Von Brigitte Noelle

Barbara war müde, wie so oft nach ihrer schweren Krankheit im vergangenen Jahr. Diese war es auch, die sie gelehrt hatte, das Alter willkommen zu heißen, ja sogar ihren Tod, der wohl bald anklopfen würde. All das war Teil von ihr und ihrem langen, bewegten Leben. Erst vor drei Monaten war ihr letztes Buch herausgekommen, wahrscheinlich ihr letztes und gleichzeitig die Rückschau auf ihren Werdegang: „Am Atem der Geschichte – mein Leben als Journalistin“.

Nachdenklich fasste  sie nach einer glasierten Tonscherbe. Das Stück lag gut in der Hand: etwa so groß wie ein Glasuntersetzer, elegant gewellt und von einem intensiven Blau, das fast zu glühen schien. Die Zeit hatte ihr nichts anhaben können. 

Vor dem Fenster trieb der Wind die gelben Blätter des Ahorns vorbei. Barbara erinnerte sich …

 

„Ich halte das nicht mehr aus! Niemand versteht mich! Papa hat immer nur die blöden Sportsendungen im Kopf, wenn er denn einmal zu Hause ist, und Mama putzt mir ständig hinterher, hirnloser geht es wohl nicht! Und mein Namen, was ist den Alten dabei eingefallen? Bärbel! Babsi! Zum Davonlaufen! Na, das tue ich ja gerade.“

Das junge Mädchen stapfte wütend durch das gelbe Herbstlaub, das den Fußweg durch das Waldstück am Stadtrand bedeckte. Nach dem Streit mit ihrer Mutter wollte sie nur noch alleine sein.

„Keine Ahnung haben die von irgendwas – zum Geburtstag habe ich einen eigenen Plattenspieler bekommen. Gut. Aber was dazu? ‚Seemannslieder‘ von Frddy Quinn und ‚Lolita singt und jodelt‘. Um die Beatles und die Stones anzuhören, musste ich die Platten von Marie ausborgen. Und überhaupt, die Schule: Jeden Tag der gleiche Trott! Ständig Prüfungen, Schularbeiten, völlig sinnloses Lernen! Wozu brauche ich die Landwirtschaft in Brasilien oder das Volumen einer Kugel? Wenn ich denke, dass das noch vier Jahre so weitergehen soll …“

Von vorne näherte sich eine Gruppe von Kindern, die lärmend und kreischend die Ruhe des herbstlichen Nachmittags störte. Barbara wich aus und schlug sich ins Buschwerk. Nach einigen Minuten stand sie vor einer grob gebauten Mauer. Der Putz war großteils abgefallen, die brüchigen Steine locker und teilweise ausgebrochen. Und hier, wenige Meter weiter, war sogar ein breiter Riss.

Barbaras Neugierde war erwacht. Sie quetschte sich durch den Spalt und gelangte unversehens in ein wildromantisches Märchenland: Ein verwilderter Garten: Moos bedeckte den gewundenen Weg, blassblaue und lilafarbene Astern sahen sie melancholisch an, und herabgefallene Kastanien leuchteten samtig-braun aus dem Nest ihrer Blätter. Zwischen dem bunten Herbstlaub der Bäume erkennte sie ein Haus. Es musste aus dem letzten Jahrhundert sein. Früher ein stattlicher Familienbesitz, wirkte es nun trübe und verfallen.

Barbara liebte Geheimnisse.

Die grün gestrichene Holztüre hing schief in einer einzigen Angel und ließ sich leicht öffnen, nachdem der Schutt, der den Boden bedeckte, beiseitegeschoben war. 

Die Räume waren verwüstet. Regale umgeworfen, Schubladen herausgerissen, Schränke umgeworfen. Wertvolles würde nicht zu finden sein, alles wirkte so, als ob das Haus geplündert worden wäre. Einige modrig riechende Fetzen lagen umher wie ertrunkene Katzen, das rostige Küchengeschirr, das auf dem morschen Holzboden lag, machte die Räume einsamer, als sie ohnehin schon waren.

Auf dem Weg durch das Haus gelangte Barbara in einen großen, lichtdurchflossenen Raum mit einem langen Tisch, auf dem Werkzeug lag, Töpfe Tiegel und Pinsel. Zahlreiche umgestürzte Regale. Eine Werkstatt? Ein Atelier? Der Boden war übersät mit Scherben. Das Herz des Mädchens wurde beklommen vom Anblick dieser sinnlosen Zerstörung. 

Ein Lichtstrahl, der durch ein zerbrochenes Fenster drang, ließ die Staubpartikel flimmern und beleuchtete ein Stück Keramik. Es schien Teil eines Faltenwurfes zu sein. In seiner Endgültigkeit wirkte es wie in einer leichten, fließenden Bewegung erstarrt. Es war in einem intensiven Ultramarinblau glasiert, das das Mädchen unwillkürlich anzog. Barbara hob die Scherbe auf. Sie fühlte sich glatt und kühl an. Fasziniert über die Schönheit ihres Fundes versenkte sich in den Anblick. Dieser kurze Augenblick drang ihr ins Herz, schuf Trost, Freude und Zuversicht. Sie nahm die Scherbe mit und sollte sie nie wieder hergeben. In den nächsten Jahren sollte sie immer wieder an ihren „geheimen Ort“ zurückkehren, wenn sie unglücklich war oder mit den Eltern gestritten hatte. In der ruhigen Einsamkeit der Räume fand sie Zuflucht und sie kam ins Träumen davon, wer dieses Haus früher bewohnt haben könnte.

