Von Raina Bodyk
Im „Hobart Daily“ war am 14.09.1848 folgende Nachricht zu lesen:
„Im Gefängnis Port Arthur wird ab nächsten Monat die bisherige körperliche Bestrafung durch psychologische Methoden ersetzt. Neueren Forschungen zufolge führen Züchtigungen nicht zu einer Besserung des Verbrechers, sondern eher zu weiterer Radikalisierung. Auch Inhaftierte haben eine Seele. Sie sollen durch die sogenannte „stille Strafe“ dazu angeregt werden, über ihre Untaten nachzudenken, zu bereuen und sich ändern zu wollen.“
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Fast auf den Tag genau nach drei Monaten erreichte unser Segelschiff am 29. März 1856 die kleine Halbinsel Tasmanien, südlich von Melbourne. Ich, Billy Hunt aus dem englischen Worcester, und andere wurden unter strenger Bewachung an Land geführt. Mir fiel auf, dass die Schiffsleute Segel und Ruder abgeben mussten. Anscheinend wollte man den Insassen des hiesigen Gefängnisses ganz gezielt klarmachen, dass es keine Fluchtmöglichkeit gab.
Das riesige, imposante Ziegelsteingebäude vor mir sollte wohl meine neue Heimat werden. Das hügelige Gelände war umgeben vom offenen, sehr rauen Meer. Überall Zypressen, die wie grüne Wächter in den Himmel ragten. Mein Herz klopfte so wild, dass ich es fast hören konnte. Aufs Festland führte nur eine schmale, 400 m lange Landbrücke, Eaglehawk Neck. Ein massiver Zaun verhinderte den Durchgang. Wilde, Zähne fletschende Hunde waren zusätzlich an Pflöcken angebunden und rissen wie wild an den Ketten. Entsetzt zuckte ich zurück. Diese Viecher würden jede Flucht verhindern, selbst wenn man den Zaun überwunden hätte. Langsam ahnte ich, warum dieses Gefängnis als absolut ausbruchssicher galt.
Hier sollte ich die nächsten fünfzehn Jahre verbringen?! Über 17.000 km von Zuhause entfernt. Nur für einen Einbruch in ein Warenhaus? Eine Ewigkeit am Ende der Welt …?
Die Wärter nahmen mir alles ab, was ich bei mir führte, dann wurde ich in meine Zelle gebracht. Der nächste Schock: Sie war winzig. Ich schätzte sie auf gerade mal 1,30 x 2,00 m. Sich umdrehen war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Kleine Fenster, die kaum Licht hereinließen.
„Wo soll ich schlafen?“
„Dummkopf! Hier liegt eine Hängematte, darin kannst du deine süßen Träume genießen.“
„Oder deine Albträume!“, grinste der andere breit.
„Damit eins klar ist, jeden Morgen wird sie ordentlich zusammengerollt und säuberlich verstaut. Hier auf dem Regal stehen dein Napf, ein Löffel und ein Trinkbecher.“
„Ist das alles?“
„Werd‘ bloß nicht frech, Bürschchen, wir haben schon ganz andere Kerle kleingekriegt. Aber tröste dich, dir steht noch eine Bibel zu. Jeden Tag wirst du gefälligst deine Nase da reinstecken und das Wort Gottes studieren.
Wecken ist bei Sonnenaufgang. Dann Essen fassen und anschließend wirst du einem Team zugeteilt. Arbeitszeit zwölf Stunden.“
„Zwölf …?!“
„Ist dir das zu wenig? Kannst gern mehr haben. Zieh das hier an.“
Solche Anstaltskleider hatte ich noch nie gesehen. Ich sah aus wie ein Clown. Ein Hosenbein grau, eins blau, dasselbe bei den Ärmeln. Die Aufseher höhnten bei meinem entgeisterten Gesicht.
