wirft mir einen kämpferischen Blick zu und kopiert dieses Finger-Ding in Richtung unserer Augen.
Letztlich stehen wir mit den jeweils letzten Figuren vor dem Eingang zum Ziel und hoffen, die richtige Karte zu ziehen beziehungsweise lieber die falsche. Unterstützt durch unsere Kinder, die längst ihre Püppchen im Stall haben.
Am nächsten Tag trägt mein Mann seinen Prozessor wieder in die untere Etage, mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen.
Er hilft mir gönnerhaft mit dem Lesesessel in die obere Etage.
So bedauerlich ist das gar nicht für mich, stelle ich mit der Zeit fest. Ich bin weit weg von allem, mit einem Haustelefon im Zimmer. Das benutze ich öfter mit dem Satz: „Schatz, reichst du mir mal eben … an.“
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