Von Miklos Muhi

Rüdiger Fischer hielt an und schnüffelte. Der Geruch, der in seine Nase stieg, war kaum mehr, als ein Hauch, und doch setzte er sich vor der Duftkulisse des spätsommerlichen Waldes ab. Irgendetwas kam ihm darin bekannt vor.

 

Zuerst überfluteten Bilder aus seiner Zeit als Azubi beim Forstamt sein Bewusstsein. Feierabend, Partys und gemeinsame Ausflüge nach der Arbeit.

 

Dann kamen einige Erinnerungen an die Gefahren seines Jobs. Der Geruch war so schwach wie die Erinnerungen, die er weckte. Und ebenso hartnäckig.

 

Er schaute sich um. Nichts Auffälliges stach ihm in die Augen. Seine tiefsten Intuitionen schrien ihn weiterhin an.

 

Die Richtung des warmen Windes, der den Duft abgeernteter Äcker, trockener Mais und von Heu mit Wiesenblüten trug, drehte sich ständig. So schwieg er darüber, wo die Quelle des merkwürdigen Geruchs zu suchen war.

 

Schon ein kurzer Fußmarsch brachte Gewissheit. Es roch schwach, aber deutlich nach Rauch. Etwas Ungewöhnliches brannte.

»Mal sehen, was los ist«, murmelte er und schritt weiter.

 

Der drehende Wind blies bald einen Rauchschwall ihm ins Gesicht. Der merkwürdige Duft brachte ihn erneut zum Nachdenken. Sein Gedankengang wurde von einem Geräusch unterbrochen. Es klang so, als hätte man einen kleinen Sack voller nassen Sandes aus der Krone eines Baumes geworfen.

 

Unter einem Baum lag ein Eichhörnchen regungslos auf dem Waldboden.

»Armer Kerl«, sagte er und ließ sich in die Hocke, um das Tier genauer zu untersuchen. Dann schaute er nach oben. In der Baumkrone war nichts zu sehen.

Als er wieder das Hörnchen in Augenschein nahm, öffnete es seine Augen. Die zwei sonst aufmerksamen dunklen Punkte muteten sich etwas verwaschen an.

»Was zum …«, murmelte Rüdiger.

Das Tier war aufgestanden. Seine Bewegungen sahen dem Torkeln eines alkoholisierten Menschen ähnlich.

»Das ist nicht gut«, sagte er, griff nach seinem Diensthandy und suchte die Telefonnummer der Polizeiwache von Grasbrunn, aus dessen Richtung nach seinen Vermutungen der Rauch kam.

 

»Hier ist die Polizei«, lallte jemand am anderen Ende der Leitung, gefolgt von einem Lachen im Hintergrund.

»Hier spricht Rüdiger Fischer vom Forstamt. Wer ist bei Ihnen zuständig?«

Eine lange Pause entstand, aufgefüllt von heiteren Hintergrundgesprächen und mit Fetzen vom Bob-Marley-Lied Jamming.

»Wie, zuständig?«

»Zuständig im Sinne von verantwortlich. Irgendwo am Rande des Ortes, viel zu nah am Wald, brennt etwas. Wisst ihr etwas davon? Ist das Feuer überwacht? Ist die Feuerwehr vor Ort?«

»Natürlich ist sie vor Ort. Das ist ein überwachtes Feuer. Selbst wir sind nicht so dämlich. Wir alle sind vor Ort! Und es ist endgeil!«

»Ich habe ihre Büronummer angerufen …«

»Die Anrufe werden weitergeleitet. Ganz moderne und heitere Zeiten leben wir! Komm her, es ist reichlich Platz für dich!«

Man legte auf.

 

Rüdiger glotzte auf sein Handy. Für kurze Zeit, dann steckte es wieder in seine Tasche und lief Richtung Grasbrunn.

 

Der Wind blies weitere Rauchschwaden in sein Gesicht und der Duft förderte unzählige Erinnerungen aus seinem Unterbewusstsein zutage. Nur den Geruch war er nicht in der Lage, beim Namen zu nennen. Was auch immer es war, er trat ihm gelassen entgegen.

 

Je näher er an Grasbrunn kam, desto dichter wurden die Schwaden und desto lebendiger wurde das satte spätsommerliche Grün des Waldes. Die Musik wurde lauter und der Rhythmus nahm ihn immer mehr mit. Feuchte Erde, längst vertrocknete Blätter und Moos ergaben zusammen einen pulsierenden Duftcocktail.

