Von Marianne Apfelstedt
So viel zur Genauigkeit meiner Wetter-App, die Sonnenschein angezeigt. Eine Windböe zupft mir Haarsträhnen aus dem Zopf und die ersten Regentropfen prasseln auf Kopf und Schulter. Ich beschleunige mein Tempo. Meine Laufschuhe finden einen neuen Takt auf dem aufgeheizten Asphalt des Radweges. Die Tropfen werden beständig mehr und der erdige Geruch des nassen Bodens steigt mir in die Nase. Petrichor. Sommerduft. Genau wie der letzte Sommer in München. Erneut steigere ich mein Tempo, schon sehe ich das Gemäuer des alten Bahnhofs. Als ich davorstehe, gießt es wie aus Kübeln. Die Tür ist mit Brettern verbarrikadiert, das Fenster von Pflanzen überwuchert. Mit den Händen schiebe ich die Pflanzenstränge des Efeus auseinander und zwänge mich hindurch in das trockene Innere. Ich ziehe mein Shirt über den Kopf und wringe es aus. Jetzt tropft es wenigstens nicht mehr. Der Wind wird stärker und ein erster Blitz erhellt den Raum. An der hinteren Wand entdecke ich eine Tür. Seltsam, ich kann mich nicht erinnern, sie früher schon einmal gesehen zu haben. Mit der Handytaschenlampe suche ich die Wand ab. Als ich dicht davorstehe, bemerke ich, der Türgriff fehlt. Ich stecke das Handy ein und lege beide Handflächen auf das Holz. Drücke gegen die Türe. Es fühlt sich warm an, voller Leben. Dort, wo meine Hände die Fläche berühren, entsteht ein pulsierender Ball. Er dehnt sich aus, faszinierend schön. Er zieht mich an sich. Ich kann die Hände nicht mehr lösen, will schreien und falle durch die Türe ins Dunkel.
Ich erwache und spüre, etwas hat sich verändert. Es riecht nicht mehr nach Pflanzen, Asphalt und Regen. Mein Shirt ist trocken und die Luft ist angenehm kühl. Die Sommerhitze ist verschwunden. Ich rapple mich auf und suche mein Handy in den Taschen meiner Shorts. Verflixt, es muss mir herausgerutscht sein. Auf allen Vieren taste ich den Boden ab. Nix. Irgendwann stoße ich auf einen Türrahmen. Hoffentlich hat die Türe auf dieser Seite einen Griff. Plötzlich öffnet sie sich und Licht blendet mich. Ich stehe einer Frau im lila Reinigungskittel gegenüber. Gebäudereinigung Schmid prangt auf ihrer Brust. Verwirrt starre ich die Fremde an. Wo bin ich gestrandet? Ist hier eine Kamera versteckt? Ich drehe mich einmal um mich selbst, kann aber nichts entdecken.
„Du bist bestimmt die Neue. Ich heiße Samira und freue mich über deine Unterstützung. Komm mit, ich habe deinen Putzwagen schon hergerichtet. Es gibt heute Nacht viel zu tun.“
„OK.“ Jemand verarscht mich hier, ich spiele mal mit.
Samira drückt mir einen lila Arbeitskittel in die Hände.
„Wie heißt du?“
„Mara.“ Sie zieht ein Namensschild aus ihrer Kitteltasche und schreibt meinen Namen darauf.
„Komm mit, da vorn steht dein Putzwagen.“ Wir gehen an einer Tafel vorbei, auf der Aushilfskräfte gesucht werden, darüber steht Hochschule für Design München.
Verwirrt schüttle ich den Kopf. Wie komme ich hierher? Meine Handflächen kribbeln, als ich an die Tür denke. Ich liebe Abenteuergeschichten und jetzt bin ich mitten drin. Durch das Licht an der Türe wurde ich 100 km nach Süden transportiert und das verdammt schnell. Beschwingt folge ich Samira. Als Putzfee habe ich noch nie gejobbt.
Von den Toiletten arbeiten wir uns durch die Gänge, bis zur Mensa vor. Stunden später bin ich erledigt und mein Magen knurrt. Endlich zieht Samira ihren Kittel aus und legt ihn auf den Putzwagen.
