Von Helga Rougui

 

Björn war der Beste.

Er wusste, er war der Beste.

Immer.

Nur alle anderen wussten das nicht.

Also musste er ihnen helfen.

 

Das fing schon in der Grundschule an. Es war Malstunde. Jeder malte seinen Drachen. Grüne Nüstern, rotes Feuer, blauer Himmel, gelbe Sonne.

Björn musterte sein Ungetüm. Es war das Schönste. Er hatte alle Farben aus dem Farbkasten benutzt. Knallbunt.

Neben ihm malten Bertram und Bilal. Sie kamen an seinen Tisch und guckten.

Warum lachten die so?

Frau Meyer sagte etwas – Björn hörte nichts, in seinen Ohren rauschte es. Als sich die beiden umdrehten, machte er eine blitzschnelle Bewegung mit der Hand.

 

“Meine Güte, wie konnte das Wasserglas denn umkippen, Bertram, Bilal, passt doch auf! Nun sind eure beiden schönen Bilder ganz nass. Wischt das auf, das könnt ihr ja wohl. Björn, bringst du dein Bild bitte nach vorn? Dann hängen wir eben deins auf.”

 

Er war der Beste. Er gehörte ganz nach oben.

 

Später, auf der Uni, konnte Björn aus dem Vollen schöpfen. Bei der Erstellung jeder Seminararbeit bot er ein arbeitsintensives Bild – sein Tisch in der Bibliothek war übersät mit Sekundärliteratur. Offensichtlich betrieb er intensive Recherchen, um seine These zu untermauern, seine Darlegungen waren schlüssig und gut zu lesen. Nur manchmal hatte man den Eindruck, als wären da mehrere Persönlichkeiten am Werk gewesen, es gab immer wieder Wechsel im Ausdruck und im Stil, aber dem Inhalt tat das keinen Abbruch. Im übrigen hatte er Glück, dass er zu einer Zeit studierte, in der die Computersoftware noch nicht so entwickelt war. Regelmäßig waren seine Seminararbeiten unter den drei besten des Seminars.

 

Er war der Beste. Dafür sorgte er schon.

 

Er wählte die Personen, mit denen er privat umging, sorgfältig aus. Er überzog sie mit einer Schicht aus Charme und Schmeichelei, ließ niemals eine Gegenrede gelten und sonnte sich in dem Gefühl, von seinen Untertanen, pardon, seinen Freunden verehrt zu werden. Er wunderte sich zwar, wenn ab und zu einer von ihnen sang-, klang- und kommentarlos von der Bildfläche verschwand. Wie konnte das sein, wo sie doch das Privileg hatten, ihn zu kennen.

 

Er war der Beste. Das sollten alle wissen und beherzigen.

 

Mit der Liebe klappte es nicht so recht. Zu Anfang jedenfalls. Die dummen Weiber wollten nicht einsehen, dass er der Star war, sie wollten selber hofiert werden, wie lächerlich. Wo doch sonnenklar war, wem hier die Ehre der Anbetung gebührte. Aber auch da fand er eine Strategie. Er änderte die Taktik, wurde zunächst zum einfühlsamen Liebhaber, unentbehrlich, zuvorkommend, freigebig, es regnete Blumen, Schmuck, Pralinen, Champagner, Kaviar und Sex ohne Ende, und wenn sie dann so weit waren, dass sie glaubten,  nicht mehr ohne ihn leben zu können, ließ er sie fallen. Schickte sie in die Wüste. Zeigte ihnen die kalte Schulter. Das war die Strafe für ihre anfängliche Missachtung. Eine Lightversion dieses Verhaltens hatte er für die parat, die sich am Anfang nicht ganz so uneinsichtig gezeigt hatten. Aber auch hier genoss er den Liebeskummer, den er verursacht hatte, in vollen Zügen.

 

Rache musste sein. Er war der Beste.

 

Auch im Altersheim blieb sein schönstes Hobby Er Selbst. Sein Egoismus hatte sich über Egozentrik zur Egomanie ausgewachsen, und er lebte seine letzten Jahre in dem beschaulichen Gefühl, nun wirklich und wahrhaftig an der Spitze angekommen zu sein. Sein treuester Gefolgsmann war er selbst, auf sich und sein Urteil konnte er sich verlassen.

 

Er hatte recht behalten, er war der Beste.

Es gab niemanden, der ihm widersprochen hätte.