Von Simone Tröger
Sie lernten sich zur Gartenparty eines gemeinsamen Freundes kennen. So sehr befreundet waren sie nicht, denn sonst hätte einer vom anderen schon einmal gehört. Doch das war den beiden egal, denn die liebevollen Gesten bedurften keinen, der sie einander näherbringen musste. Teenager beim ersten Rendezvous konnten aufgeregter und erwartungsvoller nicht sein. Der smalltalk entwickelte sich im Laufe des Abends zu tiefgründigen Gesprächen über die Kunst, die Natur, die Politik – und alles sonst. Über eventuell weitere Treffen oder den Austausch ihrer Telefonnummern sprachen sie jedoch nicht. Der Abend endete damit, dass sie sich zum Abschied die Hand gaben, nicht mehr aufgeregt und erwartungsvoll sich vom Gastgeber verabschiedeten, jeder für sich ins Taxi stieg und in verschiedene Richtungen davonfuhr.
Dem Gastgeber der Party war jedoch nicht entgangen, dass sich die zwei sehr gut verstanden und lud bald darauf zu einem Spieleabend. Beim Aufeinandertreffen der einstigen Gesprächspartner war sofort deren Funkeln im Gesicht wieder da. Diesmal verabschiedeten sie sich mit einem Küsschen auf die Wange und der Weitergabe ihrer Telefonnummern. Der gemeinsame Freund fing an, seine Mission als erfüllt anzusehen.
Einladungen zur Party oder Spieleabend mussten nun nicht mehr sein, damit die beiden sich nicht nur auf die Wange küssten. Ihre Münder verschmolzen nicht nur zur Begrüßung oder Verabschiedung. Sogar zwischendurch hatten beide das Bedürfnis, allen zu zeigen, dass sie Drauf und Dran waren, ein Liebes-Paar zu werden.
Die Küsse führten dazu, dass sie taten, was Liebes-Paare tun. Hand-in-Hand gingen sie durch die Straßen. Ob zum Einkaufen, ins Kino, ins Theater. Jeder konnte wissen, sollte wissen und wusste: Da haben sich zwei gefunden.
Die Emotionen erreichten ihren bisherigen Höhepunkt, als sich Nachwuchs ankündigte. Ein Trauschein war unnötig für die kleine Familie. Die Eltern gingen in ihrer Rolle als Erzieher auf. Dem Baby fehlte es an nichts, vor allem nicht an Liebe. Das Kind schweißte alle noch enger zusammen, sofern das überhaupt ging.
Das Mädchen wuchs heran und bekam einen Bruder. Die Liebe der Eltern spiegelte sich in der Geschwisterliebe. Wochenendausflüge der vier fanden regelmäßig statt. Rundum sah man einen harmonisch funktionierenden Verband.
Es kam, wie es kommen musste. Wenn etwas ohne nennenswerten Zwischenfall verläuft, dann ereilt einen manchmal ein nennenswerter Zwischenfall. In dem Fall war es nicht nur ein solcher, sondern ein LKW mit einem betrunkenen Fahrer. Der Vater war mit dem Mädchen an der rechten Hand und dem Jungen an der linken Hand zum Spazieren unterwegs.
Welcher „Lost Place“ könnte sich für eine liebende Frau und Mutter bei ihrem Weiterleben verlorener zeigen?