„In diesen bunten Klamotten erkennt dich gleich jeder als Ausbrecher. Flucht kannst du getrost vergessen!“
„So, jetzt die Regeln: Auch wenn die Prügelstrafe abgeschafft ist, haben wir andere, eindrucksvolle Methoden. Obwohl – eigentlich ist es schade um die neunschwänzige Katze. Stell dir vor, du halbnackt mit gefesselten Händen und Füßen auf dem Peitschenblock, die ‚Katze spielt mit dir‘ … Hat gute Dienste geleistet!“
„Und auch noch Spaß gemacht!“, fügte der andere Aufseher lachend hinzu.
„Nach dem Job verbringt jeder Convict seine Zeit allein in seiner Zelle. Ihr werdet mit euren Zellennummern angesprochen, Namen sind überflüssig. Außer dem Nötigsten herrscht Schweigen! Wer sich nicht dran hält, wird hart bestraft. Glaube mir, ich meine hart. Sehr hart!“
Bei Morgengrauen wurden wir geweckt. Das Frühstück bestand hauptsächlich aus Wasser und Brot.
Ich wurde den Holzfällern zugeteilt. Dass das der härteste Job war, merkte ich schnell. Die Bäume waren riesig. Bevor so ein Gigant gefällt wurde, mussten ich und andere Häftlinge eine Sägegrube ausheben, in der der Stamm dann in grobe Stücke zersägt wurde. Der ganze zerteilte Stamm wurde dann von etwa fünfzig Sträflingen, der sogenannten Tausendfüßlerbande, auf ihren Schultern zum Sägewerk getragen. So mancher junge Kerl sank unter der Last zusammen. Immer wieder Schwerletzte. Vor allem die jüngeren, starken Burschen wurden zu diesen Arbeiten abkommandiert. Meine 39 Jahre konnten kaum mithalten. Die Bretter, Balken, Dielen wurden dann nach England, wo die meisten Wälder bereits abgeholzt waren, verschifft. Aber glaubt mir, das weckte keinerlei Heimweh-Gefühle in mir, nur grimmige Wut. Ich fragte mich ernsthaft, ob deshalb die Strafen in den Prozessen so hart ausfielen, weil die Briten kostenlose Arbeitskräfte brauchten.
Abends auf dem Rückweg hallte meist ein wildes Kreischen und angriffslustiges, heiseres Fauchen aus den Büschen: Der Tasmanische Teufel. Gesehen hatten wir ihn nie. Aber schon der Name klang gruselig in unseren Ohren. Als Christen aufgewachsen, glaubten viele, Beelzebub selbst zu hören.
Auf dem Gelände gab es eine Krankenstation, ein Gotteshaus und tatsächlich eine Bibliothek mit 13.000 Büchern.
Da die Haftanstalt sehr stolz auf ihre moderne, psychologisch fundierte Methode der Resozialisierung war, mussten wir jeden Sonntag in die Kirche. Hier sollten wir über uns nachdenken und aus tiefstem Herzen bereuen.
Nach der Plackerei in den Wäldern oder den Werkstätten durften wir gerade mal für eine Stunde täglich in den Hof.
Ließ sich jemand etwas zuschulden kommen, wurde laut oder verweigerte die Arbeit, dachte man sich wirkungsvolle Strafen aus. Besonders beliebt war der Essensentzug. Der Delinquent bekam nur noch das Minimum an Wasser und Brot trotz seiner knochenharten Arbeit oder man verweigerte den Hofgang.
Aus der Heimat kamen nicht nur arme Leute, die gestohlen hatten, um zu überleben. Auch Kinder, die nur Brot oder ein Spielzeug ergaunert hatten, waren darunter. Das Jüngste war neuneinhalb Jahre alt!
Schlimmer noch, man schickte die schlimmsten Kriminellen her. Mörder, Gewalttäter, Vergewaltiger, die uns allen das bisschen Leben, das wir hatten, mit ihrer Brutalität noch weiter zugrunde richteten.
Wir vegetierten nur noch dahin. Kein Wunder, dass wir trotz aller Hindernisse immer wieder von Flucht träumten. Die Verantwortlichen streuten sogar Gerüchte über blutrünstige Haie und bedrohliche Gefahren aus der Tiefe , um uns nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Dabei konnten die meisten eh nicht schwimmen.
