Von Simone Tröger
„Schatz, Lily-Schatz!“ Aufgeregt wie ein Jungvogel im Nest, der seiner Fütterung entgegensieht, rannte er mit einem Zettel in der Hand in die Küche. „Eben hatte ich ein Gespräch am Telefon mit der Produktionsfirma für die Aufzeichnung der Spielshow – die Wiederauflage – bei der wir uns beworben haben!“
„Beworben?! Wir?! Na, dann hast du ja erreicht, was du wolltest. Informiere am besten gleich deine Kumpels! Wir Frauen fahren da nicht mit!“
Sie nahm die Hände aus dem Spülwasser, trocknete sie und widmete sich sehr langsam den Anziehsachen, die über der Stuhllehne hingen. Sie wusste, um welche Spielshow es sich handelte. Schließlich waren die Männer bei der Bewerbung schon flink dabei wie ein Schwarzer Marlin im Ozean.
„Was kann man da überhaupt gewinnen, Elias?“
„Also damals waren es, glaube, 25.000 DM. Jetzt wollen die einen Gewinn von 100.000 Euro draus machen.“ Dabei machte er ein Gesicht, als wäre dies die Einladung für eine gesponserte Karibikkreuzfahrt.
„Klingt durchaus gut, mein lieber Mann! Woher kennst du die Show überhaupt?
„Aus der Fernsehmediathek. Habe ich beim Herumzappen entdeckt. Ist aus den 90ern.“
„Wie sind die Spielregeln?“
„Der erste Spieler des Teams – zwei Teams sind es – liest von der vorgezeigten Karte des Moderators einen Begriff, den es zu umschreiben gilt. Du darfst aber die Worte, die der Begriff beinhaltet, also zum Beispiel bei „Kontrabass“, die Worte „Kontra“ und „Bass“ nicht benutzen.
Nur „Musikinstrument“, „größer als eine Geige“, „hört man im Orchester“, „Streichinstrument“, „kann man im Sitzen oder Stehen benutzen“. Ob das bei den 40 Sekunden, die es früher mal waren, bleibt, weiß ich nicht. Wiederholen darf sich eine Beschreibung auch nicht. Gesten mit den Händen oder übertriebene vielsagende Mimik sind nicht erlaubt.“
„Aber die anderen hören doch, welcher Begriff erfragt wird…“
„Nein, die kriegen Kopfhörer mit eingespielter Musik auf.“
„Und woher wissen die dann, wann sie dran sind mit ihren Synonymen für das gesuchte Wort?“
„Der vorangegangene Spieler klopft dem nächsten auf die Schulter. Damit der sich umdreht, die Kopfhörer abnimmt und sich anhören kann, was dieser zu sagen hat.“
„Wer moderiert das?“
„Den Namen habe ich mir nicht gemerkt – ist mir unbekannt.“
„Wie lange geht denn das?“
„Früher waren das mal 30 Minuten.“
„Wie viele Mitspieler hat ein Team?“
„Pro Team sind es fünf.“
„Dann geht der Gewinn also durch fünf?!“
“Logisch! Aber überlege mal, was das für uns bedeutet!“ Elias reckte seine Nase zur Zimmerdecke und fühlte sich mächtig gönnerhaft.
Von einem möglichen Gewinn überzeugt und mit einem vorausschauenden Lächeln ließ sie ihren Zopf hin- und her wippen. „Na gut! Hört sich alles nicht übel an. Wann ist die Aufzeichnung?“
Die Freunde wurden involviert. Das Team stand fest. Elias, Lily, Jonas, seine Frau und Rafael probten gelegentlich den „Ernstfall“. Delia, die Frau von Rafael, gab die Spielleiterin und Moderatorin. Die Hände still zu halten, mussten die Spieler noch lernen. Ansonsten funktionierte der Ablauf recht gut.
Wo Lily und Elias gemeinsam hingingen und eine freie Minute hatten, übten sie, Wörter zu erraten. Wörter, die sich der jeweils andere Partner ausdachte. Beispielsweise so: „Ich habe mir ein Wort zum Thema „Fußbodenbelag“ ausgedacht…“
„kann man abwaschen“ – „ist nicht warm, wenn man barfuß darauf läuft“ – „ähnlich wie Laminat“.“
„Elias, das war leicht. Die Umschreibungen hätte ich nicht alle gebraucht. Natürlich war es „Linoleum“.
Selbst beim Besuch eines Autohauses musste der dortige Parkplatz als Kulisse herhalten. Inspiriert von einem Totalschaden-Fahrzeug, das einmal ein Auto war, jetzt aber aussah wie die Schnauze eines nicht sonderlich schönen Haustieres, gab Lily dieses Rätsel auf.
„Oberbegriff ist „Schaden anrichten.“
„Kaputt“ – „zerbrochen“!“
„Anderes Wort!“
„Bruch“ – „Scherben“ – „Glas“ – „Mosaik“!“
„Ganz andere Richtung!“
„Einbruch“ – „Überfall“ – „Dietrich“!“
„Noch mehr anders!“
Der Wortwechsel der beiden steigerte sich zu lauten Worten. Diese Worte wurden mit heftigen Gesten untermalt. Die Gesichter zeigten unbändige Anspannung.
Für die Mitarbeiter des Autohauses sah es aus der Ferne aus wie die Uneinigkeit darüber, ob es ein solider Familienwagen oder ein Flitzer für die Shopping-Tour der Ehefrau werden sollte. Die Möglichkeit eines Ehestreites wurde von den Bediensteten hoch gehandelt. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen, wer wohl gewonnen hatte, wenn die potenziellen Kunden gleich die Verkaufshalle betraten.
„Schatz, meine Redezeit ist längst vorbei. Den Punkt hätten wir mit Sicherheit nicht gemacht. Aber mal sehen, ob ich es noch herausfinde! Ganz ohne Wettbewerb und Spielregeln!“
„Ja, Elias, versuche es noch einmal!“
„Hm. Noch mehr anders… Vielleicht „Ruine“, „Defekt“, „Verletzung“?“
Jetzt war ihre Körpersprache weniger ausschweifend.
„Nein, Liebling, ich sage es dir! Ich wollte das Wort „Blasphemie“ hören!“
„Was? „Blasphemie“?“
„Ja, die richtet auf jeden Fall Schaden an.“
Jetzt sah Elias seine Frau an, als hätte irgendwer von beiden zu oft „Ben Hur“ geschaut.
„Lily! „Schaden anrichten“… Solche Wörter kommen da gar nicht dran.“
„Vermutlich hast du recht. Die Show soll unterhalten und kein Bildungsfernsehen werden!“
„Nun sag mal, welcher Wagen dich interessiert!“
„Ach Elias… Gar keiner. Dem einen fehlt es hier, dem anderen da. Farblich lässt das Angebot ohnehin zu wünschen übrig.“
„Lily-Schatz – wir fahren am besten zum nächsten Autohaus. Vielleicht finden wir heute noch etwas!“
„Ja!“
Die Mitarbeiter des Autohauses haben somit nie erfahren, wer die Wette gewonnen hatte.
V 2 5538
