Von Andreas Schröter

Zwischen Abi und Bundeswehr hatte ich sechs Monate Zeit, und weil ich immer gerne genug Geld für Sprit im Tank meines Rollers hatte, sorgte ich dafür, dass dieser Zustand (im Portemonnaie) auch erhalten blieb. Ich hatte in dieser Zeit gleich drei unterschiedliche Aushilfsjobs. Einer war besonders easy. Ich musste nachts – von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens dauerte die Schicht – in einem kleinen Baucontainer sitzen und sechs Monitore im Auge behalten. Sie zeigten die Bilder von genauso vielen Kameras, die rund um einen potthässlichen Nachkriegsbau – ein einfallsloser viereckiger Kasten – aufgebaut waren. Das Gebäude sollte in drei Tagen abgerissen werden. Früher war es wohl mal eine Schule, später eine Musikschule gewesen. Jetzt stand es schon seit fünf Jahren leer. Ich fragte mich, was es bei einem Schrottbau, der ohnehin vor dem Untergang stand, noch groß zu bewachen gab. Aber der – für meinen Geschmack etwas zu hochnäsige – Chef erklärte es mir. Man wolle sich vor Kupferdieben schützen, schließlich wolle man das Zeug auch selbst gerne noch verkaufen. Außerdem gab es Hausbesetzer. Ein besetztes Haus konnte man schlecht abreißen. So etwas würde Kosten und Scherereien verursachen. Drittens standen auch schon die Abrissbagger und andere Geräte bereit. Und die sollten schließlich weder zu Schaden kommen noch geklaut werden.

Gut, mir war das vollkommen egal. Es war ein Job, der genau eine Woche dauern würde. Danach wäre das Gebäude platt, und Schutt musste tatsächlich niemand mehr bewachen.

Ich saß also in meinem Container, streamte auf dem Handy eine Netflix-Serie nach der anderen und schaute gelegentlich auf die Monitore. Da passierte rein gar nichts. Jedenfalls am ersten und zweiten Tag. Am dritten Tag fiel mir kurz nach Schichtbeginn – es war sogar noch ein bisschen hell – ein Opa auf, der auf einer der Bänke gegenüber dem Betonklotz saß. Er starrte gedankenverloren auf die Fassade. Seltsam. Wer machte sowas so spät am Abend? Gegen Mitternacht stand er auf und ging. Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich wieder „Breaking Bad“ zu. Die Nacht blieb ruhig.

Am vierten Abend war er wieder da. Und wieder starrte er bewegungslos das Haus an. Das heißt: nicht ganz bewegungslos. Irgendwas fiel mir jetzt in seinem Gesicht auf. Ich rückte näher an die Monitore heran. Sein Gesicht zuckte. Er weinte.

Ich fand „Breaking Bad“ zwar saustark, aber ich hätte später noch Zeit, die nächsten Folgen zu gucken. Ich drückte auf Pause, erhob mich, zog die wichtig wirkende Uniformjacke der Baufirma an, verließ meinen Container und ging die paar Schritte zur Bank des Seniors. Als er mich bemerkte, wischte er sich eilig mit dem Taschentuch übers Gesicht. Er wollte vor mir verbergen, dass er geweint hatte.

„Sir“, sagte ich bescheuerterweise, „alles okay?“

„Nein, es ist nicht alles okay. Aber das lässt sich nicht ändern. Darf ich hier nicht sitzen?“

„Doch, doch, natürlich.“

Ich setzte mich neben ihn, und wortlos starrten wir jetzt beide das Haus an. Weil ich Schweigen aber nur eine begrenzte Zeit aushalte, sagte ich bald: „Eine Bausünde, oder? Gut, dass es bald weg ist.“

„Da bin ich gänzlich anderer Ansicht, junger Mann.“

Er hatte es mit einer gewissen Schärfe gesagt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Wieder verfielen wir in Schweigen, doch diesmal war er es, der es brach: „Ihrer Uniform nach zu urteilen, sind Sie so eine Art Wachmann. Wäre es möglich, dass Sie mich kurz ins Haus lassen? In den dritten Stock, wenn’s geht.“

Äh – der hochnäsige Chef hatte mir nicht verraten, was ich in einem solchen Fall zu tun hätte. Vermutlich kam er in der Geschichte der vor dem Abriss stehenden Häuser eher selten vor. Eigentlich hatte ich nicht vor, irgendwelche Fremde ins Hauszu lassen. Andererseits wirkte der Alte aber jetzt nicht unbedingt wie ein Kupferdieb oder Hausbesetzer auf mich. Auch glaubte ich nicht, dass er mir irgendwie gefährlich werden könnte. Und ein kleiner Ausflug wäre vielleicht sogar eine nette Abwechslung.

„Na gut, aber ich gehe mit.“ Die Schlüssel zum Gebäude hatte ich schließlich – für den Fall, dass sich jemand Unbefugtes darin aufhielt und ich gezwungen war, ihn (oder sie) an die Luft zu setzen.

Jetzt wurde es doch langsam dunkel, und weil die Stromversorgung im Inneren des alten Kastens bereits abgeschaltet war, waren wir auf unsere Handy-Leuchten angewiesen. Kurz wunderte ich mich, dass auch mein Begleiter ein modernes Smartphone besaß und offenbar sogar wusste, wie man damit umzugehen hatte. Die Opas von heute waren auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Im dritten Stock angekommen, ging er noch ein paar Schritte weiter. Dann stoppte er vor einer der Türen, die in irgendwelche Zimmer gingen – vermutlich die ehemaligen Klassenzimmer.

