Von Tobias Sütterlin

Glaubst Du, Du hast bestanden?
Das sagte er, einfach so. Ein Messerstich mit warmer Stimme.

Wir verließen gerade den Speisesaal. Kälte. Den ganzen Vormittag hatten wir in diesem Eispalast gesessen. LED-Lampen, reinweiß. Die Bodenfliesen strahlten feuchte Kälte ab. Ein Schlachthof.
Die Aufgaben waren direkt aus der Hölle.
Unzählige Aufsichtspersonen beobachteten uns wie Strafgefangene. Stille. Die Stifte rannten über die abgezählten und markierten Blätter. Alles war genauso, wie wir es immer wieder von den Älteren gehört hatten. Eiskalt, steril und stumm. Folter.

Warum hatte ich mir diesen Beruf ausgesucht? Warum musste es diese furchtbare Hochschule sein? Fünf freudlose Jahre habe ich hier gebüffelt, meine Gehirnzellen gegrillt und für den Abschluss gelitten. Diese letzte Prüfung war der Höhepunkt. Ich musste es schaffen.

Die Schulzeit war ein Spießrutenlauf. Ich fühlte mich immer fremd, am falschen Platz.
Vater sagte mit seiner klaren resonanten Stimme: Du bist eben nicht die hellste Kerze auf der Torte.
Wie witzig er sein konnte.
Mit seiner ganz eigenen Art kommentierte er jede schlechte Note, freute er sich über meine Misserfolge und bedauerte lautstark die Lehrer, die mich etwas lehren sollten. Auch gute Noten wurden schlechtgeredet. Das „dumme Kind“ taugt nichts. 

Ich lief die Extrameile und schaffte ein hervorragendes Abitur.
Meine Bewerbung an der Hochschule schickte ich heimlich ab.
Als das Schreiben kam, dass ich angenommen sei, lachte er mich aus. Niemals würde ich diesen Abschluss schaffen. Das „dumme Kind“. Mindestens die Hälfte der Prüflinge fällt durch. Du wirst es nicht mal in die Abschlussprüfung schaffen. 

Eleni wurde verwöhnt. Sie war ebenso so hübsch wie unsere Mutter war und sprach mit angenehmer Stimme. Sie hatte Mutters natürlich Grazie, Ballettunterricht und spielte Klavier.
Ich sehe Vater sehr ähnlich. Er ist groß, über 1,90, und war immer sportlich schlank obwohl er seit der Schule keine Turnhose mehr besaß. Wenn er in einen Raum kam, drehten sich alle Köpfe zu ihm. Er war das wandelnde Selbstvertrauen. In sich ruhende Sicherheit. Ich wollte werden wie er.
Schau Dir Deine Schwester an, wie schön und klug sie ist, sagte er, die Welt steht ihr offen.
Die Schule fiel ihr leicht. Überall war sie beliebt und zu jedem Geburtstag eingeladen. 

Mutter fehlte uns beiden. Grausamkeit hat viele Gesichter.
Vatis Liebling. Sie tat mir leid. Ich tat mir leid.

Die Wahrheit war: Er hatte genau diese Hochschule besucht und bestanden. Eine glänzende Laufbahn begann. Er heiratete das schönste Mädchen der Stadt. Ein großes Haus, Kinder.
Dann der Unfall. Er saß am Steuer. Mutter starb. Ein Fest für die Presse. Überall Bilder und fette Schlagzeilen.
Die Gutachter und das Gericht befanden auf unschuldig. Aber es war wie ein Fluch, er war verändert und die Türen schlossen sich für ihn.

Wir zogen um. Weit weg. Mehrmals. 

Es schien, als hätte er seinen Frieden damit gemacht, dass die große Karriere in der Hälfte steckenblieb. Aber, er ließ seinen Frust an mir aus. Nichts war richtig, zu dumm, zu hässlich.
In mir war nur ein Ziel. Diese Hochschule! Angenommen werden und bestehen. Nicht die Karriere, nicht das Geld, nur wie er sein. Ihm beweisen … aber was genau?

