Von Irmi Feldman
Spanien, 1938
Für delikate Angelegenheiten ließ die ehrwürdige Madre Soria immer nach Juan schicken. Er war schweigsam, vertrauenswürdig, und, was noch wichtiger war, er stellte keine Fragen. Ein geschätzter Charakterzug in diesen unruhigen Zeiten. Der Bürgerkrieg hatte viele Waisen geschaffen. Deshalb hatte Madre Soria kurzerhand ihr Convento de San Bernardo in Alcalá de Henares in ein Waisenhaus verwandelt. Obwohl viele Menschen im Land hungerten, schien es dem Kloster gut zu gehen, ja, sogar besser als vor dem Krieg.
Sie brauche eine zuverlässige Seele, erklärte Madre Soria. Er verstehe, sagte Juan und fragte sich, was für eine prickelige Aufgabe sie wohl dieses Mal für ihn hatte. Umso erstaunter war er, als sie ihn bat, Isabel, eines der Kinder aus dem Waisenhaus zu ihrem Onkel nach Sitges südlich von Barcelona zu bringen. Ihr Onkel, Conde de Penumbra, sei verhindert und könne seine lang verschollene Nichte nicht hier vom Kloster abholen. 5000 Pesetas würde der Conde bezahlen. Außerdem erhalte Juan einen Passierschein, der ihnen die Durchfahrt Richtung Barcelona sichern würde, falls sie von Francos Putschisten angehalten wurden.
Juan konnte sein Glück kaum fassen. 5000 Pesetas, um ein Kind bei seinem Onkel abzuliefern? Ein Kinderspiel. Früh am nächsten Morgen war Juan zur Stelle. Madre Soria erklärte, wie froh sie sei, dass Isabel nun endlich mit ihrem Onkel vereint würde. Das arme Mädchen habe ein schweres Leben hinter sich. Der Vater gelte schon lange als vermisst. Die Mutter sei von den Faschisten ermordet worden.
Juan betrachtete das etwa 13-jährige Mädchen. Sie schien sich nicht zu freuen, dass sie nun bei ihrem Onkel leben durfte. Als Madre Soria Isabel zum Abschied umarmen wollte, warf diese ihr nur einen eiskalten Blick zu.
Schweigend stieg Isabel in Juans alten Fiat ein. Ein paar Mal versuchte Juan mit ihr ein Gespräch anzufangen, doch Isabel blieb stumm. Nun, ihm soll es recht sein. Dann, nach ein paar Stunden, platzte es doch aus ihr heraus.
„Der Mann, zu dem Sie mich bringen, ist nicht mein Onkel.“
„Natürlich ist er das“, erwiderte Juan. „Madre Soria hat es doch gesagt. Er freut sich auf dich.“
„Hah, Madre Soria“, schnaubte Isabel verächtlich. „Sie verkauft Waisenkinder an reiche Männer.“
Abrupt trat Juan auf die Bremse.
„Was sagst du da?“
„Wieviel Geld hat man Ihnen gegeben, dass sie mich ausliefern?“
„Das geht dich nichts an.“
„Sehr viel also.“
Widerwillig nickte Juan.
„Bitte bringen Sie mich nicht zu dem Mann?“, flehte Isabel. Sie weinte jetzt hemmungslos.
„Aber, Kind, beruhige dich. Er ist dein Onkel. Du wirst ein gutes Leben haben.“
„Ich habe keinen Onkel. Meine Mutter und mein Vater hatten keine Geschwister.“
Unwirsch schüttelte Juan den Kopf. „Das geht mich nichts an. Dein Onkel bezahlt mich gut. Ich habe versprochen, dich in Sitges abzuliefern. Und das werde ich tun.“
Isabel stutzte.
„Sitges?“ rief sie aus. „Sitges? Oh, nein!“ Sie weinte nun noch heftiger.
„Was ist mit Sitges?“, fragte Juan.
„Carmela. Sie war meine Freundin. Sie wurde vor vier Wochen zu einem Mann nach Sitges gebracht. Nach zwei Wochen tauchte sie wieder auf. Ich habe sie fast nicht wiedererkannt. Sie fieberte. War total abgemagert. Hatte blaue Flecken am ganzen Körper. Als ich die Madre Soria rufen wollte, flehte Carmela mich an, es nicht zu tun.“
Juan schüttelte ungläubig den Kopf, als Isabel weitererzählte. Madre Soria verkaufe Kinder aus dem Waisenhaus an reiche Männer, die meist als Onkel oder Großvater ausgegeben werden. Carmela hatte Fotos von verschiedenen Mädchen in der Villa des Condes gefunden. In seinem Schlafzimmer.
