Von Karl Kieser
Gewohnheitsmäßig tastet Fred neben sich, aber ihre Seite des Bettes ist kühl und unbenutzt Sie muss wieder im Gästezimmer geschlafen haben. Das ist ihr Protest weil er gestern wieder so spät …
Ein Auge geht auf, das andere ist noch verklebt von der Nacht. Geblendet kneift er es sofort wieder zu. Es ist viel zu hell und er ärgert sich, dass er offensichtlich verschlafen hat. Warum hat Mia ihn nicht geweckt? Sie weiß doch, dass er sich Verspätungen nicht erlauben kann.
Sofort stellt sich ein ungutes Gefühl bei ihm ein, denn seit einiger Zeit ist Mia recht unduldsam ihm gegenüber. Eigentlich genau seit dem Tag, als sie das Foto von Eva auf seinem Handy entdeckt hat. Dabei ist das wirklich kein Grund zur Eifersucht. Bei Gelegenheit sollten sie mal darüber reden. Aber jetzt ist er unter Druck. Wie spät ist es wohl? Seine Uhr zeigt ihm, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen wird. Trotzdem will er versuchen, die Zeit zu überlisten. Also zügig durchs Bad und einen Kaffee im Stehen.
Mia sitzt fertig angezogen in der Küche und trinkt ihren Tee.
Das ist neu. Um diese Zeit sieht er sie üblicherweise im Morgenmantel. Und was ist mit seinem Kaffee?
Bevor er etwas sagen kann, zischt sie: „Ist der Herr endlich vernünftig geworden oder ist er auf der Flucht?“
Das klingt schnippisch und angriffslustig. Sollte das auf eine Grundsatzdiskussion hinauslaufen? Mia ist sauer, das ist klar, aber Fred weiß absolut nicht, was sie meint. Außerdem hat er es eilig, vermisst den fertig bereitgestellten Kaffee und knurrt zurück: „Der Herr ist immer vernünftig! Gibt es keinen Kaffee?“
„Wer sich nächtelang herumtreibt, kann sich auch den Kaffee selbst machen.“
Das ist zwar kein schlüssiges Argument und normalerweise würde Fred das auch klarstellen, aber jetzt brennt ihm die Zeit unter den Nägeln. Er muss los. Ohne Kaffee ist das zwar eine Herausforderung, aber die Kröte muss er eben schlucken. Außerdem hat er das Gefühl, in letzter Zeit den Bogen doch etwas überspannt zu haben. Also macht er ein Friedensangebot: „Ach Mia, ich bin gestern mit den Jungs nur etwas zu lange hängengeblieben. Das ist doch wirklich kein Drama.“
Mia springt auf, stemmt beide Fäuste auf den Tisch. Zorn lodert aus ihren Augen, aber ihre Stimme ist gefährlich leise. „Nur etwas zu lange? Ich habe es gehört, als du zurückgekommen bist. Es war vier Uhr. Wenn du lieber bei Eva schläfst, dann kannst du mit mir nicht mehr rechnen.“
Das ist Ernst. Aber es war doch kurz nach elf, als er ins Haus geschlichen und ohne Licht zu machen ins Bett geschlüpft ist. Alles nur, um sie nicht zu stören. Na ja, eigentlich auch, um sich nicht rechtfertigen zu müssen. Aber daraus vier Uhr in der Frühe zu machen, sieht ihr nicht ähnlich.
„Mia, ich gelobe, es war kurz nach elf, als ich heimgekommen bin. Kann es sein, dass du schlecht geträumt hast?“
Mia explodiert förmlich. Jetzt schreit sie doch. „Du verdammtes Arschloch. Ich habe die halbe Nacht wach gelegen. Daher habe gehört wie du das Auto rückwärts in die Einfahrt gefahren und gleich vorn an der Straße geparkt hast. Du hast wohl gehofft, ich höre das nicht. Seitdem sitze ich hier. Ich wollte dir wenigstens für deine Flucht eine gute Reise wünschen.“
Mia hatte sich nämlich auch ausgemalt, dass er gegen seine Gewohnheit deshalb das Auto so an der Straße geparkt hat, damit er unbemerkt und leise zu Eva verschwinden kann, nachdem er seine Sachen zusammengepackt hat.
Die letzten Sätze haben sehr bitter geklungen. Sie meint es zweifellos ernst. Aber was meint sie mit Flucht. Jetzt erinnert Fred sich auch an ihre Begrüßung. Da war ja auch schon von Flucht die Rede. Und wieso hatte sie gefragt, ob er vernünftig geworden sei?
Zum Verständnis muss man wissen, dass die Auffahrt von der Straße leicht ansteigend zum Haus hinaufführt.
Fred wirft einen Blick aus dem Fenster. Tatsächlich kann man durch die Bäume des Grundstücks ganz am Ende der Auffahrt das Heck des Wagens sehen.
Fred fährt immer vorwärts die Einfahrt hinauf und parkt unmittelbar vor dem Haus. Rückwerts macht das nur Mia und sie lässt den Wagen immer vorne an der Straße, um die lange Einfahrt nicht rückwärtsfahren zu müssen. Sie findet das so vernünftiger, um gleich, ohne langes Rangieren, losfahren zu können. Regelmäßig hält sie ihm vor, wie lästig und unvernünftig seine Parkgewohnheit ist.
Fred ist perplex. Wie ist das denn möglich? Jemand muss in der Nacht den Wagen gewendet und unten an der Straße geparkt haben.
