Von Florian Ehrhardt

Natürlich. Lieselotte Schmid. Die einzige Person, die mir nicht glaubt, dass Carmen an Alzheimer leidet, hat meine Frau in Beschlag genommen. Seelenruhig stehen die beiden bei den Spirituosen und unterhalten sich. Hat Carmen etwa einen ihrer lichten Momente? Nervös zupfe ich an ihrem Ärmel. „Wo bleibst du denn, Schatz?“

Lieselotte schießt Giftpfeile aus ihren Augen: „Paul, jetzt lass sie halt! Wir haben uns bestimmt seit zwei Wochen nicht mehr gesehen! Wir haben uns so viel zu erzählen!“

Ich ignoriere die Furie und die Tatsache, dass Carmen keine Ahnung hat, was in den letzten zwei Wochen passiert ist und wende mich direkt an sie: „Wir haben nicht ewig Zeit! Frank wartet bestimmt schon!“

Carmen sieht mich verdutzt an: „Wer ist Frank?“ Der lichte Moment scheint vorüber zu sein.

„Dein Sohn. Unser Sohn“, seufze ich. „Er feiert heute seinen Geburtstag.“

Kurz hellt sich ihr Blick wieder auf und sie greift nach einer Flasche Schnaps. „Dann bringen wir ihm etwas Schönes mit, oder?“

„Carmen…“

„Du hast ja Recht. So jung sollte man noch nicht trinken.“

„Carmen, Frank wird 52. Der Arzt hat gesagt, er soll die Spirituosen weglassen. Die Leberwerte. Darüber haben wir gesprochen.“

„Oh.“

„Oh“, mehr bekomme ich auch nicht heraus. Es tut so weh zu sehen, wie die einst schönste Frau der Welt sich von innen heraus selbst aufzufressen scheint. Wo sind die Jahre hin?

Zielstrebig läuft sie auf ein anderes Kühlregal zu: „Aber Milch brauchen wir noch, oder?“

„Nein“, sage ich sanft, während ich mir die Frage, warum ich sie überhaupt zum Einkaufen mitnehme, damit beantworte, dass ich sie eigentlich nicht mehr alleine zuhause lassen kann.

„Joghurt?“

„Nein, aber Chips!“, murmele ich und laufe auf das Snackregal zu.

 

Kurz bevor ich die Packung Pringles greifen kann, fällt mir die Tür auf. War die schon immer hier? Auch mit knapp über 80 Jahren bleibt meine Neugierde ungebremst und ich trete in einen engen Lagerraum. Ich gehe seit über 30 Jahren hier einkaufen, habe ich den wirklich immer übersehen? Das Bild, was sich mir bietet, ist bizarr:
Die Wände sind gesäumt von Regalen mit Dosenfutter und Chips. An einem Klapptisch sitzt ein Mann Ende 40 im Smoking.

„Schön, dass du es geschafft hast, Paul!“

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Setz dich. Ich hab nicht ewig Zeit.“ Er streicht über seinen Ziegenbart und scheint zu überlegen. „Naja, eigentlich schon. Nur heute nicht.“

Wie im Traum lasse ich mich auf den weißen Plastikstuhl fallen. „Ich…“

„Lassen wir die Spielchen, Paul: Ich bin der Teufel.“

Meine Kinnlade klappt herunter. Dieser unscheinbare Mann soll der Leibhaftige sein?

„Schau nicht so blöd. Ich bin es wirklich. Hatte keine Lust, mir für dich eine besonders gruselige Gestalt zuzulegen. Wobei“ – ein Lächeln umspielt seine roten Lippen – „meine letzte Form hättest du bestimmt nicht toll gefunden.“

„Warum hast—“

Er schneidet mir das Wort ab: „Das weißt du doch, oder? Ich möchte dir ein Angebot machen.“ Er deutet auf die Tür, durch die ich gekommen bin: „Du kannst jetzt wieder durch diese Tür treten und dein Leben geht weiter wie bisher.“

Ich stehe auf und berühre die Klinke.

Der Teufel redet weiter: „Aber wir wissen beide, dass dein Leben nicht mehr dasselbe ist wie früher.“

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Wie meinst du?“

„Carmen stirbt“ Die Worte treffen mich wie ein Schlag. „Schau nicht so bedröppelt. Früher oder später müsst ihr Menschen alle sterben. Wobei Carmen schon früher dran ist. Sechs Wochen.“

Mein Herz setzt aus. „S-Sechs Wochen? Ich dacht—“

„Ja, ich weiß, dass du denkst, ihr hättet mehr Zeit gehabt. Naja, falsch gedacht. Diesen Fehler macht ihr Menschen auch immer wieder.“

„Und jetzt?“

„Setz dich.“

Ich sacke auf dem Stuhl zusammen.

„Du musst wirklich nicht so doof schauen. Ich habe einen Ausweg für dich!“

Mein Puls wird schneller. „Was muss ich tun, um sie zu retten?“

„Retten?“ Der Teufel lacht freudlos auf. „Es gibt keine Rettung.“

„Ich dachte“, beginne ich wieder, doch ich weiß nicht mehr, was ich überhaupt denken soll.

