Von J.W. Anders
Sie starrt an die Decke. Obwohl Sonnenlicht durch den nur halb geschlossenen Rollladen dringt, scheint es ihr zu dunkel zum Aufstehen. Ihr Körper ist von lähmender Schwere. Will sich nicht rühren. Kann sich nicht rühren.
Sie versucht, gleichmäßig zu atmen. Ein und aus. Ein und aus. Gegen den Druck in der Brust.
Im Haus ist es still. Eine Stille, nach der sie sich früher im bunten Chaos oftmals gesehnt hat. Wenigstens mal für eine halbe Stunde meine Ruhe haben, hat sie damals gedacht. Doch still ist nun zu still. Sie hört ihre eigenen gepressten Atemgeräusche und das Ticken des Weckers.
Was soll sie nur mit den Stunden anfangen, die vor ihr liegen? Mit diesen pechzähen Stunden aus Helligkeit, die nach Aktionen schreien. Nach Lebendig-Sein.
Es ist Sommer. Wieder einer dieser blauen Sommertage, die warm, doch noch erträglich sind. Die hinaus locken wollen ins Freie. Die Sorglosigkeit oder zumindest Ablenkung versprechen. Und nichts davon halten.
Während sie sich nach Novemberregen fühlt und sich in einem Haus einigelt, das nun zu groß ist.
Am Tag zuvor hat sie sich in den Discounter geschleppt. Und wie immer, wenn man niemanden treffen möchte, lief ihr eine Bekannte über den Weg.
„Hey, wie geht es dir?“
Ihre Antwort kam prompt. Die übliche, die erwartete Antwort, natürlich.
Wie hätte sie auch erklären sollen, dass das Haus zu still ist. Sich fremd anfühlt. Nicht mehr, wie ihr Heim, obwohl noch alle Möbel an ihrem Platz stehen, ihre Zimmerpflanzen gedeihen. Es an nichts fehlt – eigentlich.
Sie zwang ihre Mundwinkel zu einem Lächeln. Vom Gefühl her nicht überzeugend, doch für die Bekannte scheinbar gut genug, denn sie verabschiedete sich mit den Worten: „Lass uns demnächst einmal Kaffee trinken. Bis dann.“
„Ja, bis dann“, antwortete sie nickend. Froh, dass sowohl Kaffee als auch ein längeres Gespräch auf irgendwann verschoben waren, Denn sie hätte keine Energie dafür gehabt. Und doch wäre alles besser gewesen, als in dieses leere Haus zurückzukehren.
Ihr bisheriger Wohlfühlort. Beraubt. Verlassen. Schweigend. Grau und grau und grau. Düster, erdrückend, Luft abschnürend.
Diese ständige Erschöpfung, so kennt sie sich gar nicht. Bisher hat sie Pflicht und Kür immer gemanagt. Hat alle Elterndienste erledigt, da ihr Mann unter der Woche selten zuhause ist. Sie muss krank sein. Auch wenn das Fieberthermometer nichts dergleichen anzeigt. Sie zieht die Bettdecke bis zum Kinn.
Wozu soll sie aufstehen? Es steht nichts Wichtiges an. Niemand braucht sie.
Das hat nie jemand gesagt, dass das Loslassen das Schlimmste am Kinderkriegen ist.
Schon sechs Monate, seit ihre jüngere Tochter nicht mehr hier ist. Noch immer muss sie die mit Aufklebern verzierte Tür ihres Zimmers schließen, noch immer hängt ihr Handtuch neben dem Waschbecken. Nach dem ersten Besuch hat sie den Fehler begangen und das rot gestreifte Handtuch ihrer Tochter in die Wäsche getan. Nur, um beim nächsten Gang ins Bad in Tränen auszubrechen
Was bin ich für eine Heulsuse, hat sie sich geschimpft. Ich bin nicht die Erste, die da durchmuss. Sie hat mit beiden Händen die Tränen von den Wangen gewischt und konnte nicht aufhören zu schluchzen.
Ihre Augen brennen. Die Zimmerdecke verschwimmt.
