Von Andreas Schröter
Jajaja, ich geb’s ja zu: Ich hatte mein Studium in den Sand gesetzt, schon mein zweites übrigens, um ehrlich zu sein. Im ersten, Betriebswirtschaft, hatte ich es vor Langeweile nicht fertiggebracht, auch nur die Vorworte in den Fachbüchern über Finanzbuchhaltung oder Makroökonomie zu Ende zu lesen. Mit den Gesetzestexten in meinem zweiten Versuch – Jura – ging es mir auch nicht besser.
Also weg damit. Endlich wieder glücklich werden. Und das gelang mir ganz vortrefflich. Ich heuerte als Aushilfskraft in unserem örtlichen Aldi-Markt an und machte dort derart schnell Karriere, dass ich schon nach drei Wochen stundenweise an der Kasse sitzen durfte. Herrlich! Viel, viel besser als die dröge Studiererei. Der Job war abwechslungsreicher, als ich es vorher gedacht hatte. Das Konservendosenregal auffüllen – man musste aufpassen, dass man „Erben fein“ und „Erbsen sehr fein“ nicht verwechselte –, den Leergutautomaten betreuen, mit den Mitarbeiterinnen im Lager flirten und an der Kasse den hübschen Frauen per Gedankenkraft einflüstern, dass sie sich an meiner Kasse anstellen müssen. Letzteres gelang zugegebenermaßen nicht immer.
Doch der Hammer an diesem Job – und vielleicht sogar zu 87,5 Prozent dafür verantwortlich, dass ich mich jeden Morgen auf die Arbeit freute – war Lena, unsere Ladendetektivin. Sie trug aus naheliegenden Gründen keine Aldi-Klamotten. Durch ihre ausgeschnittenen Blusen und hautengen Jeans ließ sich mehr als erahnen, welche wunderbare Figur sie hatte. Sie machte immer einen auf extracool. Wenn ich ihr zuzwinkerte, raunte sie mir zu: „Was willst du, du Würstchen?“ Ich hätte vielleicht sauer über ein solches Betragen sein sollen, aber aus irgendeinem bescheuerten Grund fand ich sie danach noch attraktiver. Gut, nennen Sie mich meinetwegen etwas krankhaft veranlagt. Wahrscheinlich hätten sie recht. Im Stillen nannte ich sie nicht Lena, sondern Lara Croft. Wenn sie sich mit Peitsche und Revolver von Regal zu Regal geschwungen hätte, hätte mich das auch nicht gewundert.
Natürlich versuchte ich immer wieder, sie auf mich aufmerksam zu machen. Ich reichte ihr einmal in der Pause einen besonders wundervollen Braeburn-Apfel, den sie mit den Worten „Sehe ich aus, als ob ich Grünzeug essen würde, du Wicht?“ ausschlug. Ich schlug ihr vor, mit mir hinter der Altpapier-Presse auf dem Parkplatz ein Schlückchen Jack Daniels zu probieren. Wenn schon kein Apfel, dann vielleicht härteres Zeug, dachte ich. Doch sie fragte nur, ob ich sie mit einer derartigen Billig-Plörre vergiften wolle.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich sie am besten würde erobern können, wenn ich ihr in ihrem Job half. Und das Glück war mir hold: Schon an meinem zweiten Tag sah ich einen beleibten Mittfünfziger mit Vollbart, der eine Dose „Erbsen sehr fein“ statt in den Einkaufswagen in seine Umhängetasche gleiten ließ. Natürlich machte ich Lara Croft – Lena – unverzüglich darauf aufmerksam. Was weiter geschah, konnte ich nicht verfolgen, denn ich musste das Regal mit den Meeresfrüchten auffüllen. Und vorgestern ist es wieder passiert: Eine jüngere Frau mit lila Schal griff in die Auslagen mit den Kaugummis und steckte eine Packung unbemerkt, wie sie glaubte, in die Manteltasche. Doch von mir blieb so schnell nichts unbemerkt, wenn es darum ging, Lara Croft zu beeindrucken. Ich war mir sicher, in der Gunst dieser göttlichen Amazone langsam zu steigen.
