Von Claudia Schäckel
Februar 2026, später Nachmittag, Schnee und Eis auf den Straßen, grau und düster der Himmel.
Sie sitzt nach der Arbeit müde und teilnahmslos im Bus auf dem Weg nach Hause. Um sie herum scheinen alle gleich zu ticken. Jeder starrt vor sich hin. Starrt auf sein Handy. Keine Gespräche, kein Lächeln und schon gar kein Lachen.
17:03 Uhr. Auf den Handys schrillt die Warn-App.
Alle schrecken hoch und starren auf die Ansage auf dem Bildschirm.
Heute wurden Treibhausgase als unschädlich erklärt.
Damit werden in den kommenden zwei Wochen alle
Einschränkungen und Steuern nach und nach aufgehoben.
Sie werden über jeden weiteren Schritt informiert.
Der Bus hat an der nächsten Haltestelle angehalten und macht keine Anstalten, weiterzufahren. Sie hebt kurz den Kopf und schaut aus dem Fenster. Die Menschen sind stehen geblieben, genauso wie die Autos. Überall blinken Warnblinker, alles steht, aber keiner hupt oder schimpft. Über allem liegt der anhaltende, nervenaufreibende Alarmton.
Der Bildschirm wird schwarz.
Der Alarm bricht ab.
Noch einen Moment bleibt es still.
Dann bricht es aus allen heraus. Wilde Diskussionen, die Busfahrerin startet den Motor und auch draußen beginnt sich die Welt wieder in Bewegung zu setzen. Erste Autofahrer hupen, um andere zum Losfahren zu bewegen.
Sie sitzt noch immer still auf ihrem Platz. In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken und sie ist nicht in der Lage, die Fetzen zusammenzubekommen oder deren Aufblitzen zu kontrollieren.
Jugenderinnerungen kommen wieder hoch, bringen alte Ängste und mischen sie mit den neuen.
Wo sind die Jahre dazwischen und was haben sie gebracht?
der letzte Fisch schwimmt
durch sein verschmutztes Meer
er hat keinen Sauerstoff zum Atmen
er sinkt erstickend
auf den Grund
Was sind Erinnerungen und was ist jetzt?
Warum steht man wieder da, wo man damals schon gestanden hat?
Damals, als ein 17-jähriges Mädchen ihre Gedanken aufgeschrieben hat.
der letzte Hirsch geht
durch seinen verdorrten Wald
er findet kein Grün gegen seinen Hunger
er schleicht verhungernd
über eine Lichtung
Wie sind wir an diesen Punkt zurückgekommen? Und vor allem: Warum?
Sie blickt auf, als zwei Männer in ihrer Nähe darüber diskutieren, was jetzt alles wieder billiger wird.
der letzte Vogel fliegt
durch eine verseuchte Luft
er findet keinen Platz zum Landen
er flattert erschöpft
bis er in die Tiefe stürzt
Sie steigt an ihrer Haltestelle aus und geht langsam nach Hause. Noch immer kann sie das Gedankenkarussell in ihrem Kopf nicht stoppen. Es fühlt sich alles so an, als ob es die letzten 40 Jahre nicht gegeben hätte. Menschenketten für den Frieden. Demonstranten an Schienen gekettet, um Castortransporte zu verhindern. Ein von französischem Geheimdienst gesprengtes Greenpeace-Schiff mit dem passenden Namen „Rainbow Warrior“. Tschernobyl. Bis zu Kindern, die freitags demonstrieren, anstatt in die Schule zu gehen. Alles einfach weg.
Sie sucht in ihrer Tasche nach ihrem Hausschlüssel.
17:30 Uhr. Die Warn-App schrillt los.
Erschrocken lässt sie den Schlüssel fallen, sucht panisch ihr Handy und starrt auf den Bildschirm.
Die Warnmeldung vom heutigen Tag, 17:03 Uhr, ist FALSCH!
Die App wurde gehackt und eine Falschmeldung gesendet.
In Deutschland werden Treibhausgase NICHT als unschädlich eingestuft.
Wir setzen alles daran, die Täter zu ermitteln und sicherzustellen, dass so etwas nicht wieder passiert.
Wie kann eine bundesweite Warn-App gehackt werden? Ist diese Nachricht echt?
Sie hebt ihren Schlüssel auf. Sie muss in ihre Wohnung und versuchen herauszubekommen, was passiert ist und was wirklich stimmt.
Als sie sich in der Stille ihrer Wohnung auf die Couch fallen lässt, presst sie sich die Handflächen gegen die Schläfen und atmet tief durch. Sie will das alles eigentlich gar nicht mehr wissen.
der letzte Mensch sitzt
am Rand einer zerstörten Stadt
er findet keinen Grund um weiterzuleben
er geht verzweifelt
in den Wahnsinn der Erkenntnis
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