Von Ingo Pietsch

Die Sonne hatte sich hinter dichten Wolken verborgen, und der Wind wirbelte Blätter und Staub über den Boden.
Leron, Otto und Mathilda hatten ihre Fahrräder hinter einem dichten Busch versteckt. Vorsichtig schlichen sie an dem völlig überwucherten Bauzaun entlang, bis sie eine Lücke fanden, durch die sie hindurchklettern konnten.
Das Gelände der Windmühle war früher frei zugänglich gewesen. Doch nach einem Brand vor vielen Jahren hatte man alles abgesperrt.
Die Fünftklässler konnten sich gar nicht mehr daran erinnern, dass das Grundstück jemals anders ausgesehen hatte: Efeu überwucherte die Zäune, Birken sprossen überall und Brombeerranken hatten das Gelände vollständig erobert.
Mathilda fröstelte mit ihrer kurzen Kleidung, als eine weitere Windböe ihre Zöpfe hin und her peitschte: „Sollten wir nicht lieber umkehren? Wenn uns jemand erwischt, bekommen wir riesigen Ärger.“
„Vielleicht ist es besser“, meinte Otto, der Angsthase der Gruppe. Seine Brille war wieder einmal auf seine Nasenspitze gerutscht und er schob sie mit dem Zeigefinger wieder hoch. „Allein die Bundesstraße zu überqueren bringt uns mindestens eine Woche Hausarrest ein!“
Die Windmühle lag am Ortsrand, etwas abseits der stark befahrenen Straße. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass niemand hierher kam. Außerdem sollte es hier spuken.
Und genau deshalb waren sie hier: Sie wollten das Geheimnis der alten Mühle lüften.
Auch Leron fröstelte es. Sein Igelschnitt schien noch mehr in die Höhe zu stehen, als sonst. Gänsehaut lief ihm über die Arme. Mit leicht zitternder Stimme sagte er: „Jetzt sind wir schon einmal hier, dann ziehen wir das auch durch.“
Mathilda und Otto sahen sich an und nickten etwas unentschlossen.
Sie gingen den Zaun weiter entlang, bis sie eine Lücke entdeckten, die groß genug war, um hindurchzuklettern. Jahrzehntelang hatte sich niemand mehr um das Gelände gekümmert.
Eine gepflasterte Zufahrt war nur noch zu erahnen.
Das Trio näherte sich den Überresten des Haupthauses. Aber mehr als einige verkohlte Holzbalken und verstreute Dachziegel waren davon nicht mehr geblieben. Daneben hatte es noch eine Scheune gegeben, von der nur noch eine Backsteinmauer stand. Das alte Fachwerk wurde nur von den Birken gehalten, die zu beiden Seiten des Mauerwerks emporgewachsen waren.
Dunkle Wolken schoben sich über den Julihimmel. Ein Unwetter zog auf.
Otto wischte sich einen Regentropfen von der Brille. „Wir sollten nicht mehr lange hier bleiben. Gleich geht es richtig los.“
„Ja, bis nach Hause schaffen wir es sowieso nicht mehr. Suchen wir lieber einen Unterschlupf.“ Leron schlug mit einem morschen Brett Farne und junge Birken zur Seite.
Die Mühle ragte düster auf der Anhöhe empor. Sie hatte Wind und Wetter getrotzt. Trotzdem war die weiße Farbe fast völlig abgeblättert und der Putz verschwunden. Die Flügel waren erstaunlicherweise nach der langen Zeit aber immer noch gut erhalten.
Blitze zuckten über den Himmel, kurz darauf rollte der Donner heran.
„Ist ja klar. Ausgerechnet wenn wir hier herumschnüffeln, zieht ein Sturm auf!“, schrie Mathilda gegen den heulenden Wind an.
Die Bäume schlugen immer wieder gegen die Mauer der Scheune und erzeugten dabei ein unheimliches Klopfen.
Schwere Regentropfen trieben die Kinder vor sich her. Sie suchten Schutz unter der Balustrade der ersten Etage der Mühle.
