Von Ines Kruse-Kahn

An einem schwülen Sommertag im Juli stand Kevin Kowalski auf dem Parkplatz einer verwahrlosten Hochhaus-Siedlung im Süden Berlins. Bis auf seinen schicken, fast neuwertigen VW Golf, war dort weit und breit kein einziges Fahrzeug zu sehen.  Zwischen den Kantensteinen  und durch die Risse im Asphalt hatten sich Gräser, vereinzelte Blumen und wilde Kräuter ihren Weg ans Tageslicht gebahnt, die dem trostlosen Bild einen leisen Hoffnungsschimmer verliehen hätten, wäre nicht der ganze Platz von Müll, weggeworfenen Flaschen und  leeren Spraydosen übersät gewesen.

 

Kevins Blick war auf das Hochhaus direkt vor ihm gerichtet. Das Haus, in dem er den größten Teil seiner Jugend verbracht und genau vor zwanzig Jahren seinen Vater verloren hatte, schien aus seinen gespenstisch leeren Fensterhöhlen zurück zu starren. Die ganze Siedlung war seit Monaten entmietet und sollte jetzt abgerissen werden. Die Wohnungsbaugesellschaft hatte entschieden, dass ein Abriss und Neubau preisgünstiger wäre als die aufwändige Sanierung der in den 70er Jahren lieblos zusammen gepappten Bauten. So ein Schwachsinn, dachte Kevin, die neuen Wohnungen  wird sich dann ja doch niemand leisten können, jedenfalls keiner der hier in dieser Gegend wohnen möchte!

 

Heute war Kevin hierher gekommen, um endgültig mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Wie genau das funktionieren sollte, wusste er bisher nicht zu sagen, aber ihm war klar, dass er seinen inneren Frieden finden musste, um ein „normales“ Leben führen zu können. Den Grundstein dafür hatte er schon vor vielen Jahren gelegt: Nachdem er seine Ausbildung zum Gebäudereiniger erfolgreich abgeschlossen hatte, war er in einen grünen Berliner Randbezirk umgezogen, wo er eine hübsche, kleine Wohnung gefunden hatte. Dank seines gutbezahlten Jobs bei der Berliner Stadtreinigung, konnte er sie auch problemlos bezahlen. Vor zwei Jahren hatte Kevin dann Kerstin kennengelernt. Mit ihr wollte er den Rest seines Lebens verbringen, zu dem auch ein oder zwei Kind(er) gehören sollten. Und genau hier lag sein Problem: Konnte er mit seiner Vergangenheit überhaupt ein guter Vater sein?

 

Kevin straffte die Schultern und bewegte sich entschlossen auf den Hauseingang zu, seine Knie zitterten leicht, als er die Stelle passierte, wo damals sein Vater … – Nicht dran denken, einfach weitergehen! An der Haustür, deren Glaseinsatz zersplittert am Boden lag, hing ein verwittertes Schild, welches das Betreten der Baustelle verbot. „Ich sehe hier keine Baustelle“, murmelte Kevin und kletterte geschickt durch das scharfkantige Loch, das die zerbrochene Scheibe hinterlassen hatte.

 

Im Hausflur empfing ihn ein bestialischer Gestank nach Schimmel, Verwesung und Fäkalien, trotzdem bahnte er sich tapfer seinen Weg durch wahre Müllberge, vorbei an teilweise obszön beschmierten Wänden. Bei dem Gedanken, noch sechs Stockwerke vor sich zu haben, wenn er die ehemalige Wohnung seiner Familie erreichen wollte, wurde ihm speiübel, aber mit jeder schmutzigen Treppenstufe, die er erklomm, kam ein Stückchen seiner vergessen geglaubten Vergangenheit zurück: Wie oft war er durch dieses Treppenhaus vor seinem Vater Günther geflohen, wenn dieser ihn – wieder einmal sturzbetrunken – hatte verprügeln wollen. Kevin hatte sich dann immer ein paar Stockwerke höher in einem Abstellraum versteckt, bis er ziemlich sicher sein konnte, dass sein Vater inzwischen eingeschlafen war.  Zu Kevins Glück war Vater Kowalski meistens zu betrunken gewesen, um seinem Sohn auf den Dachboden hinterherzujagen, was aber zur Folge gehabt hatte, dass Kevins Mutter Annemarie die schlechte Laune ihres Mannes hatte ausbaden müssen.

