Von Marianne Apfelstedt
Eine schwarze Haarsträhne löste sich aus dem Dutt und Ruby pustete sie aus ihrem Gesicht. Erst als sie das Bettlaken an der Leine festgesteckt hatte, strich sie sich die lockige Strähne hinter das Ohr. Sie blickte zum Himmel, der Wolken auftürmte, wie einen Berg Kissen. Ein Sommergewitter zog auf. Der Schauer von gestern hatte die dampfende Luft nicht abgekühlt, ihr lief ein feuchtes Rinnsal den Nacken hinab. Auf dem Nachhauseweg hatte sie der Wind in der Oak Street fast ins Gebüsch geweht. Sie bückte sich, um ein weiteres Laken aus dem Weidenkorb zu fischen.
„Ruby, Ruby! Schau dir an, was ich gefunden habe.“ Netty stürzte mit wehenden Haaren und roten Wangen auf sie zu. Ruby drehte sich zu dem Kind um und legte das Stück Stoff zurück in den Korb. In der Hocke sah sie Netty in die Augen.
„Mein Engel. Wo warst du denn? Wenn ich mit der Wäsche fertig bin, machen wir dich gleich sauber, bevor deine Mom zurückkehrt.“ Auf Nettys Kleid zeigten sich Spuren von feuchter Erde. Susan Davis würde sich ganz sicher aufregen, wenn sie ihre Tochter so zu sehen bekäme. Die Kleine schob ihre Hand in die Rocktasche und streckte Ruby etwas Graues entgegen, das sie in beiden Händen hielt.
„Du hast ein Squirrel aufgelesen, es ist ja fast noch ein Baby.“ Das Grauhörnchen hatte nasses Fell. Ruby strich zart über das kleine Nagetier und seine Augen öffneten sich. Es strampelte schwach mit den Beinen. Netty legte das Hörnchen in Rubys Hände. Eines der Hinterbeine hing kraftlos herunter.
„Wo hast du es gefunden, Netty?“
„Hinten beim großen Hickory. Daneben lag noch eines, aber das hat sich nicht mehr bewegt.“ Eine Träne rollte ihre Wange hinunter.
„Wird es wieder gesund?“
„Wir werden sehen. Komm mit in die Küche, wir schauen mal, ob es Hunger hat.“
Ruby gab Netty das Hörnchen zurück und legte ein Tuch in eine Holzkiste aus dem Vorratsraum. Zusammen betteten sie das Squirrel in die Kiste. Sie war glücklich in den Stunden des Tages, die sie mit Netty verbrachte. Die ihr Herz berührte, wie es eine eigene Tochter nicht stärker könnte.
„Kann es Betty heißen?“
„Das ist ein hübscher Name.“ Ruby legte Brombeeren und ein Stückchen Apfel in die Kiste. Gemeinsam beobachteten sie, wie Betty schnupperte und die Nase kräuselte, bevor sie sich eine Brombeere mit den Vorderpfoten zum Mäulchen führte. Betty putzte sich und kuschelte sich in ihren Schwanz. Ganz vertieft in die Beobachtung des Eichhörnchens hatten sie die Zeit vergessen,
„Ruby! Wo steckst du denn?“ Mrs. Davis trat in die Küche. „Draußen steht ein gefüllter Wäschekorb und du bist hier in der Küche?“ Erst jetzt bemerkte sie ihre Tochter.
„Du ungezogenes Mädchen, schon wieder hast du ein Kleid ruiniert.“ Ihre Hand klatschte auf die Wange.
„Ich werde das Kleid sofort auswaschen, Mrs. Susan. Das bekomme ich im Nu wieder sauber. Sie werden sehen“, beschwichtigte Ruby Mrs. Davis.
„Bring das Kind weg. Ich will sie vor dem Essen nicht mehr sehen.“ Mrs. Davis nahm sich Limonade aus dem Eisschrank und setzte sich auf die Veranda, um sich von dem unerfreulichen Vorfall auszuruhen. Immerhin kam in wenigen Wochen ihr zweites Kind auf die Welt.
„Gott gebe, dass Nummer zwei nicht auch so anstrengend wie Netty wird. Hoffentlich wird es ein Junge.“
Ruby brachte das weinende Mädchen nach oben. Erst als die Tür zum Kinderzimmer geschlossen war, kniete sie sich zu Netty und nahm sie in ihre Arme, bis ihr Schluchzen nachließ.