Es roch muffig nach feuchtem Sandstein und verfaultem Holz. Grünspan und Pilze überzogen die Bruchsteine wie ein dickes Geflecht.
Ein Teil der Balustrade war schon abgesackt und bot kaum Schutz vor dem Regen.
„Helft mir mal, die Tür aufzubrechen!“, rief Leron. Er versuchte, das Vorhängeschloss der massiven Tür mit seinem Brett aufzuhebeln. Doch das morsche Holz brach sofort entzwei. Mathilda und Otto sahen sich nach etwas um, mit dem sie das Schloss aufbrechen konnten.
Sie waren fast völlig durchnässt, als Otto einen faustgroßen Stein in der Nähe entdeckte. Er sprintete hin und kaum hatte er ihn aufgehoben, schlug an genau dieser Stelle ein Blitz ein.
Sofort zog der scharfe Geruch von verbrannter Luft in ihre Nasen.
„Mist. Otto, bist du verrückt?“ Leron schlug ihm leicht auf die Schulter.
Mathilda musterte ihn besorgt: „Bist du okay?“
Otto starrte einen Moment sprachlos auf die Einschlagsstelle. Dann breitete sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht aus: „Das war voll der Wahnsinn!“
Leron machte große Augen: „Mit dem Stein müsste es klappen.“ Er hämmerte auf das Schloss ein, doch es hielt stand. Stattdessen brach das Scharnier.
„Äh, geht doch.“ Grinsend warf Leron den Stein achtlos zur Seite und traf einen Haltebolzen, an dem ein Seil befestigt war, das bis zum Dach der Windmühle reichte.
Gemeinsam stemmten sie die verzogene Tür auf, die knirschend über den Steinboden schleifte.
Kaum waren sie im Inneren, drängte der Wind hinter ihnen her. Schnell zogen sie die Tür wieder zu.
Nur fahler Lichtschein fiel durch die intakten, aber schmutzigen Fenster hinein, die fast vollständig mit Büschen zugewachsen waren. Ein Blitz tauchte den Raum für einen Augenblick in grelles Licht.
„Ich glaube, da ist ein Lichtschalter.“ Mathilda tastete die Wand ab. „Hier ist er.“
Eine Glühbirne an der Decke flackerte kurz auf und zerplatzte unter einem Funkenregen.
Scherben prasselten auf die Kinder herab, die sich mit den Armen schützten.
„Alles okay bei euch?“, wollte Leron wissen. Dabei hatte er bereits die Taschenlampe seines Smartphones eingeschaltet.
Mathilda und Otto nickten. Im nächsten Moment schüttelten sie gleichzeitig den Kopf, als ein unheimliches Geheule durch die Mühle zog.
„Was war das?“, flüsterte Mathilda.
„Der Geist des Besitzers?“ mutmaßte Otto.
Leron warf ihm einen warnenden Blick zu. „Lasst uns das Geheimnis lüften.“
Sie ließen ihren Blick durch den Raum schweifen: Außer ein paar Regalen gab es hier nichts. Eine Treppe führte hinauf zu einer Falltür. Als sie sie aufstießen, wirbelten sie Wolken an Staub und Mehl auf.
Sie mussten husten und konnten im Smartphon-Licht kaum etwas erkennen. Otto nahm die Brille ab und putzte hastig die Gläser an seinem T-Shirt.
Das Heulen des Windes und das Donnern rückten immer näher.
Die drei Kinder drängten sich dicht aneinander, auf das Schlimmste gefasst. Aber nichts geschah.
Leron ließ den Lichtkegel durch den Raum wandern: Es gab hier zwei Mühlsteine und einen mächtigen senkrechten Holzbalken, der nach oben führte.
„Das müsste die Königswelle sein“, sagte Otto. „Darüber habe ich mal gelesen.“ Er zuckte zusammen, als es im Dachgebälk wieder heulte.
„Gurr!“ Alle drei zuckten zusammen und schrien auf, als eine Taube über ihre Köpfe flog.
Leron verfolgte die Flugbahn und sah, wie die Taube zu einem kaputten Fenster herausflog. Von dort drang auch das schreckliche Geheul herein.