„Hier ist es.“

„Was ist hier?“

Er gab mir keine Antwort. Dann sagte er leise: „Sie war das schönste, liebevollste, begehrenswerteste, süßeste Mädchen, das ich im ganzen Leben kennengelernt habe, junger Mann. Ihre Haut war so weich wie …“

„Pfirsiche?“, schlug ich vor.

„Ich mag keine Pfirsiche. Erst mochte ich sie übrigens auch nicht besonders, müssen Sie wissen. Sie kam mir höchst durchschnittlich vor.  Doch das änderte sich mit der Zeit. Wir sahen uns einmal in der Woche in der Tanzschule, und sie wurde meine feste Tanzpartnerin. Irgendwann ging ich dazu über, sie nicht mehr nur per Handschlag, sondern mit einem kleinen Küsschen zuerst auf die Wange, dann auf den Mund zu begrüßen. Und sie schien das zu mögen. Ich fuhr sie mit meinem Moped nach Hause und sie klammerte sich an meinen Rücken.“

„Sie haben sich verliebt“, warf ich ein, um auch mal wieder etwas zu sagen.

„Ich habe mich in einer Weise verliebt, wie es weder davor noch danach in meinem ganzen Leben wieder passieren sollte. Ich vergötterte sie. Ich konnte abends nicht einschlafen, weil ich immerzu an sie dachte, ich konnte morgens nichts essen, weil ich immerzu an sie dachte. Wir kamen tatsächlich zusammen und sie wurde meine erste feste Freundin. Ich verstehe bis heute nicht, warum sie sich für einen Tölpel wie mich entschied. Als wir uns entschlossen, ein Paar zu werden, hauchte sie mir ins Ohr: ,Du musst mir aber eines versprechen: mich niemals zu hintergehen und mich niemals zu belügen‘. Ich versprach es. Hoch und heilig sogar, wie man so sagt.“

Dafür, dass er erst geschwiegen hatte, redete er jetzt überraschend viel, fand ich. Ich überlegte, ob ich auch mal wieder etwas Sinnvolles einstreuen könnte, und wenn ja, was um Himmels Willen.

Doch er fuhr fort: „Obwohl wir damals beide erst gerade 18 Jahre alt waren, war ich mir hundertprozentig sicher, dass wir den Rest unseres Lebens zusammenbleiben und vier Kinder bekommen würden. Wir kauften uns Freundschaftsringe. Auf meinem war der Anfangsbuchstabe ihres Vornamens eingraviert, auf ihrem meiner.“

Ich war mir relativ sicher, obwohl der Alte es noch nicht gesagt hatte, dass die beiden heute nicht mehr zusammen waren und dass sie keine vier Kinder bekommen hatten. Die Tränen sprachen Bände. Einigermaßen beklommen fragte ich also: „Was ist passiert?“ – und rechnete schon mit einer tragischen Geschichte, die böse endete.

„Das Leben. Genauer gesagt die Abifeier meines Jahrgangs in der Schule. Ich war sturzbetrunken. Wir hatten Shots auf unsere Freundschaft getrunken – für jeden im gesamten Freundeskreis einen. Und mein Freundeskreis war damals groß. Irgendwann machte sich Heike an mich heran, und ich absoluter Vollidiot ließ es geschehen. Einer meiner ,Freunde‘ – da sehen Sie mal, was das Wörtchen ,Freund‘ bedeutete: nichts – steckte es Karin, so hieß meine Geliebte, und es war aus. Sie können mir glauben: Ich versuchte damals alles, wirklich alles, um sie umzustimmen. Vergeblich. Immer wieder sagte sie: ,Ich habe dich nur um eine einzige Sache gebeten: mich nicht zu hintergehen. Und genau das hast du getan. Wie könnte ich dir jemals wieder vertrauen?‘ Sie entschied sich für ein Au-Pair-Jahr in Südfrankreich. Etwas, das sie vorher nicht vorgehabt hatte. Dort traf sie ihren späteren Mann und bekam vier Kinder. Meines Wissens lebt sie heute immer noch in Aix-en-Provence.“

Wir schwiegen eine Weile. Ich dachte an meine Freundin Jessica und dass ich sie besser nicht betrügen sollte.

Mein Begleiter fuhr fort: „Sie konnte wunder-wunderschön Klavier spielen. Und hier“, er machte eine vage Handbewegung im Dunkeln, „hatte sie einmal in der Woche Klavierunterricht. Ich war fürchterlich eifersüchtig auf den Klavierlehrer. Jedenfalls holte ich sie immer ab, sagte ihr aber nicht, dass ich jedes Mal schon eine halbe Stunde vor Ende der Stunde hier war. Ich setzte mich auf eine Bank, die damals hier noch stand, und lauschte ihrem Klavierspiel. Diese Momente gehören zu den schönsten Erinnerungen in meinem Leben.“

Er brach ab, sagte nach einer Weile „Darf ich?“ und zückte sein Smartphone.

Ich wusste nicht, was er meinte, doch schon ertönte leise eine Nocturne von Chopin.

Und wieder traten dem Alten Tränen in die Augen.

Ich wusste nicht, wie ich diese Situation bewerten sollte. Ich stand mit einem wildfremden alten Mann hier in einem maroden vor dem Abriss stehenden Bau im (mittlerweile) Stockdunklen, und wir hörten Chopin. War das jetzt unfassbar kitschig, oder doch irgendwie rührend?

Als die Musik verklungen war, sagte mein Begleiter, dessen Name ich nie erfahren habe, mit zitternder Stimme: „Das hat sie immer gespielt – Danke!“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ, ohne auf mich zu warten, im Schein seines Handylichts die alte Musikschule.

Ich habe ihn niemals wiedergesehen.

Zwei Tage später gab es das Gebäude nicht mehr.

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