Von Marianne Apfelstedt

 

Tobi ließ sich auf die Holzbank neben seinen Spezl Udo fallen.

„Spendierst du mir noch einen Wodka?“

„Mensch Tobi, ich glaube, du hast genug für heute. Geh nach Hause. Es tut mir leid, dass dich die Chefin gefeuert hat. Musst halt erstmal auf dem Hof von deinem Alten rackern, bis du wieder einen Job findest. Falls du deinen Mustang loswerden willst, ich kenne einen Mann, der ihn dir sofort abkaufen würde.“

„Nee, lass mal. Mein Baby steht nicht zum Verkauf.“ Mühselig stemmte sich Udo am Tisch in die Senkrechte, um dann schwankend wie ein Matrose beim Landgang an die Theke zu torkeln.
 
„Woodkaalemonn!“

„Kannst du den bezahlen?“, fragte der Wirt, wobei er die Antwort ohnehin schon kannte. Tobi steckte die Hände in die jeweiligen Taschen seiner Jacke und zog das Futter heraus, als er vergeblich nach Münzen suchte.

„Nix zu finden.“ Treuherzig blickte er den Wirt an.

„Du bekommst jetzt einen Absacker und dann gehst du direkt zur Tür raus und nach Hause. Versprochen?“ Tobi nickte. Wobei nach Hause zu gehen das Letzte war, was er im Moment wollte. Der Wirt stellte zwei Stamperl auf die Theke und goss ein.

„Prost, Tobi.“

„Prost.“ Die Männer sahen sich in die Augen und kippten ihre Schnäpse in den Rachen. Tobi schüttelte sich und verzog das Gesicht. Marille mochte er noch nie. Er schaffte es durch die Tür, hangelte sich am Treppengeländer entlang und stand endlich auf dem Bürgersteig. Der Mond beleuchtete die Umgebung und der schaurige Ruf vom Waldkauz tönte durch die Nacht.
 
„Guten Abend. Nicht so stürmisch, junger Mann.“ Tobi hatte suchend nach oben geblickt und war direkt in den Fremden hineingelaufen.

„Tschuldigung.“ Der Fremde nahm Tobi am Arm und stützte ihn beim Weiterlaufen.

„Ich kenne die Lösung für dein Problem. Verkaufe mir …“

„Mein Muschtang kriegsch net!“ Tobi versuchte, von dem Kerl loszukommen.

„An deinem Auto habe ich kein Interesse. Ich dachte da eher an deine Erinnerungen. Speziell an Erinnerungen an deine Mutter.“

 

Tobi sah sie vor sich, am Holztisch in der Küche. Sie erzählte ihm, dass die Chemotherapie nichts bewirkte. Er schluckte schwer. Im letzten Sommer trug er sie manchmal die Treppen hinunter auf den Liegestuhl in den Garten. Neben den Blumen und Schmetterlingen, konnte sie einen Moment vergessen. Da war sie schon leicht wie eine Feder. Der Krebs an der Bauchspeicheldrüse fraß sie auf. Auf diese Erinnerung würde er gerne verzichten.

„Was zahlsch?“

„Du nennst mir die Summe und morgen befindet sich der Betrag auf deinem Konto.“ Tobi schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund, in der Hoffnung, den Alkohol loszuwerden.

„Ich will eine Million Euro.“

„Hier ist der Vertrag, ich habe die Summe eingetragen. Jetzt benötige ich einen Tropfen deines Blutes.“ Tobi verspürte einen kleinen Stich am Daumen und sah verblüfft einen roten Tropfen von der Kuppe rollen. Der Fremde fing sie mit einer Phiole auf. Dann drückte er den blutenden Finger auf das Papier, so dass ein Fingerabdruck zurückblieb.

„Je leichter die Seele, desto sicherer bekomme ich sie zum Schluss. Ein Bruchstück. Der Anfang ist getan“, flüsterte der Fremde, als er Tobi vor seinem Elternhaus an der Tür absetzte. Seine Augen leuchteten flammend rot.

