Von Clara Sinn
Sie hieß Olympia Alicia Felicia Mercedes. Traugott.
Was sie damals in der ersten Klasse nicht geglaubt hatte. Dass man so heißen konnte. Wie ein Auto.
Wiewohl sie heilfroh war, selbst nicht so einen Hausnamen zu tragen. Traugott.
Dann lieber Stühle. Auch wenn sie als Tische verballhornt wurde. Was noch harmlos war. Auf dieser Grundschule. Der Hinterwäldler.
Olympia hatte als einzige den großen Durchbruch geschafft. Als Schauspielerin.
Komische Sache. Mit jemand derartig Prominentem auf der Schule. So im Nachhinein.
Sie hatte ihren Vornamen behalten. Olympia. Die Große. Die Dramatische.
Die Diva.
Schon am ersten Schultag.
Man hatte extra einen Profi-Fotografen bestellt.
Es gab Fotos als neuer Klassenverband und dann als noch als kleinere Grüppchen à vier oder fünf Kindern in Form einer Mini-Serie als Lesezeichen ausgedruckt. Olympia
alleine.
Sie kam verspätet.
Dafür in exklusivem Pulli.
Mit auffällig ausladendem Rollkragen.
In Dunkellila. Der Pulli selbst in diesem catchy
Farbverlauf. Von lila
zu pur weiß.
Zu den Klassentreffen war sie nie erschienen. Aber man stellte sich große Dinge vor. Gute wie schlechte. Vielleicht sowieso in Übersee. Oder gerade einer Megadrogenkrise.
Und jetzt dieser verfrühte plötzliche
Tod.
Kurz nach der Heirat. Der wievielten eigentlich? Jedenfalls mit diesem jungen Springer. Der die Quali in den Kader der Winterspiele tatsächlich geschafft hatte. Und nun seine Skispringerkameraden leider im Stich lassen musste.
Die nächste alternde Diva …
wie es hieß.
Es hatte sie …
gebissen.
Tot.
Mause-mausetot. Und all das Glorreiche half rein nichts.
Sie kapitulierte. Vor dem Gefühl. Streckte alle Viere. Von sich.
Was hatte sie mit dieser Schmierenkomödiantin überhaupt zu tun?
Hatte es nach vergeblichem Aufbäumen einzusehen: Es berührte sie eben doch.
Und sie dachte über ihr Leben nach. Ihre Spuren. Die sie hienieden hinterlassen würde. Unwillkürlich.
Ließ sich ein, zum allerersten Mal, auf ihr elendes, kleines Dasein. Mit Doppelhaushälfte. In der Provinz.
Fand, es war: schierer beißender Neid. Eine Halbgöttin, der Jungspunde in Scharen zu Füßen lagen. In ihrem Alter …
Fand tiefer, es war wohl: Bedeutung erlangt zu haben. Einen Unterschied machen, ja.
Etwas Ureigenes hinausgetragen …
in die
Welt.
Und ihr dämmerte der seltsame Gedanke, dass es vielleicht nebensächlich war ob gut oder schlecht, sondern weit viel grundstürzender,
dem Schicksal
gedient.
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