„Ich habe nichts von einer Rettung gesagt. Aber es gibt einen Ausweg. Für dich“ Er deutet auf die Wand auf der anderen Seite, wo sich just in diesem Moment eine zweite Tür auftut. „Du kannst auch durch diese Tür zurück in den Supermarkt gehen.“

„Und dann?“

Ein Lächeln. „Dann bist du wieder 25 Jahre alt, hast dein Ingenieursdiplom nochmal frisch in der Tasche und morgen drei tolle Jobangebote. Du bist gerade hier einkaufen, weil du Bier und Schnaps fürs Vorglühen mit deinen Freunden brauchst. Heute Abend geht ihr natürlich im angesagtesten Club der Stadt feiern! Dein athletischer, jugendlicher Körper öffnet dir das Tor in eine heiße Nacht und wenn du möchtest, entwickelt sich daraus eine neue Beziehung. Morgen früh hast du Carmen vergessen.“

„Aber ich—“

„Ich weiß, dass du glaubst, sie zu lieben. Obwohl du in deinem tiefsten Herzen weißt, dass sie dich damals auf Gran Canaria mit dem Poolboy betrogen hat. Obwohl du ihre Aussetzer hasst. Obwohl du die Nase gestrichen voll hast davon, dass sie in der Nacht aufwacht und schreit, weil sie wieder vom Krieg geträumt hat.“

„Ich könnte sie doch niemals vergessen! All die Jahre!“

„Schall und Rauch! Deine Zukunft wartet auf dich!“

„Und dafür willst du meine Seele, was?“

Der Teufel lacht. „Nein, natürlich nicht.“

„Was dann?“

„Ihre Seele natürlich!“

„Ich könnte doch nich—“

„Hat sie die Vollmacht für dich unterschrieben oder nicht?“

„Das gilt doch nicht für sowas!“

„Natürlich! Wie gesagt, wenn du jetzt zurück gehst, wirst es auch du sein, der in sechs Wochen entscheidet, die Maschinen abzustellen, die sie am Leben halten!“

„Ich kann doch Carmen nicht verraten! Unser ganzes gemeinsames Leben wäre ausgelöscht!“

„Du bekommst ein Neues!“

„Frank?“

„Pff, dein nichtsnutziger Sohn? Wie hieß das nochmal junge Ehepaar, dass damals im Alpenrosenweg neben euch gewohnt hat? Lutz? Er wäre einfach als ihr Sohn aufgewachsen! Und für ihn wäre das sogar besser, die hätten es im Gegensatz zu dir geschafft, ihn auf eine Uni zu schicken!“

Ich haue wütend mit der flachen Hand auf den Tisch. „Genug!“ Ich stehe langsam auf. „Ich werde mich niemals auf deinen Kuhhandel einlassen! Ich würde lieber sterben, als Carmen zu verkaufen!“

Der Teufel wischt sich meine feinen Spucketröpfchen vom Revers und sieht mich belustigt an. „Na gut, also nicht.“

Ich drücke die Klinke zur Tür zurück in den Supermarkt herunter. Doch das Schloss öffnet sich nicht. „Was zum—“

 „Es wird Zeit, dass du die ganze Wahrheit erfährst, Paul“, sagt der Teufel.

Ich drehe mich langsam in seine Richtung. „Ja?“

„Wie gesagt, meine letzte Gestalt wäre deutlich furchteinflößender für dich gewesen. Du kannst Lieselotte Schmid nicht ausstehen, oder?“

„Nein“, sage ich wie versteinert.

„Wie praktisch, dass deine Carmen das anders sieht und sogar einen ihrer lichten Momente hatte, als ich mir ihren Körper geliehen habe!“

Mir schwant Übles.

Der Teufel fährt fort: „Ich hatte tatsächlich die Möglichkeit, ihr die gleiche Frage zu stellen wie dir. Nur mit umgekehrten Vorzeichen.“

„Und?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Carmen scheint nicht ganz so überzeugt von dir gewesen zu sein wie du von ihr. Aber wie schön, dass du mir nochmal bekräftigt hast, für sie sterben zu wollen.“

„Heißt das etwa…“ Ich will den Rest der Frage nicht aussprechen.

„Du hattest nie wirklich eine Wahl.“ Er scheint kurz zu überlegen. „Wobei, naja. Du hättest sie zumindest mit in den Dreck ziehen können. Aber hey, du freust dich bestimmt für sie und ihr neues Leben! Irgendein junger Mann wird sich heute Abend bestimmt freuen, dass sie wieder so schön ist wie in deiner Erinnerung!“

Ich suche panisch nach irgendeinem Ausweg, einer weiteren versteckten Tür, doch es gibt keine Fluchtmöglichkeit.

Der Teufel streckt mir die Hand entgegen. „Es ist Zeit zu gehen, Paul.“