Von Björn D. Neumann
Lisa Schulte stand in der Küche am Herd. Im Topf köchelte eine klebrig-süße Masse aus Erdbeeren und Zucker. Mit dem Kochlöffel ließ sie verträumt einen Teil der verlockend riechenden Flüssigkeit zurück in den Topf tropfen. Sie schloss die Augen und sog den Geruch ein. Es duftete nach Sommer und Jugend. Einer Zeit, als ihre Lippen so rot waren wie die Beeren, die sie jetzt zu köstlicher Marmelade verarbeitete. Seufzend blickte sie auf ihre Hände. Faltig, runzelig. Genau wie der Rest ihres Körpers. Lediglich ihre blauen Augen hinter der Brille waren noch wach und aufmerksam und erinnerten an die junge Frau, die sie einst war. Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Unwillig zog sie den Topf von der Kochplatte, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging zur Haustür.
Misstrauisch öffnete die Türe einen Spalt breit. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie abweisend. Vor ihr stand ein gepflegter Mann mittleren Alters im sichtbar teuren Maßanzug. Das Haar streng nach hinten gegelt. Lediglich der gezwirbelte Schnurrbart fiel etwas aus der Zeit. Lisa bemerkte, wie er einen seiner Füße, der in einem exklusiven italienischen Lederschuh steckte, in den Türspalt setzte.
„Mein Name ist Theodor Eduard Ufel. Repräsentant der Lichtbringer Versicherungs-AG. Haben Sie fünf Minuten Ihrer kostbaren Zeit für mich?“
„Tut mir leid. Mit Versicherungen bin ich bestens versorgt. Haftpflicht-, Hausrat- und Gebäudeversicherung – habe ich alles. Und einer fast 80-jährigen Frau wollen Sie doch wohl keine Lebensversicherung aufschwatzen, oder?“
„Nichts läge mir ferner, meine Teuerste! Eine Lebensversicherung versichert Sie fürs Alter. Ich will Sie für die Jugend versichern.“
„Bitte?“
„Lassen Sie mich rein und ich mache Ihnen ein Angebot, das Ihre kühnsten Träume erblassen lässt. Wir machen Sie wieder jung!“
Lisas Interesse war zwar geweckt, aber das konnte doch nur ein Scherz sein. „Wollen Sie sich über mich lustig machen, junger Mann? Meine Jugend ist schon lange vorbei und unwiederbringlich.“ Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Fuß stand noch immer im Weg. „Dürfte ich Sie jetzt bitten?“
„Geben Sie mir 5 Minuten Ihrer Zeit. Überzeuge ich Sie nicht, verlasse ich umgehend Ihr Haus. Sie werden es nicht bereuen.“
Lisa zeigte auf einen Knopf, den sie um den Hals hängen hatte. „Das ist ein häuslicher Notruf. Ich werde nicht zögern, den zu benutzen.“ Zaghaft öffnete sie die Tür und bat Herrn Ufel ins Haus. Als er an ihr vorbeischritt, nahm sie einen leichten Schwefelgeruch wahr.
***
Herr Ufel setzte sich im Wohnzimmer aufs Sofa und legte seinen Aktenkoffer auf dem Beistelltisch ab. Obwohl er versuchte, es mit einer Hand abzuschirmen, bemerkte Lisa, dass die Zahlenkombination des Koffers die 666 war.
„Frau Schulte, lassen Sie mich direkt auf den Punkt kommen. Die Lichtbringer AG hat die Möglichkeit, Sie wieder 40 Jahre alt werden zu lassen. Wir würden Ihnen also in Ihrem Fall 40 Jahre schenken. Was sagen Sie dazu?“ Erwartungsvoll zog der Vertreter die Augenbrauen hoch.
„Dass Sie wohl nicht ganz bei Trost sind.“ Lisa überlegte nochmal kurz. „Ja, doch. Genau das würde ich sagen.“
Theodor Eduard lachte. „Das sagen alle. Und wenn ich es Ihnen beweise?“
„Dann würde ich sagen, dass ich gespannt wäre, wie Sie das bewerkstelligen wollen, Herr…“ Lisa stockte kurz. „Ufel“.
„Mir ist diese bemitleidenswerte Pflanze aufgefallen.“ Ufel zeigte auf einen Ficus in der Zimmerecke, an dem noch drei armselige Blättchen hingen. Dann holte er eine kleine Sprühflasche aus dem Koffer und bespritzte das Bäumchen mit einer gelblichen Flüssigkeit. Für Sekunden war der Baum in einer merkwürdig glühenden Wolke verschwunden. Und … stand danach, wie von Zauberhand, wieder in voller Blätterpracht.
„Beeindruckender Taschenspielertrick. Glauben Sie, Sie können eine alte Dame damit austricksen? Jedenfalls weiß ich jetzt, wo dieser penetrante Geruch herkommt.“ Lisa rümpfte die Nase und sah den Vertreter kritisch an.
„Kein Trick. Die Formel des Lebens. Gestern noch alt und verwelkt – heute wieder in der Blüte der Jugend!“ Wie ein Zauberkünstler nach einem gelungenen Trick, wies er mit beiden Händen auf sein Kunststück.