 

Die Erinnerungen an den Waldbrand vor drei Jahren fegten all das restlos weg. Jene zwei Wochen, in denen keiner aus dem Forstamt mehr als einige Stunden am Stück geschlafen hatte, würde niemand so schnell vergessen.

 

Damals war es eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe. Mit der Identifizierung des Täters und seiner Verurteilung wurde der Gerechtigkeit genüge getan. Das brachte aber weder die zwei toten Kollegen zurück, noch holte Stefan, der jetzt zur Büroarbeit verdammt war, aus dem Rollstuhl.

 

Auf eine Fortsetzung hatte er nicht die geringste Lust, ebenso wenig, wie darauf, als erster vor Ort zu sein. Bei der Zentrale anzurufen und Hilfe anzufordern war keine Schande.

 

Doch er schritt weiter.

 

»Was für ein Durst. Nächstes Mal bringe ich mehr Wasser mit … aber kein Mehrwasser«, murmelte Rüdiger und kicherte. Er versuchte, sich zu erinnern, wo sein Dienstgeländewagen geparkt war. Es muss irgendein öffentlicher Parkplatz gewesen sein, aber der Arbeitsbeginn lag weit weg in der Vergangenheit.

 

»Und Chips muss ich auch mitbringen«, sagte er.

 

Bald sah er die Quelle des Rauches. Hier hätte er etwas zu sagen müssen. Selbst unter größten Anstrengungen vermochte er sich nicht zu erinnern, was er hier zu suchen hatte.

»Ach, scheiß darauf!«, murmelte er und schritt auf das riesige, qualmende Feuer auf der kleinen Wiese zu.

 

Auf dem Landwirtschaftsweg parkten ein Feuerwehr- und ein Polizeifahrzeug. Um das Feuer standen die Uniformierten. Aus dem Feuerwehrauto dröhnten weitere Lieder der jamaikanischen Reggae-Legende.

 

Man sang und das so falsch, dass das bei den Anwesenden, einschließlich bei Rüdiger, immer wieder zu Lachanfällen führte. Auf der Motorhaube des Polizeiautos fand ein Buffet aus Chips, Erdnüssen, Erfrischungsgetränken und Gummibärchen statt.

 

»Ach, das Forstamt ist auch schon da«, brüllte ein Polizist, als er ihn bemerkt hatte. »Komm Kollege, setz dich zu uns!«

»Sehr gerne. Ich bin der Rüdiger. Wie heißt du?«

»Ich bin Johann, der Breite, Polizeichef in Grasbrunn. Sehr erfreut«, sagte er und reichte ihm die Hand. Sein Hemd, das aufgeknöpft und aus der Hose gerutscht war, flatterte im warmen Wind.

 

Rüdiger setzte sich auf die Wiese ins Gras. Man brachte ihm eine Tüte Chips, die er dankend annahm, und er sang und lachte mit den anderen.

 

*

 

Aus dem Grasbrunner Anzeiger

 

Lokalhistoriker sind sich einig: In unserer kleinen Ortschaft ist der gestrige Tag der lustigste seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen. Grenzenlose Heiterkeit hat unsere Fluren behütet und dem Laden von Tante Bertha wird, laut Inhaberin, Tage dauern, um die Bestände von Naschereien wieder aufzufüllen.

 

Die meisten Bewohner haben sich über die erhobene Stimmung und Tante Bertha über die gestiegenen Umsätze gefreut.

 

Diese Freude hat das LKA jedoch nicht geteilt. Polizeichef Johann Breitenberg hat eine Menge zu erklären.

 

In den heutigen Zeiten von klammen Kassen versucht jeder, Geld zu sparen. Die Inanspruchnahme von Verbrennungsanlagen ist eine kostspielige Angelegenheit, selbst für unsere Freunde und Helfer.

 

Der Polizeichef von Grasbrunn hat dazu jedoch eine Idee gehabt. Wegen seines absolut berechtigten tadellosen Rufes während seiner zahlreichen Dienstjahre hat er den Zuschlag bekommen, die Vernichtung von Asservaten auszuführen. Dass er das Ganze kostenlos organisiert hat, überzeugte.

 

Doch um all in den vergangenen Jahren beschlagnahmte Cannabis auf der Wiese so aus heiterem Himmel anzuzünden, hat sich im Nachhinein als keine inspirierte Idee erwiesen. Die Party, zu der die Polizeiaktion verkommen ist, hat das LKA gesprengt, nachdem das Forstamt um Hilfe gebeten hat, einen unerreichbar gewordenen Mitarbeiter aufzuspüren.

 

Was aus der ganzen Sache wird, ist unklar. Bisher hat kein einziger Bewohner Anzeige erstattet oder sich beschwert.

 

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