Jemand? Der Parkplatz ist doch typisch für Mia. Veranstaltet sie bewusst diesen Aufstand, um etwas zu vertuschen? Ist sie selbst in der Nacht noch unterwegs gewesen? Die Lösung des Rätsels muss vorerst warten – vielleicht lässt sich der Termin ja doch noch retten.
„Ich habe den Wagen gestern Abend ganz sicher vor dem Haus geparkt. Lass uns das später klären. Du weißt, wie wichtig der Termin heute ist.“
Mia ist immer noch wütend. Sie hat die halbe Nacht Zeit gehabt, sich alle möglichen Bilder vorzustellen. Wut und Enttäuschung haben sich festgefressen.
„Ja, verschwinde. Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich dir nicht wichtig bin.“
Damit dreht sie sich um und marschiert zornig aus der Küche. Fred möchte ihr gerne nach, sie in den Arm nehmen und ihr versichern, dass ein Missverständnis vorliegen muss, aber da ist der wichtige Termin und auch ein Funke Misstrauen, denn wer außer Mia könnte das Auto …
Von hinten sieht der Wagen aus wie immer. Beim Näherkommen ist da zunächst nur etwas Irritierendes. Fred rennt die letzten Meter. Mein Gott, was ist das denn?
„Mia!“
Er brüllt ihren Namen voll Wut und Enttäuschung.
Sie hat in der Nacht den Wagen zu Schrott gefahren und macht ihm eine Eifersuchtsszene, um ihren Fehler zu vertuschen? Oder hat sie sein Auto bewusst zerstört, um es ihm irgendwie heimzuzahlen? Wie kann sie nur. Sowas macht doch kein vernünftiger Mensch. Das ist … Das ist … unverzeihlich!
„Mia!“
Schon der erste Schrei klingt alarmierend, doch Mia denkt, ‚du kannst mich mal‘.
Der zweite ist drohend und fordernd. Als sie endlich zögernd aus dem Haus tritt, ist er dem Weinen nahe. Sein geliebtes Auto ist tot. Anklagend schreit er hinüber: „Sieh dir an, was du gemacht hast. Das Auto ist Schrott!“
Fred kann nicht verhindern, dass auch ein Schluchzer in seiner Stimme mitschwingt.
Mia ist empört. Wie kann er ihr für irgendwas die Schuld geben, wo sie sich doch die halbe Nacht gegrämt und ihre Beziehung in Scherben gesehen hat. Und wieso soll das Auto Schrott sein? Er ist doch erst vor zwei Stunden zurückgekommen.
Selbst aus der Entfernung kann sie seine Verzweiflung erkennen. Da kann etwas nicht stimmen.
Mia rennt die Auffahrt hinunter. Dann sieht sie es. Die Motorhaube bäumt sich klaffend und zerknittert, der Kühler ist Matsch, ein Rad steht schief. Selbst sie kann sehen, dass dieses Auto dem Schrottplatz näher ist als der Werkstatt.
Schlagartig ändert sich ihre Stimmung. Besorgt fragt sie: „Wie ist das passiert? Hast du dich verletzt?“
„Ich? Das ist doch dein Werk. Wie kann man nur so gehässig sein. Warum hast du den Wagen nach dem Unfall nicht einfach stehen lassen? Aber du wolltest mich wohl mit dem Anblick quälen. Das kann ich dir nicht verzeihen.“
So wie das Auto aussieht, kann es für den Fahrer nicht ohne Verletzungen abgegangen sein. Sie beide sind aber unverletzt.
Mia ist es, die als erste Zweifel an der eigenen Sicht der der Dinge aufkommen lässt.
Aber dann müssten ja Unbekannte am Werk gewesen sein, die nach Freds Heimkehr am Abend das Auto gestohlen, dann demoliert und in den frühen Morgenstunden zurückgebracht haben. Aber ist das plausibel?.
„Mia, willst du mir wirklich erklären, dass Autodiebe unser Auto stehlen und weil sie einen Unfall haben, das Wrack wieder zurückbringen. Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“
Fred hat immer noch Mia in Verdacht, den Schaden verursacht zu haben. Er ruft die Polizei dazu, obwohl er befürchtet, die Sache damit nur noch schlimmer zu machen.
Er schildert den Fall nur mit den nackten Fakten, ohne Mia dabei zu erwähnen.
„Ja, genauso war`s. Da müssen sie gar nicht so ungläubig grinsen.“
Aber die Beamten beruhigen ihn, denn diese Geschichte passt genau in eine unglaubliche Geschichte, die auf dem Revier anfänglich durchaus für Heiterkeit gesorgt hatte.
Für eine immer noch unbekannte Personengruppe scheint eine besondere Art von Car-Napping ein neues Spiel zu sein.
Zuerst haben sie sich damit begnügt, Autos umzuparken. Das war noch relativ harmlos, auch wenn die betroffenen Halter an der eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln mussten. Einige Fahrzeuge wurden sogar immer wieder umgeparkt und ihre Besitzer damit in den Wahnsinn getrieben. Später wurden dann Spritztouren mit den gestohlenen Autos unternommen. Dabei gab es auch schon gelegentlich Blechschäden, aber die Wagen wurden immer in die unmittelbare Nähe des eigentlichen Diebstahls zurückgestellt. Inzwischen jedoch scheint die Rücklieferung als Totalschaden in Mode zu sein.
Fred sieht Mia an. „Das kann doch wohl nicht wahr sein. Und ich habe geglaubt, dass du …“
Fred hat sich sogar angewöhnt, das neue Auto rückwärts in der Einfahrt direkt an der Straße zu parken.
