Von Andreas Schröter
Michael Weber (32) war nervös. Er hatte erst vor wenigen Tagen seine Approbation erhalten und seine Stelle als Assistenzarzt angetreten – ein Ziel, auf das er fast genau zehn Jahre hingearbeitet hatte. Und er war somit jetzt endlich auch berechtigt, Nachtdienst auf der Intensivstation des St.-Elisabeth-Krankenhauses zu leisten.
Heute war seine erste Schicht dieser Art, und Michael Weber war alles andere als sicher, jeden Zwischenfall fachmännisch behandeln zu können. Es könnte bei den Patienten zu Herz- oder Atemstillständen, Blutvergiftungen oder epileptischen Anfällen kommen. Die technischen Geräte könnten ein Problem haben, für das er keine Lösung wusste.
Erst gestern, so war dem elektronischen Board zu entnehmen, war eine 18-Jährige nach einem Motorradunfall eingeliefert worden, deren Zustand als ausgesprochen labil galt. Multiple innere und äußere Verletzungen. „Ich gehe davon aus, dass sie die Nacht nicht überleben wird“, hatte Oberarzt Dr. Konrad Ledecker bei der Übergabe gesagt. Michael Weber schaute aufs Board: Janina Hartung hieß das Mädchen. Er hatte nun schon dreimal bei ihr an Bett 17 im Intensivzimmer 1 vorbeigeschaut. Sie lag im Koma und wurde intubiert. Ansonsten war nicht viel von ihr zu sehen, weil sie von Kopf bis Fuß einbandagiert war. An Armen und Bauch schauten Schläuche heraus, die an Infusionsbehältern angeschlossen waren. Arme Janina, dachte er.
Andererseits hatten diese Nachtschichten den Vorteil, dass man in ihnen oft viel Zeit hatte zu lernen. Der Stoff, den er als angehender Chirurg zu bewältigen hatte, hatte es in sich, und seine häusliche Situation mit Jenny, seiner Frau, und ihrem erst drei Monate alten Sohn Finn war auch nicht dazu angetan, in Ruhe zu büffeln.
Michael Weber schaute auf, weil er glaubte, im Türrahmen des Arztzimmers eine Bewegung wahrgenommen zu haben – und erschrak aufs Heftigste. Vor ihm stand ein komplett in Schwarz gekleideter Mann, der einen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass davon nicht viel zu erkennen war.
„Unsere Besuchszeit ist vorbei. Wie sind Sie …?“ Man konnte die Intensivstation nicht einfach so betreten, man musste vorher klingeln. Irgendwas hielt Michael davon ab, weiterzusprechen. War es die Aura, die diesen Besucher umfing? Er schien jedes Licht zu absorbieren. Die tiefe Schwärze, die von ihm ausging, ließ sich nicht allein durch seine dunkle Kleidung erklären.
Der Fremde stand weiter vollkommen bewegungslos im Türrahmen. Nichts deutete darauf hin, dass er Michaels Worte gehört hatte, geschweige denn, dass er darauf antworten wollte.
Michael wurde es mulmig. Die Anwesenheit dieses Eindringlings machte einen zutiefst verstörenden Eindruck auf ihn, viel verstörender, als es hätte sein dürfen.
„Was …“, hob Michael erneut an.
Doch jetzt ertönte eine Stimme direkt in seinem Kopf, ohne dass er eine Mundbewegung an dem Fremden hätte wahrnehmen können: „Ich bin gekommen, Dir eine Wahl zu eröffnen.“
Und nach einer gefühlten Ewigkeit: „Nenne mir einen, dessen Faden ohnehin dünn geworden ist. Für jeden Namen will ich einen weiteren Winter zu Deinen Tagen fügen.“
„Wer sind Sie?“, brachte Michael gepresst hervor.
Die Antwort war Schweigen.
Die gesamte Situation war vollkommen absurd. Er selbst, ein junger Mann mit gesundem Menschenverstand, der immer eher der Vernunft als dem Gefühl zugetan war, ließ sich doch hier nicht von irgendeinem Typen ins Bockshorn jagen, der unerlaubterweise – und auf welche Weise auch immer – in die Intensivstation des St.-Elisabeth-Krankenhauses eingedrungen war. Nein und nochmals nein!
„Gut, ich habe jetzt genug von dem Mist. Verlassen Sie auf der Stelle die Station.“
Augenblicklich entstand ein stechender Schmerz in Michaels Kopf, der ihn zusammenfahren ließ. Beinahe wäre er auf den Boden gesunken.
„Die Nacht wird nicht ewig währen. Wenn Deine Entscheidung gefallen ist, sprich leise ,Tod‘ in die Dunkelheit.“ Es dauerte keine fünf Sekunden, bis Michael wieder vollkommen allein im Arztzimmer war.
Was war hier geschehen? Als Michael zur Thermoskanne griff, merkte er, wie stark er zitterte. Jetzt bemächtigte sich seiner ein Gefühl, für das es nur einen Ausdruck gab: Angst. Schlichte, nackte Angst. Sah er nun schon Gespenster? War er psychisch nicht in der Lage, eine solche Nachtschicht als diensthabender Arzt auf der Intensivstation durchzustehen? Sollte er sich in psychiatrische Behandlung begeben? Aber wenn, dann so, dass niemand seiner Vorgesetzten Wind davon bekam. Ein Arzt, von dem bekannt ist, dass er psychisch krank ist, hätte sich jegliche Aufstiegschance verbaut. Und aufsteigen wollte Michael.
