Von Agnes Decker
Sein Handtuch lag zusammengeknüllt auf dem steinigen Boden unter der dürren Esche. Daneben unsere Rucksäcke.
„Jonas!“ Keine Antwort. Vielleicht war er zum Boot gegangen, um sicher zu sein, dass es vom Meer aus nicht zu sehen war. Oder er musste einfach mal pinkeln. Ich lief zurück zu der Stelle, an der wir angekommen waren. Dann den Schleifspuren nach bis zu dem Gebüsch, in dem wir das Boot versteckt hatten. Nichts.
„Die Spuren noch verwischen“, hatte er gemurmelt, bevor ihm die Augen zugefallen waren. Also ich, ich sollte die Spuren verwischen. Schon klar. Ich hatte vorsichtig mein Bein unter seinem Kopf weggezogen. Ein Speichelfaden war an seinem Mundwinkel hängengeblieben und auf meinen Pareo getropft. Eklig.
„Jonaaaas!“ Lauter konnte ich nicht brüllen. Antworte doch endlich! Aber es blieb still. Vielleicht versteckte er sich, um mich zu erschrecken. Typisch Jonas.
An unserem Platz war alles unverändert. Erschöpft ließ ich mich auf seinem Handtuch nieder. Es roch nach Sonnenöl und ein wenig nach ihm. Hoffentlich war ihm nichts passiert. Einen Moment lauschte ich dem Zirpen der Zikaden und dem leisen Schwappen der Lagune gegen das Ufer. Als ich die Augen aufschlug, war er immer noch weg. 16.00 Uhr Ich musste über eine Stunde geschlafen haben. Kein Wunder. Der bisherige Urlaub mit Jonas war mehr als anstrengend gewesen. Jede kleine Bemerkung von mir, die ihm nicht in den Kram passte, ließ ihn ausrasten. Dazu diese Hitze. Selbst in den Nächten keine Abkühlung. Und es wurde schlimmer. Mit der Hitze und mit ihm.
„Auffälliger geht’s wohl nicht“, hatte er mich angeschnauzt, während wir das Boot an Land zogen. Er meinte meinen türkisfarbenen Pareo mit den Flamingos. „Wie blöd kann man sein?“
Mein Mund war pelzig, die Arme schmerzten vom Rudern gegen die Strömung. Wenn er nicht bald zurückkam, würde ich versuchen, die andere Seite der Insel zu erreichen, und einem Touristenboot zuzuwinken. Irgendetwas musste ich tun. Lieber zahlte ich eine Strafe, als die Nacht hier zu verbringen.
Wie schön wäre es, jetzt in einem der kleinen Cafés zu sitzen. Vor mir ein Affogato, bei dem die Vanillekugel langsam im Espresso versank.
„Du kannst ja zurückschwimmen. Bei Flut entstehen hier Querströmungen. Keine Chance mit dem Boot.“ Dabei hatte er mich angegrinst. Eigentlich war nur ein Tagesausflug geplant, die Insel erkunden und dann wieder zurück. So ein Arsch. Ich sollte mich freuen, dass er weg war. Aber meine Angst war stärker. Er durfte mich nicht einfach alleine lassen.
Ich drehte mich um. Der schmale Sandstreifen, das türkisblaue Meer, die heranplätschernden Wellen. Und die Stille, die wie eine Glasglocke über der Insel lag, nur ab und an durchbrochen vom fernen Vibrieren eines Tankers oder dem Knacken der Bäume. Trotz der Hitze wurde mir kalt. Wir hätten auf der anderen Seite anlegen sollen, so wie ich es gesagt hatte.
„Bist du wahnsinnig, da sitzen wir wie auf dem Präsentierteller. Was meinst du, wie schnell die hier sind. War teuer genug gestern.“
Damit hatte er mich. Dabei wollte ich nur etwas ausruhen und mein Sandwich essen. Doch die Polizisten waren unerbittlich gewesen. 150 € Bußgeld für das Sitzen auf einer alten Treppe. Jonas war schier ausgerastet.
„Jonas!“ Immer noch nichts.