Am nächsten Morgen erwachte Tobi mit einem Brummschädel. Er zerbröselte drei Alka-Seltzer und steckte sie in eine Wasserflasche. Bevor sie sprudelnd überlaufen konnte, trank er einen großen Schluck. Nach der Dusche fühlte sich sein Kopf an wie in Watte gepackt, nur vereinzelt schaffte es ein Schmerzblitz durch das Wattepolster. Der Seegang im Magen hatte sich ebenfalls beruhigt und Tobi war gerade dabei, ein Kaffeepad in die Senseo einzulegen, als sein alter Herr in die Küche stiefelte.

„Rausch ausgeschlafen? Wird auch Zeit. Du kannst gleich das Güllefass anhängen und aufs Feld fahren.“ Er nahm Tobi den Kaffeebecher aus der Hand und stapfte aus der Küche. Tobi setzte sich mit einer neuen Tasse Kaffee an den Tisch. Wie Laub auf einem Wasserstrudel wirbelten Bilder durch seine Gedanken. Der Marillenschnaps vom Wirt, der bestimmt für die Kopfschmerzen verantwortlich war. Ein schwarzes Blatt, in das sich ein hageres Gesicht schob, das er nie zuvor gesehen hatte. Sein Daumen, an dem ein Blutstropfen herunterlief. Eine Million Euro.

„Ich werd verrückt! Ich sollte weniger saufen, was für ein wirrer Traum. Oder doch nicht?“ Tobi checkte auf dem Handy sein Bankkonto und kippte fast vom Stuhl. Sein neuer Kontostand: 498.521,23 Euro! „Ich bin reich! Der Alte kann seine Gülle heute selber rausfahren.“ Er stopfte seine Klamotten in den Koffer vom Dachboden und ging noch einmal durch die gute Stube. Sein Blick fiel auf die Fotos an der Wand. Der Alte vor einem Traktor, seine Schwester Ida mit ihrem Puppenwagen. Daneben ein Schwarz-Weiß-Foto einer strahlend jungen Frau mit Baby auf dem Arm. Hübsch, doch er konnte sich nicht an sie erinnern. Ganz leicht zupfte etwas in seiner Brust. Pfeif drauf, er brauchte keine Erinnerungen. Jetzt begann sein neues Leben.

 

 

Seine einst lockigen, schwarzen Haare hatten einer polierten Stirn Platz gemacht und sein Sixpack hatte sich in ein Feinkostgewölbe ausgedehnt.

Tobias Unterleder versendete letzte Anweisungen per Mail an seinen Geschäftsführer. Wie jedes Jahr fuhr er auch heute auf die MotionExpo nach Graz. Diese freie Woche war sein Jahresurlaub. An den restlichen Tagen genoss er es, sein Vermögen zu vermehren, indem er Luxusautos verkaufte.

Wie immer hatte er sich ein Zimmer im Palais-Hotel Erzherzog Johann in Graz reserviert. Er traf einen Tag vor Messebeginn dort ein und hatte bis zum letzten Messetag sein Zimmer gebucht. Den letzten Abend in Graz würde er wie immer ein wenig anders gestalten.

Der Koffer war gepackt. Eine schwarze Reisetasche vom Discounter stand abwartend daneben. Er checkte aus, beglich seine Rechnung und gab an der Rezeption, wie immer, ein stattliches Trinkgeld. In seinem Mercedes-Benz-Coupé fuhr er in den 16. Bezirk. Etwas außerhalb von Straßgang steuerte er ein alleinstehendes Bauernhaus mit Scheune an. Er parkte den Mercedes hinter einer Strohballenwand und bedeckte ihn mit einer Plane. In der Reisetasche befanden sich eine Jeans, ein Flanellhemd und Stiefel. Er war kaum in der Lage, die Knöpfe des Hemdes zu schließen, so stark zitterten seine Hände. Den Schuppen verließ er als Stefan Gruber. Im grauen alten VW-Golf fuhr er zurück in die Stadt. Sein Ziel, eine Bar, die zu dieser späten Stunde gut besucht war.