Doch er hatte nur wenig Zeit, darüber nachzudenken, denn nun klang ein Alarm aus dem Krankenzimmer. Im Laufschritt eilte er zum Bett 17. Der Herzmonitor zeigte eine Nulllinie. Michael prüfte, ob ein Elektrodenfehler oder ein anderes technisches Problem vorlag. Das war nicht der Fall. Sie war klinisch tot. Sofort löste der junge Assistenzarzt Teamalarm aus und begann mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage. Und tatsächlich gelang es ihm gemeinsam mit einem erfahrenen Pfleger, der ebenfalls Dienst hatte, sie nach wenigen Minuten zurückzuholen. Eine große Überlebenschance räumte er ihr trotzdem nicht ein.
Die Unterbrechung hatte aber dazu geführt, dass Michael Weber das zuvor Erlebte nun gänzlich ins Reich der Fantasie abtat. Es war ein böser, aber unwirklicher Alptraum gewesen, nichts weiter. Konnte es sein, dass er im Arztzimmer kurz eingenickt war?
Wie hatte es in diesem Traum geheißen? Er möge kurz „Tod“ in die Dunkelheit sprechen? Michael musste jetzt fast lachen. Er schüttelte den Kopf über den Schwachsinn, den sich sein Hirn zusammenreimte. So ähnlich wie in diesem Horrormärchen, in dem man dreimal „Bloody Mary“ vor dem Spiegel sagen musste, und dann kommt sie? Oder wie?
In seinem gesamten späteren Leben fragte sich Michael Weber, aus welchem Übermut heraus er in diesem Moment leise das Wörtchen „Tod“ hauchte. Und mit einer irrsinnigen Wucht an Gewissensbissen fragte er sich täglich, warum er „Janina Hartung, Bett 17“ sagte, nachdem ihn höllische Krämpfe auf den Boden des Arztzimmers geschleudert hatten.
„Ich komme in der folgenden Nacht“, war das Einzige, was Michael Weber noch hörte, bevor er wieder allein war.
Gut zwei Stunden später passierte Sonderbares: Bei der Chefarztvisite stellte Dr. Konrad Ledecker überrascht fest, dass sich der Zustand seiner Patientin Janina Hartung zwar nicht viel, aber doch immerhin leicht verbessert hatte. Nach einigen weiteren Untersuchungen sagte er: „Es könnte sein, dass sie über den Berg ist, aber ich will nichts versprechen.“ Trotzdem vergoss Janinas Freund Gerry, der ebenfalls anwesend war, Tränen der Erleichterung. Er küsste sie auf die Stirn und murmelte immer wieder „Gott sei Dank, Gott sei Dank.“ Sofort dämpfte der Chefarzt seine Erwartungen: „Bitte, es ist noch zu früh, um eine konkrete Prognose abzugeben.“
Michael Weber, für den diese Visite zugleich das Ende seiner Nachtschicht bedeutete, beobachtete die Szene mit einigem Unbehagen. Andererseits brachten die aufgehende Sonne und das Vogelgezwitscher von draußen so viel Licht und Zuversicht ins Intensivzimmer, dass ihm die Geschehnisse der Nacht nun noch viel unwirklicher vorkamen.
In der folgenden Nacht – der ältere Kollege Ralf Rottmann hatte Dienst – starb Janina Hartung.
„Wie ist sie gestorben?“, fragte Michael ihn am nächsten Tag zum dritten Mal mit zitternder Stimme.
Rottmann wich seinem Blick aus. Im elektronischen Board war lediglich „Herzversagen“ eingetragen.
„So etwas passiert, junger Freund. Am Morgen auf dem Weg der Besserung, abends tot. Das letzte Aufbäumen vor dem Exitus. So etwas sehen wir doch oft. Ledecker hätte ihr und ihrem Freund keine Hoffnung machen dürfen.“
Das Elend und die Trauer, in die Gerry durch den Tod seiner Freundin gestürzt worden war, waren für Michael kaum mit anzusehen. Konnte es wirklich sein, dass er selbst diesen Tod verursacht hatte? Dann hätte er gleich zu Beginn seiner Laufbahn als Arzt aufs Schlimmste gegen das ärztliche Berufsethos verstoßen.
In der nächsten Nachtschicht sagte er in Erwartung neuer Schmerzen, die der Fremde ihm sicher schicken würde: „Tod“. Und als er die Präsenz des Fremden spürte: „Ich möchte unsere Vereinbarung, falls wir denn eine hatten, aufkündigen. Ich kann mit der Schuld, die ich mir aufgeladen habe, kaum leben.“
Doch der Schmerz blieb aus. Stattdessen sagte der Fremde: „Du hast einen Herzfehler und wirst in drei Jahren sterben.“ Dann war der Fremde verschwunden.
Michael Weber blieb stumm. Erst nach mehreren Minuten war er in der Lage, wieder normal zu atmen. Nach und nach drangen die ersten Gedanken zu ihm durch. In drei Jahren schon? Und seine Freundin Jenny? Und ihr Sohn Finn? Würde er ihn etwa nicht aufwachsen sehen? All die Pläne, die er noch hatte, nachdem er endlich zum Arzt geworden war …
Er dachte an Jonas Biber.
Fünfzehn Jahre.
Leukämie.
Noch ein Kind.
„Jonas Biber, Bett 18.“
