Von Armin Kahn
Der 30. August 1904 war ein wirklich heißer Tag. Temperaturen um die 32 Grad im Schatten herrschten in St.Louis in Missouri und die Strecke für den an diesem Tag stattfindenden Marathonlauf war alles andere, als gut vorbereitet. Es gab nur zwei Stellen, an denen die Läufer Flüssigkeit zu sich nehmen konnten, viel zu wenige, wie man heute weiß. Zudem war die Strecke sehr staubig und es waren beileibe nicht nur die Läufer auf der Strecke unterwegs. Etliche Begleitfahrzeuge fuhren dort auch noch auf und ab, um eventuell verletzte oder erschöpfte Läufer einzusammeln. Schatten gab es auf der gesamten Laufstrecke überhaupt nicht.
Insgesamt waren es 32 Läufer, die in dieser Disziplin mitlaufen wollten. Der 20jährige Fred Lorz aus New York war einer von Ihnen und seine Aussichten auf eine Medaille standen nicht schlecht, immerhin hatte er die rund 40km lange Strecke schon vorher in weniger als drei Stunden geschafft. Allerdings war es niemals so brennend heiß gewesen, wie an diesem Tag. Auch gab es sonst drei bis vier Stellen an den Marathonstrecken, an denen man einen Schluck Wasser zu sich nehmen konnte.
Der Start des Laufs erfolgte in der größten Mittagshitze und alle 32 Läufer stürmten los. Unter ihnen war auch ein kubanischer Briefträger, der völlig mittellos und in normalen, schweren Lederschuhen antrat. Er trug lange Hosen, die er am Knie beim Start spontan mit einer ausgeliehenen Schere einfach abgeschnitten hatte. Seine Mittellosigkeit rührte daher, dass er am Abend vorher seine sämtliche Barschaft beim Poker verspielt hatte und daher zu Fuß zum Austragungsort gelangte. Aber auch er startete erwartungsvoll im Pulk.
Fred Lorz legte die ersten 15 km flott in gewohnter Manier zurück, litt aber unter der brütenden Hitze und dem üppigen Staub auf der unbefestigten Straße. Völlig erschöpft ließ er sich dann aber am Straßenrand nieder und beschloss, das Rennen aufzugeben. Ihm war klar geworden, dass er die ganze Strecke unter diesen Bedingungen auf keinen Fall durchhalten könnte. Kurze Zeit später nahm ihn eins der Begleitfahrzeuge auf, in dem auch ein Arzt saß, der ihn nach seinem Zustand befragte. Fred, der sich langsam zu erholen begann, erklärte dem Arzt, dass es ihm an nichts fehle, er aber ohne Wasser und ohne Schatten bei diesen Temperaturen sich nicht zutraue, den Rest der Strecke zu laufen. Also nahm dieses Begleitfahrzeug ihn mit und fuhr, um das Rennen, welches ja noch lief nicht unnötig zu stören, auf anderen Straßen in Richtung des Stadions, das Ziel des Marathonlaufs. Fred Lorz könnte dadurch, so erklärte ihm der Fahrer des Wagens, an dem Ausgang des Rennens und der anschließenden Siegerehrung teilnehmen. Fred Lorz bedankte sich dafür und so fuhren die drei Männer in dem Auto in Richtung Stadion.
Eine gute halbe Stunde später, das Auto war noch knapp 8 Kilometer vom Stadion entfernt, streikte das Auto plötzlich. Dem Fahrer gelang es nicht, trotz seines lauten Fluchens, den Wagen wieder in Bewegung zu setzen. Fred stieg daher aus und erklärte, er ginge nun zu Fuß zum Stadion, da er den Einlauf der anderen Läufer nicht verpassen wollte. Der Fahrer erklärte ihm den recht einfachen Weg dorthin. So ging Fred gemütlich los, aber, da er schließlich Marathonläufer war, verfiel er nach kurzer Zeit wieder in seinen üblichen Langstreckentrab. Schließlich war er inzwischen wieder ausgeruht und hatte von dem Arzt im Auto auch ausreichend Wasser bekommen. So gelangte er relativ schnell zum Stadion.
