Von Irmi Feldman
Der Einzug war grandios: Fanfarenbläser, Trompeter und Trommler, festlich gekleidet in Tuniken, die ihrem Stand Ehre machten. Dann. Endlich. Der Imperator: Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, nachfolgend schlicht Nero genannt. In eine purpurne Toga aus feinstem Gewebe gehüllt, ließ er sich auf einer Sänfte in das Stadium tragen. Milde lächelnd. Herablassend winkend. Huldigung fordernd: Seht mich an! Ich bin es. Ich, Nero, der allwissende und allmächtige Herrscher über das Römische Reich.
Freudetrunken klatschten, jubelten und schrien die Zuschauer. Heil, Nero! Heil, dem Caesar! Heil, unserem Wohltäter! Was man halt so macht, wenn man gezwungen wird, Begeisterung zu heucheln. Und das schon seit vier Tagen. Seit Nero an den Olympischen Spielen teilnahm, um nach Rom nun auch der panhellenischen Welt zu zeigen, was für ein grandioser Künstler und Athlet er war, begann er den Tag in derselben Art und Weise: Bombastisch, prunkvoll, pompös.
Was am ersten Tag berauschend und aufregend war, wurde am vierten Tag zur Tortur. Jeder wusste, was dem prunkvollen Einzug folgte. Neros zweistündiges Laudatio auf … Nero. Dass keiner so gut Lyra spielen könne, wie er. Dass keiner so gut im Diskuswerfen sei, wie er. Dass keiner so gut eine Tragödie vortragen könne, wie er. Vom Singen ganz zu schweigen. Alle Leute sagten das, beschwor Nero seine unfreiwillige Zuhörerschaft, wobei er nicht näher beschrieb, wer alle Leute waren. Die Anwesenden im Stadium waren es jedenfalls nicht. Dass es am vierten Tag überhaupt noch Zuschauer gab, dafür sorgten die schwer bewaffneten und strategisch platzierten römischen Soldaten an den Ein- und Ausgängen des Stadiums. Die einzige Methode dieser Qual zu entkommen, war, seinen eigenen Tod zu fingieren. Eine Methode, die sich rasch herumsprach, jedoch nur kurzzeitig funktionierte, weil man den Toten meist schnell auf die Schliche kam.
Die Griechen, schon seit etwa vierzig Jahren Teil des Imperium Romanum, hatten genug von Nero: seinem Machtgehabe, seiner Gier nach Schmeichelei, seiner endlosen Protzerei. Doch was sollten sie machen? Sie waren auf seine Gunst angewiesen. Konnte dieser Prahlhans doch ihre Steuern erhöhen oder ermäßigen oder total erlassen. Je nach Laune halt. Und bei der musste man ihn halten.
Ach, wie sehr vermissten die Griechen ihre Spiele, die die Stadt Olympia schon seit über 800 Jahren auf die Beine stellte! Spiele ohne Nero. Was ein dem Zeus gewidmetes religiöses Fest sein sollte, um heilige Rituale mit sportlichen Wettkämpfen zu verbinden, war im Jahre 67 n. Chr. zu einer erzwungenen Hymne an Nero geschrumpelt.
Warum musste dieser verfluchte Römer, der vorgab ein Liebhaber der griechischen Kultur zu sein, an ihren Spielen teilnehmen? Ja, nicht nur das. Nero verschob sie sogar um zwei Jahre, weil 67 n.Chr. besser in seine Reisepläne passte als 65 n.Chr. Nach dem riesigen Brand in Rom hatte Nero beschlossen, den wütenden Senatoren eine Weile aus dem Weg zu gehen und stattdessen die griechische Provinz mit seinem Besuch zu beehren. Während er sich auf dem Peloponnes bejubeln ließ, wurde in Rom sein goldener Palast gebaut, der nun, Jupiter sei Dank, weitaus größer sein würde als zuvor. Protziger. Prächtiger. Pompöser. Da zwei Drittel von Rom zerstört waren, – wie man munkelte, nicht ohne Neros Zutun, – war Platzmangel endlich kein Problem mehr.
