Von Sabine Rickert
„Wo sind meine Lieblingsnüsse geblieben zum Donner?“
Ich rannte nochmal die Gänge ab, und fand sie untypischerweise in der Getränkeabteilung an der linken Wand. Salzstangen, Flips und Chips sowie das ganze Nusssortiment sind umgezogen. Ich war zwei Mal dran vorbei gelaufen und hatte die Veränderung nicht bemerkt. Tunnelblick!
Sonst waren die immer neben den Süßigkeiten, kurz vor dem Weinsortiment. Das Regal war weg, und dort vor der Wand auf dem Fußboden sah ich einen Kreis mit großen Buchstaben >WEINBERATUNG<. „Stellt man sich da drauf und dann kommt einer?“, fragte ich mich.
Ich sah an der Wand eine Tür. In dem Wandbild mit dem Moselmotiv wurden die Konturen durch einen Lichtstrahl angedeutet. War das überhaupt eine Tür? Es fehlte die Klinge oder ein Knauf. Die sah eher aus wie ein beleuchteter Bilderrahmen mitten in dem riesigen Weinbergmotiv.
Zufällig brauchte ich eine Weinberatung, da am Wochenende ein befreundetes Pärchen zum Essen kommen würde. Sie bevorzugen Rotwein, und ich würde gerne mit dem besten Wein zum Hühnchen à la Caprese glänzen. Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Weinkenner sind. Sogenannte Hobby-Sommelièrs.
Ich fragte an der Kasse nach einer Beratung. Man teilte mir mit, dass dies in der Weinabteilung stattfinden würde.
Mit knappen Worten beschrieb die Kassiererin den Vorgang: „Auf den Kreis stellen, QR-Code scannen, Hologramm-Vortrag hören, Fragen in das Tablet schreiben, fertig. Ausführliche Beschreibung steht auf dem Schild neben dem Kreis.“
Oh mein Gott, ich gehe nicht einmal zur SB-Kasse. Jetzt war ich gezwungen, mich mitten im Supermarkt auf einen Kreis zu stellen und mit einem Geist zu reden. Wie blöd ist das denn?
Aber die Kassiererin versicherte mir, dass es keine lebenden Alternativen geben würde, ansonsten hätte sie die schon herbeigerufen. Meine einzige Chance wäre dieses Hologramm.
Ich überlegte, ob ich nicht später besser mit Verstärkung wiederkommen sollte, denn es war mir unangenehm.
Ich rief meine Freundin an und bettelte um Unterstützung, bei dieser hoch technischen Angelegenheit.
Sie lachte mich aus und meinte: „Mit über sechzig und Mutter von zwei Kindern dürfte mir eigentlich nichts mehr peinlich sein.“
„Ich dachte, die Blamagen fangen jetzt im Alter erst an“, erwiderte ich.
Da ich von ihr ausgelacht wurde, entwickelte sich bei mir ein gewisser Ehrgeiz.
Ich las die Gebrauchsanweisung und begab mich zögernd auf den Kreis. Er war stabil und ließ mich nicht durch den Boden fallen. Ich wurde auch nicht weggebeamt, wofür ich dankbar war. Ich entspannte mich und scannte den QR-Code einer Flasche, die ich wahllos aus dem Regal genommen hatte. Das Moselmotiv in dem angeleuchteten Rahmen verschwand wie von Geisterhand und eine Tür wurde geöffnet. Durch die trat ein junger Mann, der sich als Sommelièr einer Moselkellerei vorstellte. Er war in einer Holobox gefangen, daher nichts zum Kennenlernen.
Er versicherte mir, dass ich einen exzellenten Geschmack hätte, und erklärte unter zeitweisem Geknister im Bild, die Vorzüge und Aromen dieses Weines.
Ich tippte meine Frage ins Tablet: „Welchen Wein empfiehlst du zu Hühnchen à la Caprese?“
Der Sommelièr stotterte und schmierte ab.
„Hätte ich ihn mal lieber nicht geduzt“, flüsterte ich.
Ich war genervt, das Ganze wieder von vorne.
