Von Ursula Kollasch

Regenwolken hingen wie schmutzige Watte über New York. Die Novemberkälte ließ Jay Mallory frösteln. Er trat die Zigarette aus und sank zurück hinters Steuer seines Taxis. Mit zitternden Fingern zog er den Bourbon unterm Sitz hervor und nahm ein paar Schlucke. Es war kurz vor Mitternacht, Müdigkeit lastete auf ihm. Doch bei diesem Sauwetter ließen sich noch einige Fahrgäste aufgabeln. Er brauchte das Geld.

Gerade als er den Motor startete, vibrierte sein Handy.

Dritte Mahnung.
Jay löschte die Nachricht ungelesen. Als ließen sich Schulden und Drohungen einfach wegwischen.
Der Regen setzte wieder ein, zeitgleich öffnete sich hinten eine Tür.
Jemand glitt auf den Rücksitz.
Im Innenspiegel betrachtete Jay die silberhaarige Dame im schwarzen Mantel. Sie verströmte Eleganz und Klasse, bis hin zu den Lederhandschuhen. Altes Geld. Das verrieten auch ihr leicht erhobenes Kinn und die fein gealterten Züge. Oft genügten ihm Sekunden, um Menschen einzuschätzen, eine Gabe, geschärft durch die vielen Jahre hinterm Steuer.
Nun stieg ihm ihr blumig-schweres Parfüm in die Nase. „Wohin soll’s gehen, Ma‘am?“, fragte er.
„Fahren Sie erst einmal los“, sagte sie mit weicher Stimme und er gehorchte. Der Regen verwandelte die Straßenlaternen in verschwommene Lichtflecke. Sie musterte sein Gesicht im Rückspiegel. Er wusste, dass man ihm ansah, wie er lebte: zu viel Alkohol und Nikotin, lange Nächte in Bars und an Spieltischen. Roch sie seine Fahne?
„Sie wirken müde, Jay.“
Er runzelte die Stirn. „Sie kennen meinen Namen?“
Sie schwieg, aber um ihren Mund zuckte es, als flirte sie mit einem Lächeln.
Eine Weile hörte man nur das Brummen des Motors, den Scheibenwischer.
„Was würden Sie für eine Million Dollar tun?“, fragte die Lady in die Stille.
Jay schnaubte überrascht. „Kommt drauf an.“
„Wirklich? Menschen sagen immer, sie hätten Prinzipien. Bis man ihnen eine Zahl nennt.“
„Und Sie ziehen nachts herum und testen das?“, spöttelte er.
„Manchmal.“
Ihre Blicke begegneten sich im Spiegel. Die alte Dame sah ihn ruhig aus ihren dunklen Augen an. Trotzdem kroch Unbehagen in ihm hoch.
„Nun? Eine Million. Was wären Sie bereit, dafür zu tun?“
Jay dachte an den Stapel ungeöffneter Rechnungen. An den Unterhalt für seine Exfrau. Die Pfändung, die bevorstand. Die Spielschulden, die längst überfällig waren. An den Wucherkredit, den er nie hätte aufnehmen dürfen.
„Fast alles“, gab er schließlich zu.
Die Frau nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. „Ich habe eine Aufgabe für Sie. Verbringen Sie die Nacht mit mir, bis kurz vor Sonnenaufgang. Die Vergütung beträgt eine Million Dollar.“
Er verengte die Augen. „Wofür?“
„Sie werden sehen.“
Jay starrte sie an.
„Sie machen Witze.“
„Keineswegs.“
„Warum ich? Ich mein‘, Sie könnten jeden …“ Er brach ab. „Ist es was Kriminelles?“
„Nein.“
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Divinia Parish.“ Der Name sagte ihm nichts.
„Das ist verrückt“, murmelte er. 
„Dennoch ziehen Sie es in Erwägung. Ihre finanziellen Nöte treiben Sie dazu.“
Mit einem Mal schien die Temperatur im Wagen um ein paar Grad zu sinken.
„Woher wissen Sie von meinen Schulden?“
„Jemand in meiner Position gelangt an fast jede Information“, erwiderte sie und sein Herz schlug schneller. Er unterdrückte den Impuls, zur Flasche unterm Sitz zu greifen. Alles in ihm schrie: Da ist was faul! Doch eine Million war eine Summe, die vernünftige Gedanken in den Hintergrund drängte.
„Was, wenn ich nein sage?“
„Dann fahren Sie mich nach Hause und vergessen mich.“
Zum ersten Mal erreichte das Lächeln auch ihre Augen.
„Tun Sie das Richtige, Jay. Und das Geld gehört Ihnen.“
Er hätte nicht erklären können, warum er einwilligte.
Wegen der Schulden? Weil in New York viele reiche Exzentriker lebten?
Vielleicht, weil manche Entscheidungen längst getroffen sind, bevor man glaubt, sie zu treffen.
Ms Parish nannte ihm eine Adresse im Stadtteil Ditmas Park. Es war ein Uhr, als Jay das Taxi über eine Auffahrt lenkte und vor dem Eingangsportal parkte. Die Villa wirkte wie die Kulisse eines viktorianischen Films, bewacht von uralten Eichen. Die Fenster waren dunkel. Jay stieg aus, zog die Hintertür auf und war der Dame beim Aussteigen behilflich. Das Leder ihres Handschuhs fühlte sich weich und kühl an. Der Wind riss an den Ästen, es roch nach nassem Laub.
„Hier wohnen Sie?“ Jay war beeindruckt.
„Nur zeitweise.“
Sie betraten eine Eingangshalle, gefüllt mit Antiquitäten, und legten Jacke und Mantel ab. Eine alte Standuhr fiel Jay auf. Ihr Ticken erschien ihm laut.
„Netter Ort.“
„Danke. Folgen Sie mir.“
Divinia Parish stöckelte ihm voraus, sehr aufrecht in ihrem schwarzen Seidenkleid. Im Esszimmer erwartete sie ein gedeckter Tisch. Kaminfeuer. Rotwein. Zwei Gläser. Kerzenlicht.
„Nehmen Sie Platz.“
Sie stießen an, der Wein schmeckte ausgezeichnet. Jay leerte sein Glas zu schnell. Zunächst unterhielten sie sich über Belanglosigkeiten, dann persönlicher. Ms Parish schenkte ihm immer wieder nach. 

