Von Raina Bodyk

Köln, 20. Oktober 1923

„Mama, mein Magen knurrt ganz doll. Wann gibt es endlich was zu essen?“

„Junge, quengele doch nicht. Du weißt genau, dass Papa versucht, Brot und Wurst auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Er kann nicht so schnell laufen mit seiner Behinderung.“

„Aber ich habe jetzt Hunger!“

„Kläuschen, wir leben nun mal in schwierigen Zeiten. Denk doch mal, vor fünf Jahren war noch Krieg, die Sirenen kreischten mitten in der Nacht und wir eilten hastig in den Keller. Und Papa war noch Soldat. Gott sei Dank ist er lebend heimgekommen, das ist ein großes Glück für uns. Auch wenn er nur noch ein Bein hat, wird er sicher bald Arbeit finden und dann werden wir auch wieder Fleisch auf dem Teller haben. Du musst nur ein bisschen Geduld haben.“

Mit gesenktem Kopf nickt der Elfjährige beschämt. 

Vater Willi stapft durch die Tür. Resigniert wirft er ein paar Kartoffeln auf den Tisch. Sein Gesicht spiegelt reine Verzweiflung. „Das ist leider alles, was ich für dein Goldkettchen bekommen konnte, Käthe. Ganze fünf verschrumpelte Kartoffeln!“

Sie zieht ihn tröstend an sich. „Besser als gar nichts. Gib die Hoffnung nicht auf. Die kommen jetzt in die Suppe und dann lassen wir sie uns schmecken.“

„Ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll! Im Mai haben wir für ein Ei achtzehn Millionen bezahlt, jetzt sind es Milliarden! Das kann doch so nicht weitergehen. Eine Schubkarre voll Scheine für ein einziges Brot! Geld, das nur noch gewogen und nicht mehr gezählt wird, ist doch nur noch dazu gut, damit den Ofen anzuzünden! Wir haben doch schon alles versetzt: dein bisschen Schmuck, das Geschirr meiner Mutter, den Teppich. Da hast du dein halbes Leben gerackert und gespart, damit es dir und deiner Familie gut geht. Dann ist fast über Nacht alles weg. Es wundert mich wirklich nicht, dass viele Menschen aus dem Fenster springen oder sich sonstwie umbringen.“

„Sei still, der Junge!“ 

„Eins sag ich dir, Käthe, ich scheiß jetzt auf die Moral. Ab morgen mache ich es wie alle und hole mir von den Bauern, was ich kriegen kann.“

Wie so viele Großstädter begibt Willi sich am nächsten Morgen auf Hamsterfahrt. Zum Tauschen hat er nichts mehr. Der Zug ins Bergische Land füllt sich mit Hunderten von Leuten. Willi sitzt mit anderen, die keinen Platz im Innern gefunden haben, auf einem Waggondach und klammert sich, so gut es geht, fest, ist wild entschlossen, Nahrung für seine Familie aufzutreiben.

Am Bahnhof Overath steigt die Menge aus und schwärmt in die nächstgelegenen Dörfer aus. 

***

Overath, 21. Oktober 1923

„Otto, komm mal schnell!“, ruft Frieda in heller Panik.

„Was ist denn? Ich bin gerade am Holz hacken.“

„Die Städter kommen!“

„Verdammt! Mach alle Fenster und Läden zu, verschließ die Türen. Ich bin sofort bei dir.“

Gemeinsam sichern sie das Haus, so gut es geht. Otto greift sich seine Jagdbüchse und stellt sich ans Hoftor, das geladene Gewehr im Anschlag.

Als er die Ersten mit wild entschlossener Miene kommen sieht, brüllt er ihnen entgegen: „Verschwindet, ihr Verbrecher! Hier gibt es für euch nichts zu holen. Ihr wisst genau so gut wie wir, dass die Kartoffelernte durch den nassen Sommer miserabel ausgefallen ist. Wir müssen selber sehen, wo wir bleiben. Hört ihr die Kühe blöken, die wollen Futter!“

„Ach, ihr ‚armen‘ Bauern! Wir wissen, wie ‚schlecht‘ es euch geht. Gebt uns ein paar Säcke Kartoffeln und wir verschwinden.“

„Wir haben nichts zu verschenken. Habt ihr nicht zugehört? Entweder ihr haut jetzt ab, oder es wird weh tun!“ Schon schwenkt Bauer Otto grimmig seine Waffe.

