Von Bernd Kleber

Die Nachricht kam an einem Dienstag.

Kein Betreff. Kein Absender.

Nur ein einziger Satz:

„Eine Million Dollar für eine Nacht mit der schönsten Frau der Welt. Keine sexuellen Handlungen. Absolute Diskretion. Antworten Sie auf diese E-Mail. Weitere Informationen folgen.“

Lukas lachte. Dann ließ er die Nachricht vom Virenscanner prüfen. Keine Auffälligkeiten.

Noch einmal las er den Text.

Eine Million Dollar.

Für eine Nacht.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf, klickte auf „Antworten“ und schrieb nur ein Wort:

„Ja.“

Anschließend löschte er die Mail.

 

Doch zwei Tage später brachte der Postbote ein Einschreiben.  Darin lag ein Vertrag, ein Flugticket an die Nordsee und eine Überweisungsbestätigung über zehntausend Euro.

„Anzahlung.“

Lukas spürte zum ersten Mal ein nervöses Kribbeln. Als seine Frau fragte, warum er so fahrig sei, murmelte er etwas von Stress im Büro. Sie nickte nur.

 

Vier Wochen später saß Lukas in einer Hotelsuite direkt hinter den Dünen. Draußen trieb Nebel über das Meer. Drinnen knackte ein Kaminfeuer. Auf dem Tisch standen Rotwein, Oliven und zwei Gläser. Dann öffnete sich die Tür.

Und sie trat ein.

Sophia. So stellte sie sich mit einer mondän klingenden Stimme vor.

Anfang vierzig. Dunkles Haar. Elegante Bewegungen. Eine Frau, die jeden Raum heller machte.

Die schönste Frau der Welt? Lukas hätte nicht widersprochen.

 

Sie sprachen stundenlang.

Über Architektur. Über Reisen. Über japanische Gärten. Über Gedichte. Über all die Dinge, für die im normalen Leben keine Zeit blieb.

Je später der Abend wurde, desto leichter fühlte sich Lukas. Fast glücklich.

Dann zog Sophia ein vergilbtes Foto aus ihrer Handtasche.

Ein Klassenbild.

„Kennst du den?“

Ihr Finger zeigte auf einen schmächtigen Jungen am Rand. Abstehende Ohren. Traurige Augen. 

Lukas spürte, wie sein Herz stockte.

„Sascha.“

Sophia nickte.

„Ich war Sascha.“, flüsterte sie.

Das Knistern des Feuers schien plötzlich unerträglich laut.

„Vor zwanzig Jahren.“

Lukas brachte kein Wort hervor. Er erinnerte sich. An die Schule. An die Sprüche. 

An die Demütigungen. An seine Clique. Und an sich selbst.

Nicht als Anführer. Aber als Mitläufer. Als einer von denen, die lachten. Lachten über den schmalen oft feminin agierenden Sascha.

Weil es einfacher war, als Haltung zu zeigen.

„Du warst der Einzige, der manchmal freundlich zu mir war“, sagte Sophia leise. „Und doch auch derjenige, der mich am meisten verletzt hat“, fügte sie nach einem tiefen Atemholen an.

Lukas senkte den Blick.

Er erinnerte sich an den Sommer an der Mosel. An den Zeltplatz. An Regen. An ein hastig getrunkenes Bier unter zu vielen. 

Und an diesen Kuss im Dunkeln. Seinen ersten Kuss mit einem Jungen.

Mit Sascha. Sein Herz pochte, es rauschte in seinen Ohren. Er blickte Sophia an.

Damals hatte ihn die Angst danach gepackt.

 

Die Angst vor seinen Eltern. Vor Freunden. Vor Gerede. Vor sich selbst.

Am nächsten Morgen hatte er Sascha ignoriert.

Wenige Wochen später den Kontakt ganz abgebrochen.

Sascha wechselte die Schule.

Und verschwand aus seinem Leben.

„Ich habe dich nie vergessen,“, sagte Lukas, „nie!“

Sophia sah ihn mit geweiteten Augen an.

„Ich weiß.“

„Nach diesem Kuss wusste ich, wer ich bin“, stammelte Lukas. „Aber ich hatte nicht den Mut, dazu zu stehen. Ich dachte viel an dich, Sascha. Vor allem an dich als Mann.“ Seine Stimme wurde brüchig. „Dann habe ich geheiratet. Eine Familie gegründet. So getan, als wäre alles normal.“

Draußen heulte der Wind.

Drinnen schwiegen beide.

Lange.