Sie wusste Dinge über ihn, die er nie erwähnt hatte: den Hund seiner Kindheit, den Namen seiner Highschool-Liebe, die er beinahe geheiratet hätte. Den letzten Streit mit seiner Exfrau. Dass sein Vater im Irakkrieg gefallen war, seine Mutter vor drei Jahren den Kampf gegen den Krebs verlor.

„Woher wissen Sie das alles?“
Sie nippte an ihrem Wein. „Nennen wir es … gründliche Vorbereitung.“
Obwohl er längst betrunken war, schlug etwas in Jays Eingeweiden Alarm. Nicht, weil die Frau bedrohlich wirkte. Sondern weil sie ihn kannte. Sein Leben. Seine besten und seine erbärmlichsten Seiten. Ich lass‘ sie einfach reden, die Zeit ‘rumgehen, dachte er. Hoffe, ich krieg‘ nachher auch die Kohle.
Kurz nach vier erhob er sich. „Wo finde ich das Klo?“
Sie beschrieb ihm den Weg.
Im Korridor hingen viele gerahmte Fotografien. Vor einem Bild blieb Jay abrupt stehen: ein Mann in Militäruniform. Auf dem Foto daneben saß eine Frau im geblümten Kleid auf einer Mauer.

Jay bemerkte, dass Ms Parish hinter ihm stand.

„Das sind meine Eltern“, stammelte er. „Woher haben Sie diese Fotos?“
„Sie waren einmal hier.“
Kälte kroch ihm den Rücken hinauf. „Warum?“
Sie antwortete nicht sofort.
„Jeder Mensch glaubt, einzigartig zu sein“, sagte sie schließlich. „Und doch enden alle Geschichten gleich.“
Jay lachte unsicher auf. „Okay, mir wird das jetzt echt zu schräg.“
Du siehst so erschöpft aus.
Er zuckte zusammen. Die vertraute Stimme seiner Mutter. Er starrte auf ihr Bild. Sie saß nicht mehr auf der Mauer. Jetzt stand sie dort, die Arme ausgebreitet, und lächelte ihn an.

