Von Matthias Herrmann
Ihr Mietwagen, ein VW Käfer, besitzt sogar noch einen Kassetten-Spieler. Moritz drückt auf Play. Jeanette und er kennen das Lied nicht. Jemand singt über einen Perfect day.
Heute früh waren sie noch in München. Jetzt fahren sie hier an der Küste entlang, das Meer weit unter sich mit den Segelbooten, Yachten und Schaumkronen.
Sie haben das Verdeck zurückgerollt. Er legt seine Hand auf Jeanettes Oberschenkel. Sie legt ihre Hand mit den roten Fingernägeln auf seine Hand auf ihrem Bein.
„Bist du schon mal gesegelt?“, fragt sie.
„Als Kind. Bekannte von uns hatten ein Boot. Da sind wir mitgefahren. War langweilig, weil ich nie ans Steuer durfte.“
„Ich hätte es dir gegönnt.“
„Warum?“
„Keine Ahnung.“
Die Straße schlängelt sich jetzt von der Küste hin zu einer Ortschaft. Sie passieren eine Tankstelle, dann die ersten Häuser.
Moritz hat die Reise als Überraschung gebucht.
„Ist das ein Testlauf?“, hat Jeanette gefragt, als er ihr davon erzählt.
„Vielleicht!“
Jetzt sind sie im Ortskern angekommen. Ein Junge auf einem Mofa überholt sie. Er hupt. Moritz lacht, drückt auch auf die Hupe.
„Da ist ein Supermarkt. Vielleicht sollten wir noch einkaufen.“
Moritz parkt den Panda im Schatten einer Platane.
„Lass mal das Verdeck offen. Dann heizt sich die Karre nicht so auf.“
„Wir stehen doch im Schatten.“
„Trotzdem.“
Markus kauft zum ersten Mal mit Jeanette ein. Er mag es, mit ihr einzukaufen. Erst schieben sie den Wagen zögernd durch die Gänge, doch dann denkt er an das Honorar, das er mit Marlene und Carsten ausgehandelt hat. Was soll´s! Sie pfeffern Schinken, Käse, Wein, Kuchen und Oliven in den Einkaufswagen. Obendrauf noch türkischen Honig und drei Sixpacks. Sie laufen Hand-in-Hand. Sie lachen.
„Verreisen mit dir macht Laune, Jeanette!“
Da das Förderband kaputt ist, schiebt Jeanette die Sachen mit ihrem linken Unterarm zur Kasse. Wenn man genau hinsieht, kann man das Tattoo auf ihrem Unterarm lesen: „Lieber ein Wolf Odins als ein Lamm Gottes!“
Die Kassiererin tippt die Preise ein. Irgendwann sagt sie etwas auf Spanisch. Moritz hält ihr seine American Express-Karte hin. Sie schüttelt den Kopf.
„Cash only. Hast du was dabei?“
„Nope!“
„Ah, in der Fototasche. Bin gleich zurück!“
Er will losspurten, dann fällt ihm ein: „Hey, du bist im Urlaub.“
Er zwingt sich, langsam zum Käfer zu schlendern. Was ein Auto! Am besten sind das Rolldach und die Trittbretter. Er will sie gleich ausprobieren. Er springt auf, hält sich am Dach fest und versucht, die Fototasche von oben durch das offene Dach zu angeln. Er stemmt sich hoch, mustert die Rückbank. Keine Tasche. Ist sie runtergerutscht? Er geht um das Fahrzeug herum, stemmt sich auf der anderen Seite hoch, blickt in den Wagen. Keine Tasche. Ihm wird schlecht. Er bekommt weiche Knie. Schweiß bricht ihm aus. Er blickt sich um. Hektisch. Rasend schnell scannt er den Parkplatz, die Häuser. Alle verrammelt! Nur da beim Brunnen. Ein Imbiss.
Da ist doch einer. Mit einer schwarzen Tasche. Einer Fototasche! Über der Schulter. Das ist meine Tasche! Da ist meine Ausrüstung. In der Tasche.
Er sprintet. Federnd. Lautloser Gepard. Der Typ darf ihn nicht bemerken. Kennt jeden Winkel. Jedes Versteck. Er rennt und rennt. Gerade will er zum Sprung ansetzen, den Typen im Genick packen. Sich festkrallen. Herumschleudern. Schlagen. Du, Hurensohn!