Vielleicht tat ich ihm unrecht. Was, wenn er Hilfe brauchte? Verletzt war? Ich tauschte den Pareo gegen Shirt und Shorts. Dann schulterte ich den Rucksack. Die Träger schnitten in den Sonnenbrand. Der plötzliche Schmerz jagte mir einen Kälteschauer über die Haut. Kurz überlegte ich, alles hierzulassen. Aber die Wasserflasche und die Kekse würde ich sicher noch brauchen, das Geld auch und mein Handy, wenn es denn irgendwo Empfang gab auf dieser gottverdammten Insel. Ich biss die Zähne zusammen und stülpte mir den Sonnenhut auf den Kopf.
Der Hut. Am ersten Tag hatte Jonas ihn entdeckt und mir behutsam aufgesetzt. „Bella, das ist deiner.“
Jonas! Vielleicht war ja alles ganz anders und er war aufgewacht und einfach losgegangen. Hatte es nicht mehr ausgehalten. Er war besessen von der Insel. Hatte tagelang von nichts anderem geredet. Er würde nach Poveglia fahren, ob ich wolle oder nicht. Nur deswegen wäre er hier. Das alles brüllte er heraus. Egal, ob die Leute sich nach uns umdrehten. Dabei sollte es ein Liebesurlaub werden. Zumindest ich hatte das geglaubt.
Zögernd ging ich los. Die Mückenstiche juckten und der Schmerz war fast unerträglich. Mühsam kämpfte ich gegen das mannshohe Unterholz an. Ich fühlte mich unendlich einsam. Musste immer wieder die Tränen abwischen. Nichts wie weg hier. So schnell wie möglich. Aber ich kam nur langsam voran, da meine Füße bis zu den Knöcheln im sandigen Boden versanken.
„50 % des Bodens bestehen aus der Asche von 150.000 Pesttoten“. Jonas hatte mich mit glänzenden Augen angeschaut. „Wir werden über ihre Überreste wandern.“
Unwillkürlich zog ich den Fuß zurück, obwohl ich es besser wusste. Google sagte, das wären nur Schauergeschichten für Touristen, die genau wegen so etwas hierherkamen. Vor allem wegen des irren Arztes, der sich vom Glockenturm gestürzt haben soll, nachdem er seine Patienten… Auch so ein Touristenquatsch. Bloß nicht darüber nachdenken.
Zweige peitschten mir ins Gesicht, Dornen bohrten sich in meine Waden. Die Büsche schienen näher zu rücken und sich hinter mir zu schließen – wie eine Mauer. Gerade, als ich darüber nachdachte, ob ich wohl noch auf dem richtigen Weg wäre, sah ich sie. Der weiße Stein war von tiefen, schwarzen Rissen durchzogen, die Brüstung fehlte. Ein fauliger Geruch stieg aus dem dunklen Wasser auf. Ich versuchte, durch den Mund zu atmen, was mir aber nicht richtig gelang. Würde die Brücke mich tragen? So, wie die vielen Menschen, für die es der letzte Weg gewesen war – eine Einbahnstraße in den Tod?
Der Übergang war schmal. Ich fixierte den Boden, mied den Blick nach links und rechts, wo die Holzplanken fehlten. Unter mir schwamm träge grünliches Lagunenwasser, in dem sich verrottetes Seegras staute. Direkt vor mir, am Ende des kurzen Stegs, wartete das Sanatorium, ein riesiger Komplex aus Backstein mit endlosen Reihen leerer Fenster, deren weiße Holzrahmen die Farbe verloren hatten. Sie schienen mich anzustarren, so als ob sie auf mich warteten. In der Mitte ragte der Glockenturm wie ein Stachel in den Himmel.
