Von Angelika Brox
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Der Joghurtbecher in Jasmins Hand verwandelt sich in kalte Luft und im nächsten Moment steht sie wieder mit einem leeren Einkaufswagen in der Obstabteilung.
Ihr Mund wird trocken. Heftig schüttelt sie den Kopf. Was war das gerade? Ein Blackout? Hat sie ihren Einkauf eben nur geträumt?
Vor ihr räumt ein junger Mann Ananasfrüchte in die Auslage. An der schwarzen Weste mit dem grünen Logo ist er als Mitarbeiter des Supermarkts zu erkennen.
„Entschuldigung“, sagt Jasmin, „haben Sie mich vorhin schon mal hier gesehen?“
Verwundert blickt der junge Mann auf.
„Tut mir leid, hier kommen so viele Kunden vorbei … Kann ich Ihnen helfen?“
„Nein, danke, alles gut“, beschwichtigt Jasmin.
Sie zieht einen zerknitterten Einkaufszettel aus der Hosentasche und beginnt ihre Tour von vorne. Dabei beschleicht sie das Gefühl, all diese Sachen schon hundertmal gekauft zu haben.
Ein Bündel Bananen, ein Beutel Kartoffeln, Brot, Marmelade, Tee, ein Glas Gurken … Ein Schritt nach dem anderen. Nur nicht darüber nachdenken, was passiert ist!
An der Kühltheke beschließt sie, diesmal auf den Joghurt zu verzichten. Vielleicht war der ja die Ursache für … was auch immer. Sie nimmt lediglich eine Packung Käse aus dem Regal, dann dreht sie um und schiebt den Einkaufswagen in Richtung Kassenbereich.
Rumms! Schepper!
Eine Frau in einem glänzenden lila Blouson ist aus der Spirituosenabteilung um die Ecke geschossen und hat Jasmins Wagen gerammt.
„Huch!“, ruft die Frau.
„Passen Sie doch auf!“, schimpft Jasmin und hastet weiter.
Das Was-auch-immer ist an Kasse 2 geschehen, also entscheidet sie sich jetzt für Kasse 3. Dort steht nur ein grauhaariger Rentner, der gerade seine wenigen Einkäufe aufs Transportband legt. Die Kassiererin schiebt die Teile über den Scanner. Das Piepen bohrt sich in Jasmins Ohren und zerrt an den Nerven.
Los, macht voran, denkt sie und trommelt mit den Fingern auf den Griff ihres Einkaufswagens.
„14 Euro 77“, verkündet die Kassiererin.
Umständlich zieht der Rentner ein dickes braunes Portemonnaie aus der Tasche, öffnet es und beginnt zu kramen.
„Ich hab´s passend.“
Er platziert einen Zehner auf dem Ablagebrett, danach zwei 2-Euro-Stücke, 50 Cent, 20 Cent, 5 Cent …
Nervös sucht er alle Fächer seiner Börse ab, dann schaut er ratlos in die Runde.
„Entschuldigung“, sagt er zu Jasmin. Und zur Kassiererin: „Ich hätte schwören können …“
Während er alles wieder einsammelt und mit einem 20-Euro-Schein bezahlt, tritt Jasmin von einem Fuß auf den anderen und flucht innerlich. Müssen diese blöden Omas und Opas immer ausgerechnet zur Stoßzeit einkaufen?
Hinter ihr hat sich eine Mutter mit Kind eingereiht. Das Kind bettelt in einem schwer erträglichen Quengelton: „Ich will ein Überraschungsei! Bitte, Mama! – Warum denn nicht? – Bitte! BITTE!“
Wütend dreht Jasmin sich um.
„Halt endlich den Mund!“, faucht sie. „Es reicht!“
Das kleine Mädchen starrt sie mit weit aufgerissenen Augen an, dann klammert es sich an seine Mutter und beginnt zu schluchzen.
„War das nötig?“, fragt die Mutter und starrt Jasmin ihrerseits an.
