Von Marielle Lemmer

 

Ein Tanz mit der Welt.

Sanft. Fließend. Grausam.

Ein Tanz, der die Kehle abschnürt – die Luft nimmt.

„Hmpf.“ Ein gequältes Stöhnen. Verzweifelt. Hoffend. Flehend.

Ein Tanz mit dir – ein Tanz, der uns beide tötet.

„Hmpf.“ Mein gequältes Stöhnen.

Unser immerwährender Tanz.

Viele Augen, die uns beobachten, doch nichts sehen. Die nur Liebe sehen; Liebe erwarten, doch deine Grausamkeit übersehen.

„Mama…?“ Eine hohe Stimme; klar in meiner Erinnerung.

„Ja…?“ Rauch, den du mir ungewollt ins Gesicht bläst. Ein Husten.

„Warum kannst du damit nicht aufhören?“ Mein Husten. „Das stinkt doch.“

Ein Stuhl, der über den Boden schabt. Quietschend. Wortlos – nur Rauch, der zurückbleibt.

Verlorene Bilder, die sich mit dem Rauch der Realität vermischen. Ein Husten. Mein Husten und meine Lunge, die Luft will, doch nur Rauch bekommt.

„Mama…?“ Jahre später, die gleiche Frage.

„Ja…?“ Braune Augen, die mich stumm auffordern. Wartend. Lauernd.

„Du willst trotz deiner Erkrankung weiter…“ Ich stocke. „Die Ärzte sagen…“ Braune Augen, die mich durchbohren. Mich zu ersticken drohen. Mir Angst machen.

Also tanze ich mit. „Wie viele?“

„Genug.“ Ein Wort, das alles und nichts sagt.

Tanzend atmen wir den gleichen Rauch ein. Heute. Gestern. Morgen – es gibt immer ein Morgen!

„Sie müssen sich endlich um Ihre Mutter kümmern!“ Grüne Augen, die mich anklagend anstarren. „Das Rauchen wird Ihre Mutter noch töten!“

„Und wer tötet mich?“ Ein lautloses Murmeln.

„Wie bitte?“

„Ach nichts.“ Meine Kleider rascheln, als ich vor der Ärztin fliehe. Bevor ich stolpere und meine Schritte vergesse – meine Tanzschritte.

„Wer tötet mich?“ Ein wehmütiges Flüstern an der frischen Luft. Alles in mir schreit nach einer Pause; also stolpere ich. Freiwillig – und bleibe liegen.

Mein Blick folgt bunten Herbstblätter, die durch den blauen Himmel gleiten; in gelb und rot und orange. Der Wind lässt sie tanzen –

„Hmpf.“ Ein gequälter Laut aus meiner Kehle. Ich springe auf und weiche den fremden Blicken vor dem Krankenhaus aus. Hektisch. Einsam.

Schnell hetze ich an einen altbekannten Ort. Meine Finger zittern, während Münzgeld auf den Boden fällt. Ich starre es an; dann nehme ich die Karte.

Grüne Augen – fassungslose Augen – starren hinterher. „Ist das tatsächlich Ihr Ernst?“

Mein Kopf zuckt. Kein Ja, kein Nein. Nur ein Murmeln. „Die sind für mich.“

„Halten Sie mich etwa für dumm?!“

Meine Beine zappeln, als ich erneut vor der Ärztin fliehe.

Finger; Kopf; Beine – alles zittert, zuckt und zappelt. Keine Pause. Keine Ruhe. Nur das Wissen um das Morgen; um den Tanz, der uns beide tötet, und trotzdem lebst du noch. Lebst immer weiter.

„Darf man sich den Tod wünschen?“ Geflüsterte Gedanken in einer ruhelosen Nacht. „Darf man anderen den Tod wünschen?“

Gedanken wie Gift. Auch Monate später. Gift als immerwährender Rauch, gespiegelt in den gelben Wänden deiner Wohnung. Mein altes Zuhause. Unsere Höhle der Einsamkeit – du hast nur noch mich; und lässt es mich spüren. Jeden Tag.

