Von Kornelia Wulf
Nadjas Augen streifen die Wanduhr im Flur. Was – schon halb? Nur ein paar Minuten, bis ich das Haus verlassen muss, rattern die Gedanken in ihrem Kopf. Noch ein prüfender Blick in die Businessbag. Ein kurzer Check der Aktenmappe. „Hey, bleib smooth“, hatte Mats gestern Nacht geschnurrt, als Nadja sich im Bett hin und her warf. „Ich habe die Exposés geprüft und sortiert, sie sofort dann auf deinen Schreibtisch gelegt.“ Und sie spürte seine Wärme auf Rücken, Schenkel. Den Schutz seiner Arme um Rippen und Brüste, der sie wie Muschelschalen die Perle ummantelte. In dem sie endlich Schlaf finden konnte. Nadja starrt auf das Deckblatt hinab, schiebt es etwa zwei Millimeter nach rechts. Endlich. Exakt. Kante auf Kante. Perfekt wird nur, was man selber macht.
***
Nadja starrt auf die Bahnhofsuhr. Noch fünf Minuten (nein! Nicht wieder dieses Pochen), bestimmt wird ihr Zug verspätet ankommen (schon spannt der Nerv wie eine stählerne Saite an) und sie ihren Umstieg verpassen (mechanisch streifen die Finger über die Schläfen). Wie sie das hasst, wenn man sich nicht verlassen kann. Auf ein System, das so schludrig arbeitet. Ruckartig dreht sie den Kopf nach vorn. Knackend schlägt ihr der Schmerz in den Nacken, als sie den schwarzen Fleck in der Ferne erblickt, der wie ein Zyklopenauge aus weißem Stahl heraussticht, bis sie das Vibrieren unter den Sohlen spürt. Nicht zu fassen. Auf die Minute genau hält der Wagon zischend neben ihr an. Hier vorn im ersten Wagen steht sie fast allein. Nur eine alte Dame steigt nach ihr ein. Nadjas Augen gleiten über das Band mit den LED-Farben, elf, zwölf…, sie lässt sich unter dem roten Licht nieder und den Nacken ins Kopfpolster sinken. Heute hat sie sich einen Fensterplatz mit Tisch reserviert. Den Kopf geneigt schweift ihr Blick durch die Scheibe, folgt Wagen für Wagen der langen Reihe. In der Mitte windet sich ein Pudel in Herrchens Arm. Aha, denkt sie, ein Querulant, der sich ins Widerstandspfötchen lacht. Einen Moment verweilt ihr Blick in filzigen Locken, die wohl der Bürste nicht folgen wollten, bis er ausbüxt und in einem Menschenknäuel festhängend, sich durch Trolleys und Händen schlängelt, bevor sich der Pulk durch die Zugtür drängt. Aufatmend reibt sie die müden Augen. Um sie herum nur gedämpftes Gemurmel. Wie gut, dass ich mir die erste Klasse gegönnt habe, denkt sie. Heute brauch ich die Fahrzeit zum Nachdenken. Ein eiliges Rollen naht heran. Die alte Dame, die nach ihr einstieg, tupft sich Schweiß von der Stirn.
„Vielleicht können Sie mir helfen mit dem Gepäck?“
Mit Schwung fliegt der Trolley über den Sitz. Umsonst, denkt Nadja, vergeudete Kraft. Was hat sie bloß eingepackt, während sie ihn in die Ablage schiebt. (Irgendwo ein leises Glucksen in ihr). Vielleicht nur Hipster und die Plüschschlappen?
Vom Platz gegenüber ein „Goldstück“ und „Danke“. Dem folgen ein Stöhnen und nervendes Rascheln.
Nadja starrt auf die knotigen Finger der Dame. Zitternd wühlen die in der Crossbodytasche. Jetzt habe sie doch die Geschenke der Enkel vergessen, setzt sie an. Von Arbeit murmelnd greift Nadja in die Businessbag (und lässt eine innere Schranke fallen), legt die Mappe mit entschlossener Geste auf den Tisch. Sie öffnet den Pappdeckel über den Exposéseiten, prüft nochmal die Daten der Kaufobjekte. Schnitt und Größe – alles perfekt. Und dazu ein weiteres Plus. Die alten Dielen wurden geschliffen, versiegelt und der Stuck vom Fachmann saniert. Also keine Kopie einer Altbauwohnung. Exakt schiebt Nadja die Blätter zusammen, lehnt sich mit kreisenden Gedanken zurück ins Sitzpolster.
