Von Ingo Pietsch
Ich saß auf der Terrasse meines kleinen, gemütlichen Hauses im Alten Land und beobachtete den Sonnenuntergang.
Ein Eichhörnchenpärchen sammelte Nüsse und andere Früchte aus meinem Garten und transportierte sie zu ihrem Bau in einer nahegelegenen Fichte.
Ich fand die Tierchen putzig und ich schaute ihnen gerne zu.
Ich genoss die Ruhe.
Auf dem weitläufigen Gelände standen hauptsächlich Apfelbäume, aber auch Kirschen, Pflaumen und verschiedene Nussbäume.
Früher hatten meine Eltern das Ganze noch gewerblich betrieben, aber mit zunehmendem Alter war es ihnen zu viel geworden und sie waren in die Stadt gezogen.
Selbst mit dem Aufsitzrasenmäher brauchte ich einen ganzen Tag, um die gesamte Fläche zu mähen.
Ich hatte schon ein paar Bäume gefällt, die zu alt waren und kaum noch Früchte trugen. Das ganze Obst konnte ich ohnehin nicht behalten und brachte viel davon zum Mosten zu einem Obsthof. Die Kirschbäume würden alle wegkommen, da in jeder Frucht eine Made war.
Gelegentlich lud ich auch einen Kindergarten oder eine Schulklasse ein, damit sie ein bisschen pflücken konnten.
Die Kinder nahmen das Obst mit nach Hause, die Eichhörnchen alles andere.
Die Eichhörnchen sorgten für einen entspannten Ausgleich in einer rasanten Welt, in der ich lebte.
Als ich aufstand und mich daran machte, ins Haus zu gehen, war die Sonne schon fast am Horizont verschwunden.
Bis zur Baumgrenze war mein Rasen tipptopp gepflegt, ab da war er durch Baumwurzeln und Trampelpfade uneben.
Plötzlich stolperte ich über einen Maulwurfshügel und fiel der Länge nach hin.
Welches Zaubermittel meine Eltern auch immer benutzt hatten, wusste ich nicht, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dass wir jemals viele Hügel im Garten gehabt hatten.
Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, rief ich meine Eltern an.
„Oh, wahrscheinlich ist der Vertrag mit den Maulwürfen ausgelaufen. Gleichberechtigte Nutzung des Gartens. Und ganz wichtig: Die Eichhörnchen dürfen auf gar keinen Fall übervorteilt werden!“, erklärte mein Vater, als ich ihn danach fragte.
„Meinst du das ernst?“ Das klang etwas lächerlich.
„Lass die Maulwürfe einfach in Ruhe. Und die Eichhörnchen solltest du nicht füttern!“
Ich hatte immer noch keinen Schimmer, was er damit meinte, beließ es aber dabei.
Wahrscheinlich hatte mein Vater das nicht ernst gemeint, und nun war es mein Problem, mich um die Plantage zu kümmern.
Eigentlich hatte ich nichts gegen Maulwürfe, aber dass sie jetzt meinen gepflegten Rasen direkt am Haus in Besitz nahmen, nahm ich ihnen übel.
Mit einer Schaufel trug ich den Hügel ab, setzte mich zufrieden in meinen Rattan-Sessel und schlürfte einen Eistee.
Die Eichhörnchen waren wieder mit Sammeln beschäftigt, als ein neuer Hügel auf meiner Wiese entstand. Oder genauer gesagt: einfach da war. Denn man sah so etwas nur sehr selten.
Naturereignis hin oder her – ich musste einschreiten. Wenn der Maulwurf das weiter hinten zwischen den Bäumen machen würde, hätte ich kein Problem damit, aber so triggerte es mich.
Kaum war ich zur Tat geschritten, ploppten die Hügel ohne Ende einfach so auf.
Die Eichhörnchen nickten anerkennend und knabberten dabei Nüsse.
Ich spürte Wut in mir aufkochen. Vollgeladen mit Emotionen hämmerte ich wie ein Verrückter auf die Gebirgslandschaft ein und verausgabte mich so sehr, dass ich mit brennender Lunge und klopfendem Herzen unter einem Pflaumenbaum Schatten suchte.
Die Sonne brannte erbarmungslos und mein Mund war trocken.
Ich betrachtete mein Zerstörungswerk und musste feststellen, dass ich alles nur noch schlimmer gemacht hatte. Mein Rasen glich der Mondoberfläche und ich meinte, die Eichhörnchen kichern zu hören.
Vielleicht konnte ich diesen Parasiten mit Lärm und Vibrationen loswerden.
Also startete ich meinen Aufsitzrasenmäher und fuhr unablässig zwischen den Bäumen hin und her.
Dabei zerschredderte ich die restlichen Hügel. Ich war so im Wahn, dass ich mit dem Mäher mehrfach Baumstämme rammte und ihn dabei so beschädigte, dass er schon nach kurzer Zeit den Geist aufgab.
Nachdem ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, verschaffte ich mir einen Überblick über die Gesamtsituation.
Normalerweise war ich der analytische Typ, aber irgendwas in mir hatte einen Schalter umgelegt, sodass ich nicht mehr klar denken konnte.
Ich genoss die Mittagssonne, frischte mich auf und googelte ein wenig.
Die ersten Sätze, die ich über Maulwurfprobleme las, waren nicht sonderlich ermutigend: „Herzlichen Glückwunsch! Dass Sie Maulwürfe im Garten haben, beweist, dass Ihr Boden gesund ist.“
Klasse. Darauf konnte ich mir wirklich etwas einbilden.