Didlmaus! Didlmaus!
Da hängt eine Didlmaus an der Tasche des Glatzkopfs, der auf seine Chorizo-Wurst wartet. Statt ihn zu packen, kann Moritz gerade noch abdrehen. Trotzdem knallt er mit der Schulter gegen die Bude.
„Hallo! Es ist genug für alle!“, ruft der Verkäufer.
Moritz schnauft.
„Haben Sie jemand an meinem Auto gesehen? Meine Fototasche ist weg!“
Der Imbissmann zuckt mit den Schultern.
„Ich habe nichts gesehen. Frag doch mal im Supermarkt.“
Er torkelt. Jeanette. Eine Hoffnung. Hat sie? So muss es sein! Meine Güte! Natürlich! Jeanette hat die Tasche. Gerettet. Er spurtet los.
Jeanette wartet an der Kasse.
„Jeanette! Du hast die Tasche!“
„Welche Tasche? – Hast du das Geld? Die werden hier langsam ungeduldig.“
Seit zwei Stunden sitzen sie auf dem Revier, warten noch auf eine Unterschrift. Endlich ist die Anzeige fertig, Moritz kann sie bei der Versicherung einreichen.
„Das mit dem offenen Schiebedach vergessen wir. Sonst bekommen sie nichts“, hatte der Beamte augenzwinkernd erklärt.
Dann fahren sie weiter.
„Halb so wild. Du bist doch versichert. Dann machen wir halt nur Handyfotos!“
Er dreht sich zu Jeanette.
„Die Fotos von der Hochzeit von Marlene und Carsten!“
„Was ist damit?“
„Die sind auf der Kamera!“
„Du hast sie nicht…?“
Moritz schüttelt den Kopf. Jeanette schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn.
„Was mache ich bloß? Marlene hat gesagt: Das ist der wichtigste Tag in meinem Leben!“
Seine Stimme bricht. Er möchte nur heulen. Ist denn niemand da, der sagt, dass alles wieder gut wird?
Später auf der Terrasse ihrer Ferienwohnung betrachten sie den Sonnenuntergang bei gebratenem Fisch, Weißbrot und Rotwein.
„Vielleicht kann man die Fotos nachstellen. Du verzichtest auf dein Honorar. Und es haben sicher noch mehr Leute Bilder gemacht.“
„Wenn sich das rumspricht! Wenn sich das rumspricht, bin ich ruiniert! – Ich kann sie nicht anrufen! Es tut mir so leid!“
„Um dich oder die Fotos?“
Moritz starrt Jeanette an, sagt aber nichts.
„Du musst sie anrufen. Irgendwann erfahren sie es doch.“
„Vielleicht tauchen sie ja wieder auf! Es war so eine verdammt schöne Hochzeit. Die Bilder wären mein Durchbruch gewesen!“
Jeanette spielt mit dem Brotmesser, ritzt Muster in die Tischplatte. Moritz sagt nichts, obwohl es ihn stört.
„Marlene war bis zur Kursphase in meiner Klasse. Ihr Bruder Marco ist hörbehindert. Marlene hat mich gefragt, ob er mir assistieren dürfte. Klar! Zum Schluss hat sie mich noch einmal extra gedrückt, weil ich ihrem Bruder das ermöglicht habe. Wie glücklich ich sie und ihn damit gemacht hätte. Als wir uns das erste Mal nach all den Jahren getroffen haben, hat sie gesagt: Du wurdest uns empfohlen, Moritz. Wir haben deine Bilder bei Uschi und Ken gesehen. Und sie sagte noch: Es ist der wichtigste Tag in meinem Leben! Carsten und ich kommen aus nicht so tollen Herkunftsfamilien. Du weißt, was bei mir zuhause los war. Mit der Hochzeit befreie ich mich. Damit bin ich raus aus dieser toxischen Familie! Deine Bilder zeigen den Endpunkt meines Weges!“
Es hatte ihm geschmeichelt, dass Marlene schon im Vorfeld so begeistert von ihm gewesen war. Denn als sie noch in derselben Klasse gewesen waren, hatte er nichts mit ihr zu tun gehabt. Sie hing mit den Kiffnasen des Ortes ab, während er Tennis spielte. Und ihr Mann Carsten war ein Nerd, der mit einem Aktenkoffer in die Schule kam. Heute hat er seine eigene Firma.