Schließlich griff Lukas nach Sophias Hand.

Für einen Augenblick glaubte er, die verlorenen Jahre könnten verschwinden.

Vielleicht war genau das dieses Glücksgefühl, millionenfach.

Nicht Geld.

Sondern eine zweite Chance.

Dann holte Sophia ein weiteres Foto hervor.

Lukas Frau.

Seine Kinder.

Aufgenommen vor dem Haus Lukas’ Familie.

Offensichtlich erst vor wenigen Tagen.

Lukas erstarrte.

 

„Deine Frau hat mich engagiert“, sagte Sophia.

 

„Sie weiß von deinen Gefühlen. Sie hatte dein Tagebuch gefunden. Das, was du immer schon mit dir herumgeschleppt hast, so bedeutungsvoll. Sie wollte sehen, ob du etwas zu verheimlichen hast.“

„Was?“

„Unser Gespräch wurde heute aufgezeichnet.“

Lukas sprang auf. „Das ist absurd!“

„Sie will die Scheidung.“

Einen Moment lang war nur das Knacken der Holzscheite zu hören.

Dann schüttelte Lukas langsam den Kopf. „Nein.“

Sophia runzelte die Stirn. „Nein?“

„Du lügst.“

Jetzt wurde sie blass.

„Meine Frau kann kein Tagebuch gefunden haben.“, äußerte sehr gelassen Lukas.

„Wieso behauptest du das jetzt?“

„Weil ich mein Tagebuch vor fünfzehn Jahren verbrannt habe.“

Stille.

Lange Stille. Dieses Knacken aus dem Kamin steigerte sich zu laut hallender Ermahnung.

Dann wandte Sophia den Blick ab.

„Warum?“, fragte Lukas. „Warum hast du mich hergelockt?“

Sophia schloss die Augen.

Als sie wieder sprach, zitterte ihre Stimme.

„Weil ich dich nie vergessen habe.“ 

Lukas sagte nichts.

„Ich habe mir eingeredet, dass ich Antworten brauche. Dass ich endlich abschließen muss.“ Eine Träne lief über ihre Wange. „In Wahrheit wollte ich dich einfach noch einmal sehen.“

Der Wind rüttelte an den Fenstern. Als wenn die endgültige Wahrheit Einlass begehren würde. Bedrohlich und mächtig.

„Es gibt keine Million Dollar“, flüsterte Sophia. „Nie gegeben.“

„Und die Anzahlung ist von wem?“, forschte Lukas.

„Die war von mir.“

Lukas sah sie an. Er schaute sie zum ersten Mal an diesem Abend nicht als Sophia an,

sondern sah Sascha. Den Jungen mit den traurigen Augen. Den Jungen, den er verraten hatte.

„Ich liebe dich noch immer“, sagte Sophia.

Die Worte blieben zwischen ihnen stehen.

Lukas schluckte.

„Ich glaube dir.“ Mehr brachte er nicht heraus.

„Und du?“, fragte sie sehr leise, fast scheu.

Er blickte ins Feuer.

Lange.

Zu lange. Wieder nur Holzknacken und Sturmrauschen vor den alten Fenstern.

Dann antwortete er: „Ich liebe ebenfalls jemanden, der nie aufgehört hat, in mir zu leben.“

Hoffnung flackerte in ihren Augen auf.

Doch Lukas schüttelte den Kopf. „Aber es ist nicht Sophia.“

Sie erstarrte.

„Es ist Sascha.“ Der Wind heulte im Kamin unheimlich auf.

„Aber Sascha“, sagte Sophia leise, „existiert nur noch in unserer Erinnerung. In unser beider Erinnerung. Ich bin total operiert.“

Lukas stellte sein Glas auf den Tisch, erhob sich langsam, strich die Hosenbeine glatt und ging zur Tür.

Hinter sich hörte er kein Wort. Nur ein leises Schluchzen.

Als er sich noch einmal umdrehte, saß Sophia reglos vor dem Kamin. Wie jemand, der endlich gefunden hatte, wonach er jahrzehntelang gesucht hatte. Und genau deshalb wusste, dass er es nur ein Traum sein würde. 

Lukas verließ die Suite.

 

Draußen verschluckte ihn die stürmische Nacht.

Die Million hatte nie existiert. Jedoch nicht deswegen fühlte er sich ärmer als je zuvor.

In dieser Nacht gab es keine Gewinner.

Nur zwei Menschen, die zu spät begriffen, was sie einst verloren hatten.

 

V1 / 6707 Zeichen