Von Simone Tröger
Sie lernten sich zur Gartenparty eines gemeinsamen Freundes kennen. Annalena und Ron wurden vom Gastgeber miteinander bekannt gemacht. Sofort bemerkte dieser eine aufrechtere Körperhaltung und ein interessiertes Händeschütteln bei den beiden, die noch nie voneinander gehört hatten. Auch andere Gäste waren da, die begrüßt werden wollten, so dass der Hausherr sich auf die Ankömmlinge konzentrierte. Annalena und Ron indessen konnten aufgeregter und erwartungsvoller nicht sein. Sie redeten wie Teenager beim ersten Rendezvous. Doch erst im Laufe des Abends entwickelte sich der belanglose Smalltalk zu tiefgründigen Gesprächen über die Kunst, die Natur, die Politik – und alles beherrschenden Alltag. Über eventuell weitere Treffen oder den Austausch ihrer Telefonnummern sprachen sie jedoch nicht. Der Abend endete damit, dass sie sich zum Abschied ebenso interessiert die Hände schüttelten, sich vom Gastgeber verabschiedeten, jeder für sich ins Taxi stieg und in verschiedene Richtungen davonfuhr.
Dem gemeinsamem Freund war jedoch nicht entgangen, dass sich die zwei sehr gut verstanden und lud deshalb bald darauf zu einem Spieleabend. Beim Aufeinandertreffen der einstigen Gesprächspartner waren sofort deren blinkende Herzchen bei allem, was sie taten, wieder da. Diesmal verabschiedeten sie sich mit einem Küsschen auf die Wange und der Weitergabe ihrer Telefonnummern. Der gemeinsame Freund fing an, seine Mission als erfüllt anzusehen.
Einladungen zur Party oder Spieleabend mussten nun nicht mehr sein, damit die beiden sich nicht nur auf die Wange küssten. Ihre Münder verschmolzen nicht nur zur Begrüßung oder Verabschiedung. Sogar zwischendurch hatten beide das Bedürfnis, allen zu zeigen, dass sie drauf und dran waren, ein Liebespaar zu werden.
Die Küsse führten dazu, dass sie taten, was Liebespaare tun. Hand-in-Hand gingen sie durch die Straßen. Ob zum Einkaufen, ins Kino, ins Theater. Jeder konnte wissen, sollte wissen und wusste: Da haben sich zwei gefunden.
Die Emotionen erreichten ihren Höhepunkt, als sich Nachwuchs ankündigte. Ron umsorgte seine Annalena, und er half ihr beim Genießen der Schwangerschaft. Er selbst schleppte etliches an Lektüre an, um sich zu bilden und auf keinen Fall irgendetwas falsch zu machen. Die werdenden Eltern waren perfekt eingestimmt auf die Ankunft ihrer Leona. Die Kleine war ein liebes Baby, dass den Eltern viel Freude bereitete. Dem Mädchen fehlte es an nichts, vor allem nicht an Liebe. Die drei genossen ihr Zusammensein und nahmen sich regelmäßig Zeit füreinander.
Leona wuchs heran und bekam einen Bruder. Den Namen für den Neuankömmling durfte sie zusammen mit den Eltern aussuchen. Nathan war so pflegeleicht wie seine Schwester. Die Liebe der Eltern spiegelte sich in der Geschwisterliebe. Wochenendausflüge der vier fanden regelmäßig statt. Zum Beispiel in den Zoo, die hüpfenden Affen machten den Kleinen am meisten Spaß. Zum Spielplatz, hier versuchte Leona durch den Sand zu hüpfen, wie es die Affen auf den Bäumen vormachten. Nathan lachte bei den tänzelnden Bewegungen seiner Schwester vom Kinderwagen aus zu. Die Schwimmhalle, es war so großartig, wenn man von Papa emporgehoben wurde und dann ins Wasser zurückplumpste. Rundum sah man ein reißfestes Band.
Wenn man an das Glück gewöhnt ist, ist alles andere ganz fern. In dem Fall war der Schlag mit dem Hammer ein LKW mit einem betrunkenen Fahrer. Ron, der Vater, war mit Leona an der rechten Hand und Nathan, der beim Laufen noch unbeholfen war, an der linken Hand zum Spazieren unterwegs.
Bremsen war ein Fremdwort für den Mann am Steuer…
Annalena lag bis 16 Uhr im Bett. Ging nur zur Toilette, sonst nirgendwohin. Schaute dann aus dem Fenster. Sah keine Sonne. Sah nicht den Regen. Spürte nicht, dass ihr Magen etwas zu tun haben wollte. Kochte nicht, deckte jedoch den Tisch für vier Personen. Ließ Wollmäuse wachsen. Zog den letzten sauberen Pulli aus dem Schrank. Sortierte Kinderkleidung. Sah sich Aufnahmen ihrer Familie auf dem Laptop an. Drehte den Knopf laut bis zum Anschlag, um zu glauben, das Kinderlachen kam aus der Ecke. Ging wieder zur Toilette. Schaute wieder aus dem Fenster. Doch da war nur Nacht.
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