Von Tomas Sütterlin

Der Kaffee duftet aus meinem edlen Coffee-to-Go-Becher. Feinstes Berliner Porzellan, Reliefdekor Kurland und natürlich personalisiert, steht er im Becherhalter meines SUV. Status pur!
Aus dem Autoradio jammert Bonnie Tyler ihr ewiges „It‘s a heartache“. Seit beinahe 50 Jahren bin ich in diese Frau verliebt und noch viel länger, ist sie verheiratet. Leider nicht mit mir.
Heute! Heute soll es passieren! Ich will diese Villa betreten. Wochenlang habe ich sie beobachtet. In keinem der einschlägigen Foren wird sie erwähnt. Ich werde sie förmlich entjungfern.
Je näher ich komme, um so aufgeregter werde ich.
Das ist nicht so ein Rendezvous, bei dem die Frau dann immer noch sagen kann, dass sie mich doof findet. Solche Sachen habe ich mir lange abgewöhnt. Zu oft …
Ein verlassenes Haus ist wie ein verlassener Mensch. Ich bin gespannt, was die Villa zu erzählen hat, wie sie mich aufnimmt.
Mein Wagen folgt dem kaum erkennbaren Waldweg, den ich bisher, um nicht aufzufallen, immer zu Fuß gegangen bin. Die Szene kennt mich und keinesfalls wollte ich das Risiko eingehen, dass mein Kennzeichen in der Nähe gesehen wird. Jetzt rechts und da steht sie. Mein Herz schlägt schneller, der Hals geht zu.
Sie ist wunderschön. Ausladende Formen in rotem Backstein mit gelben Ornamenten. Das Walmdach mit seinen Vorsprüngen und Erkern ist dick bemoost An einigen Stellen hängt die Regenrinne durch, wie eine Girlande.  Meine Hände sind feucht vor Erregung. Ich stelle die Sneakers in den Kofferraum, ziehe die dicken Baustellenschuhe an und nehme die Ausrüstung. Werkzeug, eine Stirnlampe, die GoPro und eine Dose Red Bull.
Der Zaun ist umgefallen und scheint nach meinen Füßen zu greifen, als ich das Grundstück betrete. Rostige Nägel brechen unter meinen schweren Schuhen. Vorsichtig steige ich über die Bretter und bahne mir einen Weg durch das Gestrüpp. Ein uralter knorriger Apfelbaum mit dichter Krone steht in voller Blüte, Bienen summen. Ich will nicht stören und mache einen Bogen.
Zum Garten hat die Villa eine breite Freitreppe, ein prächtiger Anblick. Einige Stufen sind von dicken Wurzeln überwuchert, als wolle der Garten ins Innere vordringen. Ich kann es kaum erwarten aber alte Treppen sind tückisch und mancher ist bei der Eroberung eines alten Gemäuers verunglückt und mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus aufgewacht.
Wenn ich so konzentriert arbeite, kaue ich immer auf meiner Unterlippe. Egal, hier sieht mich ja keiner.
Die Türen sind morsch, teilweise fehlt das Glas, aber alle sind verschlossen. Warum so abweisend, alte Lady? Durch eine Öffnung erreiche ich einen Riegel. Geht doch! Ich drücke die Tür auf. Sie knarrt. Vielleicht ist sie sauer, weil ich ihre Ruhe störe?
Ich komme in eine Halle, die fast die gesamte Breite des Hauses einnimmt. Die Decke ist zwei Stockwerke hoch. Ehrfurcht ergreift mich, als wäre ich in ein Schloss eingedrungen.
Der Lichtstrahl der Stirnlampe fällt auf alte Möbel. Ich staune. Spinnweben und Staub auf geschwungenen Jugendstilmöbeln. Sofas, Stühle, Anrichten, hier steht ein Vermögen rum, wenn die Sachen halten, was der erste Blick verspricht. Atemlos schaue ich mich um. Auf dem großen Tisch in der Mitte steht eine riesige Vase. An den Wänden hängen monumentale Rahmen mit vom Schmutz überdeckten Bildern. Alles ist, als wären die Bewohner vor langer Zeit weggefahren und hätten die Villa vergessen. Was ist hier geschehen?
Ich öffne eine andere Tür zum Garten und stelle mir vor wie hier ein Ball gegeben wird. Vielleicht hat jemand Geburtstag?
Damen in rauschenden Kleidern, Herren im Smoking, Walzermusik. Zum Garten hin sind alle Türen offen und die Sommerluft flutet den Raum. Kinder spielen auf dem Rasen.