Damit hat sie nicht gerechnet: dass der Auszug ihrer Kleinen sie derart erschüttern würde. Nachdem sie einen Artikel über eine Mutter gelesen hatte, die nach dem Auszug ihres Sohnes heftig betroffen war, hat sie sich für Kurse angemeldet. Pläne für Urlaube und Renovierungen geschmiedet. Hat gehofft, sich leichter zu fühlen und fühlt sich nun bleiern. Kocht nicht, denn es macht keinen Spaß allein, wird im Homeoffice nicht unterbrochen und vermisst die Rufe, wenn ihre Tochter heimkommt. Still, viel zu still, dieses Haus.
Dabei hätte sie eigentlich in Übung sein müssen. Denn ihre ältere Tochter, schon immer eher freiheitsliebend und auf ihre Unabhängigkeit pochend, war direkt nach dem Abi ausgezogen. Eine ganz andere Wunde, die auf eine ganz eigene Art schmerzt.
Außerdem gönnt sie auch der Kleinen diese Freiheit – Masterstudium in einer anderen Stadt. Sie will, dass diese den neuen Lebensabschnitt genießt. Hält die Erfahrung, die sie selbst nie machen durfte, für wichtig, charakterbildend. Denn beide Töchter sollen nach ihren eigenen Vorstellungen leben können. Sollen sich ihr Leben gestalten.
Ja, ihr Verstand ist hellwach und weist auf eigene, lange nicht gekannte Möglichkeiten hin. Nur ihr Herz hinkt. Wartet sehnsüchtig auf das nächste Telefonat. Dabei telefonieren sie wegen jeder Kleinigkeit. Dennoch ist dies kein Ersatz: für all ihre Gespräche über Alltägliches, die gemeinsamen Interessen, die Vertrautheit. Für dieses Band. Wie eine unsichtbare Fortsetzung der Nabelschnur.
Stark gedehnt derzeit.
Erinnerungen, die im Grau aufleuchten: Das erste Lächeln, die ersten Schritte ihrer Kleinen. Wie diese eine Weinbergschnecke vom Weg rettet. Auf einer Wanderung ins Abendrot hüpft. Eine Schultheatervorstellung, Musikwummern durch die geschlossene Tür und so vieles mehr, bis zum Zusammenpacken fürs Wohnheim. So vieles, das sie versucht hat, auch beim zweiten Kind bewusst wahrzunehmen, festzuhalten. So viel und doch niemals genug.
Weshalb weiß sie nicht, wie es ihrer Mutter damit ging? Sie haben nie darüber gesprochen. Nie! Wie über so vieles. Sie hat sich damals keine Gedanken gemacht, was ihre Mutter fühlte, und kann sie nun nicht mehr fragen.
Sie will ihre Kleine nicht mit ihrem Kummer belasten. Mit ihrem Verloren-Sein in der Stille. Doch sie will ihr zeigen, wie sehr sie sie liebt. Dass sie wichtig bleiben wird, wo auch immer sie ist.
Sie beugt sich vor, greift nach dem Handy neben dem Bett.
Es vibriert in ihrer Hand. Sie öffnet den Messengerdienst.
„Hey, Mum, ich hab den Shakespeare-Kurs gekriegt!.“ Smiley dahinter.
In diesem Augenblick fließen die Tränen. Warm in der schmelzenden Kälte.
„Freut mich, Schatzi“, antwortet sie. Mit Herz.
Ihr fällt der Urlaub in Stratford upon Avon ein, nur zu zweit. Die Begeisterung in Augen und Mimik ihrer Tochter. Ihr Wissensdurst.
Ein Gedanke weht weich durch ihr inneres Grau. Wie Lichtgeplänkel auf einem ruhigen See. Sanft glitzernd.
Nein, auch wenn das Haus still und leer ist, ihr Zuhause ist nicht verloren.
Der Tag ist inzwischen hell genug zum Aufstehen. Im Bad fällt ihr Blick auf den Spiegel. Dort ist sie. Nicht mehr jung, doch noch lange nicht alt. Dieselbe Person wie am Tag zuvor. Mit ersten grauen Haarsträhnen und Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln. Und doch nicht ganz.
Ein Lächeln glitzert in ihren Augen, zieht ihre Mundwinkel nach oben.
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