Als Moritz Marlene anruft, muss er warten, bis jemand rangeht. Auch ist es nicht Marlene, sondern Carsten, der abhebt.
„Tut mir leid, dass ich störe. Kann ich mal mit Marlene sprechen?“
Moritz hat die Kamera des Smartphones ausgeschaltet. Auch Marlene bleibt bei ihrem Profilbild.
„Du ich muss dich jetzt mal was fragen: Hattest du Maik eingeladen?“
Eigentlich wollte Marlene mit verschiedenen Kapiteln abschließen. Und Maik war eines davon. Sie dachte an Maik, wie sie Hand in Hand über die Autobahn gerast waren. Er am Steuer und sie im Wagen daneben auf dem Beifahrersitz. Bei 130 hatten sie Händchen gehalten, obwohl sie damals schon mit Carsten zusammen gewesen war. Ihre Freundin Maria hatte am Steuer gesessen und die ganze Zeit geschrien: Ihr seid ja verrückt! Ich bremse jetzt! Marlenes Augen hatten getränt. Sie wusste nicht, ob es vom Fahrtwind war.
„Ich habe ihn eingeladen. Aber mir war klar, dass er nicht kommen würde. Wir sind nicht im Guten auseinander gegangen.“
Schließlich waren die Kiffnasen auf der Rückbank von Marias Geschrei aufgewacht, hatten geschrien: „Spinnt ihr! Hört sofort auf damit.“
Da hatte Marlene Maiks Hand losgelassen, der daraufhin Vollgas gegeben hatte und mit seinem schwarzen Passat auf der rechten Spur davon geschossen war. Sie hatte noch kurz in seine Augen blicken können und die waren wässrig wie die ihren gewesen.
„Warum fragst du nach Maik?“
„Ich glaube, er war auf der Hochzeit.“
Eine halbe Minute hört Moritz nichts.
„Es gibt Zeugen, die jemand in Bikerkluft gesehen haben. Wie sich jemand an meinem Wagen zu schaffen machte.“
„Was ist mit deinem Wagen?“
“Aufgeknackt, als ich noch mal im Schloss auf Toilette war.“
„Ist etwas weggekommen?“
„Meine komplette Ausrüstung!“
„Mein Gott! Das tut mir so leid! Wie können wir Dir helfen?“
„Es wurde jemand beobachtet. Wie er sich an dem Wagen zu schaffen machte.“
„Das ist doch verrückt!“
„Wie meinst du das?“
„Ich meine, du hast ja nicht umsonst nach Maik gefragt, oder?“
Und wenn es wirklich Maik war? Marlene fühlt sich irgendwie geschmeichelt.
„Ich würde es ihm zutrauen. Du?“
„Weiß nicht. Ich kannte ihn nicht so gut.“
Stille in der Leitung.
„Doch ich würde es ihm zutrauen. Und hast du die Polizei eingeschaltet?“
„Ja.“
„Hast du ihnen von Maik erzählt?“
„Das konnte ich nicht. Einfach auf Verdacht anschwärzen!“
„Und deine ganze Ausrüstung ist weg? Das ist furchtbar. Das tut mir echt leid. Oh, Mann! – Ich werde mal Carsten fragen, ob wir dir etwas geben können. Auf alle Fälle dein Honorar. Du kannst nichts dafür.“
„Das kann ich nicht annehmen. Das geht doch nicht!“
„Na, klar! Wenn Maik was damit zu tun hat, dann war es mein Fehler ihn einzuladen. Ich meine, als ich ihm von Carsten erzählt habe, damals, ist er komplett ausgetickt. Obwohl wir nie richtig zusammen waren. Es war so eine On-Off-Beziehung. Also, zuzutrauen wäre es ihm.“
„Wir können es ohne Gäste nachstellen. Ihr habt ja eure Hochzeitsklamotten. Vielleicht haben auch Gäste Fotos gemacht. Wir können da etwas kombinieren. Noch etwas KI rüber kippen. Dann passt das.“
„Okay. Danke für dein Angebot, Mortiz. Wir halten nach Bildern Ausschau. – Und vielleicht rufe ich Maik an. Die Tage.“
Moritz sinkt auf das Bett. Jeanette liegt neben ihm, die Augen geschlossen. Als er seine Hand auf ihren Bauch legt, schiebt sie sie weg.
„Lass mal lieber.“