Warum willst du dich an unsere vier Wände festklammern? hört sie Mats Stimme. Du darfst das Angebot deiner Firma jetzt nicht ablehnen. Hey, hopp, hopp! Drei Stufen rauf mit nur einem Sprung. Du wirst die Anderen schon nicht blenden mit deinem Licht, lärmte er lachend und fixierte sie mit diesem Blick, der sich jede innere Schranke verbat.
Mats hatte sie dann in seine Arme genommen, fest versprochen, er werde mitkommen. In der Filiale in Berlin sei eine Stelle freigeworden. Auch Nadjas Eltern waren mit ins Mats Boot gesprungen. Sie würden sich beteiligen an der Kaufsumme, versicherte Vater. Schließlich solle man geben, wenn man noch lebe. Und Mutter hatte sie flüsternd zur Seite genommen. Dass nur der Weg nach Vorn heilsam sei, oder so ähnlich.
Ein leises Rucken. Der erste Halt. Von schräg gegenüber, dezentes Schnarchen. Ihr Blick schlüpft durch die Scheibe, streift „Büchen“ auf dem blauen Schild, hinter dem nur drei Menschen den Zug verlassen.
Nein – nicht wie damals, sinnt Nadja und spürt Erinnerungen erwachen, die schon so lange unfriedlich schlafen.
… nur einen kalten Schluck am Morgen. „Los, mein Igelchen, wir müssen uns sputen.“, raunt Mutti … Der große Koffer in Vatis Faust. Nadja hört ihn über holpriges Pflaster klappern. Und ein raues „Ei verbibbsch“, als Muttis Absatz in dem Schlagloch aufgibt, dem ein „Ade, du ramponierter Staat“ nachklingt … So eng ist der Gang. Nadja hat sich gewunden und gewehrt, aber Muttis Hand war einfach stärker. Nun steht sie gequetscht zwischen großen Leibern. Die Beine geben schon wie Gummi nach, als der dicke Hintern vor ihr sich in Mund und Nase drückt. Und Nadja die zweite Haut anzieht, die für die Anderen wie ein Zwilling aussieht. Unter der sich alles stumpf und dumpf anfühlt … Um sie herum schwillt das „Verlorene Kinder“-Lied. Die Münder mit einer Watteschicht dicht umhüllt …
Eine wohltönende Stimme, Nadja schreckt auf, „In Kürze erreichen wir Berlin Hauptbahnhof.“ Sie schält sich aus dem Wust der Gedanken. Warum hat sich von ihm wieder einfangen lassen? Sie schwenkt den Blick zum Sitz gegenüber. Umsonst. Die Dame steht schon vorn. Wie hat sie nur den Trolley … Egal – konzentrieren. Noch ein kurzer Check der Businessbag, bevor Nadja den Zug Richtung Tram verlässt.
***
Die Hand ausgestreckt auf der warmen Wand schaut Nadja an der Fassade zum Dach hinauf. Die Farbe, sanft leuchtend im Frühsommersonnenschein, erinnert sie an samtige Pfirsichhaut (im Reich der Bilder ziehen Schatten auf. Überall Fetzen auf kaltgrauer Epidermis). Das Handy am Ohr tritt ein Mann heraus und hält ein Stück weit die Haustür auf. Bevor sie durch den Spalt schlüpft, sieht Nadja das Schild an der Wand. Wie gut, dass ich die Adresse nicht verraten habe, denkt sie. Ich muss mir erst selbst einen Eindruck verschaffen. Im Flur Briefkästen auf reinweißen Flächen. Und links neben der Treppe sogar ein Aufzug. Ihr Blick gleitet über den Boden zur Hinterhoftür. Nirgendwo bleibt im Auge ein Steinsplitter hängen.
