Von Brigitte Noelle

Hella zog die Vorhänge zu. 

Das Mondlicht hatte unbarmherzig durchs Fenster geschienen, brutal und geräuschlos wie das blitzende, gezückte Messer eines Mörders.

Genauso eisighell war der Vollmond auch damals, in dieser Nacht, als sie wach blieb und auf Bert wartete. Ihren Bert, den sie so sehr liebte, dass sie ihr Glück nicht fassen konnte. Bert, Berti, Bertolino, Bertaki … Es gab Kosenamen für jeden Tag des Monats.

Sie saß damals am Fenster und starrte in die frostklirrende Winternacht, hoffte bei jedem Scheinwerferlicht, dass er es war. Doch die Fahrzeuge brausten teilnahmslos vorbei und rissen dabei jedes Mal ihr Herz in Stücke.

Und dann kam der Anruf … Eigentlich hätte er ja zu Hause bleiben sollen, doch er war kurzfristig für einen kranken Kollegen eingesprungen. Ermüdet nach dem Einsatz wollte er wohl so schnell wie möglich nach Hause kommen. Die Straße war schneeglatt, und die Böschung so steil.

Das letzte, was er wahrscheinlich sehen konnte, war die Schneewand, die im Mondlicht kalt und blau glitzerte.

 

Seitdem hasste Hella den Vollmond. Gut, er wurde von Dichtern besungen, von mystisch angehauchten Personen jeder Ideologie verehrt. Sie konnte diese Gefühle beim besten Willen nicht mehr teilen. Manchmal stellte sie sich vor, wie sie eine Waffe auf ihn richtete und mit einem Geschoß seine blöde, teilnahmslose Fratze zerfetzte.

 

An Berts Todestag legte sie mit weißen Kieselsteinen einen Weg von der Terrasse zur Haustür, in der Hoffnung, dass etwas Immaterielles von ihm geblieben war, das den Weg zu ihr finden würde.

Im Sommer saß sie abends im Garten, lauschte den heimlichen Geräuschen der Nacht und dachte an die vielen Abende, die sie gemeinsam mit Bert hier verbracht hatte. In einer dieser Nächte – es musste schon sehr spät sein, denn die Fenster der Nachbarn waren längst dunkel – bemerkte sie im Augenwinkel eine Bewegung. Undeutlich im rot brütenden Licht des Mondes konnte sie es wahrnehmen: Hinter einer Eibe kam eine Gestalt zum Vorschein, so vertraut, so nahe, doch gleichzeitig von so weit weg kommend. Sie hatte keinen Zweifel, es war Bert. Er eilte auf sie zu, schon stand sie auf, um ihm in die Arme zu fallen. Doch da, in einem Wimpernschlag des Augenblicks, war er fort. Hatte sie etwa geträumt? Aber es erschien ihr so real, dass sie seine Gestalt auf der Netzhaut fühlen konnte. 

 

Hella stand normalerweise mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit. Sie funktionierte, absolvierte den Alltag mit seinen Aufgaben und Anforderungen. Die äußere Hülle war intakt. Doch im Inneren züngelte der Schmerz nach wie vor wie eine bösartige Giftschlange durch Körper und Seele. 

 

Es war einer der ersten Frühlingstage. Bald würde Ostern gefeiert werden, die Auferstehung des Jahres lag in der Luft, die ersten Blumen riefen der Welt zu: „Hier sind wir, neu erwacht zum Leben, lasst uns den Neubeginn feiern!“, und wider Willen atmete auch Hella beglückt die sanfte Aprilluft ein. Auf einem Stapel alter Prospekte lag ein bunt bedrucktes Blatt Papier, sie hätte es auf den ersten Blick ebenfalls für Werbung gehalten. Es zeigte eine Waldlandschaft, aufgenommen in der Nacht, doch vom rötlichen Vollmond hell genug beleuchtet, um einige Gestalten schemenhaft im Vordergrund zu erkennen. War das etwa Hellas Großmutter? Sie konnte sich kaum noch an sie erinnern. Und neben ihr der Opa. Hella erkannte seine hagere Gestalt. Und dort abseits: Hellas Herz raste, sie sank auf den Küchenstuhl. Ja, kein Zweifel: Bert. 

Als sie sich gefasst hatte, sah sie sich die Seite genauer an. Unter der Abbildung war in schreierischer, gelber Schrift gedruckt: Ein ganz besonderes Erlebnis – unsere Reise über alle Grenzen! Hier werden Deine Wünsche Wirklichkeit! Einmalige Gelegenheit – ruf uns noch heute an!

„Eine ausgesucht geschmacklose Werbung eines Reisebüros“, dachte Hella und wollte das Blatt zurück zum Altpapier legen. Anderseits – waren das nicht ihre Großeltern, war das nicht Bert?

Spontan griff sie zum Telefon.

 

****

 

Hella war die einzige, die bei der letzten Station aus dem Kleinbus stieg. „Den Waldweg entlang, bis Sie von unseren Guides empfangen werden“, lautete die Anweisung des Reiseveranstalters. Sie folgte dem spärlich vom rötlichen Licht des Vollmondes beleuchteten Weg und fragte sich gleichzeitig, ob sie lachen oder weinen sollte: Wie hatte sie nur so naiv sein können, einen solchen Ausflug zu buchen? Niemand hatte sie nach ihren Wünschen oder Erwartungen gefragt, sondern ihr einfach den Ort (gar nicht so weit von ihrem Haus entfernt) und die Zeit (1 Uhr nachts – was zum Kuckuck war das für eine abgeschmackte Idee?) der Abfahrt mitgeteilt. Was auch immer sie erwarten würde, sie musste zugeben, dass das Angebot durchaus individuell zusammengestellt war, denn jeder Mitreisende war an einem anderen Ort abgesetzt worden.