„Ja, war es“, erklärt Jasmin. „Sie kommen ja anscheinend mit Ihrer Tochter nicht klar!“
„Und Sie haben wahrscheinlich keine Kinder!“
Jasmin stockt der Atem. Das hat gesessen.
Zum Glück ist sie jetzt an der Reihe.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Das Licht flackert, die Welt verschwimmt in einem neonfarbenen Wirbel und … sie befindet sich wieder mit einem leeren Einkaufswagen in der Obstabteilung. Ihr Herz hämmert gegen die Rippen, als wollte es sich gegen diese plötzlichen Sprünge zur Wehr setzen.
Mit der Achtsamkeit eines Zen-Meisters setzt der Mitarbeiter mit der schwarzen Weste Ananas für Ananas auf ein grünes Tuch.
„Na, wieder da?“, fragt er.
F. Denkowitz steht auf dem Namensschild, das leicht schief auf seiner Brusttasche steckt.
Hilflos hebt Jasmin die Arme und lässt sie wieder sinken.
„Ich versteh das nicht“, seufzt sie.
F. Denkowitz hält ihr eine Banane vor die Nase.
„Nehmen Sie das Leben, wie es gerade ist“, sagt er. „Schauen Sie, diese Banane war früher grün, bald wird sie braun sein. Jetzt ist die beste Zeit, um sie zu genießen.“
Jasmin muss lachen. Wie recht er hat! Jeden Tag nimmt sie sich vor, im Hier und Jetzt zu leben, doch dann vergisst sie es regelmäßig.
„Das haben Sie schön gesagt, Herr Denkowitz.“
„Danke.“ Er deutet eine Verbeugung an. „Eigentlich bin ich ein arbeitsloser Philosoph. Sie können mich Felix nennen.“
Er hat freundliche braune Augen und Grübchen in den Wangen.
„Gern.“ Lächelnd legt sie einen Bund Bananen in ihren Wagen. „Ich bin Jasmin.“
Während sie weitergeht, denkt sie nach. Offensichtlich steckt sie in einer Zeitschleife fest. Doch was nutzt diese Erkenntnis, wenn sie keine Ahnung hat, wie sie wieder herauskommt? Joghurt hat anscheinend nichts damit zu tun. Die Wahl der Kasse scheint auch keine Rolle zu spielen. Was ist es dann?
Sie parkt den Einkaufswagen neben den Gewürzen und geht mit leeren Händen zum Kassenbereich. An Kasse 3 steht wieder der Rentner, Kasse 2 findet sie gruselig, also schlängelt sie sich an den Wartenden vor Kasse 1 vorbei.
„Entschuldigung, darf ich bitte mal durch?“
Die Kassiererin sieht kaum auf.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Der Boden schwankt. Jasmin schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, steht sie vor ihrem verwaisten Einkaufswagen mit dem einsamen Bund Bananen.
Allmählich wird sie von Verzweiflung ergriffen. Am liebsten würde sie sich in der Süßwarenecke verstecken und leise weinen.
Wer auch immer dafür verantwortlich ist: Das ist nicht witzig!
Inzwischen verspürt sie keine Lust mehr auf Brot, Marmelade, Tee oder Gurken, sondern schiebt den Wagen schnurstracks in Richtung Kassen. Sie will es so lange probieren, bis sie endlich hier rauskommt.
Vor der Kreuzung zur Getränkeabteilung sieht sie wieder die Frau im lila Blouson. Sie presst ein Handy ans Ohr. Auf Wangen und Hals leuchten hektische rote Flecken. Ihren ratternden Einkaufswagen schubst sie achtlos vor sich her. Sie wirkt wie ein ferngesteuertes Hindernis.
„Hallo, Sie!“, ruft Jasmin. „Fahren Sie lieber vorsichtig! An dieser Kreuzung hat es eben schon einmal gekracht.“
Die Frau bleibt stehen und holt tief Luft. Dann verzieht sie den Mund zu einem schiefen Grinsen.