„Hast du schon eine Unterkunft?“
„Ich bin nicht dazu gekommen mir etwas zu suchen.“
„Du kannst auf meinem Sofa schlafen.“ Samira wohnt nicht weit von der Hochschule entfernt in einem gemütlichen Zwei-Zimmer-Apartment.
„Ich gieße mir einen Tee auf. Möchtest du auch?“, fragt Samira, als sie den Wasserkocher einschaltet.
„Ja, gerne.“
„Du kannst dich schon mal auf das Sofa setzen.“
Ich schrecke hoch, als sie sich zu mir setzt, bin wohl eingeschlafen.
„Zeitreisen machen müde. Der Tee wird dich stärken.“ Sie stellt zwei Tassen Tee und einen Teller mit Keksen auf den kleinen Tisch. Mit einem Mal bin ich hellwach.
„Warum weißt du etwas über Zeitreisen?“
„Weil ich eine Wicca bin.“ Ich sehe sie an. Ihr rotes, lockiges Haar fällt jetzt wild wie ein Wasserfall über ihre Schultern. Lächelnd beobachtet sie, wie ich sie taxiere. Ohne die dunkle Hornbrille und das Kopftuch, das ihre auffällige Haarpracht verbirgt, sieht sie viel jünger aus.
„Du bist eine Hexe. Kannst du zaubern?“
„Wir Wiccas sind mit der Natur verbunden und einige besitzen besondere Gaben. Ich wusste, dass du heute ankommen würdest, weil ich von dir geträumt habe. Aus welchem Jahr bist du zu uns gekommen?“
„Heute ist der 21. Juni 2020“, sage ich bestimmt.
„Auch hier ist der 21. Juni, aber du befindest dich jetzt im Jahr 2053.“ Ihr Blick ruht taxierend auf mir. In meinem Kopf dreht sich ein Karussell. 33 Jahre in die Zukunft. Wie ist das möglich? Bin ich eine Wicca? Bin ich jetzt älter als heute Morgen? Kann ich zurück? Ich laufe wie eine Aufziehpuppe immer wieder zwischen Sofa und Türe hin und her, kann nicht stillstehen. Samira drückt mir die Tasse in die Hände und ich setze mich wieder.
„Trink deinen Tee und beruhige dich.“ Der Tee hilft mir, ruhiger zu werden. Sie kann mir nicht sagen, warum ich hier bin, doch sie ist sich ganz sicher, dass die Tür in der Bahnhofsruine ein Portal ist. Bei der nächsten Nachtschicht wird sie sich die Kammer in der Hochschule genauer ansehen. Dann wird sich zeigen, ob es einen Weg zurückgibt. Da in der Mensa immer Aushilfskräfte benötigt werden, besorgt sie mir dort einen Job.
***
Die Tage verfliegen. Ich sitze in der Mensa an der Kasse, scanne die Karten der Professoren und Studenten und reiche Essen über die Theke. Samira hat fleißig recherchiert und ist sich sicher, dass das Portal zwischen den Türen nur an den Festtagen Litha und Mabon funktionieren wird. Sie hat sich einen ganzen Berg Bücher zusammengesucht, die sie in jeder freien Minute akribisch durcharbeitet.
Ein Professor mit wild abstehendem grauem Haar und wasserblauen Augen flirtet seit Tagen mit mir. Schon zu Beginn meiner Schicht halte ich Ausschau nach seinem Haarschopf.
„Guten Tag, Sonnenschein. Wann darf ich dich endlich auf einen Kaffee einladen?“ Er strahlt mich an und ich spüre, wie meine Mundwinkel nach oben wandern und mein Herz den Takt wechselt, wie bei einem Sprint.
„Heute endet meine Schicht um 15:00 Uhr.“
„Ich werde da sein.“ Er bleibt stehen, bis sein Hintermann, an ihm vorbei seine Karte auf meiner Kasse ablegt. Mit einem Augenzwinkern macht er Platz. Die Gesichter der Menschen an der Kasse verschwimmen zum Einheitsbrei und die Zeit dehnt sich zu Sirup, bis zum Ende meiner Schicht.