Die Kölner weichen mit enttäuschten Mienen der Gewalt. Nur Willi bleibt zögernd zurück: „Hören Sie, Mann. Der Krieg hat mich ein Bein gekostet. Ich habe auch für Sie gekämpft. Frau und Kind warten zuhause sehnsüchtig, dass ich ihnen etwas zu Kauen mitbringe.“

Lang schaut Otto dem Bettelnden ins Gesicht. „Sie sehen ehrlich aus. Warten Sie, bis die anderen weg sind. Wir können nicht allen helfen. Wir haben schon so viel gegeben, aber es muss auch noch für uns und unser Vieh reichen. Man stiehlt uns alles, was nicht niet- und nagelfest ist.“

Willi geht ein wenig zur Seite und hört einen der Abziehenden rufen: „He, was macht ihr so bedröppelte Gesichter? Seht euch um, nur Felder, so weit das Auge reicht. Kommt, packt Schaufeln und Säcke aus und geht ernten.“

***

Strahlend vor Stolz präsentiert Willi am Abend seiner Familie einen Sack, prall gefüllt mit Kartoffeln, Brot und ein wenig Butter. Obendrauf liegen sogar noch ein paar vom Baum gefallene Äpfel. Der Jubel ist groß.

„Papa, beim nächsten Mal komme ich mit!“

Ängstlich mischt sich die Mutter ein: „Oh nein, mein Sohn. Das ist viel zu gefährlich. Das alles gehört eigentlich den Bauern und die kämpfen hart dafür, ihre Lebensmittel zu behalten.“

„Heißt das, Papa hat gestohlen?!“

„Nein, das würde er niemals tun. Aber weißt du, jetzt herrscht eine so große Not. Papa will doch für uns sorgen. Wenn wir selbst nichts mehr haben, muss er schauen, wie er dich kleinen Vielfraß und mich satt bekommt. Verstehst du das? Das ist dann kein richtiges Stehlen.“

***

Otto und die benachbarten Bauern treffen sich im Wirtshaus. 

Am Stammtisch tobt eine heftige Debatte: 

„In was für Zeiten leben wir?! Da schuften wir unser ganzes Leben, um uns und die Stadtleute mit Lebensmitteln versorgen zu können. Wir haben geliefert, sie haben bezahlt. Und jetzt durch diese verdammte Inflation sind alle pleite und wollen sich bei uns kostenlos bedienen! Wir sind doch keine Goldesel! Der Staat druckt Geld über Geld, um die unverschämten Reparationsforderungen der Sieger zu befriedigen. Um uns kümmert sich niemand, wir dürfen verhungern.“

„Mir tun die Leute schon leid. Ihr wisst doch, ich habe meinen Vater in Köln besucht. Es ist ein solch unglaubliches Elend dort. So viele unterernährte Kinder, die ganzen Flüchtlinge, die zahllosen Kriegsversehrten. Die Engländer mischen sich nicht ein, das sei nicht ihr Problem“, erzählt Otto.

Sein Nachbar meldet sich zu Wort: „Das ist auch schlimm. Aber so geht es wirklich nicht. Sie plündern alles, was ihnen in den Weg kommt. Unsere Kartoffelfelder vor allem sind nicht mehr sicher. Die können die Städter gut transportieren und vor allem lange lagern. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, unser Kleinvieh mitgehen zu lassen. Meine Frau hat bittere Tränen vergossen, als sie auch noch unser letztes Huhn totgeschlagen und in einen Sack gestopft wurde.“

„Wir sind einfach machtlos. Unsere drei Polizisten können allein nichts tun. Tausende kommen doch jedes Wochenende, unter der Woche sind es auch nicht viel weniger. Die werden auch immer dreister. In Much haben sie ganze Höfe ausgeraubt und sogar einige Geschäfte überfallen. Die Franzmänner, unsere ach so fürsorglichen Besatzer kümmert das alles nicht und verweigern jegliche Unterstützung.“