Und nun tappte sie den dunklen Weg entlang, eingehüllt vom warmen Zwielicht der Sommernacht. Ihr Gehirn sandte in einem fort Alarmsignale aus: „Dunkelheit! Unbekanntes Ziel! Alleine unterwegs!“, doch diese Rufe fielen auf den Boden ihres Bewusstseins wie die schlaffen Hüllen eines zerplatzten Luftballons. Je weiter sie ging, desto ruhiger und sicherer fühlte sie sich. In der Ferne rauschte ein Fluss. 

Von Weitem hörte sie dagegen Geräusche, die eindeutig nicht in die Umgebung passten. Oder doch irgendwie? Sie näherte sich deren Quelle und erkannte rasselnden Motorenlärm, der eine Schneise in die dunkle Waldesstille schlug. Bald erblickte sie drei schemenhafte Gestalten. Waldarbeiter! Was hatten die hier wohl mitten in der Nacht verloren? Eben trennten sie die Äste von einem gefällten Baum ab.

Hella kam näher, bis sie am Holzplatz angelangt war. Die feuchte Waldluft trug den Geruch von frischer Rinde, vermischt mit Benzindämpfen, an sie heran. Hier endete der Pfad.

„Entschuldigen Sie“, rief sie in den Lärm hinein, „können Sie mir sagen, wo die Leute vom Reisebüro zu finden sind?“ Die drei bemerkten sie, legten ihre Sägen beiseite und kamen näher. Sie schienen über den nächtlichen Besuch weit weniger erstaunt zu sein als Hella über die ungewöhnliche Arbeitszeit der Männer.

„Ach, da sind Sie ja“, rief der Mann mit dem roten Bart, „Wir haben schon auf Sie gewartet.“ 

Der Herr mit der karierten Holzfällerjacke (wie passend, dachte Hella) fügte hinzu: „Wir sind benachrichtigt worden, dass Sie heute eintreffen.“

Schließlich mischte sich der große Stämmige mit der bunt gestreiften Wollmütze ein: „Wir sind jetzt für Sie zuständig. Wenn ich uns vorstellen darf: Ich bin Haldes, das ist Herr Karron und der hier heißt Thann-Natto.“

Der rotbärtige Herr Karron schien die Gastgeberrolle übernehmen zu wollen und lud Hella ein, auf einem der gefällten Baumstämme Platz zu nehmen. „Machen Sie es sich bequem, wir werden ihnen eine kleine Erfrischung bringen, und danach können wir mit unserem Programm fortfahren.“

Herr Thann-Natto stellte vor ihr ein tischhohes Stück Baumstamm auf und servierte einen Becher Kaffee und ein Stück – „Nun, das dürfte wohl ein Kuchen sein“, dachte Hella. Sie kostete. Tatsächlich merkte sie, wie hungrig sie war. Der Kaffee erwies sich als undefinierbares, aber wunderbar schmeckendes Getränk, und der Kuchen war weit besser als alle, die Hella jemals gegessen hatte.

Gesättigt und erwartungsvoll sah sie die drei Gastgeber an. Täuschte sie sich, oder konnte sie durch Herrn Haldes hindurch den Mond rot scheinen sehen? Erkannte sie die Äste, die sich dunkel gegen den Nachthimmel abhoben, auch hinter der breiten Gestalt von Herrn Karron? 

„Also“, begann Herr Thann-Natto, „wir haben Ihre Unterlagen sorgfältig gelesen: Ihre Angst und Verzweiflung, geschrieben damals von den Strahlen des Mondlichts in den Schnee und die Spuren Ihres Mannes, als er im magischen Licht der Sommernacht beinahe zu Ihnen gelangt war.“

Hella schnappte nach Luft. „Woher wissen Sie das alles? Niemandem auf dieser Welt habe ich davon erzählt …“ 

„Das ist richtig“, meinte Herr Hader, „aber es gibt ja auch etwas anderes als Ihre Welt. Und nun frage ich Sie: Was würden Sie tun, um wieder mit Ihrem Mann vereint zu sein? Sie müssen wissen, er wohnt drüben auf der anderen Seite des Flusses. Auf diese Seite kann er aber nicht mehr zurückkehren. Unser Reisebüro bietet Ihnen jedoch die Überfahrt an. Wären Sie mit diesem Arrangement einverstanden?“

Nachdenklich nickte Hella. „Ich verstehe“, murmelte sie. „Heute Nacht?“

„Auf der Stelle“, antwortete Herr Haldes. „Herr Karron wird Sie begleiten.“

 

***

 

Der Mond wanderte weiter, bald würde er nicht mehr sichtbar sein. Doch in vier Wochen, und in vier weiteren Wochen und immer weiter, solange man denken kann, wird er mit seinem Licht die nach Wundern dürstende Erde tränken, diese Welt, und vielleicht auch eine andere, in der Hella wieder und diesmal für immer mit ihrem Geliebten vereint ist.

 

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