Ich spürte den Temperaturwechsel, als ich das Ende der Brücke erreichte und den schattigen Streifen vor dem Haupteingang betrat. Wild wuchernde Brombeersträucher und Efeu hatten sich den Weg erobert und drückten von beiden Seiten gegen die verwitterten Steinstufen. Die Eingangstür fehlte, das Portal stand offen. Obwohl ich mir nichts mehr wünschte, als woanders zu sein, irgendwo, wo es normales Leben gab, blieb ich stehen. Der Boden war übersät mit abgeplatztem Putz, Glasscherben und den vertrockneten Blättern des vergangenen Herbstes. Als würde ich magnetisch angezogen, ging ich hinein. Meine Schritte hallten im leeren Raum. Ich stieg über Schutt und kantige Steine, ging an Metallbetten vorbei, vorbei an einem Spiegel, über den sich Risse zogen wie ein Spinnennetz. Am Ende des Raumes führte eine geschwungene Treppe ins Nichts. Durch ein Loch im Dach sah ich den Himmel. Meine Kehle wurde eng. Da oben hatten sie damals die Patienten angebunden.
Meine Knie zitterten, als ich den langen Flur betrat, den ein paar Sonnenstrahlen in ein düsteres Zwielicht tauchten. Irgendwo knackte und raschelte es. Ich fuhr herum. „Jonas!“ Meine Stimme klang piepsig und verlor sich. Am Ende des Flurs tauchte eine Gestalt auf. Sie kam mit schleichenden Bewegungen auf mich zu. Bitte, lass es Jonas sein oder einer dieser bescheuerten Lost-Places-Touristen. Aber war er es wirklich? Die Bewegungen? Die Augen? Er starrte mich an, als blicke er durch mich hindurch. Mir wurde eiskalt.
Jemand schrie: „Neiiiiin!“
Ich rannte los. Wieder dieser schrille Schrei. Er breitete sich in meinem Kopf aus, übertönte alles, bis ich merkte, dass er aus mir kam. Zitternd vor Angst raste ich weiter. Stolperte über lose Steine, rutschte auf Glasscherben aus, fing mich wieder. Drehte mich um.
Niemand.
Ich weiß nicht mehr, wie ich hinauskam. Im ersten Moment sah ich nichts, dachte, ich sei blind. Aber es war nur die tief stehende Sonne, die mir in die Augen stach. Wie lange war ich dort drinnen gewesen?
Los! Weiter! Ich lief. An der Backsteinmauer entlang, bis ich auf einen Trampelpfad stieß, der in einen lichten Wald führte. Seitenstiche nahmen mir den Atem. Egal. Bloß nicht stehenbleiben. Schritt für Schritt schleppte ich mich vorwärts. Plötzlich wichen die Bäume zurück. Vor mir erhob sich ein Schutzwall aus weißen Steinen, dahinter die blaue Lagune, wie auf einer dieser kitschigen Postkarten.
„Danke“, murmelte ich und atmete tief durch. „Danke.“
Langsam kehrte meine Kraft zurück. Ich würde es schaffen. Irgendwohin, wo Menschen waren. Ich kletterte auf die Steine und genoss den kühlen, salzigen Wind. In Sichtweite zog ein Ausflugsboot vorbei. Ich sah die bunten Jacken der Touristen an Deck, die ihre Kameras auf den Glockenturm hinter mir richteten. Ich hob die Arme, winkte und schrie.
Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, lag ich auf einem Boot.
„Sie hatten Glück“, sagte der Sanitäter.
„Jonas. Mein… – mein Freund!“
Er sah mich ernst an. „Wir suchen noch.“
Sie fanden ihn am nächsten Morgen am Fuß des Glockenturms. Schwer verletzt. Ein Schädelbruch und tiefe Kratzspuren am ganzen Körper. Die Ärzte vermuteten, dass er infolge eines schweren Hitzschlags völlig die Orientierung verloren hatte, gestürzt und unglücklich aufgeschlagen war. Jonas erinnerte sich an nichts. Er schrie in der Nacht, und wenn er wach war, fragte er immer wieder, warum ich ihn allein zurückgelassen hätte. Er würde noch einige Zeit in der Klinik bleiben müssen. Zum Glück würden seine Eltern bald da sein. Sie wollten sofort losfahren, nachdem ich anrief.
Ich strich den Sonnenhut glatt und legte ihn vorsichtig auf den türkisfarbenen Pareo mit den Flamingos. Dann klappte ich den Koffer zu.
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Poveglia ist eine kleine Insel vor Venedig und einer der bekanntesten „Lost Places“ in Europa
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