Da meldet sich einer, der bisher geschwiegen hat: „Leute! – Nein! – Wir sind nicht machtlos! Hört mal her …“

***

  1. Oktober 1923

Willi ist ganz aufgeregt. „Käthe, die Züge ins Bergische sind so überfüllt, dass die Bahnverwaltung Köln tatsächlich heute ‚Sonderzüge zum Kartoffelkauf‘ einsetzen will!“

„‘Kartoffelklau‘ sollte es besser heißen!“

„Käthe, was brauchst du? Ich werde versuchen, es zu besorgen.“

Seine Frau zögert: „Findest du das richtig? Ich habe gehört, dass manche Bauern schon alles verloren haben durch die Hamsterer.“

„Du hast ja recht, aber was sollen wir tun? Unser Sohn ist so furchtbar mager geworden. Dieses Mal wird mir sicher niemand etwas schenken. Die Bauern sind fuchsteufelswild. Viele von uns rauben sie aus, verwüsten ihre Felder, töten ihr Kleinvieh. Das zerstört alle vielleicht mal vorhanden gewesene Hilfsbereitschaft. Die geben nichts mehr freiwillig ab.“

„Sei bloß vorsichtig. Meinst du, du kannst Milch mitbringen?“

***

Mit Mistgabeln, Knüppeln, Harken, Spaten und sonstigen als Waffen zu gebrauchenden Gerätschaften versammeln sich die wutschäumenden Landwirte am Overather Bahnhof und versuchen, die Städter am Aussteigen zu hindern. Einige haben ihre Jagdgewehre unterm Arm.

„Verschwindet, ihr Diebsgesindel. Sonst setzt es was.“

Die aufgeheizte Stimmung der Plünderer lässt keine Vernunft zu. Kaum ausgestiegen, gibt es eine wilde Prügelei. Fäuste fliegen, Zähne werden ausgeschlagen, Knochen brechen. Beide Parteien greifen blindwütig zu den mitgebrachten Waffen. Blut fließt aus schmerzenden Wunden, Schüsse fallen, Menschen kreischen auf und knallen hart auf den Bahnsteig.
Trotz ihrer martialischen Bewaffnung haben die erbosten Bauern keine Chance gegen die Menge. 

Als kurz darauf der nächste Sonderzug mit weiteren hunderten Reisenden einfährt, müssen sich die Landwirte geschlagen geben.

Die Hamsterer dagegen kehren mit mehreren Waggons geraubter Kartoffeln triumphierend heim. Dass es zwei Tote und viele Schwerverletzte auf beiden Seiten gab, zählt nicht, nur die Beute gegen den Hunger zählt. 

***

Mit Tränen in den Augen streckt Willi zuhause die leeren Hände aus.

„Es tut mir so unendlich leid, ich habe nichts für euch. Ich schäme mich für meine Hilflosigkeit. Es gab eine Riesenschlägerei mit den Overathern. Mit meinem einen Bein konnte ich nur hilflos zusehen, wie sie alle aufeinander einprügelten. Es war einfach grauenhaft. Da gingen wieder Menschen aufeinander los, um sich gegenseitig zu verletzen oder gar zu töten.“

Käthe tröstet ihn: „Hauptsache, du bist heil zurückgekommen. Nur das zählt.“ 

„Weißt du, dass ich zum ersten Mal froh war, amputiert zu sein? Hätte ich noch beide Beine gehabt, hätte ich wahrscheinlich mitgekämpft, vielleicht getötet. Wer weiß, ob ich nicht genauso aufgeputscht gewesen wäre wie sie.“

„Ich bin froh, dass du das sagst, Willi. Ich möchte keinen Mann, der sich schlägt. Fragst du dich nicht auch, ob wir Menschen unfähig sind zu lernen? Da haben wir den unmenschlichen Krieg mit seinen Millionen Gefallenen überlebt und die Leute kämpfen schon wieder.“

„Käthe, eins weiß ich ganz sicher. Es wird nie mehr einen Krieg geben. Alle, die das miterlebt haben, das Hocken in den Schützengräben, die Schmerzensschreie der verwundeten Soldaten gehört, die vielen Leichen gesehen haben, werden das nie wieder zulassen.“

 

Dieser Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, der sogenannte Overather Kartoffelkrieg.