Gewalt durfte man nicht anwenden und fangen auch nicht. Das mit den Vibrationen war also gar keine schlechte Idee gewesen und ich beschloss, ein paar Tage abzuwarten.
Der Rasenmäher wurde repariert und ich harkte den Boden, plättete ihn und säte neuen Rasen.
Tatsächlich war kein neuer Hügel entstanden, und so konzentrierte ich mich – neben meiner beruflichen Tätigkeit – wieder auf das Schneiden der Bäume.
Die Eichhörnchen verfolgten mich dabei und sammelten weiter fleißig Früchte.
Ich war eigentlich ein friedliebender Mensch. Doch als ich gerade Blumen goss, kamen neue Hügel zwischen meinen Pflanzen hoch.
Fleißig war das Kerlchen, das musste man ihm lassen. Aber was er konnte, konnte ich auch.
Ich sah mich verdächtig um, nahm die Pistole vom Gartenschlauch und steckte ihn in den Hügel.
Natürlich war das nicht erlaubt. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis aus einem der neu entstandenen Hügel eine Wasserfontäne schoss.
Die Eichhörnchen knackten Nüsse, dass es wie Applaus klang. Möglicherweise klatschten sie auch wirklich. Und ich hätte schwören können, dass eines der Tiere ein Punktetäfelchen hochhielt.
Tatsächlich kroch der Maulwurf am Rande des Springbrunnens heraus und hustete.
Das glaubte ich jedenfalls zu hören. Ein bisschen leid tat mir das Tierchen schon. Und es schwenkte sogar eine weiße Fahne!
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich die Flagge allerdings als Sämereientüte.
Der Maulwurf bewegte sich nicht mehr. Hatte ich ihn getötet?
Ich ging an ihn heran und wollte ihn antippen. Doch mit einem Mal sprang er auf, lief im Zickzack über den neu gepflanzten Rasen und machte schließlich einen Hechtsprung direkt ins Gemüsebeet. Mit einem kaum zu hörbaren „Yippieh!“ verschwand er zwischen den Radieschen.
Nach und nach wurden Möhren, Kohlrabi und Radieschen unter die Erde gezogen und verschwanden auf nimmer Wiedersehen.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es die Hitze oder eine Ohnmacht war, aber als ich meine Umwelt wieder bewusst wahrnahm, stand mein Freund Roland in meinem Garten und waltete seines Amtes.
Ich hatte ihn wohl angerufen und um Hilfe gebeten. Genau erinnern konnte ich mich nicht mehr.
Roland arbeitete für die Stadt. Genauer gesagt war er für das Räumen maroder Bäume zuständig. Und dadurch hatte er auch Zugang zu Sprengstoff.
Da sowieso ein paar Bäume entwurzelt werden sollten, kam mir das sehr gelegen.
Was mich allerdings stutzig machte, war, dass die Polizei fast außer Sichtweite meines Grundstückes rotweißes Flatterband spannte.
„Wegen mir sind die nicht hier“, erklärte Roland. „Die Mengen Sprengstoff sind schon nicht ungefährlich, aber so verteilt eher nicht. Ich habe sie mit einem Kabel synchronisiert, damit sie nacheinander hochgehen – nicht gleichzeitig. Und auch nur bis zur Mitte deines Grundstücks. Den Rest schauen wir uns danach an.“
Auf dem ganzen Gelände blinkten zwischen den Bäumen rote Lichter.
„Hier“, Roland drückte mir eine Fernbedienung in die Hand. „Wir sollten lieber ins Haus gehen.“
Plötzlich klingelte es an der Tür. Ich legte die Fernbedienung auf den Gartentisch und ging mit Roland nach drinnen.
Als ich die Tür öffnete, stand die Polizei dort.
Ein Wasserfall aus Schweiß lief mir über die Stirn.
Bevor ich etwas erklären konnte, sagte einer der Polizisten: „Wir müssen Sie dringend auffordern, Ihr Haus zu verlassen. In der Nähe Ihres Grundstücks wurde eine Fliegerbombe gefunden, die jetzt entschärft werden muss. Bitte holen Sie das Nötigste und kommen Sie mit.“
Ich nickte nur, schnappte meine Geldbörse und mein Handy. Dann fiel mir die Fernbedienung ein, die ich draußen liegengelassen hatte.
Als ich wieder auf die Terrasse trat, war der Tisch leer.
Ich sah eben noch einen buschigen Schwanz in der Krone eines Baumes verschwinden.
Dann lösten sich nacheinander die roten Lichter auf, indem sie unter die Erde gezogen wurden.
Meine letzten Gedanken, als die Welt aufhörte zu existieren, waren: Hoffentlich bleibt der Maulwurf von der Bombe fern.
Die unterirdischen Explosionen zeigten sich durch das Aufblähen des Erdbodens, dicht aneinandergereiht bis zur Grundstücksgrenze – viel zu dicht an der Fliegerbombe.
Die Kette riss einen Graben auf, Bäume kippten zur Seite, Blätter und Früchte wirbelten umher.
Die Eichhörnchen klammerten sich an einen Ast, und ich suchte Schutz hinter dem Gartentisch.
Dann folgte die Druckwelle einer großen Explosion. Kurz darauf ein Donnerhall.
Ich sah noch, wie alles um mich herum in Bewegung geriet. Die Eichhörnchen flogen an mir vorbei und sämtliche Scheiben meines Hauses barsten.
Später konnte nicht mehr festgestellt werden, ob ich für die Detonation verantwortlich gewesen war oder der Entschärfungsroboter.
Auf jeden Fall hatte ich jetzt keinen Garten mehr.
Ob ich oder der Maulwurf gewonnen hatte, war fraglich.
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