„Mama…?“

„Ja…?“

„Ich kann nicht mehr.“

Tanzen.

„Ich bin todkrank und du kannst nicht mehr?“ Abfällige, unnachgiebige Augen. „Mach dich nicht lächerlich und sei dankbarer! Ich habe dir das Leben geschenkt.“

Seit Jahren tanzen wir umeinander herum. Jeder kennt seine Rolle, jeder weiß um seine Schritte, und beide erfüllen sie. Jeden Tag.

„Mama…?“

Ein Stuhl, der über den Boden schabt. Quietschend. Wortlos. Du lässt mich einfach stehen – und fällst. Ich starre dich an wie das Münzgeld. Dann fällt noch mehr.

Die Erde zittert und zuckt, die Wände zappeln. Bilder fallen zu Boden; gefolgt von unseren vielen Tieren – ausgestopft. Alt. Staubig. Glasaugen, die mich freundlich und anklagend ansehen.

Als Kind liebte ich diese Tiere, besonders das Eichhörnchen. Das schöne rote Fell, der buschige Schwanz. Heute ekel ich mich vor dem unnötigen Tod. Vorsichtig stehe ich auf und berühre das weiche Fell des Kleinen; komischerweise habe ich ihm nie einen Namen gegeben. Ich ignoriere dich, dein Schimpfen, deine Beleidigungen, lasse dich einfach liegen; bis ich es rieche.

Beißend, schmorend, giftig.

Fallen gelassene Glut, die Polyester schmilzt. Schnell hole ich ein Glas Wasser und kippe es auf die geblümte Tischdecke. Du wirst auch nass.

Danach Stille. Nichts als Stille. Nur der lautlose Rauch, der unsere Lungen verpestet.

Ekel durchflutet mich, als ich deine abgemagerte Gestalt auf dem Boden sehe. Deine gelben Finger, die eingefallen Wangen und deine garstigen Augen.

Ich spüre in mich und suche nach der biologischen Liebe, bis ich verkrampft lächle. „Verrückt, dass wir hier ein Erdbeben erleben. Geht es dir gut?“

Sofort bereue ich die Frage. Du schimpfst, beleidigst und jammerst.

„Es ist nie genug, oder?“ Ein Flüstern, das schon lange in meinem Kopf widerhallt. „Egal, was ich tue, es ist nie genug für dich. Ich bin nie genug für dich.“

Doch du überhörst meine Frage – ignorierst meinen Mut, den ich gesammelt habe, um diesen Satz endlich auszusprechen. Zeterst weiter; forderst; verlangst. Während du noch immer auf dem Boden liegst, obwohl ich weiß, dass du allein aufstehen kannst.

Aber du tust es nicht. Du zeterst; forderst; verlangst – meine Gedanken drehen sich im Kreis, bis mir schwindelig wird. Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen, wobei mein Blick zu einem Messer in der Küche huscht. Ein Blitzgedanke, der mir Angst macht und mein Herz schneller schlagen lässt.

Klopf-klopf. Klopf-klopf. Klopf-klopf.

Meine Ohren rauschen.

Klopf-klopf. Klopf-klopf.

Meine Hände zittern.

Klopf-klopf.

Das Messer –

„Hilf mir endlich auf, du undankbares Kind!“

Deine laute Stimme reißt mich aus dem Taumel – erst jetzt bemerke ich, dass ich aufgestanden bin. Hektisch eile ich zu dir, packe dich am Arm und ziehe dich hoch. Grob. Unsanft.

Zum ersten Mal bin ich nicht vorsichtig. Deine zynischen Augen weiten sich, während mein Herzschlag in meinem Kopf sehnsüchtig nachhallt.

Klopf-klopf.

Ruckartig lasse ich von dir ab und stampfe durchs Zimmer – eine Übersprungshandlung. Ich sammle die ausgestopften Tiere vom Boden ein und lege sie auf die Terrasse. Eine Eule, ein Fuchs, ein Dachs, mein geliebtes Eichhörnchen und viele mehr. Zu viele. Schön drapierte Leichen auf Ästen und Steinen, um den natürlichen Lebensraum nachzuahmen. Aberwitzig. Morbide.