Samira sehe ich selten, weil sie fast nur noch nachts arbeitet. In den nächsten Wochen verbringe ich mehr Zeit mit meinem Professor, Mateo. Wann immer er keine Vorlesungen hält, treffen wir uns. Auf einen Spaziergang Hand in Hand durch Schwabing, der meist in einem Café endet.
„Wie kommst du mit deiner Skulptur voran?“
„Du musst sie dir ansehen, die Verbindung aus Holz und Metall geht eine Symbiose ein.“ Er erzählt so begeistert über seine Kunst, seine Augen strahlen und seine Hände zeichnen die Figuren in die Luft, damit ich eine Vorstellung von ihrer Größe bekomme. Als seine Hände zur Ruhe kommen, legen sie sich sachte auf meine.
Ich sehe in das Blau seiner Augen und möchte darin versinken.
Heute bin ich spät dran. Mateo will heute mit mir eine Ausstellung im Haus der Kunst besichtigen, er wartet bestimmt schon an der Trambahn-Haltestelle. Auf dem Gehweg kann ich schneller laufen und sehe schon bald die Haltestelle. Mateo sieht mich, winkt und tritt auf die Fahrbahn, will auf meine Seite wechseln. Er ist mitten auf der Fahrbahn, als ihn ein Auto touschiert. Er wird zur Seite geschleudert, bleibt auf dem Asphalt liegen, wie eine Marionette mit durchtrennten Fäden. Ich bin fast bei ihm, sehe ein rotes Rinnsal aus seinem Mundwinkel sickern. Seine Augen starren, ohne mich zu sehen. Auch meine Fäden sind gekappt. Ich stehe, kann nicht weiter und immer mehr Passanten schieben sich zwischen uns. Bin eine Skulptur, verlötet an Ort und Stelle. Höre ein Martinshorn. Blaues Licht reflektiert in den Fensterscheiben. Ich bleibe stehen, bis sich die Menschentraube auflöst. Wo Mateo lag, bleiben Kreidestriche zurück.
Irgendwann ist Samira bei mir, nimmt mich an der Hand und zieht. Sie legt meinen Schalter um und meine Beine erinnern sich ans Laufen.
Bei ihr zu Hause auf dem Sofa, mit einem Teebecher in den Händen, beginne ich zu erzählen und mit den Worten fließen die Tränen. Als ich leer bin und der Tee kalt, legt sie mir eine Decke um die Schultern, zieht mich an sich und summt eine Melodie, die mich in den Schlaf zieht.
***
„Wir haben nur wenige Tage zur Vorbereitung. Ich bin sicher, dass sich das Portal für dich öffnen wird, aber nur an Mabon.“
„Ich habe damals nur die Hände an die Türe gelegt und ein Pulsieren gespürt.“
„Du musst an etwas gedacht haben, das dich nach München gezogen hat.“
„Stimmt, ich war mit einer Freundin bei einem Rave in München und wurde vom Regen überrascht.“
Zurück im Jahr 2020.
Bienen summen in meinem Bauch und stoßen beständig gegen die Decke. Nervös knibble ich am Gürtel meines Sommerkleides. Es ist sonnenblumengelb. Seine Lieblingsfarbe. Damit er mich auf jeden Fall bemerkt. Ich gehe den ersten Schritt in das Gebäude und mir wird ein wenig leichter. Hier sieht es genauso aus wie im Jahr 2053. Je näher ich der Mensa komme, umso mehr Menschen schließen sich mir an. Schon von weitem sehe ich seinen Charakterkopf aus der Menge ragen. Jetzt sind seine Haare schwarz wie Rabenfedern. Ein Band aus Sehnsucht schlingt sich eng um mich und nimmt mir die Luft zum Atmen. Als ich fast neben ihm bin, schiebt sich von hinten ein Körper rücksichtslos nach vorn. Ich verliere den Halt, stolpere über Füße und lande direkt in seinen Armen. Er richtet mich auf, hält mich an den Armen, bis ich wieder sicher stehe. Wir stehen inmitten der Menschen in einem Kokon und sehen uns in die Augen und die Zeit steht still.
© Marianne Apfelstedt, Version 1, 9953 Zeichen