In der Zwischenzeit hatte sich auf der Strecke noch etwas Anderes ereignet. Einer der Läufer, ein Südafrikaner, der schon richtig gute Zeiten um zweieinhalb Stunden gelaufen war und sich in der Spitzengruppe der Läufer hielt, wurde von streunenden Hunden attackiert und rannte in wilder Panik in ein Maisfeld neben der Strecke und gelangte erst vier Kilometer weiter wieder auf die Strecke zurück. Das Feld war inzwischen längst außerhalb seiner Sicht. Dennoch setzte er den Lauf fort und ging später als neunter ins Ziel.
Drei Stunden und rund 10 Minuten nach dem Start erreichte Fred Lorz das Stadion trabend, noch in seiner Sportkleidung, wie er sie auch beim Start getragen hatte. Zu seiner größten Überraschung sprangen die Zuschauer im Stadion auf und begannen unter lautem Jubeln ihn zu beklatschen. Ein Amerikaner war als erster ins Stadion eingelaufen, für die Landsleute auf den Rängen eine Sensation, hatte doch acht Jahre zuvor ein Grieche und vor vier Jahren ein Franzose diesen Wettbewerb gewonnen. Dieses mal nun endlich ein Amerikaner! Fred grinste breit und dachte sich, er würde die „Siegerrunde“ im Stadion noch laufen, aber nur, um dann im Ziel diesen Irrtum aufzuklären.
Die Stimmung im Stadion glich einem brodelnden Kessel, während Fred die Runde lief, so locker und ausgeruht, wie ihm das niemand nach 40 Kilometern in der glühenden Hitze zugetraut hätte. Es endete in einem einzigen irrsinnig lauten Jubelruf, als Fred endlich die Ziellinie überquerte und von den Zeitnehmern beglückwünscht wurde. Sie klopften ihm auf die Schultern und freuten sich so sehr über einen amerikanischen Sieg, dass Fred, der das Missverständnis doch eigentlich aufklären wollte, einfach überhaupt nicht zu Wort kam. Das Stadion war in zwischen außer Rand und Band in einem überströmenden Freudentaumel.
Der arme kubanische Briefträger, hatte seit dem gestrigen Morgen nichts mehr gegessen und bekam während des Laufs einen unerträglichen Hunger. Er fand eine Tüte mit Äpfeln, die offenbar jemand weggeworfen hatte und verzehrte sie während er weiter lief. Die Äpfel waren jedoch wegen der Hitze schon leicht vergoren und der Kubaner bekam daraufhin starke Bauchkrämpfe. Dies nahm er zum Anlass, sich direkt neben der Laufstrecke an den Rand zu legen, woraufhin er einschlief. Dennoch ging er später als Vierter ins Ziel nach etwa 3 Stunden und 55 Minuten.
Der spätere Sieger Thomas Hicks lief als Zweiter ein, auch ein Amerikaner, wäre nach dem Lauf beinahe gestorben. Sein Betreuer hatte ihm während des Laufs aus einem Auto heraus mit rohen Eiern und mit Brandy „versorgt“, der auch noch mit Strychnin versetzt war, was als Aufputschmittel wohl sehr gut wirkte, jedoch seinen Orientierungssinn gehörig durcheinander brachte. Er torkelte und schlingerte, musste sogar von seinen Begleitern mehrmals wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Doping war 1904 noch kein Thema, jeder machte das, wie er wollte.
Als Fred Lorz nach Ende des Rennens die Verantwortlichen aufklärte, dass er keineswegs die ganze Strecke gelaufen wäre, sondern knapp die Hälfte in einem Auto zurückgelegt hätte, war die Aufregung riesengroß. Das internationale olympische Komitee verhängte eine lebenslange Sperre gegen Fred Lorz, der amerikanische Verband sah den Verstoß von Lorz nicht so tragisch und so durfte er schon ab 1905 wieder an Marathonläufen teilnehmen. Immerhin hatte er ja von sich aus auf das Missverständnis hingewiesen. Beim Boston Marathon 1905 siegte Fred Lorz mit einer Zeit von 2:38:25 h auf ganz ehrliche und aufrichtige Weise.
(Basierend auf tatsächliche Begebenheiten)
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