Auch ich bin gewachsen und sehe aus, wie Vater auf alten Bildern aussieht. Nur habe ich nicht diese gewaltige Ausstrahlung. 

Die Prüfung war vorbei und die Frage, ob ich glaubte, bestanden zu haben, hallte in meinem Kopf.
Ein ewiges schepperndes Echo.

Zwei Wochen später kam Post. Er war schneller am Briefkasten als ich, riss den Brief auf, faltete den Bogen auseinander und erstarrte.
Das darf nicht sein! Nein! Niemals! Er schrie es heraus. Donnernd, als wäre er Zeus persönlich.
Dann wurde er blass, schwankte und setzte sich einfach auf den Boden. 

Ich erlebte diese wenigen Sekunden, als würden sie nie enden.

Was? Nur dieses eine Wort kam aus meinem Mund. Leise, kaum hörbar.

Er blickte auf. „Du hast mit Auszeichnung bestanden.“
Niemals werde ich vergessen, dass dieser kurze Satz, fünf Worte, klang wie ein Todesurteil. Als würden sich alle Katastrophen der Welt in diesem Schreiben zusammenballen und uns wie ein schwarzes Loch verschlingen. Unabwendbar. Endgültig.

Die Absolventen bekamen in einer pompösen herzlosen Zeremonie die Urkunden überreicht. Große Reden wurden geschwungen und das Kollegium der Hochschule beglückwünschte sich zu seinem Erfolg. Es war widerlich.

Ich war am Ziel. War ich am Ziel?
Ich hatte den Abschluss, den er mir nie zugetraut hätte. 

Wenig später kamen Einladungen. Die großen Kanzleien des Landes buhlten um die wenigen Überlebenden der großen Schlacht. 

Dann kam der Brief, der dem Ganzen die Krone aufsetzte. Die Kanzlei, die meinen Vater damals, nach dem Unfall, trotz bewiesener Unschuld mit großem medialem Lärm davongejagt hatte, lud mich ein. Ich kotzte innerlich und Vater weinte.
Als er sich gefasst hatte, blickte er auf und zeigte auf den Küchentisch.

Wir saßen uns gegenüber, nervös, unruhig, schweigend.
Immer wieder stand er auf, ging mit großen Schritten zur Tür, griff nach der Klinke, schüttelte den Kopf und setzte sich wieder, faltete seine großen Hände, als wolle er beten oder ballte sie zur Faust, nickte, seufzte.
Er schluckte, holte tief Luft.

Stotternd sagte er, ich habe viel falsch gemacht. Alles? Mein Leben ist ein Schrotthaufen. Wie konnte es so weit kommen?

Dann erzählte er, wie er Mutter kennengelernt hatte, wie verliebt sie waren, die Hochzeit, Flitterwochen und wie sehr Eleni ihr gleicht.
Wie ihm dann der Unfall das Leben wegriss. Die Ohnmacht. Alles war plötzlich wertlos, der Angstschweiß in all den Prüfungen umsonst, die Überstunden, Titel, Urkunden, Karriere. Dahin.
Freunde? Plötzlich war keiner mehr da. 

Aber die Kinder.
Keine Zeit für Trauer, das Leben musste weitergehen.

Er nahm ein Glas vom Regal und hielt es unter den Wasserhahn. Seine Hände zitterten. Er trank, setzte sich, sah mir in die Augen und mit leiser Stimme sprach er von der Panik, die ihn erfasste, als er merkte, was ich vorhatte und, dass er das nicht verhindern konnte. Von seiner Angst, alles würde sich wiederholen und wie sehr er insgeheim meine Willenskraft bewunderte. 

Ich hatte keine Worte, aber ich hatte meinen Vater zurück.

Nein, ich glaubte nicht, dass ich bestanden hatte. Ich war mir sicher! Und ja, ich bin am Ziel!

Am nächsten Morgen war Eleni zum Frühstück da und stellte uns Martin, ihren Verlobten, vor. Die Überraschung war ihr gelungen. Martin sprach von seiner Karriereplanung und ich sah, wie Vater blass wurde.


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