Von Friederike Freund
Harry Lord musterte seinen Chef im Rückspiegel des Bentleys. Er konnte Charles Doyer III, der mit starrem Blick geradeaus schaute, durch die Trennscheibe auf der Rückbank gut erkennen.
Seit fünf Jahren arbeitete Harry als Chauffeur für den Millionär. Sein Job gefiel ihm, wenn er auch das Gefühl hatte, mit Doyer einen Eisblock zu chauffieren.
Außer Charles Doyer III lebte noch eine geheimnisvolle Frau im Haus, die vom Personal „die afghanische Dame“ genannt wurde. Sie verließ nie ihren Flügel des Besitzes in Scarsdale im Westchester County, nahm an keiner Veranstaltung im Hause teil und war stets in eine kostbar bestickte tiefblaue Burka gehüllt, die kein Stückchen Haut sehen ließ. Die Angestellten – auch Harry – waren im Arbeitsvertrag zu strengstem Stillschweigen verpflichtet worden. Neben einem großzügigen Gehalt erhielten sie am Ende jeden Jahres einen ansehnlichen Bonus, wenn wieder zwölf Monate ohne die Erwähnung der afghanischen Dame in den New Yorker Boulevardblättern vergangen waren.
Als sie auf das Anwesen einbogen, sprach Doyer. „Sie kommen heute Abend um 22 Uhr in mein Arbeitszimmer. Larkman wird Sie im Dienstbotentrakt erwarten und zu mir bringen.“
„Sehr wohl, Sir“, erwiderte Harry steif.
In diesem Teil des Hauses war Harry noch nie gewesen. Der Trakt war durch Türschlösser gesichert, die nur wenige Personen mittels Fingerscanner öffnen konnten.
Kurz vor 22 Uhr stand Harry vor der Tür bereit. Larkman, der Butler, öffnete und führte Harry zum Arbeitszimmer.
„Guten Abend, Sir“, grüßte Harry. Doyer nickte nur. Dann betätigte er einen verborgenen Mechanismus, worauf ein Teil des Bücherregals nach außen schwang und den Zugang zu einem kleinen Raum freigab.
Doyer winkte Harry, einzutreten. Hier stand die afghanische Dame. „Sie werden diese Lady in den nächsten Nächten spazieren fahren“, sagte Doyer. „Larkman wird Ihnen Nachricht geben, wann Sie sich einzufinden haben. Sie werden mit niemandem über dieses Arrangement sprechen. Verstanden?“
„Jawohl“, erwiderte Harry.
„Heute Nacht beginnen Sie. Finden Sie sich mit dem Wagen in fünf Minuten am Nebeneingang ein.“ Harry verabschiedete sich mit einer kleinen Verbeugung, die sowohl Doyer als auch der Dame gelten konnte.
Kurz darauf saß seine ungewöhnliche Passagierin im Fond des Bentleys. „Fahren Sie mich durch Scarsdale“, flüsterte die Dame.
Während sie durch die Dunkelheit glitten, fragte sie Harry mit ihrer seltsam kraftlosen Stimme nach seiner Vergangenheit aus. Wo er aufgewachsen war. Ob er noch Eltern, Geschwister, Verwandte habe. Welche Schulen er besuchte. Ob er Hobbys hätte. Wo er gearbeitet habe. Sogar nach Essensvorlieben und Lieblingsmusik erkundigte sie sich. Wenn Harry zögerte, weil er eine Frage für zu intim hielt, drängte sie sanft: „Erzählen Sie, bitte“, und er sprach weiter.
Nach einer Stunde brachte er die Dame zurück zum Anwesen und hielt am Nebeneingang. Ehe er ihr die Wagentür aufhalten konnte, war sie bereits aus dem Bentley geschlüpft und im Haus verschwunden.
So vergingen Wochen. Harry bemerkte, dass sein Chef ihn weniger distanziert betrachtete, gelegentlich gar eine wohlwollende Bemerkung machte. Eines Abends befahl Doyer Harry erneut, ihn um 22 Uhr im Arbeitszimmer aufzusuchen.
Wieder führte der Butler Harry durch die Gänge. Doyer saß an seinem gewaltigen Schreibtisch.