„Ich versteckte Carmela“, fuhr Isabel fort, „aber die Nonnen fanden sie und brachten sie zur Madre Soria. Die war außer sich vor Wut; bestimmte, dass Carmela zurückgebracht werde, sobald sie wieder gesund sei. Die ganze Nacht fieberte Carmela. Ich wachte an ihrem Bett. Aber dann schlief ich doch ein. Am Morgen war das Bett leer. Wir fanden sie in der Kapelle. Sie hatte sich erhängt.“
Juan schnappte nach Luft.
„In jener Nacht, redete Carmela nur wirres Zeug. Viel verstanden hab ich nicht, aber eines doch: Ronda de la Novia.”
„Was bedeutet das?“ fragte Juan.
„Haben Sie die Adresse von dem Mann in Sitges?“
Juan nickte, zog einen Zettel aus der Jackentasche und las. Er wurde blass. Schweigend reichte er den Zettel an Isabel weiter.
„Ronda de la Novia 42, Sitges”, las Isabel. Sie fing wieder an zu schluchzen. Juan versuchte, sie zu trösten, doch ihr Weinen wurde nur noch schlimmer.
„Bitte bringen sie mich nicht zu dem Mann. Ich flehe Sie an.“
„Das muss nicht derselbe Mann sein“, sagte Juan schwach. „Und überhaupt, das geht mich nichts an. Ich werde bezahlt, dass ich dich dort abliefere.“
„Was glauben Sie, macht der Mann mit den Mädchen?“, fragte Isabel.
„Ich weiß es nicht“, schrie Juan. „Und will es auch nicht wissen. Schluss damit.“
Schweigend fuhren sie weiter. Wie ein Häufchen Elend saß Isabel neben ihm. Als Juan ihr etwas zu essen anbot, schüttelte sie den Kopf. Stunden vergingen. Juan pfiff vor sich hin. Er musste sich ablenken. Was ging es ihn an? Er brauchte das Geld.
Kurz vor Barcelona kamen sie in eine Straßensperre, die es jetzt überall im Land gab. Es waren Francos Putschisten. Sobald Juan ihnen den Passierschein zeigte, ließen sie ihn durch. Ohne weitere Unterbrechung erreichten sie Barcelona und fuhren Richtung Süden nach Sitges. Je näher sie kamen, desto unruhiger wurde Isabel. Hin und her rutschte sie auf ihrem Sitz. Weinte. Konnte sich gar nicht beruhigen.
„Hör auf damit“, schrie Juan. „Du machst mich ganz nervös.“
Er war froh, dass er Isabel ausschimpfen konnte. Das war besser als Mitleid mit ihr zu haben.
„Fragen Sie den Conde, wann er meine Mutter Carmen das letzte Mal gesehen hat“, sagte sie plötzlich.
“Ich dachte, deine Mutter hieß Julia?“
„Eben“, sagte Isabel. „Bitte, fragen Sie ihn das. Nur das.“
Juan nickte widerwillig. Schon tauchte Sitges vor ihnen auf. Eine ansehnliche Stadt. Die Ronda de la Novia war gesäumt von herrschaftlichen Villen, wobei die Nummer 42 am Ende der Straße, die größte zu sein schien.
„Dein Onkel muss reich sein“, sagte Juan. „Du hast Glück.“
„Er ist nicht mein Onkel. Er war auch nicht Carmelas Onkel. Wie oft muss ich das noch sagen?“ Isabel schrie jetzt.
„Schon gut“, wehrte Juan ab. Er konnte es kaum abwarten, Isabel loszuwerden. Er wollte sein Geld kassieren und so schnell wie möglich nach Hause zurück.
Ein riesiges schmiedeeisernes Tor versperrte ihnen den Zugang. Gerade als Juan auf die Klingel drücken wollte, öffnete es sich. Man schien auf sie gewartet zu haben. Eine alte Frau ließ sie in die Villa. Der mitleidige Blick, den sie Isabel zuwarf, war kaum zu übersehen.