Nach zwei Jahren war ich am Ende. Mein Kopf und mein Körper konnten einfach nicht mehr. Es fiel mir immer schwerer zu lesen. Ich verstand die Sätze nicht mehr. Genauso gut hätten da chinesische Buchstaben stehen können. Ich führte dauernd Selbstgespräche, um zu testen, ob meine Stimme überhaupt noch funktionierte. Sie klang fremd, rau und kraftlos.
Eines Tages drehte ich total durch. Bin extrem ausgerastet, brüllte so unbeherrscht und lautstark, wie meine Stimme es noch vermochte. Schlug mir die Fäuste an einer Wand blutig. Das sollte ich schwer büßen.
Zwei gnadenlose Aufseher schleppten mich ins sogenannte ‚Separate Prison‘ und sperrten mich dort ein.
Ich hatte davon gehört, es mir aber nicht sooo grauenvoll vorgestellt. Die Zelle war noch winziger als meine bisherige. Ich fühlte mich wie eingesperrt in einer Kiste. Die ganze Zeit kauerte ich in der fensterlosen, nachtschwarzen Kammer, zu absolutem Stillschweigen verurteilt. Auch die Wärter durften nicht sprechen. Die Mauern waren mindestens einen Meter dick. Kein noch so leiser Laut drang hindurch. Du fühltest dich nicht mehr als Mensch. Dieses Alleingelassensein war allumfassend in seiner absoluten Lautlosigkeit und Isolation. Ich war lebendig begraben.
Mit dieser ‚gewaltlosen‘ Methode schafften es die Aufseher, innerhalb weniger Monate jeden noch so harten Kerl zu brechen. Wer diese Folter erlebt hatte, muckte niemals wieder auf.
Der Hofgang fand weiterhin statt. Ich musste mir allerdings eine Kapuze über den Kopf und tief in die Stirn ziehen. Nicht einmal ein winziger Blick- oder Körperkontakt war gestattet. Das Gleiche beim Kirchgang. Zusätzlich legten die Aufseher mir mehrere Kilo schwere Fußfesseln, die mit einer Kette verbunden waren, an.
Viele blieben auf der Strecke, wurden wahnsinnig, schrien Tag und Nacht. Andere bekamen böse Wahnvorstellungen.
Die meisten Convicts starben noch vor ihrer Entlassung. Die schwere Arbeit, das schlechte Essen, aber vor allem die Isolation machten sie fertig.
Die Toten wurden auf der nahe gelegenen Toteninsel verscharrt. Für die Kriminellen gab es keine Grabsteine, nicht einmal ein kleines Holzschild mit ihren Namen.
„Die braten doch sowieso in der Hölle!“, hörte ich die mitleidlosen Männer mit ihren Spaten lästern.
Am Schlimmsten waren für mich die vielen Selbstmorde. Sie machten etwas mit mir. Jedes Mal, wenn ich von einem hörte, wäre ich am liebsten gefolgt. Aber ich war zu feige.
Andere ‚Schwächlinge‘ fanden eine ‚bessere‘ Lösung. Sie töteten einen ihrer Mithäftlinge und ließen sich dann zur Todesstrafe verurteilen. Lieber töten und getötet werden, als noch länger wie ein räudiger Hund gequält zu werden und selbst dem Irrsinn zu verfielen.
***
„Meine Damen und Herren, der Rundgang durch das Freilichtmuseum, seit 2010 auf der Welterbe-Liste, ist beendet.“
„Was wurde aus Billy Hunt, von dem Sie uns erzählt haben?“
„Tja, das war zugleich tragisch und komisch. In tiefster Verzweiflung und Angst klaute er eines Tages vier Kängurufelle, nähte sie zusammen und hoppelte einfach als Känguru über den Hof. Zu seinem Unglück hatten die Wachen großen Hunger und freuten sich riesig über den vorbeihüpfenden Braten und hoben die Gewehre. Billy war so geistesgegenwärtig, sich schleunigst zu ergeben. Er wurde brutal bestraft. Das ist das Letzte, was man von ihm weiß.
V1, 9883 Z
Anmerkung: Billy Hunt und seinen Fluchtversuch als Känguru sind historisch belegt.
