Von Christiane Labusga

Nun gut. Das mit den Eichhörnchen also.

Emil hatte zu seinem Geburtstag, der diesmal auf „Osterdienstag“ fiel, endlich seinen langersehnten Laubbläser, dessen Nichterscheinen zu Weihnachten der Familie monatelangen Terror beschert hatte (und, leider, der Terror ging dann auf neuer Ebene weiter, als er ihn endlich in Händen hielt), geschenkt bekommen.

Alle waren dagegen gewesen, aber alle waren das Gemotze leid und legten zusammen. Das Ding kostete ein Heidengeld. Und war so ziemlich von allen Laubbläsern der unangenehmste, aber genau der musste es sein, um Emil zum Schweigen zu bringen. (Zum Schweigen?: ja, aber nicht zur Ruhe!) Natürlich ein Benziner, 300 Stundenkilometer Blasgeschwindigkeit und wie ein Rucksack auf dem Rücken zu tragen – die Straße, in der sie wohnten, war lang.

Ja, die Straße, denn da die Familie beschlossen hatte, den Garten naturnah zu gestalten, war Laubentfernen auf der Wiese natürlich tabu und Emils Wirkungsbereich auf den Asphalt beschränkt – wo er mit seinem Dreihundert-K-M-H-Benziner auch bestens hinpasste. Brumm-brumm.

Leider fand sich auf der Straße kein einziges Laubblatt. Nicht mal Eierschalen waren zu sehen, alles blitzsauber nach den Festtagen.

Emil knurrte daher gereizt, nachdem sich seine Freude über das Geschenk gelegt hatte. Und dann war er plötzlich verschwunden, in der Verschnaufpause nach dem Nachtisch und vor dem Geburtstagskuchen, in der alle ein wenig vor sich hindämmerten und keiner auf Emil aufpasste.

Bis dann aus dem Garten ein Motor laut aufheulte.

Emil hatte, in Ermangelung von Blasgut auf der Straße, die Idee gehabt, die Bäume ein wenig durch zu pusten, um eventuell noch an ihnen hängendes Vorjahrslaub herunter und auf die Straße zu wehen. Ohne Ergebnis, an den Bäumen flatterten nur die jungen Blätter, trotz 300 Stundenkilometern felsenfest haftend. Allerdings flog etwas anderes auf die Terrasse.

„Emil Eberhard! Was hast du getan?“

Vor Annelieses Füßen kugelte ein Kobel, darin zwei kleine Wesen, die kaum ihre Augen öffnen konnten.

„Oh, Eichhörnchen!“

So fiel denn das Kaffeekränzchen mit Geburtstagskuchen mehr oder weniger dem Trübsinn zum Opfer, denn so richtig wollte niemandem einfallen, wie mit den Eichhörnchen zu verfahren wäre. Da unklar war, aus welchem der malträtierten Bäume der Kobel geflogen war, wurde die Idee, ihn wieder dort zu befestigen, sofort aufgegeben. Außerdem war man sich auch nicht sicher, ob die verschreckte Mutter ihn überhaupt wieder annehmen würde.

Anneliese ging nach draußen auf die Terrasse.

„Arme Eichkätzchen!“

„Was hast du gesagt?“

„Eichkätzchen, deine Mutter sagt Eichkätzchen, so hat sie es von ihrer Oma mal gelernt, die aus Österreich kam. Ihr habt das Wort wohl noch nie gehört?“

„Aber Papa, das ist doch die Lösung! Mimmi hat vor ein paar Tagen Junge geworfen, nur drei diesmal, und da ist doch noch Platz genug für zwei Eichhörnchen. Oder besser Eichkätzchen.“

„Hm, kann ich mir nicht vorstellen, die frisst die doch sofort auf.“

„Lass es und versuchen, bitte!“

Da niemand eine bessere Idee hatte, ging die Familie geschlossen mit dem Kobel in Annelieses Händen zu den Nachbarn.

„Ach, Emil, wie gut, dass du kommst: Ich wollte dich nämlich bitten, diese Woche nicht mehr mit deiner Höllenmaschine zu spielen, ich habe Urlaub genommen und würde mich gerne etwas erholen.“, begrüßte sie Martin, bevor sie sich überhaupt begrüßt hatten.

Na, das fing ja gut an. Emil schwoll zwar der Kamm, aber selbst ihm war klar, dass er für diesmal genug angerichtet hatte und am besten den Mund hielt. Anneliese übernahm die diplomatischen Verhandlungen, und tatsächlich hockten die beiden benachbarten Familien wenig später um das Katzenkörbchen herum, wo Erika, die Nachbarin, die beiden kleinen Eichhörnchen zwischen die Kätzchen an Mimmis Gesäuge anlegte.

„Die letzten vier waren Totgeburten diesmal, das hat Mimmi sehr mitgenommen. Sie ist immer noch sehr matt. Aber für unser Experiment genau richtig.“

Tatsächlich machte Mimmi keinerlei Anstalten, die kleinen Nager zu fressen, im Gegenteil, sie schnupperte nur kurz und leckte dann jeweils einmal über sie hin, bevor sie sich wieder lang hinlegte.

„Ich glaube, das ging gut. Aber so ganz allein möchte ich sie jetzt noch nicht lassen.“

„Wir haben noch Geburtstagskuchen, wenn ihr wollt, hole ich den herüber und wir machen ein bisschen Tierbeobachtung zusammen.“

Die beiden Männer blickten sich finster an, aber die anderen nahmen Annelieses Vorschlag begeistert auf. Man kann im Nachhinein sagen, dass sich die beiden Eichhörnchen damals als Friedensstifter bewährt haben, denn beim Kuchenessen und anschließenden Umtrunk, der stündlich hochprozentiger wurde bis Emil sogar seinen Dalmore opferte, was ihm Martins stille Hochachtung einbrachte, kamen sich die Nachbarn näher.

Als Anneliese, Emil und die Kinder sich schließlich verabschiedeten, sah Anneliese noch einmal nach den (jetzt vier) Waisenkindern, die sich satt und zufrieden zwischen die (jetzt sechs) Kätzchen kuschelten. Mimmi hatte sich um alle eingerollt und schnurrte zufrieden.

Ein paar Wochen später war diese Zufriedenheit allerdings schierer Panik gewichen, denn die Eichkätzchen kannten nichts Schöneres, als in rasantem Tempo jede Vertikale hinaufzuflitzen. In den Vorhang hatte sich Mimmi zwar mit ihren Nägeln eingraben können, musste aber jedesmal auf halber Höhe aufgeben – außerdem waren die Hörnchen sowieso schon wieder weg geflitzt in ihrem wilden Spiel. Erst wenn sie erschöpft waren, kehrten sie zu Mimmi und den Geschwisterkatzen zurück, für ein kleines Mahl vor dem Mittagsschläfchen.

Als die Zeit kam, die Eichhörnchen auszuwildern, wurde es für Mimmi noch einmal schwieriger. Denn die Kätzchen waren noch lange nicht so weit wie die Hörnchen und so musste Mimmi zwischen Körbchen und Terrasse hin und her springen. Die Hörnchen kamen anfangs noch regelmäßig zur Terrasse zurück und ließen sich von der besorgten Mimmi durchsäubern, aber schließlich, auch weil der Sommer so viel Schmackhaftes zu bieten hatte, überwog der Ruf der Freiheit, und sie verschwanden endgültig in den Gärten der Nachbarschaft.

Der Laubbläser, übrigens, blieb bis zum Herbst im Keller.

 

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