„Lass uns später in Ruhe reden“, sagt sie ins Telefon und steckt es ein.
Dann schaut sie Jasmin an und hebt die Schultern,
„Manchmal versteht man die Welt nicht mehr“, seufzt sie.
„Das kenne ich“, antwortet Jasmin. „Trotzdem noch einen schönen Tag!“
„Danke, Ihnen auch.“
Na, geht doch, denkt Jasmin.
Kasse 3 zieht sie magisch an.
Sie stellt sich hinter den älteren Herrn und beobachtet, wie er seine Einkäufe aufs Band packt. Er ist schlank und trägt einen Ehering. Auf den Handflächen hat er braune Flecken. Seine Kleidung und seine Frisur sehen gepflegt aus.
Ob er Witwer ist, überlegt Jasmin, oder ob er seiner Frau im Haushalt hilft? Jedenfalls achtet er auf sich.
Piep, piep … zieht die Kassiererin seine Waren über den Scanner. Es klingt fast wie ein Rhythmus.
„14 Euro 77“, verlangt sie.
„Ich hab´s passend.“
Als Jasmin sieht, wie der Senior in seinem Portemonnaie herumkramt, nimmt sie schnell ein 2-Cent-Stück aus ihrer Börse.
Er zählt sein Geld auf das Ablagebrett: 10 Euro, 12 Euro, 14 Euro …
Gelangweilt blickt die Kassiererin ins Nirgendwo. Sie trägt eine weiße Bluse, große goldene Creolen und einen stramm nach hinten gebundenen Zopf.
14 Euro 50, 14 Euro 70, 14 Euro 75 …
Jasmin reicht ihm das fehlende 2-Cent-Stück.
„Ich glaube, das haben Sie gerade verloren“, sagt sie und wird mit einem strahlenden Lächeln belohnt.
„Vielen Dank! Sehr freundlich!“
Hinter ihnen bricht lautes Gejammer aus: „Ich will ein Überraschungsei! Bitte, Mama! – Warum denn nicht? – Bitte! BITTE!“
Nicht schon wieder, denkt Jasmin. Bitte! BITTE!
Sie nimmt zwei Bananen, hält sie sich wie Hörner vor die Stirn und dreht sich um.
Mit tiefer Stimme brummt sie: „Heute gibt`s kein Überraschungsei.“ Sie schielt furchterregend und streckt dem Kind die Zunge raus.
Das Mädchen stutzt, dann grinst es und zeigt anschließend ein erstaunliches Repertoire an Grimassen. Jasmin und die gestresste Mutter lachen, die Schokolade ist vergessen.
Gerade, als Jasmin ihre Bananen aufs Band legen will, durchzuckt sie eine Eingebung.
„Ich habe keine Payback-Karte!“, ruft sie, bevor die Kassiererin den Mund aufmachen kann. „Nein! Ich habe keine Payback-Karte und ich will auch keine!“
Die Kassiererin nickt. Ihre Creolen schaukeln.
Piep, macht der Scanner.
In Windeseile zahlt Jasmin, stopft die Bananen in ihren Beutel und rennt zum Ausgang.
Noch fünf Meter … drei Meter … ein Meter … Langsam öffnet sich die automatische Schiebetür und Jasmin läuft nach draußen.
Frische Luft! Blauer Himmel! Freiheit!
Mit einem erleichterten Seufzer setzt sie sich in ihr Auto, steckt den Schlüssel ins Zündschloss, dreht ihn – und das Radio springt an.
Sonny & Cher singen I Got You Babe.
Jasmin schließt die Augen. Vor sich sieht sie Bill Murrays Radiowecker, der Morgen für Morgen den Murmeltiertag mit diesem Song einläutet.
Sie öffnet die Augen und lächelt sich im Rückspiegel zu.
„I´ll do my very best!“
Version 2
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