Gestern ging wieder das nervige Gepiepe am Leergutautomaten los. Eigentlich konnte er noch nicht voll sein. Ich leuchtete mit der Handylampe in den Einfüllschacht und sah, dass sich eine der leeren Flaschen verkantet hatte. Was tun? Ich rüttelte etwas an dem Automaten, und tatsächlich lockerte sich das Corpus Delicti, und es konnte weitergehen. Mich wunderte jedoch, wie leicht sich der Automat hin- und herbewegen ließ. Ich war vorher sicher gewesen, dass er fest auf dem Boden stand. Er schien jedoch über kleine Rollen zu verfügen. Nach Ladenschluss, als kein Kunde mehr in der Nähe war, schob ich den Automaten probeweise etwas hin und her – und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass sich just an der Stelle, an der er vorher gestanden hatte, eine Tür befand, die mir nie aufgefallen war.
Ich drückte die Klinke hinunter.
Die Tür ließ sich öffnen und ich betrat einen stockdunklen Raum.
Doch dann hörte ich etwas. Was war das?
„Wasser – bitte Wasser …“
Ich leuchtete in den Raum und sah zu meinem Entsetzen eine junge Frau mit lila Schal, die auf einem Stuhl saß. Ihre Hände waren hinten an der Lehne festgebunden.
Hinter ihr stand ein beleibter Mittfünfziger mit Vollbart. Seine Hände waren oben an der Decke fixiert. Der Kopf war nach vorne gesunken und der Mann bewegte sich nicht. War er etwa tot?
„Es war doch nur Kaugummi“, flüsterte die junge Frau mit dem lila Schal.
Mein Magen machte einen Satz, und augenblicklich ergoss sich sein Inhalt – Fischfrikadellen – auf dem Boden.
Im Hintergrund dieses Horrorraums konnte ich weitere Gestalten ausmachen – zum Teil bereits skelettiert oder mumifiziert.
„Was zum Teufel …?“
Ich wurde durch das Zuknallen der Tür in meinen tiefenphilosophischen Gedanken unterbrochen. Meine Handylampe beleuchtete eine fratzenhafte Lena/Lara, die hereingekommen war. Sie trug das lange Küchenmesser in der Hand, das wir diese Woche im Angebot hatten. Sie sagte: „So, nun zu dir, du Würstchen!“
***
Ich hatte immer gedacht, dass der Aldi-Job noch nicht meine Endstation sein würde. Außer studieren gab es ja schließlich noch mehr, was man mit seinem Leben anfangen konnte: Schauspieler oder ein berühmter Schriftsteller werden vielleicht. Oder einfach eine Millionärin heiraten. Oder eine Lehre bei der Stadtverwaltung machen. Stadtarchiv. Da war sicher wenig los. Aber diese Überlegungen haben sich mittlerweile erledigt. Wegen meiner diversen Sünden – Diebstahl eines Braeburn-Apfels, einer Flasche Jack Daniels und Fischfrikadellen – muss ich noch drei Wochen im Fegefeuer bleiben, wie ich heute Morgen erfahren habe. Danach würde ich an einen Ort versetzt, wo den ganzen Tag schöne Lieder gesungen werden. „Dancing Queen“ von Abba vielleicht. Das mochte ich als Kind so gerne. Aber so schlimm ist das mit dem Fegefeuer gar nicht. Denn immerhin ist Sandra bei mir, die Frau mit dem lila Schal. Sie ist nett. Leider wird sie schon nächste Woche versetzt. Ihr Kaugummi-Klau wurde wohl als nicht so schlimm eingestuft wie meine Untaten. Klaus, der beleibte Mittfünfziger wurde bereits gestern abberufen.
Sandra und ich üben die Sache mit dem Singen übrigens gelegentlich schon jetzt: „Always look on the Bright Side of Death.“
V1 – ca. 6500 Zeichen