Die Griechen waren außer sich, dass ein Nicht-Grieche es wagen würde nicht nur an den Spielen teilzunehmen, sondern sogar das athletische Programm zu ändern, indem er mehrere kulturelle Wettbewerbe hinzufügte. Auf Neros Anordnung standen in diesem Jahr Tragödie, Lyraspielen, Poesie und diverse andere Disziplinen auf dem olympischen Programm. Eben alles, worin Nero sich als überlegen betrachtete.
Was den Unmut der Griechen am meisten erregte, war, dass Nero jeden Wettbewerb gewinnen wollte. Ja, gewinnen musste. Fähigkeit hin oder her. Entweder er gewinne alle Wettbewerbe oder man sähe die Konsequenzen, ließ er dem Olympischen Rat ausrichten. Wie viele seiner Vorgänger, bediente sich auch Nero dieser Jahrhunderte alten, bewährten Strategie: Drohung gepaart mit Bestechung. Natürlich Bestechung. Natürlich. Der Olympische Rat zeigte sich diesem Teil der Vereinbarung auch gar nicht abgeneigt.
An diesem vierten und letzten Tag nun stand vierspänniges Wagenrennen auf dem Programm. Sieben Wagenlenker mit ihren Streitwagen, einschließlich Nero, hatten sich qualifiziert. Nun ja, nicht Nero. Das war nicht notwendig. Gewinnen würde er sowieso. Man freute sich trotzdem auf das Ereignis. Wagenrennen war die beliebteste und aufregendste Disziplin bei den Olympischen Spielen. Beim Zeus! Vielleicht würde Nero ja vom Wagen geschleudert und von Pferdehufen zertrampelt werden. Man hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Sechs Wagenlenker brachten ihre Vierer-Gespanne zur Startlinie. Man wartete immer noch auf Nero, der, ermattet von seiner morgendlichen, zweistündigen Eloge auf sich selbst, sich für ein paar Stündchen in sein eigens für ihn gebauten Haus auf dem Olympiagelände zurückgezogen hatte.
Die Pferde wurden unruhig. Die Wagenlenker nervös. Die Zuschauer gelangweilt. Doch ohne Nero anzufangen, war undenkbar. Anwesend musste Nero schon sein, wenn er gewinnen wollte. So nahm man zumindest an. Endlich ertönten Neros Fanfaren. Das Publikum schnappte nach Luft, als es sah, was da ins Stadium brauste. Es war Nero auf seinem goldenen Gespann, jedoch nicht mit vier Pferden, wie alle anderen Wagenlenker, sondern mit den zehn prächtigsten Hengsten, die die Welt je gesehen hatte.
„Aus dem Weg!“, kommandierte Nero.
Den Wagenlenkern blieb nichts Anderes übrig, als Platz zu machen, so dass Nero sich mit seinem Gespann nach vorne drängen konnte. Die ersten Buhrufe ertönten, verstummten aber angesichts der römischen Soldaten, die angriffsbereit ihre Armbrüste hoben.
Sogleich gings los. Während Nero voranpreschte und den anderen Wagenlenkern bald um viele Runden voraus war, schluckten diese nur seinen aufgewirbelten Staub. Dann geschah es. Es schien, als hätte Zeus Erbarmen mit den Griechen. Es passierte so schnell, dass man hinterher nicht mehr hätte sagen können, was genau geschehen war. Später nahm man an, dass Nero die Gewalt über seine zehn Pferde verloren hatte, denn plötzlich wurde er in hohem Bogen vom Wagen geschleudert und landete unsanft im Dreck. Jeder hielt den Atem an. Hämisches Grinsen, getarnt als mitleidiges Erschrecken, machte sich breit.
Während die aufgeregten Hengste sich aufrappelten und wütend davonstoben, wurde Nero von seinen herbeigeeilten Dienern aus dem Dreck gezogen und weggetragen, gerade noch rechtzeitig, bevor die ersten Streitwagen sich bedrohlich der Szene näherten. Das war knapp.