„Immer mache ich alles falsch.“
„Lass dir das von niemandem einreden.“ Sie säuberte das Gesichtchen mit Wasser aus dem Krug und legte die schmutzige Kleidung auf die Kommode neben der Türe. Mit der Bürste kämmte sie sanft das widerspenstige braune Haar und flocht es dann zu einem Zopf.
„So siehst du sehr hübsch aus. Deine Mom wird sich freuen, wenn du nachher sauber und artig am Esstisch sitzt.“
„Und wenn ich wieder etwas falsch mache?“ Ruby nahm die Kinderhände fest in ihre und schaute Netty in die Augen.
„Hör gut zu und sprich mir nach! Ich bin stark. Ich bin klug. Ich bin schön und habe ein gutes Herz. Glaube keinem, der etwas anderes sagt. Jetzt du!“ Mit zittriger Stimme wiederholte Netty die Worte.
„Das sagst du dir jeden Abend, bevor du einschläfst und immer wenn du traurig bist.“ Ruby küsste Netty auf den Scheitel und eilte nach unten, um das Kleid zu säubern und die restliche Wäsche aufzuhängen. Das Dinner zuzubereiten und den Tisch zu decken.
Netty saß ruhig und adrett am Tisch und stocherte in ihrem Essen herum.
„Stell dir vor, John, ich war doch heute Nachmittag bei den Bishops. Sie bauen jetzt für ihr schwarzes Hausmädchen ein eigenes Water-Closet, direkt neben der Eingangstüre.“
„Haben die kein Outhouse im Garten für ihre Schwarzen?“
„Doch schon. Stell dir mal vor, wie praktisch es wäre, wenn unser Hausmädchen nicht in den Garten muss. Dann hat sie mehr Zeit für ihre Arbeit und wir können die hässliche Hütte endlich abreißen.“
„Mal sehen.“ John wandte sich seiner Post zu und Susan war sich sicher, dass sie ihr WC bekommen würde. Neulich hatte ihre Freundin erzählt, dass die fremden Keime der Schwarzen bei Weißen zu ernsthaften Krankheiten führten. Nicht auszudenken, wenn ihr Mädchen das Bad im Haus benutzen würde.
Ruby hängte ihre Schürze an den Haken in der blitzsauberen Küche, zog den Mantel an und setzte ihren Hut auf. Auf ihrem Weg blieb sie an der Türe zum Wohnzimmer stehen. Im Fernseher sprach gerade Mr. Eisenhower. Sie warf einen Blick auf den Mann im Weißen Haus und verließ dann leise das Haus.
Der Bus hielt an der Haltestelle. Ruby bezahlte ihre Fahrkarte beim Fahrer und stieg dann wieder aus, um am hinteren Eingang einzusteigen.
Vorne beim Busfahrer saßen Fichten und Birken und am anderen Ende Ebenholz und Mahagoni. Setzte sich eine Birke in eine Reihe, in der bereits ein Ebenholz saß, musste es die Bank verlassen und den Platz frei machen.
An der nächsten Haltestelle stieg ihre Freundin Linda ein. Während der Fahrt tauschten sie sich über den Klatsch in der Stadt aus. Lindas Arbeitgeber hatten einen jungen Mann für den Garten eingestellt.
„Du solltest ihn sehen. So stattlich. Breite Brust und kräftige Hände. Wenn er lächelt, schmelze ich dahin, wie Eis in der Sonne.“ Ruby lächelte über die strahlenden Augen ihrer verliebten Freundin.
„Wie heißt denn dieser Traum von einem Mann?“
„Joseph! Er ist am Sonntag in der Kirche und singt im Gospelchor mit, dann kannst du ihn kennenlernen.“
Beim nächsten Halt wartete nur Dorothy. Sie stützte sich schwer auf ihren Gehstock und am Abend eines langen Tages kam sie nur langsam vorwärts. Ehe sie noch an der Ebenholztür einsteigen konnte, schloss der Fahrer die Tür und gab Gas. Heute musste Dorothy zu Fuß nach Hause gehen. Ruby verkrampfte ihre Hände im Schoß, als die gebückte Gestalt an ihrem Fenster vorüberzog. Alle Ebenhölzer sahen peinlich berührt geradeaus und das fröhliche Plaudern verstummte.