„Was tust du da?“ Deine Stimme klingt zu schrill in meinen Ohren.

Ich stampfe weiter in Richtung Garten. „Ich schenke ihnen einen würdevolleren Tod als deine Dekoration zu sein!“ Ein Echo meiner Gefühle.

Hastig staple ich die ausgestopften Tiere zu einem Haufen und überschütte sie mit trockenem Herbstlaub. Meine Finger schrappen mehrfach über das Metallrad am Feuerzeug; bis eine Flamme erscheint. Zitternd versuche ich den Haufen aus Laub und ausgestopften Tieren anzuzünden, doch die Flammen sind erbärmlich. Der Haufen schmort eher, als dass er brennt und bildet übelriechende Rauch.

Kein großes Feuer; kein würdevoller Tod – nur verpestete Luft.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ Auch du bist mittlerweile draußen. „Weißt du, wie teuer diese Tiere waren?!“ Deine Stimme schallt durch den Garten, als du zu dem erbärmlichen Haufen rennst – von deiner Gebrechlichkeit ist nichts zu sehen.

Du erstarrst, als du meinen Blick siehst. Sofort wirst du langsamer und deine Schultern fallen nach vorne. Dein Gesichtsausdruck wird leidend.

Etwas in mir reißt. „Das ist nicht dein Ernst, oder?! Ich habe keine Lust mehr auf diesen bescheuerten Tanz! Mir reicht’s!“

„Tanz?“

„Du merkst es nicht mal, oder?“ Ich lache freudlos. „Die immergleichen Muster, mit denen du Leute dazu bringst, dir zu helfen! Doch mir reicht’s endgültig! Ich bin die Blicke der Leute leid, wenn ich dir deine Zigaretten kaufen muss. Sie schauen mich an, als würde ich dich töten! Aber du bist diejenige, die sich selbst tötet. Der Krebs in deiner Lunge ist real! Wach endlich auf und such dir professionelle Hilfe! Übernimm endlich Verantwortung für deine Gesundheit, denn ich bin nicht die Lösung deiner Probleme!“

Fassungslos schaust du mich an. „Aber… i-ich…“

„Kein Aber! In den Krankenhäusern gibt es Sozialberatung, Suchthilfe, Pflegedienste… und was weiß ich, was! Informiere dich und hör auf die Verantwortung auf mich abzuschieben! Du bist erwachsen, verdammt! Nur weil du mich geboren hast, bin ich dir nichts schuldig!“

„Aber… K-kind…“

Ich lasse dich nicht ausreden. Heute nicht. „Ich gehe jetzt und kümmere mich um meine eigene Familie, die ich schon viel zu lange wegen dir und deiner Bedürftigkeit vernachlässigt habe!“

Mein Körper bebt von all den angestauten Gefühlen. Schweratmend wende ich mich von dir und dem schmorrenden Haufen aus dekorativen Tierleichen ab. Still verabschiede ich mich von meinem Eichhörnchen, und schnappe meine Sachen; das Messer bleibt glücklicherweise in der Küche. Ich verlasse dich und den Ort meiner Kindheit.

Die ersten Schritte unter freiem Himmel.

Tief atme ich ein und fülle meine Lunge mit frischer Luft. Ein Gefühl der Freiheit durchströmt mich, begleitet vom Stolz endlich für mich eingestanden zu sein. Ich spüre die warme Sonne auf meiner Haut, während ich durch die Straßen wandere, um meine Gedanken zu sortieren. Dabei schwöre ich mir, meine eignen Kinder niemals als selbstverständlich anzusehen. Sie stets zu respektieren, sodass sie nie unter meiner Anwesenheit leiden müssen.

Ich setze ich mich auf eine Bank und beobachte den stillen Tanz der Herbstblätter im Wind – ein sanftes Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln; bis ich seufze und nachgebe. Meine Hand greift in meine Jackentasche und holt eine Zigarette hervor. Ich zünde sie an.

„Mama.“

 

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