„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf einen Stuhl.
Harry folgte der Aufforderung und musterte aufmerksam Mimik und Haltung seines Chefs. Hatte die Dame sich beschwert?
„Was sagen Sie zu den Fahrten mit meiner Tochter?“ Harry war verblüfft. Er hatte nicht gedacht, dass die afghanische Dame Doyers Tochter war. „Ich habe versucht, meinen Job gut zu machen“, wich er aus.
„Lord, ich habe ein großes Problem.“ Doyers Stimme klang nun angespannt. „Sie könnten mir helfen, wenn Sie etwas Ungewöhnliches zu tun bereit …“ Als er sah, dass Harry die Augenbrauen hochzog, hob er beschwichtigend die Hände, „Nein, nein, nichts Illegales!“
Harrys Miene entspannte sich.
„Ich muss Sie um absolutes Stillschweigen bitten, besonders, wenn Sie mein Angebot ablehnen“, fuhr Doyer fort. Harry nickte.
„Es geht um Anahita. Sie ist die Erbin eines großen Vermögens, an das allerdings eine Bedingung geknüpft ist.“ Doyer lehnte sich vor. „Es ist wohl am besten, ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte. Meine Schwiegereltern waren sehr reich, besaßen in Afghanistan Gold- und Uranminen. Ihre Familien flüchteten 1979 vor dem Einmarsch der Sowjetunion aus Afghanistan. Hierher. Ich lernte ihre Tochter Roya kennen, wir verliebten uns. Ihre Familie erlaubte nur widerwillig, dass ihre Tochter mich, einen Amerikaner, heiratete. Meine Frau starb bei Anahitas Geburt. Ihre Eltern verlangten, das Kind solle in der Familie ihrer Mutter aufwachsen, damit sie es gemäß ihrer Tradition erziehen konnten. Ich weigerte mich.“
Seine Miene wurde düster. „Vor zwanzig Jahren, kurz vor ihrem zwölften Geburtstag entführten meine Schwiegereltern sie. Ich war damals im Ausland. Als sie Anahita in ihr Fahrzeug zwangen, konnten sie sie nicht bändigen. Bei dem Gerangel verlor der Fahrer die Gewalt über das Auto. Es kam von der Straße ab, stürzte den Abhang hinunter und ging in Flammen auf. Meine Schwiegereltern und der Fahrer waren sofort tot. Anahita überlebte, erlitt aber schwerste Verbrennungen. Sie hat seither viele Operationen über sich ergehen lassen müssen, und wird für immer gezeichnet sein.“
„Das ist schrecklich“, murmelte Harry bestürzt. „Aber was kann ich tun?“
„Nun, meine Tochter war schon immer von Ihnen angetan“, sagte Doyer. „Sie haben sie in den letzten Wochen chauffiert, dabei hat Anahita Sie besser kennengelernt. Ich biete Ihnen eine Million Dollar, wenn Sie meine Tochter heiraten, und mit ihr innerhalb eines Jahres ein Kind haben.“
Damit hatte Harry nicht gerechnet. Er war nicht gebunden, aber eine ihm völlig unbekannte Frau, die zudem auch noch entstellt war, zu heiraten, fand er unmöglich. Doyer mochte ihm diese Gedanken ansehen. Er seufzte.
„Ich verstehe Ihre Bedenken, Lord. Aber es gibt einen weiteren Grund für mein Anliegen. Ich bin noch wohlhabend, aber nicht mehr so reich wie einst. Die Operationen meiner Tochter, ihre Betreuung, haben viel Geld verschlungen, auch habe ich Geld an der Börse verloren. Ich werde alt, kann bald nicht mehr für Anahita sorgen. Meine Tochter hat aber Anspruch auf das Millionen-Erbe ihrer afghanischen Mutter, das in einem Treuhandfonds angelegt ist. Es wird ihr dann zugeteilt, wenn sie vor ihrem fünfunddreißigsten Lebensjahr heiratet und ein Kind bekommt. Geschieht das nicht, fällt das Geld an die Familie ihrer Mutter zurück.“
Doyer blickte Harry eindringlich an.