 

Am nächsten Tag hatte Mutter Kowalski das Haus meist nur in langer Bekleidung und mit viel Schminke verlassen können, damit niemand ihre Verletzungen sah, und das war noch vergleichsweise harmlos, denn einige von Günthers Ausbrüchen hatten die kleine, zierliche Frau auch direkt ins Krankenhaus befördert, aber nie hatte sich jemand eingemischt – alle hatten weggesehen: Freunde, Bekannte, Nachbarn, ja sogar die Polizei!

 

Eine seiner schlimmsten Erfahrungen hatte Kevin im Alter von gerade einmal sieben oder acht Jahren machen müssen. Seine Mutter  war damals schwanger gewesen und Kevin hatte sich riesig auf das Geschwisterchen gefreut. Eines Abends war es jedoch wieder zum Streit zwischen den Eltern gekommen, in dessen Verlauf Günther seine Frau so heftig in den Bauch getreten hatte, dass ihr Leben nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte. Für das ungeborene Kind war jede Hilfe zu spät gekommen. Kevin wusste bis heute nicht, welche Lügengeschichten seine Eltern den Ärzten und der Polizei über den „Unfall“ aufgetischt hatten, aber wieder einmal war Günther Kowalski ungestraft davongekommen! Lodernde Wut stieg bei dieser Erinnerung in Kevin auf.

 

Inzwischen hatte er die 6. Etage erreicht, bereit die ehemalige Wohnung seiner Eltern notfalls mit Gewalt zu öffnen, was sich allerdings als unnötig erwies, denn die Tür war nur angelehnt. Tatsächlich war die Wohnung vollkommen leer und verlassen, nichts wies auf die Familie hin, die dort gewohnt hatte, aber vor Kevins geistigem Auge baute sich sofort die Szene des Sommerabends vor 20 Jahren auf, als die drei Familienmitglieder im Wohnzimmer am Abendbrottisch gesessen hatten. Kevin war 15 Jahre alt gewesen. Wieder hatte es Streit zwischen den Eltern gegeben. Kevins Mutter hatte seinem Vater den Alkoholkonsum und seine Spielsucht vorgeworfen. Daraufhin war Günther völlig ausgerastet, hatte seine Frau aufs Übelste beschimpft und ihr gedroht, sie umzubringen. In ihrer Not war Annemarie durch die offene Tür auf den Balkon geflüchtet und hatte sich unter dem kleinen, an der Balustrade aufgehängten, Frühstückstisch zusammengekauert. Günther war Annemarie schwerfällig gefolgt. Kevin, der das Schlimmste für seine Mutter befürchtete, hatte irgendetwas gerufen wie „lass sie in Ruhe!“ und versucht, seinen Vater am Hemd festzuhalten. Plötzlich war dieser jedoch über das Geländer gesprungen und in

die Tiefe gestürzt.

 

So jedenfalls hatte es in den Zeitungen gestanden und so hatten es mehrere Zeugen aus dem Haus gegenüber, aber auch die völlig verstörte Frau Kowalski, bestätigt. Alle hatten beobachtet, wie der verzweifelte Kevin erfolglos versucht hatte, seinen Vater zurückzuhalten. Als Grund für den Suizid wurden die Spielschulden von Günther Kowalski angenommen. Kevin hatte die aufgehobenen Zeitungsartikel in den letzten 20 Jahren wieder und wieder gelesen. Oft hatte sich der junge Mann gefragt, ob Günther Kowalski wohl auch ohne Kevins Zutun in den Tod gestürzt bzw. gesprungen wäre. War er nun eigentlich ein Mörder oder vielleicht sogar ein Held, weil er seine Mutter vor ihrem gewalttätigen Mann gerettet hatte? Aber welche Rolle spielte das denn noch?

 

Jetzt, nach 20 Jahren, an diesem Tag, an diesem Ort, fühlte sich Kevin völlig frei – er spürte keinerlei Reue. Er war sicher, damals richtig entschieden zu haben, als er seinem wütenden Vater einen kleinen Schubs gab und ja, er würde ein guter Vater für seine – noch ungeborenen – Kinder sein.

 

Wie vom Katapult geschossen, rannte Kevin die sechs vermüllten Stockwerke hinunter, sprang in sein Auto und fuhr davon – auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Allen Dreck, alle Gewalt, alle Wut, allen Hass, alle Angst – einfach alles, was seine Jugendzeit ausmachte, hatte er heute in diesem heruntergekommenen Hochhaus zurückgelassen – davon war Kevin überzeugt.     

 

Version 2           7.490 Zeichen