 

Die Matura stand vor der Türe. Bald, in wenigen Wochen, würde für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Barbara und ihre Freundin Marie waren auf dem Weg nach Maries Haus, wo sie den Abend über lernen wollten. „Ich möchte noch kurz bei Tante Roswitha vorbei schauen“, meinte Marie, „Ich möchte mir von ihr Kleists gesammelte Werke ausborgen und eine Viertelstunde mit oihr plaudern. Sie ist sehr nett, du wirst sie bestimmt mögen.“

So war es auch. Nach der herzlichen Begrüßung bat die Tante die beiden Mädchen ins Wohnzimmer. 

Während die Tante Kaffee zubereitete, sah sich Barbara im fremden Zimmer um und erstarrte: Auf einem Beistelltisch stand die Plastik einer Tänzerin. Mitten in einer Drehung schien ihr Kleid im Schwung erstarrt, der Stoff der Falten wirkte leicht und lebendig wie die Flügel eines Schmetterlings. Und: Der Rock der Figur war aus dem gleichen leuchtenden Blau wie Barbaras Andenken aus dem verlassenen Haus. 

Als sie eine Weile mit Tante Roswitha geplaudert hatten, schien die Zeit gekommen, sich nach der Keramik zu erkundigen.

„Die hat meine Freundin Natalie Lindbaum gemacht“, erklärte die Gastgeberin, „möchtest du die Geschichte hören?“

Nach der Zustimmung der beiden Mädchen begann sie. 

„Natalie und ich sind zusammen in die Schule gegangen. Wir waren enge Freundinnen, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Wir hatten die gleichen Ansichten und Interessen, konnten über alles reden. Früher war es in einer Kleinstadt wie dieser für Mädchen üblich, nach dem Schulabschluss bald zu heiraten, Kinder zu bekommen und zu Hause zu bleiben. Doch wir wollten anders leben und konnten den Widerstand unserer Eltern nach Streit, Tränen und dramatischen Szenen überwinden: Ich ging auf die Universität, und Natalie besuchte die Kunstakademie, wo sie sich auf Keramik spezialisierte. Sie war so begabt, so freundlich, strahlend, und tat dabei immer das, was sie für richtig hielt.“

Tante Roswitha hatte bei der Erinnerung Tränen in den Augen.

„Nach unserer Ausbildung arbeitete ich als Lehrerin. Natalie hatte das Haus ihrer Großmutter geerbt und richtete darin ein Keramikatelier ein. Es steht hier am Waldrand, vielleicht habt ihr es schon einmal gesehen. 

Der Anfang war für sie nicht einfach, aber sie verfolgte ihr Ziel beharrlich, und mit der Zeit sprach sich herum, dass sie wunderschöne Keramiken herstellte. Die Leute aus der ganzen Stadt kamen zu ihr, um ihre Werke zu kaufen, auch weil sie ihnen durch ihre freundliche Art allen das Gefühl gab, herzlich willkommen zu sein. Schließlich fuhren bei ihr auch Autos vor mir Besuchern aus dem ganzen Land, die ihr die Kunstwerke abkauften. Später erfuhr ich, es ging nicht nur um ihre Keramik.“

Die Erzählerin trank einen Schluck Wasser, bevor sie stockend fortfuhr. „Damals hatten bereits die Nazis die Macht übernommen, terrorisierten die Bevölkerung, brachen einen Krieg vom Zaun, der die Welt über Jahre ins Elend stürzte, und es verschwanden immer mehr Menschen, die nicht in das Menschenbild dieser Verbrecher passten. Aus lauter Angst schwiegen die meisten Leute, auch wenn sie all das im Grunde verurteilten. Doch es musste auch bei uns Menschen mit Rückgrat geben, denn immer öfter tauchten Flugblätter auf, die die Verbrechen anprangerten und zum Widerstand aufriefen. Niemand wusste, wer sie verteilt hatte.

Eines Nachts holten sie Natalie ab. Sie verwüsteten ihr Atelier, durchsuchten das ganze Haus und wüteten schlimmer als die wilden Tiere. Wir haben Natalie nie wieder gesehen. 

Später erfuhren wir, dass sie einer Widerstandsgruppe angehört hatte. Die Kunden, die sie besuchten, waren teilweise Mitverschworene, die sie mit Flugblättern versorgten. 

Niemand weiß, wer sie verraten hatte. Ich glaube ja, es war ihre Nachbarin, die Cilly Natter. Die ist gleich nach der Verhaftung mit der Verwandtschaft angerückt, um alles, was nicht niet- und Nagelfest war, davon zu schleppen.

Diese Tänzerin“, Roswitha deutete auf die Plastik, „die ist neben meiner Erinnerung alles, was mir von Natalie geblieben ist. Sie hat damals drei Stück davon gemacht. Eines steht heute in einem Museum, eines wurde von den Nazis zerstört und das dritte seht ihr hier.

Um ihr Haus streiten sich irgendwelche Neffen und Nichten, miteinander und mit der Gemeinde. 

Ich aber“, Roswitha nickte bestätigend, „werde meine Freundin nie vergessen, ihren Mut, immer das zu tun, das sie als richtig erkannt hatte. Und ich freue mich, ein wenig davon an Euch weitergegeben zu haben.“

 

Barbara strich über die Scherbe. So lange war dieses Stück Ton der stille Begleiter ihres Lebens! Auch sie hatte versucht, immer ihren Weg zu gehen, das Richtige zu tun. War es ihr gelungen? Sie hoffte es. 

Das Haus, in dem Natalie ihre wunderschönen Keramiken geschaffen hatte, ist längst verfallen. Schließlich einigten sich die Erben doch und verkauften das Grundstück. Heute steht darauf eine Reihenhaussiedlung.

 

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Anmerkung: Matura ist die österreichische Entsprechung für Abitur.