„Angenommen, ich glaube Ihnen und Ihrem Stinkespray. Wo liegt der Haken?“
„Nun, selbstverständlich hat jeder erfüllte Wunsch seinen Preis, Teuerste.“
„Und der wäre?“, fragte Lisa gelangweilt.
„Nur ihre unsterbliche Seele. Nichts weiter.“
Lisa seufzte. „So habe ich mir das gedacht. Herr Theodor Eduard Ufel. Kurz T. E. Ufel. Oder soll ich sagen Teufel. Dazu der Schabernack mit der 666 und dem Schwefelgeruch. Auffälliger geht es wohl nicht.“
Ufel lachte. „Ertappt!“ Mit einem Finger zeigte er nach oben und raunte Lisa verschwörerisch zu: „Das sind die Spielregeln von dem da oben. Ich muss unter meinem wahren Namen firmieren. Aber ein bisschen tricksen darf man doch, oder?“
„So, so. Und Sie meinen, dass meine Seele es wert wäre, sie für 40 Jahre zu verkaufen? Mit 40 fing das ganze Übel doch an. Falten, Rückenschmerzen, steife Gliedmaßen. Bitte nicht noch einmal von vorne“, lehnte Lisa den Vorschlag ab.
„Das wäre der Lichtbringer Basistarif. Ich hätte auch noch Lichtbringer Plus im Angebot. Nochmal 20 Jahre on top. Der ist aber nicht ganz billig.“ Entschuldigend hob er die Hände.
„Raus mit der Sprache. Was ist denn noch länger als die Ewigkeit?“
„100 Seelen. Sie müssen mir bis Vertragsende noch 100 Seelen liefern.“
„Sie meinen, 100 Menschen umbringen?“ Lisa war entsetzt.
„Meine Güte. Einmal im Seniorenheim ein paar Salmonellen in die Eierspeise …“
„Und wenn ich es nicht schaffe?“
„Die Ewigkeit in der Hölle kann entweder ganz angenehm, mit einem sündhaften exzessiven Aufenthalt, sein oder eben die Ewigkeit in Höllenqualen. Jedenfalls kann ich Ihnen versprechen, dass der Sin-City-Bereich um einiges angenehmer ist, als der ewige Lobeschor da oben.“ Wieder zeigte er gen Zimmerdecke.
„Gut reden wir über Lichtbringer Plus.“
Freudestrahlend öffnete der Teufel seinen Aktenkoffer und holte ein 666-seitiges Vertragswerk hervor.
„Oh, das kann dauern. Ich hole uns zur Stärkung einen Tee, Scones und selbstgemachte Erdbeermarmelade.“ Nachdem Lisa mit den Leckereien aus der Küche kam, machte sie sich daran, den Vertrag Seite für Seite durchzugehen. Es vergingen Stunden. „Sehe ich das richtig?“, fragte sie. „Hier auf Seite 532 steht, dass die Verjüngung nicht mehr rückgängig zu machen ist?“
„Auch so eine Spielregel von oben. Wirkt der Zauber einmal, ist es nicht möglich, die Zeit wieder vorzudrehen. Aber da wir eh einen Vertrag haben… Können wir das Geschäft jetzt bitte zum Abschluss bringen?“
„Nicht so schnell. Gut Ding braucht Weile, mein lieber Herr Ufel.“ Der Teufel seufzte schwer. Es vergingen weitere 2 Stunden, bis Lisa letztendlich fragte: „Unterschreiben muss ich mit Blut?“
„Alte Tradition, meine Teuerste. Ein kleiner Stich und ein Daumenabdruck auf das Papier. Biometrisch, modern. Ich hätte hier eine Nadel. Nur ein kleiner Picks.“
„Nun gut, Herr Ufel oder doch lieber Teufel? Möchten Sie noch einen Scone?“ Ungeschickt reichte sie den Teller mit den mit Erdbeermarmelade bestrichenen Gebäckstücken an den Fürsten der Unterwelt, so dass ein Scone auf seinem Maßanzug landete.
„Zum Teu… Ich meine, macht nichts. Unterschreiben Sie jetzt bitte.“ Unwirsch nahm der Teufel eine Serviette und rieb sich damit über die Hose.
„Schon erledigt.“ Lisa überreichte Herrn Ufel die letzte Seite des Vertrags. Unten drunter war jetzt ein Daumenabdruck in tiefem Rot.
„Na, endlich. Auch der Teufel möchte irgendwann mal Feierabend haben.“ Er zog die Sprühflasche hervor und nebelte Lisa ein.
Kurzzeitig verlor sie das Bewusstsein. Als sie erwachte, war der Teufel verschwunden. Sie nahm nur noch einen leichten Schwefelgeruch wahr. Dann blickte sie auf ihre Hände. Sprang auf und rannte ins Bad. Im Spiegel sah ihr eine junge Frau entgegen. Straffe faltenfreie Alabasterhaut. Mit einem Lächeln betastete sie ihre straffen Brüste, ließ ihre Hände die Taille entlang zu den Hüften wandern. Zufrieden schob sie ihren Daumen zwischen die erdbeerroten Lippen und schleckte den Rest der Marmelade ab. Obwohl kein Wölkchen am Himmel war, meinte sie in der Ferne ein Donnergrollen zu hören.
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