 

Sein Raubtierblick durchsuchte den Raum nach einer Frau, einer nicht mehr jungen Frau. Gerade wollte er an den Tisch einer Dunkelhaarigen treten, als sich eine weitere Frau an ihren Tisch setzte. Die beiden küssten sich leidenschaftlich. Er schlenderte an ihrem Tisch vorbei auf einen Platz an der Theke zu. Tobias bestellte einen Wodka Lemon und scannte weiter die Gäste, die kamen und gingen.

„Guten Abend. Wenn Sie ein Stückchen rutschen, kann ich mich neben Sie stellen. Von hier aus hat man einen guten Überblick. Ich bin Eva.“ Ein grauer Pagenkopf umrahmte ihr zartes Gesicht. Sie reicht ihm gerade mal bis zur Brust. Er kam ihrer Bitte nach und trat zur Seite.

„Sind Sie von hier? Ich bin Stefan.“

„Gott bewahre, nein. Ich komme aus Wien. Ein Meeting und ein Messebesuch waren meine heutigen Programmpunkte.“ Wenn sie lächelte, wurden ihre Augen von einem Kranz feiner Linien eingerahmt.  Sie bestellte ebenfalls Wodka, mit Kirschsaft.

„Ich bin auch geschäftlich hier.“ Das Gespräch tröpfelte dahin und beide bestellten sich einen weiteren Drink, bis ein alter Smokie-Song die Tanzfläche füllte.

„Sie dürfen mich zum Tanzen auffordern. Mein Lieblingslied.“ Sie tanzten die ganze Smokie Runde durch und bahnten sich dann erhitzt einen Weg zurück an die Theke.

„Ich gehe mich mal frisch machen. Kannst du mir bitte noch einen Wodka und ein stilles Wasser bestellen?“

„Ja, klar.“ Er nutzte die Gelegenheit und versetzte beide Getränke mit Tropfen aus einem Fläschchen. Als sie zurückkam, prostete er ihr mit seinem Glas zu.

„Ich brauche jetzt erst mal Wasser gegen den Durst. Du bist ein guter Tänzer, wir können uns gerne noch einmal auf die Tanzfläche wagen.“ Sie strahlte ihn an.

„Ich muss erst ein wenig verschnaufen. Ich habe schon lange nicht mehr getanzt. Prost.“ Eva leerte ihr Glas.

„Ach komm schon.“ Sie nahm seine Hand und er tappte ihr hinterher. Stehblues. Gegen Ende des Liedes sank ihr Kopf an seine Brust, er lenkte die Schritte zum Ausgang. Sie war so leicht wie eine Feder, als er sie zum Auto trug.

Das einzige möblierte Zimmer im Haus neben dem Schuppen war ein Schlafzimmer. Er legte Eva auf dem Bett aus Nussbaum ab. Vom Fußende holte er ein rosa Flanellnachthemd und zog es ihr an, dann drehte er sie auf die linke Seite. Seine Schuhe stellte er ordentlich vor das Bett und legte sich zu der Schlafenden. Er rollte sich ein und berührte Eva nur mit dem Rücken. Ihre rechte Hand führte er zu seiner Schulter. So lag er, hörte ihren Atem und fühlte sich geborgen. Die Zeit stand still.

Eva bewegte sich unruhig und ihre Hand verrutschte von seiner Schulter. Seufzend stand er auf und tropfte ihr etwas aus dem Fläschchen zwischen die Lippen. Dann zog er ihr das Nachthemd aus, faltete es und legte es wieder zurück ans Fußende des Bettes. Aus der Schublade des Nachtkästchens holte er Insulin-Pens und injizierte ihr alle drei in den Bauch. Kurz darauf begann ihr Körper unkontrolliert zu zittern und Schweißtropfen perlten ihre Stirn hinab. Als ihre Extremitäten zu zucken begannen, hielt er den Blick starr auf ihr Gesicht geheftet. Tränen tropften von seinem Kinn, doch er bemerkte sie nicht. Nach wenigen Minuten war ihr Kampf vorbei.

Sie war seine Nummer 13, etwas brach und sein Herz hörte auf zu schlagen. Langsam rutschte sein Körper auf den Boden, doch das spürte er nicht mehr.

 

Flammend rote Augen leuchteten aus der Ecke. „Es ist vollbracht!“

 

 

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