Wie gern wäre ich dabei gewesen.
Steige ich erst nach oben oder erkunde ich die hinteren Zimmer? Gleich hier links ist eine Tür. Die Klinke geht leicht. Kaum habe ich sie berührt, schwingt das Türblatt nach innen. Hier steht nur ein langer Tisch und rechts ist die nächste Tür. Diese ist verschlossen. Ich versuche mir den Grundriss vorzustellen und kehre in die Halle zurück. Die nächste Tür steht offen. Ich finde einen Lagerraum mit Regalen bis zur Decke, die voller Geschirr stehen. Fassungslos starre ich auf feinstes Porzellan. Porzellan ist meine zweite große Liebe, neben Bonnie Tyler. Hier steht in Stapeln das Service, dass zu meinem Kaffeebecher passt. Kurland, entworfen von Riese, reinster Klassizismus. Das schönste aller Service.
Ich reiße mich los und erkunde die anderen Räume.
Die Luft ist trocken und staubig. Ich muss husten. Nach meinem Rundgang im Erdgeschoss will ich nach oben. Was mich dort erwartet?
Vorher gehe ich noch kurz zurück vor die Tür, setze mich auf die Treppe und trinke mein Red Bull. Mein Hirn braucht etwas Erholung.
Solche Lost Places sind immer für eine Überraschung gut, aber was ich hier gefunden habe, macht mich fassungslos.
Als ich mich umdrehe, fällt die Tür zu. Ich höre den Riegel einschnappen. Ich schüttle den Kopf.
Häuser haben eine Seele. Davon bin ich überzeugt. Sie haben ein Eigenleben und sagen uns, ob wir willkommen sind, oder nicht. Ich habe schon viele verlassene Gemäuer erforscht. Wenn das Haus nicht besichtigt werden will, zeigt es das deutlich. Dann sind Türen kaum zu öffnen, Treppen sind unbenutzbar und es ist gefährlich, es gegen seinen Willen zu betreten.
Diese Villa ziert sich etwas, ist aber nicht wirklich abweisend, eher kokett.
Die breite geschwungene Treppe hinauf ist aus Holz und gut intakt. Das war Handwerkskunst vom Feinsten. Üppiges florales Schnitzwerk ziert das Geländer. Sie knarzt etwas, als hätte ich sie geweckt. Oben finde ich vollständig eingerichtete Schlafzimmer, eine Bibliothek ohne Bücher und ein Arbeitszimmer mit einem riesigen Schreibtisch. Alles ist voller Spinnweben. Dicker Staub liegt überall. Eine heilige Decke aus Staub und Spinnweben. Zu gern hätte ich mich in den monströsen Sessel hinter dem Schreibtisch gesetzt, aber ich möchte die ehrwürdige Ruhe nicht stören.
An einem Ende ist ein großes helles Zimmer mit zwei Kinderbetten. Auf einem Stuhl sitzt ein Teddy. Teile einer Modelleisenbahn liegen mitten auf dem dicken Teppich als wären die Kinder gerade eben fortgelaufen.
In einem Schlafzimmer öffne ich den Kleiderschrank und finde ihn voller Kleider. Auch hier, Spinnweben wie Zuckerwatte und ich fürchte, bei der ersten Berührung zerfallen die Textilien zu Staub. Also fasse ich nichts an und schließe den Schrank vorsichtig.
Die Bücher haben sie mitgenommen. Alles andere blieb zurück. Was ist damals passiert?
Ich finde eine Treppe zum Dachgeschoss. Sie knarrt laut und scheint zu sagen: Geh nicht hinauf!
Mir rutscht das Herz in die Hose, aber natürlich muss ich das jetzt auch noch sehen.
Langsam, vorsichtig, behutsam und etwas verkrampft steige ich Stufe für Stufe höher. Oben angekommen fällt das Licht meiner Stirnlampe in einen schmalen Gang von dem rechts und links Türen abgehen. Vermutlich die Gesindezimmer.
Ich habe Hunger. Drei Stunden sind sicher vergangen, seit ich die Lady betreten habe. Wie hier so stehe und nachdenke, ob ich dem Hunger nachgebe oder mir die Räume hier oben anschaue, öffnet sich am Ende des Ganges eine Tür. Gegen das Licht aus dem Zimmer, sehe ich die Silhouette eines Mannes mit einer Kaffeetasse. Ich erstarre.
Mit freundlicher Stimme sagt er: Guten Tag, ich hatte lange keinen Besuch. Möchten Sie einen Kaffee?

 

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