„Anahita mag Sie sehr. Was Sie ihr über sich erzählt haben, hat sie bestärkt, Sie als den Vater ihres Kindes zu wählen. Übrigens müssen Sie nicht mit ihr verheiratet bleiben. Die Bedingung lautet nur, dass meine Tochter verheiratet gewesen sein und ein Kind geboren haben muss. Die Zeugung könnte künstlich erfolgen. Auch im Fall einer Trennung gehört die Million Ihnen.“
Harry schwieg. Doyer ergriff einen Bilderrahmen, hielt ihm diesen hin. Auf dem Foto lächelte ihn ein dunkellockiges Mädchen mit großen braunen Augen an. „Sehen Sie, was für ein hübsches Kind Anahita war? Sie wäre eine wunderschöne Frau geworden, ihr hätte die Welt zu Füßen gelegen. Das wurde ihr genommen. Nicht aber ihre Klugheit, ihre Wärme und ihr großartiges Wesen.“ Doyers Mund zuckte, er konnte seine Verzweiflung nicht verbergen. „Wir haben viel über einen möglichen Ehepartner nachgedacht. Sie wären die richtige Wahl.“
„Darüber möchte ich eine Nacht schlafen, Sir. Und mit Ihrer Tochter sprechen“, sagte Harry. „Dann kann ich mich entscheiden“.
„Einverstanden. Kommen Sie morgen Abend zum Dinner. 20 Uhr. Anschließend lasse ich Sie mit meiner Tochter allein.“
In seinem Zimmer über der Garage dachte Harry lange nach. Wie ein Mantra ging es ihm durch den Kopf: Für eine Million Dollar mit einer Fremden, die noch dazu entstellt war, ein Kind zeugen…
Andererseits war sie eine Frau, der Schlimmstes widerfahren war, die Hilfe brauchte. Hilfe, die er geben konnte. Es wäre ein Arrangement auf Zeit. Sie würde über Mittel für ihre Behandlungen verfügen und ihr Heim behalten, er könnte sich irgendwo mit dem Geld eine Existenz aufbauen.
Kurz vor Morgengrauen schlief Harry erschöpft ein.
Am Abend führte ihn Larkman zum Speisezimmer. Harry trug seine Chauffeur-Uniform, einen formalen Anzug besaß er nicht. Seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert und die Uniform brachte seine schlanke Gestalt mit den breiten Schultern zur Geltung.
Im Speisezimmer erwarteten ihn Doyer und seine Tochter. „Guten Abend“, grüßte er und verbeugte sich.
Harry bemerkte, dass der Tisch nur für zwei Personen gedeckt war. Als Doyer seinen Blick auffing, sagte er: „Meine Tochter erhält ihre Nahrung als Infusion oder per Magensonde. Bei dem Unfall wurden ihre Luft- und Speiseröhre in Mitleidenschaft gezogen.“ Das erklärt die leise, flüsternde Stimme, dachte Harry.
Sie nahmen Platz. Der Butler servierte das Essen. Harry bemerkte kaum, was ihm vorgelegt wurde, sah nur die Gestalt in der seidenen Burka mit der Goldfäden-Stickerei.
Harry wagte, zwischen den Bissen sein Gegenüber anzusprechen. Jetzt erkundigte er sich nach ihren Lieblingsbüchern, den Filmen, die sie gerne sah, und wofür sie sich in der Welt interessierte. Er stellte fest, wie gebildet sie war, und dass er in vielen Dingen ihren Geschmack und ihre Ansichten teilte.
Als Larkman den Tisch abgeräumt hatte, verließ Doyer, wie vereinbart, das Speisezimmer.
Harry und Anahita saßen eine Weile schweigend am Tisch. „Ich weiß, es ist ein unmoralisches Angebot“, wisperte Anahita dann, „aber es würde mir viel bedeuten.“ Unsicherheit schwang in ihrer Stimme.
„Ich werde Ihnen helfen, nicht wegen des Geldes“, sagte Harry, und meinte es. „Jeder Mensch verdient Hilfe im Unglück.“
Nach einem Jahr waren die Bedingungen des Testamentes erfüllt. Harry arbeitete weiterhin als Chauffeur. So konnte er über Anahita und ihre gemeinsame Tochter wachen.
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