Ich versuchte eine weitere Flasche von einem anderen Händler. Ich wählte einen italienischen. Ein charmanter Südländer eröffnet das Weinplädoyer. Ich fragte im Tablet wiederum nach dem Passenden zu meinem Gericht.
Er antwortete: „Isse nicht gut für Hühnchen à la Caprese, troppo pesante. Du brauchst einen leggeri oder fruttato …“
Es knistert, und weg war er. Wir waren fast am Ziel.
So kam ich nicht weiter. Ich hatte nicht vor, jede Flasche zu scannen. Das war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Mein Mann rief an und fragte, ob es mir gut ginge. Ich wollte doch längst zurück sein, und jetzt war schon eine Stunde vergangen. Wir waren verabredet, um in die Stadt zu fahren.
„Ich komme gleich, schlag mich mit der Weinsuche rum.“
Alle guten Dinge sind drei. Ich suchte jetzt speziell nach leicht und fruchtig. Las Etiketten und wählte einen französischen Rotwein.
Wow, ich habe ja eine Schwäche für den Akzent. Ich hörte mir den Vortrag an und vergaß, ihm die Frage zu stellen. Ratzfatz war das Plädoyer vorbei, ohne dass ich eine Ahnung hatte, ob der Wein passte.
Mein Mann rief wieder an und ich war gezwungen hier abzubrechen. Ich wurschtelte mich durch eine Menschengruppe, die sich unbemerkt hinter mir angesammelt hatte, um dem Hologramm zu lauschen.
„Wenn da nicht gleich einige Handys klingeln, damit die nach Hause kommen“, dachte ich amüsiert.
Ich erzählte meinem Mann von dem Weinerlebnis.
„Eine Holobox im Supermarkt, wie geil ist das denn?“ Er war euphorisch und erklärte sich bereit, den passenden Wein für unseren Besuch zu besorgen.
Ich hatte es erahnt: Technik, die begeistert.
Einen Tag später steuerten wir zusammen den Weinberater im Supermarkt an. Mein Mann war aufgeregt wie auf einer Technikmesse.
Er griff sich gezielt eine Flasche aus der Rotweinecke. Wir hatten einen Franzosen und ich hing wie gebannt an seinen Lippen. Der Gatte hörte sich den Vortrag an, war begeistert von dem Rebensaft und vergaß, die Frage nach unserem Gericht zu stellen. Das war ihm nicht so wichtig. Er tippte nicht gerne in ein Tablet. Dafür fand er den Wein passend zu Wild.
„So kommen wir aber nicht weiter; ich brauche einen zu meinem Hühnchen“, maulte ich.
„Du könntest Wildragout kochen“, sagte er provokant.
„Petra isst kein Wild.“
Ich besetzte den Kreis und versuchte es mit einem trockenen Rosé.
Ein Italiener erschien und erklärte mir auf Italienisch den Wein.
Ich stellte auf Deutsch die Frage zum Hühnchengericht. Es knisterte und das Hologramm stürzte ab.
„Jetzt hast du das System zum Absturz gebracht“, sagte mein Mann.
„Das ist nicht ihre Schuld; der QR-Code war nicht übersetzt“, mischte sich ein Zuschauer ein.
Die Anzahl der Neugierigen hatte sich ordentlich erhöht. Ich bekam eine Menge ungefragter Ratschläge und Tipps. Man reichte mir einen Pinot Noir. Das Publikum arbeitete mit.
Das nächste Hologramm ratterte in doppelter Geschwindigkeit seinen Text herunter. Wie eine große Langspielplatte, die auf fünfundvierzig lief. Hochkonzentriert versuchte ich, der Mickymaus-Stimme zu folgen. Die Menschenmenge und ich waren uns einig: „Der passt!“
Das System ist ausbaufähig. Nach zwei Stunden Weinberatung erwarben wir einem Rotwein zum Wild und drei unterschiedlich leichte Rote, natürlich mit dem Pinot Noir.
Irgendetwas wird schon passen. Meinen Ehrgeiz, mit dem Wein zu glänzen, hatte ich im Kreis vor dem Hologramm liegen gelassen.
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