… Ede hatte Käsereste aus dem Abfall gerettet. Alle fünfe sind wir aufs Mäuerchen geklettert und haben um eine Tüte Drops gewettet. Im hohen Bogen flog Klützer Gold, mit dem wir Pelztierchen hinter miefenden Mülleimern hervorlockten. Wow, die rannten mit Flitzepfoten …
Ganz anders der Duft jetzt hier im Flur. So sauber wie frisch gewaschener Flieder. Nicht wie der, den Nadja damals roch. Ein strenger Mix aus Kohl und Kohle, der unter der Tür in die Wohnungen kroch. Nadja folgt den Stufen ins dritte Geschoß hinauf. Schon im zweiten hört sie die Stimme des Maklers rattern, als sei der Zeit die Luft ausgegangen.
Er begrüßt sie mit einem „Willkommen Frau Kämpfer. Dann wollen wir in aller Ruhe …“, als sein Handy laut fordernd ruft.
„Gehen Sie ruhig ran und nehmen Sie sich Zeit.“ Nadja nickt ihm zu. „Ich gehe dann schonmal vor in die Wohnung.“
Vorsichtig hebt sie den Fuß über die hölzerne Schwelle, kommt sich fast wie ein Eindringling vor, als sie leicht wippend die Dielen prüft und nur ein schwaches Quietschen vernimmt. Ihr Blick wandert von den Leisten zur Decke hinauf, früher kam er ihr wie der Pfad in den Himmel vor, bis er am Loch in der Mitte stoppt, aus dem immer noch das Kabel hängt. Ja, auch die Stuckrosette, deren Muster sie an ein Schleifenband erinnert hatte. Immer an, aus, der Lampenschalter klackte, bis es saftige Backpfeifen setzte. Vielleicht glaubte das Kind, Licht sei ein Geschenk, sinnt Nadja. Zurück im Flur späht sie in zwei Räume. Nadja lässt sich die Stille fallen, spürt nirgendwo einen Widerhall. Der Puls der Erinnerung schlägt hier nicht mehr. Ein paar Schritte nach rechts fühlt sie ein drohendes Klopfen. Alle Kanäle des Fühlens, oh nein! – zu weit geöffnet.
Sie steht in der Küche vor dem Fenster. Starrt auf den leeren Teller. Sogar die Krümel sind abgeleckt. Die Stullen mit Schmalz – längst verputzt und auf dem Grund der Brauseflasche nur noch ein winziger Schluck. Sie spürt Bläschen unter dem Bauchnabel gluckern, die Zitrone auf ihrer Zunge bitzeln. Die Frau hatte gesagt, sie müsse kurz weg. Aber vor dem Dunkelwerden sei sie längst zurück. Nadja presst ihre Dorle fest an die Brust. „Gleich kommt sie herein, du wirst schon sehen.“ Die Schatten werfen Angstmonster an die Wand. Fast hört Nadja ihr Wimmern und das Klatschen der Leiber. Neben ihr wartet der rettende Schalter. Nein, nicht anfassen, noch brennt die Wange. In alle dunklen Winkel gießt sich Licht. Und alle Monster hauen ab. Von hinten hört Nadja ihre Stimme. „Jetzt hat die Schulze doch einfach rübergemacht. Und die Kleine hier sitzengelassen.“
Tante Käthe war zu ihr gekommen, die mit Paul ihrem Mann gegenüber wohnte. Die beiden hatten sie zu sich genommen. Weil die Frau den Westen lieber als ihre Tochter mochte. Diese Frau, die sich erlaubt, sich Mutter zu nennen und so oft ihre Traumwege kreuzt, auf denen Nadja sich wie ein gesichtsloses Wesen vorkommt.
In der Küche ein Zerren und Knistern. Nadja reißt das Exposé in feine Streifen.
Am Makler vorbei rauscht sie die Treppe hinunter. Erschreckt presst er den Kiefer zusammen. Das klingt nach einem Haifischgebiss, denkt Nadja lachend.
Jetzt ab zur S-Bahn, Richtung Steglitz. Dort steht ein Neubau. Vielleicht kann ich den füllen mit dem bisher ungelebten Leben.