Der Conde, ein etwa 50-jähriger stattlicher Mann, lud sie in den Salon ein. Neugierig betrachtete er Isabel. Er schien zufrieden zu sein, sagte, wie sehr er sich freute, endlich seine Nichte wiedergefunden zu haben. Er habe sie ja so vermisst. Als er versuchte sie auf die Wange zu küssen, wich Isabel entsetzt zurück.
Sein Lächeln gefror, aber nur für eine Sekunde. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Abrupt drehte er sich zu Juan herum, überreichte ihm einen Umschlag und bedankte sich überschwänglich.
Juan wollte sich von Isabel verabschieden, aber ihr gebrochener Blick hielt ihn zurück. Er schritt zur Tür, drehte sich jedoch noch einmal um.
„Ach“, sagte er beiläufig. „Isabel sagte mir, dass sie sich gar nicht erinnern kann, wann sie das letzte Mal mit ihrer Mutter Carmen hier war.“
Der Graf stutzte.
„Ich habe Carmen das letzte Mal vor ungefähr 10 Jahren gesehen. Isabel war damals kaum drei Jahre alt. Sie wird sich nicht an mich erinnern.“
Juans Augen blitzten auf. „Natürlich,“ sagte er.
Seine Knie zitterten, als er in seinen Fiat stieg. Langsam fuhr er zum Tor hinaus. Er würde sich in Sitges ein ausgiebiges Abendessen gönnen, guten Wein dazu trinken, sich ein Zimmer nehmen und am nächsten Tag zurückfahren. Isabel ging ihm nicht aus dem Kopf. Was, wenn es wahr ist, was sie gesagt hat? Nonsens. Madre Soria würde nie in so etwas verwickelt sein. Nicht in so etwas. Unwirsch schüttelte er den Kopf. Dummes Kindergeschwätz. Zuviel Fantasie. Er hatte sein Geld. Alles andere ging ihn nichts an.
Pfeifend fuhr er weiter; war froh, dass er nichts mehr mit dieser Sache zu tun hatte. Doch Isabels gebrochener Blick ging ihm nicht aus dem Kopf. Ihr Blick. Ihr enttäuschter Blick. Sie hatte ihn angefleht. Und er ließ sie im Haus dieses … Monsters zurück. Er wusste es jetzt; wusste, was er zu tun hatte. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Es war dunkel, als er wieder bei der Villa ankam. Diesmal parkte er am Straßenrand, huschte außen an der Mauer entlang, bis er eine Stelle fand, an der er hinüberklettern konnte. Von Baum zu Baum schleichend, näherte er sich der Villa, suchte einen Seiteneingang und fand die offene Küchentür.
Die alte Frau stand am Tresen und knetete eine Masse. Was Juan am meisten überraschte, war, dass sie nicht erschrak, als sie ihn sah. Im Gegenteil, mit ihren mehligen Fingern zeigte sie ihm die Richtung, der er folgen sollte. Juan spurtete die geschwungene Treppe hinauf, öffnete eine Tür nach der anderen, bis er endlich die Richtige fand. Der Conde stand bei einem riesigen Bett und versuchte Isabel das Kleid auszuziehen. Isabel wehrte sich. Im Badezimmer rauschte das Wasser. Isabel sah Juan zuerst.
„Isabel und ich werden jetzt gehen.“ Juan wunderte sich, wie ruhig seine Stimme klang. Innerlich bebte er vor Angst. Er zog den Umschlag mit dem Geld aus seiner Jacke und legte ihn auf den Tisch.
Der Conde richtete sich auf. Hass verzerrte sein Gesicht.
„Sie sollten sich nicht einmischen“, sagte er. „Sie wissen nicht, wer ich bin. Ich habe Beziehungen.“
„Isabel, komm her“, sagte Juan.
Isabel gehorchte.
Langsam gingen sie die Treppe hinunter. Die alte Frau stand jetzt bei der offenen Tür.
„Gracias, Señor“, murmelte sie. „Möge Gott Sie beschützen!“
Keiner hielt sie auf, als sie das Haus verließen. Und doch wusste Juan, dass sie sich verstecken mussten. Der Conde hatte Freunde. An allerhöchster Stelle.
V1; 9991z