Zu Hause setzte Ruby das Hörnchen in den Hasenstall auf der Veranda. Als ihre Söhne Kinder waren, hatten sie Kaninchen. Jetzt war der Stall ebenso leer wie die Kinderzimmer, und sie vermisste ihr Lachen. Seit ihr Mann sich in den Norden aufgemacht hatte, auf der Suche nach einem besser bezahlten Job, wartete das Haus friedlich auf ihre Rückkehr. Der Tag hatte sie ausgelaugt. Bald löschte sie das Licht.
***
„Ich habe heute eine Überraschung für dich.“
„Aber ich habe doch erst morgen Geburtstag.“
„Mein Geschenk kannst du nicht behalten, schau mal.“ Ruby stellte einen Weidenkorb mit Klappdeckel vor Netty und öffnete eine Seite und Betty steckte den Kopf heraus.
„Betty! Sie ist ja gewachsen.“ Netty streichelte das Grauhörnchen.
„Sie ist wieder gesund. Wollen wir sie an einem Baum freilassen?“
„Ja!“ Ruby hob das Tierchen vorsichtig aus dem Korb und setzte es vor den Bäumen ins Gras. Sofort flitzte das Hörnchen den Baumstamm hoch und verschwand in den Blättern.
„Ich backe jetzt deine Geburtstagskuchen. Willst du mir helfen?“ Fröhlich hüpfte Netty neben Ruby in die Küche.
„Ruby, haben wir genügend Limonade?“
„Ja, Mrs. Susan. Es ist genügend zu essen und zu trinken für die Gäste vorbereitet.“ Ruby stellte weitere Gläser auf den festlich gedeckten Tisch auf der Veranda.
„Mommy, bitte, darf Ruby neben mir sitzen?“ Peinlich berührt nahm Susann ihre Tochter an der Hand und schoss im Gehen einen wütenden Blick auf Ruby.
„Nein, Netty. Ich habe dir doch schon erklärt, dass Ruby nicht mit uns zusammen essen oder trinken wird. Sie darf sich ein Stück Kuchen mit nach Hause nehmen, aber erst heute Abend. Jetzt hat sie auch zu tun. Gleich kommen deine Gäste. Für Ruby wurde es ein anstrengender Nachmittag. Die Kinder spielten im Garten, die Männer zogen sich in das Raucherzimmer zurück und die Ladys saßen auf der Veranda zusammen, um zumindest den Anschein zu wahren, über ihre Sprösslinge zu wachen. Ruby und ein weiteres Mädchen liefen mit beladenen Tabletts zu den Menschen an den verschiedenen Tischen und mit schmutzigem Geschirr zurück in die Küche. Als die Küche in neuem Glanz erstrahlte und Ruby ihre Schürze an den Haken hängte, kam Mrs. Susan in die Küche.
„Ich habe Netty heute selbst zu Bett gebracht, du kannst jetzt gehen.“
„Gute Nacht, Mrs. Susan.“
Zu Hause stellte Ruby den Teekessel auf den Herd und setzte sich mit einer Tasse und dem Stück Schokoladenkuchen vor das Radio. Nach einigen Liedern war es Zeit für die Nachrichten. Der Sprecher berichtete von einem Bombenanschlag auf die Kirche des Reverends Martin Luther King, der glücklicherweise nicht verletzt wurde. Ruby dachte an den Tod des jungen Emmett Till im letzten Jahr und ihre Augen wurden von Tränen überschwemmt. Unschuldige Schwarze starben viel zu jung, genau wie damals ihr Sohn Timothy. Bei der Arbeit wurde er durch einen Unfall schwer verletzt und keine Birke wollte einem Ebenholz helfen. Sie brachten ihren Sohn nach Hause und warfen ihn wie Vieh von der Ladefläche ihres Trucks. In der darauffolgenden Nacht starb ihr Junge. Genug ist genug.
„Morgen werde ich nicht mit dem Bus fahren. Ich werde zu Fuß gehen, wie die Männer und Frauen in Montgomery.“
© Marianne Apfelstedt, Version 1, 9990 Zeichen