„Puh, doch kein Geist!“ Der Lichtschein wanderte langsam nach oben. Eine Gestalt hing reglos am Querbalken.
„Aah!“, erneut schrien alle drei auf. Mathilda versteckte sich hinter den beiden Jungs.
Als erster erkannte Leron, was sie vor sich hatten: „Leute … das ist nur ein Sack!“
Mit klopfenden Herzen setzten sie sich auf die Mühlsteine. Otto zog Proviant aus seinem Rucksack und sie aßen schweigend.
„Sobald das Unwetter weitergezogen ist, fahren wir nach Hause“, sagte Leron schließlich.
„Ja, länger brauchen wir auch nicht hierbleiben.“ Otto setzte den Rucksack wieder auf und lehnte an der Mehlrutsche.
Aus Langeweile warfen Leron und Mathilda kleine Kiesel nach dem baumelnden Sack.
Das Donnern entfernte sich allmählich. Auch das unheimliche Heulen verklang langsam.
„Getroffen!“, freute sich Leron. Der Kiesel riss ein Loch in den Sack. Ein feiner Strom aus Sand rieselte heraus.
Im nächsten Moment erwachte die Mühle zum Leben. Erst jetzt begriffen sie: Der Sack war ein Gegengewicht gewesen. Über ihnen knarrte und ächzte das Gebälk. Draußen riss das Halteseil. Die Flügel setzten sich ruckartig in Bewegung. Obwohl sie längst keine Segel mehr hatten, drehten sie sich immer schneller. Gleichzeitig setzte sich die Kappe in Bewegung. Das Stirnrad griff ein und die Königswelle begann mit ihrer Arbeit.
Otto war schon fast eingeschlummert. Plötzlich setzte sich der Mühlstein sich in Bewegung. Erschrocken fuhr Otto hoch. Sein Rucksack verklemmte sich zwischen Rutsche und Mühlstein. „Helft mir!“
Sofort rissen Leron und Mathilda am Rucksack. Aber sie schafften es nicht.
Draußen brach mit einem lauten Krachen der erste Flügel ab. Dann folgte ein zweiter.
Durch den Ruck drehten sich die Räder in die entgegengesetzte Richtung und der Rucksack kam frei.
Die Kinder stürzten zu Boden. Über ihnen lösten sich Dachschindeln. Tageslicht fiel durch immer größere Lücken in die Mühle. Das Stirnrad schlug wild hin und her. Lange würde es nicht mehr halten.
„Raus, raus, raus!“ Leron zog Mathilda und Otto auf die Beine und drängte sie zur Falltür. Noch bevor sie die Luke erreichten, krachte ein dicker Balken darauf und blockierte sie. Immer mehr Balken stürzten nach.
„Wir sind gefangen!“, schrie Mathilda.
„Die Tür zur Balustrade.“ Otto zeigte in die andere Richtung.
Sie rannten los. Weitere Dachschindeln sausten wie Geschosse an ihnen vorbei.
„Sie klemmt! Gemeinsam!“, wies Leron an.
Zu dritt warfen sie sich dagegen. Mit einem lauten Krachen sprang die Tür auf. Kaum waren sie draußen, brach die Balustrade unter ihnen zusammen. Sie stürzten in die Tiefe. Benommen rappelten sie sich wieder auf. Außer Schürfwunden und Prellungen schienen sie Glück gehabt zu haben. Aber sie waren noch nicht in Sicherheit.
Sie rannten den Hügel hinunter, so schnell ihre Beine sie trugen. Erst nachdem sie sich durch die Lücke im Zaun gezwängt hatten, wagten sie einen Blick zurück.
In der durchbrechenden Sonne sahen sie, wie die verbliebenen Flügel blockierten, die Mühlenkappe abriss, nach innen stürzte und die Mühle bis zur Balustrade zusammenstürzte.
Otto klopfte sich den Staub von der Kleidung und tastete vorsichtig seine Arme ab. „Genug Abenteuer für heute.“
Leron und Mathilda nickten nur. Mehr mussten sie nicht sagen.

 

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