Das Rennen ging weiter. Endlich ohne Nero, denn der hatte sich mit dem Sturz disqualifiziert.
Ein wirklicher Sieger trat hervor. Es war Ores aus Sparta. Begeistert klatschten die Zuschauer Beifall. Alle jubelten. Man freute sich für den Spartaner, obwohl Sparta mit Olympia ständig im Krieg stand. Doch wegen der Olympischen Spiele herrschte wie immer Waffenstillstand. Zerfleischen würde man sich erst wieder nach den Spielen, wenn alle Wettkämpfer unbeschadet in ihre Provinzen zurückgekehrt waren.
Man freute sich auf die Siegerehrung. Dieses Mal würde Nero nicht mit dem olympischen Lorbeerkranz auf seinem verhassten Römerkopf protzen. Dieses Mal würde ein Grieche gewinnen; ein verhasster Spartaner zwar, das schon, aber immerhin ein Grieche. Zeus sei gedankt!
Der Tisch für die Schiedsrichter wurde herbeigeschafft. Die sechs Wagenlenker, die den Wettkampf bis zum Ende durchgestanden hatten, warteten verschwitzt, verstaubt und erschöpft auf ihren Plätzen. Da wurde Nero, diesmal ohne Fanfaren und Trompeten, dafür ziemlich angeschlagen, staubig und einbandagiert, auf seiner Sänfte ins Stadium getragen.
Die Jubelschreie für Ores blieben den Zuschauern im Halse stecken, als der Richter nicht auf den Spartaner zuschritt, um ihm den Lorbeerkranz auf das Haupt zu setzen, sondern mit tiefer Verbeugung vor Nero stehenblieb. Sichtlich beschämt verkündete der Richter, dass man beschlossen habe, Nero als Sieger zu erklären, weil dieser sowieso gewonnen hätte, wenn er nicht vom Wagen gefallen wäre.
Das war selbst für die pflichteifrigsten Griechen zu viel. Eisige Stille, die Nero in seiner Überheblichkeit natürlich als fassungslose Admiration ansah, erfüllte das Stadium. Als nächstes kam Neros Lobpreisung auf sich selbst. Wie gehabt halt. Er habe gewusst, dass er auch dieses Wagenrennen gewinnen würde. Schließlich sei er der beste Wagenlenker, den nicht nur die panhellenische Welt, sondern das gesamte Römische Reich, ja die ganze bekannte Welt, je gesehen habe. Da jeder wusste, dass er, Nero, der Beste auch in allen anderen Disziplinen sei, – er habe es ja in diesem Jahr schließlich bewiesen, – schlug Nero vor, dass man ihm in vier Jahren alle Siegeslorbeerkränze von allen Disziplinen gleich nach Rom schicken solle. Es mache schließlich keinen Sinn, Wettkämpfe auszutragen, wenn der Sieger von vornherein feststünde. Wütend nickten die Zuschauer. Das erste Mal seit vier Tagen stimmten sie mit Nero überein, wenn auch aus ganz anderem Grunde.
Epilog:
Bleibt nur noch zu erwähnen, dass Neros schmähliche olympischen Triumphe nach seinem Tod im Jahre 68 n. Chr. als Null und Nichtig erklärt wurden. Die Griechen taten danach so, als habe dieses unrühmliche Kapitel ihrer Jahrhunderte alten Olympia-Geschichte – es sei schließlich nur ein einziges, winziges, leicht zu vergessendes Jährchen gewesen – nie stattgefunden. Jedwede Erwähnung von Nero in ihren Annalen wurde getilgt. Man tuschelte sogar, dass der Olympische Rat Neros Bestechungsgelder zurückgeben musste. Allerdings konnte dies nie offiziell bestätigt werden, denn mit Bestechung hatte der Olympische Rat nichts am Hut. Natürlich nichts. Absolut nichts.
Irmi Feldman, 2026, v1, 9872z