Komm zu mir.
Ein Schrei floh aus seiner Kehle. Jay taumelte durch den Flur, durch die Halle, und riss die Haustür auf.
Kalter Wind peitschte ihm Regen ins Gesicht. Wo, verdammt, war sein Taxi?
Er stolperte die Auffahrt hinunter. Unten auf der Straße blinkten Blaulichter.
Polizei.
Ein Krankenwagen.
Ein Taxi, zertrümmert an einem Baum.
Sein Taxi.
Jay blieb stehen. Die Kälte spürte er nicht mehr.
Der Regen rauschte dumpf, weit entfernt.
Sanitäter zogen jemanden aus dem Wrack.
Seinen Körper.
Ms Parish trat neben ihn, sie hielt einen schwarzen Regenschirm über ihre Köpfe.
„Bin ich tot?“, flüsterte Jay.
„Fast.“
Er rang nach Luft, obwohl seine Lunge keine mehr brauchte.
„Der Unfall …“
„Geschah vor Stunden.“
Die Welt fühlte sich plötzlich falsch an. Dünn. Fragil. Als könnte sie zerreißen.
„Warum ich?“
Ms Parish betrachtete die Szenerie unten auf der Straße.
„Diese Frage stellt ihr immer.“
Ihr.
Da verstand Jay.
Keine plötzliche Offenbarung.
Eher das lautlose Öffnen einer Tür, die die ganze Zeit angelehnt gewesen war.
Die kalten Hände.

Ihr Wissen.

Die tickende Standuhr.

Ihr Name.

Nicht Parish, sondern Perish. Sterben.
Er wich einen Schritt zurück.
„Wer sind Sie?“, fragte er, obwohl er es wusste.
Die Dame schwieg. Ihre dunklen Augen schimmerten.
Unten begannen die Sanitäter hektischer zu arbeiten.
„Kann ich zurück?“ Jay schluckte.
„Normalerweise nicht.“
„Normalerweise?“
„Ich komme, um Menschen ins Jenseits zu begleiten. Aber ich verfüge über einen gewissen Spielraum. Manche haben noch eine Aufgabe, die ihre Anwesenheit hier berechtigt. Ich habe einmal einen Fehler begangen, und du hast einst ein Kind gerettet.“
Jay bemerkte nicht das „du“, die Erinnerung traf ihn sofort.

Vor zehn Jahren. Nebel über der Küstenstraße. Ein Dodge Ram raste an seinem Taxi vorbei. Bremslichter. Die Kollision. Der Pickup verschwand in der Nacht.

Jay war ausgestiegen. Im zerbeulten Ford saß ein totes Paar. 

Auf dem Rücksitz weinte ein kleines Mädchen, verängstigt, schwer verletzt.
„Mara Finch hat dank dir überlebt, den Verlust aber nie verwunden“, sagte Ms Perish. „Sie geriet an schlimme Pflegefamilien. Jetzt, mit siebzehn, steht sie am Abgrund, nimmt Drogen, haust auf der Straße. Und wird ihrem Leben in naher Zukunft ein Ende setzen.“
Die Dame trat näher, ihr Parfüm hüllte ihn ein. Lilienduft, erkannte er.
„Du hast die Wahl, Jay“, sagte sie. „Du kannst jetzt mit mir gehen. Der Unfall war tödlich. Oder du findest Mara und bist der Vater für sie, den ich ihr genommen habe. Das Geld, die Million, stabilisiert eure Gegenwart und Zukunft. Rette sie diesmal wirklich. Gib ihrem und deinem Leben einen Sinn.“ Sie streckte ihm eine Hand entgegen. „Willigst du ein?“ Jay war zutiefst verwirrt, aber er ergriff ihre kalte Hand.
Die Welt begann zu verschwimmen. Die Villa. Der Regen. Ms Perish.
Alles löste sich auf.
Das Letzte, was er hörte, war das Ticken einer Uhr.
Dunkelheit.


Als er die Augen öffnete, roch es nach Desinfektionsmittel. Er lag im Krankenhaus.
Monitore piepten neben ihm. Eine Schwester rief nach einem Arzt. „Er ist wach!“
Zwei Wochen später humpelte er auf Krücken zum Ausgang des Hospitals.
Schwester Mary überreichte ihm seine Sachen. Darunter fand er eine antike Taschenuhr.
Die Zeiger standen still.
5:25 Uhr.
Auf der Rückseite waren zwei Buchstaben eingraviert: M & J.
„Schöne Uhr“, sagte Schwester Mary. „Schade, dass sie nicht mehr läuft.“
Jay blickte hinaus in den grauen Morgen.
„Doch“, erwiderte er lächelnd. „Für mich schon.“
Irgendwo da draußen ist Mara, und ich werde sie finden. 

 

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